Schwatzkasten

Schwatzkasten 20.12.2017

METALLICA - ROBERT TRUJILLO

Surfer, Snowboarder, Familienvater, Filmproduzent und METALLICA-Bassist – Langeweile kommt im Leben von Robert Trujillo so schnell nicht auf. Im Schwatzkasten-Interview stellt der 53-jährige Kalifornier unter Beweis, dass er trotz Welterfolgen und des beständigen Trubels um seine Person auf dem Boden geblieben ist.

Rob, wo bist du aufgewachsen?

»Ich bin im Westen von Los Angeles groß geworden und wohne dort nun wieder mit meiner Familie, nicht weit vom Strand. Das ist perfekt für mich, denn ich habe den Pazifischen Ozean, aber auch die lokalen Berge vor der Haustür. Ich bin superfix am Strand zum Surfen und kann innerhalb von zwei Stunden zum Snowboarden rausfahren. Außerdem befindet sich der Flughafen LAX nur eine Autostunde von meinem Haus entfernt, was auch sehr komfortabel ist. Ich genieße es immer sehr, wenn ich von unseren Touraktivitäten ins warme Wetter von Südkalifornien zu meiner Familie zurückkehre.«

Zwischenzeitlich hast du in San Francisco gelebt.

»Ja, ich bin aber vor sechs Jahren wieder nach Los Angeles gezogen.«

Dann hast du aber eine weite Anreise zu eurem METALLICA-Hauptquartier in San Rafael, oder?

»Nein, ich fahre ungefähr eine Stunde zu dem kleinen Flughafen in Burbank. Von dort geht es in 50 Minuten mit dem Flieger nach Oakland. Und von Oakland ist es sogar einfacher, zu unserem Studio zu gelangen, als vom San Francisco Airport. Das funktioniert sehr gut. Lars und ich sind die einzigen METALLICA-Mitglieder, die noch in Kalifornien leben. Nach Lars habe ich also die geringste Distanz zum HQ (lacht).«

Warst du in der Schule eher ein Troublemaker oder ein braver Junge?

»Irgendwas dazwischen. Ich gehörte nicht zu den ganz schlimmen Jungs. Einige meiner Cousins waren echte Troublemaker. Ich versuchte immer, aus ihren Fehlern zu lernen. Meine Jugend glich Szenen aus dem Film „Fast Times At Ridgemont High“, in dem Sean Penn mitgespielt hat. Ich habe das Gefühl, dass dieser Streifen die Art des Aufwachsens in Los Angeles gut zusammenfasst. Wenn die deutschen Fans eine Idee davon bekommen möchten, wie es war, in Südkalifornien aufzuwachsen, sollten sie sich diesen Film ansehen, er ist ziemlich witzig. Es gab damals viel Rock´n´Roll, Drogen und Partys – das gehörte zum damaligen Lebensstil, besonders in Venice Beach, wo ich unter vielen Hippies aufgewachsen bin. Um mich herum schwirrten viele Energien, ich stand zwischen meinen Cousins und einigen älteren Kids von den Dogtown Skaters. Es boten sich viele Gelegenheiten, bei denen man sich in Ärger verstricken konnte. Aber ich hatte eine gute Mutter, die immer auf mich achtgegeben hat und sicherstellte, dass ich das Richtige tue. Ich verdanke meiner Mutter, dass ich mir keinen Ärger einbrockte.«

Sind deine Eltern stolz auf dich?

»Ja, sehr sogar. Wir spielten kürzlich in Los Angeles im Rose-Bowl-Stadion, wo viele Freunde und Familienmitglieder anwesend waren. Immer wenn METALLICA in der Nähe spielen, schauen meine Eltern vorbei. Das ist wie ein Feiertag für sie. Sie lieben es, mich live spielen zu sehen, Fotos davon zu machen und sie mir später zu schicken. Es war für sie schon eine rasante Entwicklung, meine Karriere von den Auftritten in kleinen Bars bis in die großen Stadien zu verfolgen. Ich versuche, auf dem Boden zu bleiben und im Moment zu leben. „Go with the flow!“ Es könnte morgen alles vorbei sein.«

Was ist deine schlechteste Charaktereigenschaft?

