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My Hometown 23.05.2018, 14:55

Orphaned Land - My Hometown: Tel Aviv-Jaffa mit Kobi Farhi

In Israels zweitgrößter Metropole Tel Aviv – die Stadt wurde 1950 mit dem seit der Antike bestehenden Jaffa zum heutigen Tel Aviv-Jaffa vereinigt – gehen die Uhren anders als im nur eine Stunde entfernten Jerusalem. Sagt Kobi Farhi, seines Zeichens Sänger der bekanntesten Metalband aus dem „Heiligen Land“, der 1975 in dem gut 400.000 Einwohner zählenden, vergleichsweise liberalen Schmelztiegel am Mittelmeer geboren wurde.

Kobi, wo genau bist du geboren worden, und was bedeutet dir deine Heimatstadt?

»Ich bin in Jaffa zur Welt gekommen. Der Ort wurde schon in der Bibel erwähnt. Ihr Europäer dürftet den Namen von den Jaffa-Stickern kennen, die auf vielen Orangen kleben. Mein Herz und meine Seele sind hier – in den Steinen, in den Pflanzen, den Bäumen, in der Luft. Außerdem stammen meine Großeltern von hier, und meine Eltern haben sich in Jaffa kennengelernt. Jaffa ist ziemlich klein, ich glaube, hier leben nur 25.000 Einwohner, aber die Stadt ist magisch und hat viel Charakter, weil sie sehr, sehr alt ist. Außerdem leben hier Juden, Muslime, Christen, Atheisten, Homosexuelle und Metalheads friedlich zusammen. Bei uns stehen Synagogen neben Moscheen und Kirchen. Jaffa ist ein bisschen wie Jerusalem, nur viel kleiner. Wenn ich auf Tour bin, vermisse ich Jaffa sehr, ich komme immer wieder gerne zurück. Allerdings habe ich zwischenzeitlich zwölf Jahre lang in einer Kreuzberg-artigen Hipster-Gegend von Tel Aviv gewohnt, bin vor einiger Zeit aber zu meinen Wurzeln zurückgekehrt und lasse mich von Jaffa und den Menschen beim Songwriting inspirieren.«

Hast du ein Lieblingsrestaurant?

»Das Monka. In das Restaurant haben mich schon meine Großeltern mitgenommen, als ich noch ein Kleinkind war. Mein Opa kannte den Besitzer, der das Monka an seinen Sohn weitergegeben hat, bevor dieser den Laden dann an seine Kellner verkaufte. Von außen sieht das Restaurant ziemlich scheiße aus, aber das Essen ist großartig und schmeckt noch genauso wie früher. Sie servieren einen Mix aus arabischen und bulgarischen Speisen, weil in Jaffa viele bulgarische Juden leben. Ich bestelle im Monka übrigens seit 35 Jahren immer dasselbe Gericht.«

Was trinkst du bei der Gelegenheit? Bier, Wein, oder bist du Anti-Alkoholiker?

»Ich bevorzuge Bier und Wein. Allerdings trinke und sammele ich auch Whisky und mag Raki und Ouzo.«

Wo probt ihr?

»In Tel Aviv. Ich bin das einzige Bandmitglied aus Jaffa. Unser Übungsraum befindet sich im Süden der Stadt und ist ziemlich groß. Dort lagert auch unser Equipment. In der Regel proben wir einmal in der Woche für drei Stunden – wenn eine Tour oder ein neues Album ansteht, natürlich öfter.«

Existiert in Tel Aviv oder Jaffa noch ein gescheiter Plattenladen?

