Kolumne


Foto: Thorsten Seiffert

Kolumne 01.09.2021, 08:00

METAL CHURCH - Nachruf: Mike Howe

21. August 1965 - 26. Juli 2021

Überraschend ist Mike Howe, Sänger von METAL CHURCH, am Morgen des 26. Juli 2021 tot in seinem Haus in Eureka in Kalifornien aufgefunden worden. Er wurde lediglich 55 Jahre alt. Drogen- oder Alkoholmissbrauch schloss die ermittelnde Polizei als Todesursache zunächst aus. Nach weiteren Ermittlungen ließ der Pressesprecher des Humboldt County Sheriff´s Department dem Nachrichtenportal TMZ gegenüber schließlich verlauten: „Die Behörden gehen offiziell von Selbstmord aus.“

Als sich nach dem bahnbrechenden zweiten Album „The Dark“ (1986) die Wege von David Wayne und METAL CHURCH trennten, hätte wohl niemand in den Schuhen von Bandchef und Gitarrist Kurdt Vanderhoof stecken wollen: Wie sollte diese einmalige Stimme ersetzt werden? Er zauberte aber tatsächlich ein Kaninchen aus dem Hut, denn für den charakterlich nicht immer einfachen Wayne kam ebenjener Mike Howe, der sein Talent bereits zuvor auf dem Album „Breaking Point“ der sträflich unterbewerteten Heretic mit Nachdruck unter Beweis gestellt hatte. So bekamen METAL CHURCH eine zweite Chance, und der Song ´Gods Of Second Chance´ wurde bezeichnenderweise zum Opener des Albums „Hanging In The Balance“ (1993), das zusammen mit seinen Vorgängern „The Human Factor“ (1991) und „Blessing In Disguise“ (1989) fast nahtlos an ihr Frühwerk anknüpfen konnte. Wie für viele andere Gruppen waren die Neunziger allerdings auch für sie keine einfache Periode, und so stand man 1996 vor der Auflösung.

Während sich Kurdt Vanderhoof in der Folgezeit mit diversen anderen musikalischen Projekten beschäftigte, zog sich Howe mehr oder minder komplett in sein Privatleben zurück. Erst 2015 fand er den Weg zurück zu METAL CHURCH, die in der Zwischenzeit mit Ronny Munroe am Mikro ihre Wiederauferstehung gefeiert hatten. Als 2016 „XI“ erschien, war allerdings schnell klar: Hier ist die einzig wahre Besetzung am Werk.

Kurdt Vanderhoof und Mike Howe funkten von Anfang an auf einer Wellenlänge – auf und auch neben der Bühne. Der Gitarrist versuchte sich 2018 anlässlich des bärenstarken Albums „Damned If You Do“ – das insgesamt fünfte und letzte mit Howe – an einer Erklärung; in einem Interview mit uns hieß es: »Zwischen Mike und mir stimmt die Chemie einfach. Das wussten wir schon in den späten Achtzigern. Diese einzigartige Verbindung, die zwischen uns zweifellos besteht, kann ich gar nicht genau in Worte fassen. Wir verstehen uns blendend und nähern uns dem kreativen Prozess aus derselben Richtung. Das ist extrem schwierig für zwei Personen, die auf künstlerischer Ebene interagieren. Normale Leute denken sowieso, dass Musiker und Künstler eine Macke haben, und das mag sogar stimmen. Die Kunst ist es allerdings, jemanden zu finden, der auf die gleiche Art und Weise eine Macke hat wie man selbst. Zudem bin ich der Meinung, dass Mike rein stimmlich in all der Zeit, in der wir miteinander arbeiten, sogar noch besser geworden ist. In seinem Alter noch so zu singen, ist eine bemerkenswerte Leistung. Das spricht eindeutig dafür, dass er über all die Jahre hinweg immer gut auf sich aufgepasst hat.«

Vanderhoofs Worte mögen ein wenig darauf anspielen, dass er bei der Auswahl des Nachfolgers von David Wayne (der im Mai 2005 nach langer Drogenabhängigkeit an den Folgen eines Autounfalls verstarb) wirklich sehr genau hingeschaut hat. Mike Howe schrieb in seinem Privatleben keine Schlagzeilen. Wenn er mit METAL CHURCH auf der Bühne stand, gab er stets 100 Prozent und manchmal noch ein wenig mehr. Nach den Auftritten mischte er sich gerne unters Publikum, hielt zwanglos Smalltalk mit den Fans und präsentierte sich jederzeit völlig unprätentiös. Um ein Autogramm von ihm zu ergattern, bedurfte es nur einer freundlichen Frage und keines sündhaft teuren V.I.P.-Tickets wie bei manch anderer Band. Auf dem Rock Hard Festival 2016 hatte ich das letzte Mal die Ehre, ein paar persönliche Worte mit Mike zu wechseln. Ihn nie wieder live mit METAL CHURCH erleben zu können, schmerzt ungemein.

Die Band nahm in einem eigenen Statement Stellung zu seinem Tod: „Er wurde Opfer eines gescheiterten Gesundheitssystems, letztendlich zur Strecke gebracht durch die Pharmaindustrie. Kurz und knapp: Er fiel dem wahren ´Fake Healer´ anheim...“ Dieser (kryptische) Kommentar wurde wenig später gelöscht und am 30. Juli präzisiert: „Mit unserer Stellungnahme wollten wir in keiner Weise auf Impfungen, Covid oder Politik anspielen. Wir wollten lediglich ausdrücken, dass unser Bruder gelitten hat und die medizinische Betreuung, die ihm zuteil geworden ist, ihn nicht retten konnte. […] Wir bitten euch, Mike als jemanden in Erinnerung zu behalten, der einem das eigene Hemd am Leibe geschenkt hätte, und für die fantastische Metal-Musik, die er erschaffen hat.“

Ohne Mike Howe – nicht nur als Musiker, sondern auch als Person – ist die Metal-Welt um ein weiteres Stück ärmer.

Bands:
METAL CHURCH
Autor:
Matthias Mader

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