»Beim Verfolgen von Sportspielen werde ich schnell sehr grummelig. Wenn mein Team schlecht abschneidet, bekomme ich miese Laune, die mir den ganzen Tag verhagelt. Meine Frau und meine Kinder müssen sich dann mit meinen Stimmungsschwankungen auseinandersetzen. Es ist für mich immer noch ein Lernprozess, mich von diesen negativen Energien abzugrenzen. Ich habe aber das Gefühl, dass ich in dieser Hinsicht seit meinen Teenager-Tagen viel dazugelernt habe. Ich habe gelernt, mehr Respekt zu zeigen und Ehrlichkeit an den Tag zu legen. Man lernt im Leben aus seinen Fehlern, und seit meinen Zwanzigern habe ich viel gelernt. Ich bin jetzt 53 Jahre alt und fühle, dass ein Teil von mir sich zum Guten entwickelt hat. Ich habe mittlerweile auch ein großes Bewusstsein für Umweltverschmutzung. Ich kann nicht mal mehr ein Stück Papier auf die Straße werfen, denn ich weiß, dass es seinen Weg in den Ozean finden wird. Ich hebe sogar den Müll von anderen Leuten auf. Ich denke schon, dass ich mich zu einer besseren Person entwickelt habe.«

Was ist deine beste Charaktereigenschaft?

»Den Müll von anderen Leuten aufzuheben (lacht). Ich versuche immer, meinen Mitmenschen mit positiver Energie zu begegnen, damit sie sich in meiner Gegenwart wohlfühlen. Dabei kann es sich auch um Menschen handeln, die ich nicht besonders gut kenne. Ich halte es für wichtig, mit einer positiven Einstellung durchs Leben zu gehen, was sich auch auf mein Umweltbewusstsein auswirkt. Ich habe einen Film über Jaco Pastorius gemacht, einen Bassisten, der mich als Musiker sehr beeinflusst hat. Aber mehr als handwerklich habe ich mental von dem Projekt profitiert, weil ich mich mit Jacos manischen Depressionen und solchen Sachen auseinandersetzen musste. Ich habe nun ein Herz für Obdachlose. In San Francisco gebe ich ihnen manchmal Essen, einfach um zu helfen.«

Hattest du schon mal das Gefühl, verrückt zu werden?

»Ja, dieses Gefühl stellt sich bei mir ein, wenn ich mir zu viel Arbeit auf einmal aufhalse. Wenn alles gleichzeitig geschieht, habe ich manchmal das Gefühl, den Verstand zu verlieren. Ich konnte über mehrere Jahre nicht gut schlafen. Ich arbeitete an dem Pastorius-Film, nahm parallel das aktuelle METALLICA-Album auf und musste meinen familiären Verpflichtungen nachkommen, wodurch mir wenig wirkliche Freizeit blieb. Durch den Druck von allen Seiten und meinen Anspruch, es allen recht zu machen, habe ich schlecht geschlafen und das Gefühl bekommen, langsam irre zu werden. Wenn du eine Dokumentation drehst, nimmst du zu einem großen Teil am Leben einer anderen Person teil. Du lädst damit die Fans, Familie und Mitmusiker dieser Person in dein Leben ein. Auf einmal hast du einen kompletten Stamm von Leuten „geerbt“, von denen einige verrückt sind, was sich auch auf deinen mentalen Zustand auswirkt.
In der Zeit davor, zwischen meiner Teenager-Phase und meinen Zwanzigern, lernte ich die Regeln des Lebens – wie Beziehungen funktionieren und so was. Damals merkte ich, dass ich eine sehr emotionale Person sein kann und mir Dinge sehr zu Herzen nehme. Um es zusammenzufassen: Die Liebe macht dich verrückt, genau wie die Leidenschaft für Kreativität. Aber weißt du was? Das ist es wert.«

Wie hast du dich von dem Druck und den negativen Emotionen abgekoppelt?