»Auf dem Flohmarkt von Jaffa gibt es eine Menge Second-Hand-Dealer, die auch reichlich Vinyl im Angebot haben. Da findet man beim Stöbern manchmal richtige Schätze, weil die Händler von der Materie keine Ahnung haben. Meistens kaufen sie die Ware kiloweise aus den Nachlässen Verstorbener oder von Leuten, die umziehen oder auswandern. In Tel Aviv gab es auch mal einen guten, auf Heavy Metal spezialisierten Plattenladen, der zehn Jahre lang von unserem Bassisten Uri gemanagt wurde. Er existiert aber leider nicht mehr, nachdem die Verkäufe immer weiter in den Keller gegangen sind.«

Mit welchen anderen Bands aus Tel Aviv verstehst du dich besonders gut?

»U.a. mit Betzefer und Useless ID. Die Konkurrenz untereinander ist nicht sonderlich ausgeprägt, da wir – traurig, aber wahr – viel erfolgreicher sind als unsere Kollegen. Wir haben mittlerweile schon in 44 Ländern gespielt, während es für die meisten anderen israelischen Bands schwer ist, im Ausland zu touren. Wir sind die aktivste Metalband hierzulande und können mittlerweile sogar von der Musik leben.«

Wie oft spielt ihr in Tel Aviv, und vor wie vielen Leuten?

»Zweimal im Jahr. Eine der beiden Shows ist traditionell immer an Chanukka (achttägiges jüdisches Lichterfest, das im Dezember gefeiert wird - buf), also kurz vor Weihnachten im Reading 3. In 90 Prozent der Fälle ist das Konzert mit 1.000 Zuschauern ausverkauft. Ich glaube, wir haben seit unserer Gründung im Jahre 1991 bestimmt schon 25 Mal in diesem Club gespielt. Dort schnitten wir auch 2010 unsere „Road To Or Shalem - Live At The Reading 3, Tel Aviv“-DVD mit.«

Welchen der drei Tel Aviver Fußballvereine supportest du – Maccabi, Hapoel oder Bne Jehuda?

»Ich bin Fan von Maccabi Jaffa. Derzeit spielen wir in der dritten Liga, nachdem der Verein 1999 aufgelöst wurde. Als wir den Club neu gegründet haben, war ich im ersten Jahr sogar der offizielle Vereinssprecher. Leider spielt die Mannschaft derzeit sehr schlecht, d.h. ich gehe da vor allem aus Nostalgie bzw. in Gedenken an meine Großeltern hin und um meine Heimatstadt zu unterstützen. Momentan spielen wir vor etwa 500 Zuschauern, aber die erste Saison nach der Neugründung in der untersten Liga war fantastisch. Da haben wir jedes Spiel gewonnen und sind Meister geworden. Beim Aufstiegsmatch waren 10.000 Leute im Stadion. In den Siebzigern und Achtzigern haben wir insgesamt 16 Jahre in Folge in der ersten israelischen Liga gekickt.«

Wie muss man sich den jüdischen Ruhetag Sabbat in Tel Aviv vorstellen?

»Ähnlich wie euren Sonntag. Allerdings fahren am Sabbat, der von Freitag nach Sonnenuntergang bis Samstag nach Sonnenuntergang dauert, keine Busse und Züge, und die meisten Läden sind ebenfalls geschlossen. Es gibt aber einige Bars und Restaurants, die in Tel Aviv geöffnet sind. In Jerusalem wird der Sabbat strikter gehandhabt, da dort mehr orthodoxe Juden leben, die den Ruhetag im Kreise ihrer Familien und Freunde mit einem gemeinsamen Essen feiern. Für weniger oder gar nicht religiöse Bürger ist es natürlich ärgerlich, wenn an dem Tag u.a. keine öffentlichen Verkehrsmittel fahren. Israel ist zwar eine Demokratie, aber leider sind Staat und Religion nicht komplett voneinander getrennt, was zu vielen Problemen führt.«

Kannst du dir vorstellen, Tel Aviv bzw. Jaffa eines Tages zu verlassen?

»Nur sehr schwer. Ich liebe es, in Jaffa zu leben. Außerdem wohnen hier meine Familie und meine Freunde, also alle Menschen, die ich liebe.«

Bands:
Orphaned Land
Autor:
Buffo Schnädelbach

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