Schwatzkasten

Schwatzkasten 25.06.2014

DARK TRANQUILLITY - Mikael Stanne (Dark Tranquillity)

Seit mehr als 20 Jahren steht MIKAEL STANNE der schwedischen Melodic-Death-Metal-Institution Dark Tranquillity als Frontmann vor. Mehr als Musik liebt der charismatische Rotschopf seine Familie und Heimat. Ein Leben fernab von Göteborg kann er sich nicht vorstellen. Auf einer einsamen Insel zu residieren, wäre allerdings möglich - unter einer Bedingung...

Mikael, wo bist du aufgewachsen?

»Ich bin ca. 20 Kilometer südlich von Göteborg in einer Reihenhaussiedlung aufgewachsen. Wir zogen dorthin, als ich sechs Monate alt war. Die Gegend war damals neu gebaut worden, alle Häuser sahen gleich aus. Das war 1975. Es war ein toller Ort - direkt am Meer. Du konntest in fünf Minuten zum Meer laufen, wo wir schwammen und alle Sommer verbracht haben.«

Woher kennst du deine Bandkollegen?

»Niklas Sundin habe ich dort im Kindergarten kennengelernt. Mit sechs Jahren begegneten wir auch Martin Henriksson, und einige Jahre später, als wir anfingen, uns für Metal zu begeistern, trafen wir Anders Fridén, Anders Jivarp und die anderen Jungs. Wir lebten alle in derselben Straße. Es war eine gutbürgerliche Siedlung. Alles war sehr sicher und schön. Insgesamt das ziemliche Gegenteil von Metal - nicht so wie das Ruhrgebiet.«

Was war die Initialzündung in deinem Leben? Was hat dich zum Metaller gemacht?

»Bei uns zu Hause fühlte sich alles zu einfach und nett an. Viele meiner Schulfreunde wollten einfach nur tun, was ihre Eltern auch taten: ein regelmäßiger Job, eine gute Ausbildung. Nachdem wir Metal für uns entdeckt hatten, der so anders war, bemerkten wir: Dieser Lebensweg ist nicht das, was wir wollen. Ich möchte nicht wieder hier enden, in dieser Vorstadtidylle. Als Teenager dachten wir: „Hey, wir müssen hier raus, wir müssen etwas anderes machen!“ Wir wollten keine langweiligen Büromenschen werden. „Wir müssen eine Band gründen!“«

Wo würdest du am liebsten wohnen?

»Tatsächlich wieder in dieser Gegend. Ich würde nirgendwo anders leben wollen als in der Nähe von Göteborg. Es gibt dort ein paar Stellen an der Küste, die wunderschön sind. Ich würde dort unglaublich gerne ein Haus bauen. Von diesem Haus träume ich schon seit Jahren. Darüber nachzudenken, ist für mich eine Form der Entspannung. Das Haus hat drei Etagen - zwei davon unter der Erde mit einem angeschlossenen Studio. Es hat eine riesige Garage für all meine Autos. Und es steht auf einer Klippe und schaut aufs Meer. Es gibt einen Aufzug, der runter zum Meer führt, und dort liegt mein Boot. Ich werde irgendwann wenigstens mal versuchen, ein 3D-Modell davon zu kreieren, damit es wenigstens einmal Gestalt annimmt und nicht nur Fantasie bleibt. Ich und meine Tochter sprechen oft von dem Haus. Wir richten zusammen ihre Räume ein und planen einen Spielplatz.«

Deine beste und schlechteste Eigenschaft?

»Die schlechteste ist sicherlich, dass ich faul bin. Meine beste Eigenschaft? Ich würde gerne glauben, dass ich großzügig bin.«

Was singst du in der Badewanne oder unter der Dusche?

»Mehr als alles andere den Song ´2112´ von Rush. Er ist über 20 Minuten lang, aber es gibt einige Passagen, die ich oft und gerne singe. Ansonsten gäbe es da noch „Selling England By The Pound“ von Genesis.«

Was würdest du tun, wenn du einen Tag lang unsichtbar wärst?

