Vorwort

Vorwort 24.01.2018

NEVERMORE , SANCTUARY , WARREL DANE - RUHE IN FRIEDEN, WARREL!

Meinen ersten persönlichen Kontakt mit Warrel Dane hatte ich im Frühjahr 1996, als ich ihn im Rahmen der Promotion-Aktivitäten zum zweiten Nevermore-Album „The Politics Of Ecstasy“ (und der kurz vorher erschienenen „In Memory“-EP) telefonisch für mein damaliges Fanzine „Dying Illusion“ interviewen durfte.

Ich war ein 21-jähriger Naseweis und großer Fan nicht erst seit dem 1995er Nevermore-Debüt, sondern bereits seit Sanctuary-Zeiten, seit „Refuge Denied“ von 1988, vor allem aber seit dem auch heute noch überragenden „Into The Mirror Black“-Wunderwerk von 1990 mit seiner beinahe wahnwitzigen Mischung aus Power, Speed, Anspruch und Melodie, gekrönt von den einzigartigen High-pitched-Vocals des Sängers aus Seattle. Warrel war bereits damals ein sehr freundlicher Zeitgenosse, der einen nicht auflaufen lassen wollte, aber in seinem Sarkasmus durchaus manchmal einsilbig und in seinem schwarzen Humor für einen Nicht-Muttersprachler, vor allem einen 21-jährigen, nicht immer leicht zu durchschauen. Trotzdem lief das alles nicht schlecht, und auf meine am Ende gestellte, Sanctuarys ´Future Tense´ entnommene, leicht abgewandelte Frage „What do the nineties hold?“ war ich sogar mächtig stolz, und wir mussten beide lachen.

Nach meinem „Wechsel“ zum Rock Hard 1998 hatten wir weitere Interview-Termine, auch zu Warrels ewigem Lieblingsalbum „Dreaming Neon Black“, aber es dauerte bis zum Jahr 2000, dass ich den Mann mit den extrem langen blonden Haaren wirklich kennengelernt habe: Für einen Studioreport zur vierten Nevermore-Platte „Dead Heart In A Dead World“ flog ich damals von Düsseldorf nach London nach Raleigh in North Carolina nach Dallas und schließlich nach El Paso, Texas, um von dort via Auto ins 40 Minuten entfernte Tornillo direkt an der mexikanischen Grenze zu gelangen. Nevermore hatten es sich mit Produzent Andy Sneap im quasi mitten in der Wüste gelegenen Village Productions Studio gemütlich gemacht, und wir, also die Band, Andy Sneap, der damals noch beim „Metal Hammer“ tätige Kollege Andreas Schöwe und der Verfasser dieser Zeilen, wurden mehrere Tage nicht nur vom mexikanischen Kochteam, sondern auch von Studio-Inhaber und Großgrundbesitzer Tony Rancich nach allen Regeln der Kunst umsorgt. Vielleicht lag es an dieser entspannten Stimmung und der großzügig bemessenen Zeit, dass ich mich an keinen vergleichbaren Trip erinnern kann, vielleicht aber auch an der Band selbst, die sich nicht nur auffällig gastfreundlich präsentierte und einen sofort ins „Team“ integrierte, sondern auch als Ansammlung intelligenter Charaktere zeigte, die nicht nur ihr Corona, sondern auch ihre Gedanken, ihre Ansichten, Geschäftliches wie extrem Privates, mit ihren Gästen teilte. Ich glaube, ich darf behaupten, dass Warrel schon 2000 ein zerrissener Mann war, seine Texte sprechen ja sowieso davon, ein Mensch, der bei seiner Selbstreflexion manchmal erschrocken ist, ein Mensch, der zudem viel zu oft den Teufel Alkohol benutzte, um seine Gefühlswelt in den Griff zu bekommen - aber ein Mensch, der zu dieser Zeit auch noch voller Hoffnung war und das Morgen stets im Auge behielt, wenn das Heute nicht so wollte, wie er sich das vorstellte.

Wir haben uns danach immer wieder gesehen, vor allem wenn Warrel bei seiner Plattenfirma Century Media in Dortmund zu Besuch war, aber auch 2005 in London für Interviews zu „This Godless Endeavor“, dem besten Album, das Nevermore je gemacht haben und das mir bei seinem Erscheinen dabei geholfen hat, in einer schwierigen privaten Zeit eigene Dämonen zu vertreiben, und 2010, als ich „The Obsidian Conspiracy“ mit einer im Wortlaut eher mäkeligen Kritik versehen habe (was mir damals selbst wehtat) und Warrel sehr enttäuscht war, was der Musiker dem Journalisten auch zu verstehen gegeben hat, was von Mensch zu Mensch aber nie ein Thema war.

Als ich Warrel nach längerer Pause dann 2013 vor der Sanctuary-Show beim Bang-Your-Head-Festival im Backstage getroffen habe, war ich durchaus erschrocken: Er hatte körperlich merklich abgebaut, und sein düsterer Humor hatte nichts Augenzwinkerndes mehr, aber man wusste mittlerweile, dass er an Diabetes litt, und beim nächsten Wiedersehen im Sommer 2014, als Sanctuary „The Year The Sun Died“ veröffentlichten, wirkte er wieder deutlich besser aufgestellt.

Nun, gut drei Jahre später, ist Warrel Dane tot. Er starb am 13. Dezember 2017 wahrscheinlich 56-jährig (er hat sein Geburtsdatum nie offiziell kommuniziert) an einem Herzinfarkt in Brasilien, wo er sich für die Aufnahmen zu seinem zweiten Soloalbum aufhielt, und hinterlässt als Musiker und Mensch eine Lücke, die nie zu füllen sein wird. Was bleibt, ist Trauer, aber auch ein großes Vermächtnis, dessen Strahlen nicht erlöschen wird.

Mach´s gut, „heart collector“. Ich habe dich sehr gemocht.

Bands:
WARREL DANE
SANCTUARY
NEVERMORE
Autor:
Boris Kaiser

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