Vorwort

Vorwort 24.10.2018

Power to the people

Man kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus, und es ist wohl DIE deutsche Metal-Erfolgsgeschichte der letzten zehn Jahre: POWERWOLF haben einen Lauf, verkaufen selbst die großen Mehrzweckhallen aus und gehören auch im Ausland zu gern gesehenen Festival-Headlinern. Entsprechend vorsichtig sind die Musiker, wenn Journalisten in ihrem Privatleben herumkramen oder ungewöhnliche Fakten aus der Frühphase ans Tageslicht kommen. Für Jens Peters machten die Saarländer jedoch (wieder einmal) eine Ausnahme.

Nicht weniger überraschend für unsere Redaktion war, dass eine winzig kleine, völlig nüchterne Meldung zu einer Veranstaltung, die an dem Tag in wirklich allen demokratisch geprägten Medien erwähnt wurde, eine solche Welle der Empörung und auch Solidarität mit sich bringt: Die Rede ist von einem Rock-Hard-Posting zum Chemnitz-Konzert der Toten Hosen.

Die dazugehörigen Facebook-Kommentare erreichten in kürzester Zeit eine Länge, die dazu geeignet war, das Laptop irgendwann ermüdet zuzuklappen. Dass wir uns von einzelnen Lesern nicht den Mund verbieten lassen, ist klar. Dass als Reaktion auf Boris´ Editorial dann sogar vereinzelte Abo-Kündigungen eintrudeln, ist dagegen schon etwas irritierend. Es gab tatsächlich Leser, die sich von Boris angegriffen fühlten. Bloß, wieso eigentlich?

Auch um die Spekulationen zu beenden: Als Musikmagazin, Demokraten, Dortmunder, Partner von Künstlern und Kulturschaffenden weltweit treten wir völkischem oder rassistischem Gedankengut, das besonders durch die massenhafte Verbreitung in sozialen Medien und durch eine im Bundestag vertretene Partei traurigerweise enttabuisiert wurde, SELBSTVERSTÄNDLICH entgegen. Wir leben in einer globalisierten Welt, in der mehr denn je Bands und Fans aus allen Erdteilen, mit unterschiedlichen Hautfarben und kulturellen Hintergründen musizieren, Platten veröffentlichen, in Deutschland touren oder Festivals besuchen. Darüber berichten wir tagtäglich. Es wäre wünschenswert, wenn diese Menschen ungeachtet ihrer Herkunft oder Hautfarbe genauso respektvoll behandelt werden würden, wie Conny Schiffbauer und Destruction z.B. erst gerade wieder die libanesische Gastfreundschaft genießen durften. Aber anscheinend kann sich eines der reichsten Länder der Welt so etwas nicht mehr leisten. Gleichzeitig lehnen wir Gewalt und Kriminalität (von welcher Seite auch immer), inklusive verbaler, die eh nur neues Leid und Hass produziert, ab. Oder ist jemand so naiv zu glauben, dass die durch öffentliche Stimmen ermutigten rechten Schlägertrupps ihre Opfer vorher fragen, wer sie sind und was sie tun?

Dazu kommt: Schon in etwas weniger stabilen Demokratien sind in den letzten Monaten etliche Journalisten ermordet worden oder mit lächerlichen Begründungen in Gefängnissen verschwunden. Kein Leser dieses Magazins kann ernsthaft in Erwägung ziehen, dass besser irgendwelche verblendeten Apparatschiks in Zukunft über die Inhalte von journalistischen Erzeugnissen entscheiden sollten als die Redakteure selber. Schon richtig, noch hat niemand unser kleines Magazin zur „Merkel´schen Systempresse“ (sic!) zugehörig erklärt, aber das kommt sicher noch. Stattdessen entbrannte eine Diskussion über die „politische“ Ausrichtung des Heftes (vielen Dank an die überwiegende Mehrheit, die unseren Kurs verteidigt hat!). Wir sind aber auch schon von der „taz“ als Nazis bezeichnet worden und natürlich auch als „rechts“, weil wir den Böhsen Onkelz aus sehr guten Gründen ein Forum geboten haben. Sorry, aber so etwas prallt an uns mittlerweile ab. Niemand muss ein Parteibuch vorlegen oder einen Gesinnungstest absolvieren, wenn er fürs Rock Hard schreibt, und Begriffe wie „links“ oder „rechts“ halte ich ohnehin für reichlich überholt. Es gibt viele konservative Meinungen unter unseren Mitarbeitern zu allen möglichen Themen, aber in Sachen Meinungsfreiheit, Menschenrechte und Demokratieverständnis ziehen wir alle an einem Strang, ganz einfach weil es unsere Basis ist. Das verbindet uns mit fast jeder relevanten Band in Deutschland, natürlich auch mit den Toten Hosen.

Es wird in diesem Zusammenhang auch immer wieder Versuche geben, uns das bekanntlich hochkomplexe „Flüchtlingsthema“ in jeglicher Ausprägung unterzuschieben. Nur: Hierzu hatten wir uns gar nicht geäußert.

Es gibt Stimmen von Medienwissenschaftlern, die das Zusammenspiel von „Fake News“ und sozialen Medien als hochgradig demokratiezersetzend beschreiben. Und offenbar ist es bereits gelungen, selbst etliche Metalfans, die von der liberalen Ausprägung unseres Grundgesetzes und einem grenzfreien Europa durchaus hier und da profitieren, zu instrumentalisieren.

Deswegen ist es wichtig, auch an dieser Stelle darauf hinzuweisen, auf welchem Fundament Musikfans hierzulande überhaupt unbehelligt ihrer Leidenschaft nachgehen können. Darüber mal kurz nachzudenken, lohnt auf jeden Fall.

Autor:
Holger Stratmann

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