Titelstory-Blog

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SUPERJOINT , PHIL ANSELMO , PANTERA , PHILIP H. ANSELMO AND THE ILLEGALS & WARBEAST , DOWN - Pro & Contra

Eine Redaktionssitzung im Frühjahr 2016. Es gibt Argumente dafür und dagegen. Phil Anselmos Hitlergruß-Ausfall ist ein paar Wochen her, von Medien, Fans und Musikerkollegen bekommt er die volle Breitseite. Und so gut und richtig das auch ist – Rassismus ist nichts, was auch nur annähernd für einen „Scherz“ oder einen persönlichen Rachefeldzug taugt –, so manche Reaktion wirkt arg reflexhaft. Als hätte die Welt nur auf einen wie Anselmo gewartet, der, mal wieder geistig benebelt, in ein Fettnäpfchen tritt. Ein Vorzeige-Proll, an dem man sein eigenes Image öffentlich aufpolieren kann. Als neutraler Beobachter konnte man nur staunen, wer sich dabei alles aus der Deckung wagte. Von etlichen Kommentatoren existieren selbst haarsträubendste Geschichten, die man nur hinter vorgehaltener Hand erzählt.

Nur, wie geht man mit so einem um, der früher oder später wieder ein Album veröffentlichen wird? Nein, verharmlosen darf man solche Ausfälle keinesfalls. Gerade öffentliche Personen – ob Sänger, Schauspieler oder Politiker – haben eine Vorbildfunktion, ob sie das anerkennen wollen oder nicht. Je mehr Stimmungsmache im Netz, in den Medien oder in der Öffentlichkeit toleriert wird, desto mehr fühlen sich radikale Spinner ermutigt, den verbalen Aufforderungen auch Taten folgen zu lassen. In Amerika. In Europa. Überall.
Anselmos Auftritt war dämlich. Erst recht bei einem Gedenkkonzert. Aber ist er wirklich ein „Rassist“, den man bis ans Ende seiner Tage zu boykottieren hat? So haben wir ihn nie kennengelernt. Ein Chaot, ein Großmaul – das ja. Auf dem Rock Hard Festival 2011 mit Down war der Sänger trotz einer suboptimalen Show mit massiven Stimmproblemen (Fernseh-Aufzeichnung!) entspannt und humorvoll in der Umkleidekabine zu erleben. Von Diva keine Spur. Sein rauer Einzelkämpfer-Charme hat in der Geschichte des Rock Hard schon so manches Interview bereichert.

Bereits 2016 haben wir unter dem Eindruck der Ereignisse beschlossen, Anselmo bei passender Gelegenheit – hart, aber fair – zu seinem Dimebash-Auftritt zu befragen. Doch dieses Gespräch fand nie statt, weil Anselmo den (deutschen) Medien nicht traut. Als uns das Interview von Markus Wiesmüller erreichte, entschlossen wir uns trotzdem, das Gespräch ungefiltert den Lesern zu präsentieren. Es gibt darin Details seiner Biografie, die man nicht kannte und die stellenweise auch überraschend sind. Einige Aussagen zu seiner öffentlichen Wahrnehmung sind zudem erstaunlich reflektiert. Man kann davon ausgehen, dass ihn dieser Vorfall weit mehr beschäftigt, als er heute zugibt. Dass er nach eigener Aussage die Finger von Drogen und Alkohol lässt, spricht für sich.
Eine Handvoll Interviews werden nicht reichen, um Phil Anselmo wieder zum geachteten Mitglied der Metal-Community zu machen. Er steht weiter unter Beobachtung, und man wird ihn in Zukunft an seinen weiteren Taten, seinen Texten und Auftritten messen. Es wäre für uns vermutlich leichter, ihn großspurig zu boykottieren, als uns freiwillig mit einer solchen Titelstory an den Facebook-Pranger zu stellen. Aber das hätte bedeutet, den Stammlesern dieses Interview vorzuenthalten. Ich wiederhole mich an dieser Stelle deshalb auch gerne: Ich denke, dass die Rock-Hard-Leser clever genug sind, sich selbst eine Meinung zu bilden...

Bands:
PHIL ANSELMO
PHILIP H. ANSELMO AND THE ILLEGALS & WARBEAST
PANTERA
SUPERJOINT
DOWN
Autor:
Holger Stratmann

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