»Irgendwann finden die Dinge ein Ende – es gleicht einer Reise. Sobald „Hardwired... To Self-Destruct“ veröffentlicht war, fühlte ich mich erleichtert, und genauso war es nach der Veröffentlichung des „Jaco“-Films. Ich lernte in dieser Zeit sehr viel, es ist damals so einiges passiert. Wenn du Erfolg hast, findest du dich auf einmal in einer Situation wieder, in der Leute etwas von dir wollen, was du erst mal gar nicht nachvollziehen kannst. Eines Tages wirst du dann entweder verklagt oder hast einen Stalker. Mit dem Erfolg umzugehen, ist eine interessante Erfahrung. Ich bin jemand, dem es gefällt, ein einfaches und bodenständiges Leben zu führen. Ich gehe gern surfen und fahre immer noch das Auto, das ich seit zwölf Jahren besitze. Nach dem Release von „Hardwired...“ musste ich mich aber erst mal wieder auf einen anderen Pfad einstellen und mich auf das Touren fokussieren. Ein neues METALLICA-Album zu veröffentlichen, ist harte Arbeit, man kommt zu fast nichts anderem. Deshalb muss man vorher sicherstellen, dass man alle anderen Projekte abgeschlossen hat. Denn wenn eine METALLICA-Tour startet, wird es verrückt.«

Glaubst du an Gott?

»Ich glaube an Gott als eine Energie, die von Positivem beflügelt wird. Die besten Qualitäten aller Religionen zu nehmen und sie auf sich selbst anzuwenden – zum Beispiel eine produktive, proaktive und gute Person zu sein –, ist für mich zu einer eigenen Religion geworden. Ich habe viele Freunde, die Muslime, Buddhisten oder Christen sind. Sie sind alle gute Menschen, und ich lerne von jedem von ihnen etwas. Ich sehe, dass sie einen gewissen Leitfaden in ihrem Leben brauchen. Was immer ihre Religion ist, sie hilft ihnen, im positiven Sinne bessere Menschen zu werden. Ich bin niemand, der jeden Sonntag in die Kirche geht, glaube aber an eine höhere Macht und an Gut und Böse. Ich glaube, dass Gutes passiert, wenn du dir selbst und anderen Leuten positiv begegnest. Es gibt da draußen eine Energie, die sich mit positiven Einstellungen immer weiterentwickelt. Ich glaube auch an Schutzengel, es gab schon viele Momente, in denen ich mein Leben hätte verlieren können. Aber irgendwie bin ich immer noch hier, es sind Dinge passiert, die mich am Leben gehalten haben. Das ist verrückt, ich kann es nicht erklären, aber ich habe es bei mir und auch bei meinen Kindern und meiner Frau beobachtet. Bewahre dir eine starke und positive Einstellung, sei die beste Person, die du sein kannst, dann wird das Leben gut zu dir sein.«

Was war das Dümmste, das du bisher in deinem Leben angestellt hast?

»Oh, da gab es viele Sachen, ich habe erst kürzlich darüber nachgedacht. Früher habe ich mich oft über Leute lustig gemacht, über die Jahre habe ich gelernt, dass ich das nicht tun sollte. Man sollte allen Menschen respektvoll gegenübertreten, auch solchen mit körperlichen und mentalen Problemen. Ich war zwar niemand, der andere tyrannisiert hat, aber ein ziemlicher Witzbold. Wenn ich heute darauf zurückblicke, finde ich mein Verhalten alles andere als cool. In meiner Jugend habe ich auch Dinge gestohlen. Aber wie gesagt: Man lernt aus seinen Fehlern. Wenn ich mir nun meine Kinder ansehe, kann ich nur hoffen, dass sie versuchen, das Beste aus sich zu machen, und nicht die Fehler ihrer Eltern wiederholen.«

Bist du ein guter Koch?

»Ich bin in der Küche nicht großartig, aber ich bin ziemlich gut darin, ein tolles Frühstück zuzubereiten. Omelettes und Rührei gelingen mir, und außerdem bin ich stolz auf meine Sandwiches. Wenn ich meinen Kindern ein Sandwich mache, nennen wir es immer „Papis berühmtes Sandwich“.«

Wann hast du das letzte Mal geweint?

(Überlegt.) »Wahrscheinlich bei einem Todesfall, aber ich habe das Gefühl, das da kürzlich noch was anderes war. Ach ja, ich hatte neulich einen Moment des Glücks, bei dem mir ein paar Freudentränen kamen. Das war, als wir im Rose Bowl in Los Angeles spielten. Als ich auf der Bühne stand und die Sonne unterging, gab es einen Moment der Klarheit und eine positive Verbindung zu den 65.000 Menschen im Zuschauerraum. Schwer zu beschreiben, aber es war einfach wunderschön. Wenn ich wirklich glücklich bin, fange ich wild an zu lachen, oder mir kommen die Tränen.«

Erinnerst du dich an den schlimmsten Gig deiner Karriere?

»Da gab es einige. Einer der schlechtesten Gigs fand mit Ozzy in Japan statt. Vor diesem Konzert rühmte ich mich immer dafür, nahezu perfekt gespielt zu haben, aber bei diesem Auftritt fühlte ich mich aufgrund eines extremen Jetlags komplett neben der Spur und entwickelte eine negative Nervosität. In der Folge lief einfach alles schief. Es gab technische Probleme mit dem Sound, die dazu führten, dass ich Parts von Songs vergaß. Es war ein Alptraum. Ansonsten gab es viele Gigs mit schwierigen Situationen. Beim ersten Stadion-Gig der „WorldWired“-Nordamerika-Tour in Baltimore wurden aus Versehen die In-Ear-Monitore von Kirk (Hammett, METALLICA-Leadgitarrist - rb) und mir vertauscht. Ich trug seine und er meine. Ich hörte seinen Mix und hatte überhaupt keinen Bass in meinen Ohren. Wir haben das irgendwie hinbekommen, aber das war ein verrücktes Konzert. Erst zum Ende des Auftritts haben wir das Problem erkannt und die In-Ear-Monitore getauscht (lacht).«

Gibt es etwas, wovor du dich fürchtest?

»Ich habe manchmal Angst vor Mutter Natur. Wenn sich beim Surfen plötzlich extrem hohe Wellen auftürmen, bekomme ich Angst. Dem Ozean wohnt eine große Macht inne, und wenn du nicht aufpasst, kann er dich verschlingen. Berge können genauso angsteinflößend sein, zumal ich Höhenangst habe. Ich bin ein guter Snowboarder, deshalb gelingt es mir oft, diese Angst zu überwinden, aber wenn du auf einer Klippe festsitzt, ist das sehr furchteinflößend. Und das ist mir passiert, als ich mit Scott Ian (Anthrax-Gitarrist - rb) und Whitfield Crane (Ugly-Kid-Joe-Sänger - rb) in Vancouver B.C. an einem Ort namens Whistler war. Ich verließ beim Snowboarden die Piste und dachte, dass die anderen mir folgen würden. Ich meinte zu wissen, wo ich bin, endete aber alleine auf einem Felsvorsprung und rief den anderen zu: „Folgt mir nicht!“ Ich saß da für eine halbe Stunde fest und musste herausfinden, wie ich wieder runterkomme. Ich musste mein Board von den Füßen lösen, während ich mich an einem Baum festhielt. Dann musste ich es wieder anlegen und mich unterhalb des Felsvorsprungs an den Wurzeln festhalten und loslassen, um auf das tiefer gelegene Plateau zu gelangen, wo ich wieder in Sicherheit war. Das war einer der beiden angsteinflößendsten Momente in meinem Leben. Der andere war, als ich in eine reißende Flut in Tahiti geriet. Man versucht in solchen Momenten, stark zu bleiben. Angst kann dir aber auch auf einer persönlichen Ebene begegnen, bei allem, was mit Leidenschaft zu tun hat, sei es Liebe, Kreativität oder Ähnliches.«

Danke für deine Zeit, Rob!

»Ich habe zu danken, das hat Spaß gemacht!«

www.facebook.com/roberttrujilloofficial

DISKOGRAFIE (Studioalben)

Mit Suicidal Tendencies:


Lights... Camera... Revolution (1990)
The Art Of Rebellion (1992)
Still Cyco After All These Years (1993)
Suicidal For Life (1994)

Mit Infectious Grooves:

The Plague That Makes Your Booty Move... (1991)
Sarsippius´ Ark (1993)
Groove Family Cyco (1994)
Mas Borracho (2000)

Mit Mass Mental:

How To Write Love Songs (1999)

Mit Ozzy Osbourne:

Down To Earth (2001)
Blizzard Of Ozz (Re-Release, 2002)
Diary Of A Madman (Re-Release, 2002)
?
Mit Jerry Cantrell:


Degradation Trip (2002)

Mit Metallica:

Death Magnetic (2008)
Lulu (mit Lou Reed) (2011)
Hardwired... To Self-Destruct (2016)

Pic: Thorsten Seiffert

Bands:
METALLICA
Autor:
Ronny Bittner

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