»Ziemlich viel fieses Zeug. Ich würde mich an Leute heranschleichen und sie erschrecken. Ich habe darüber schon öfter mit Freunden gesprochen. Ich denke, ich wäre dann gerne gruselig. Manchmal wäre ich übrigens tatsächlich gerne unsichtbar. Es gibt Tage, an denen ich für mich sein will, und es geht nicht. Vor allem, wenn man auf Tour ist, sind überall Menschen, und es gibt keinen Platz für dich alleine. Auf die Toilette zu gehen, wird zu einem Moment, in dem man nur noch denkt: „Oh, endlich! Niemand ist hier!“ Manchmal würde ich also echt gerne mit dem Hintergrund verschwimmen und mich unsichtbar in einer Ecke verstecken.«

Welchen Beruf würdest du ausüben, wenn du kein Musiker geworden wärst?

»Ich wäre vermutlich Kindergärtner, Layout-Künstler oder Krankenpfleger geworden.«

Welcher Song soll auf deiner Beerdigung gespielt werden?

»Das wäre wohl ´Grace´ von Jeff Buckley.«

Was ist deine Meinung zu Groupies?

»Ich bin in einer festen Beziehung, seit ich angefangen habe zu touren, also war das nie ein Thema für mich. Ich mag aber den Gedanken und finde, es ist irgendwie eine nette Sache. Ich weiß es zu schätzen, dass Frauen zu dir kommen und sich für dich interessieren. Ich wäre ein großartiges Groupie für einen weiblichen Star. Ich glaube, es gibt durchaus einige Kerle, die Groupies von weiblichen Musikgruppen sind. Mir schmeichelt die Existenz von Groupies, und ich kann sie total nachvollziehen. Wenn ich Groupie wäre, dann am liebsten von Tori Amos.«

Was hasst du am meisten?

»Total langweilige Antwort, aber ich glaube: Scheinheiligkeit. Oder noch mehr Dummheit und Engstirnigkeit, also Situationen, wenn du dich im Endeffekt selbst verletzt, ohne es zu merken. Du tust Dinge aus den falschen Gründen, weil du nicht verstehst, wie dein Verstand funktioniert. Ich hasse es, mitanzusehen, wenn das meinen Freunden passiert.«

Sind deine Eltern stolz auf dich?

»Inzwischen ja. Viele Jahre haben sie nicht wirklich verstanden, was ich tue. Sie haben uns aber immer unterstützt. Wir haben in der Garage meiner Eltern geprobt. Sie haben uns den Platz gelassen und Essen für alle gekocht. Wir hatten ein ziemlich großes Haus, ich konnte also alle meine Freunde einladen. Meine Eltern waren damals etwas erschrocken, als plötzlich all die Metalheads in der Tür standen. Dann stellten sie aber fest: „Hey, das sind nette Kerle.“ Für viele Jahre haben sie mir aber natürlich erzählt: „Besorg dir jetzt doch mal einen vernünftigen Job!“ Und sie hofften, dass meine Phase irgendwann endet. Irgendwie hörte sie aber nicht auf, und heute, wo ich meinen Lebensunterhalt damit verdiene, haben sie sich damit abgefunden. Ab und zu besuchen sie auch mal eines unserer Konzerte.«

Was ist das Blödeste, das du jemals getan hast?

»Ich bin mal fast aus einem fahrenden Tourbus gestolpert. Das war ziemlich doof. Müsste 1997 gewesen sein. Ich war total betrunken und habe einfach versucht, auszusteigen. Wir waren auf einer Autobahn in Frankreich, ich habe die Tür geöffnet und wollte raus. Ich glaube, Anders hat mich festgehalten. Das war sehr nett von ihm. So was sollte natürlich nicht passieren. Eigentlich hätte das nicht mal möglich sein dürfen.«

Wie würdest du den letzten Tag deines Lebens verbringen?

»Daheim mit meiner Familie. Ich denke, wir würden einfach zusammen im Bett liegen und uns gegenseitig im Arm halten. So wie ich mich jetzt gerade fühle - ich bin auf Tour, werde in drei Tagen in Schweden sein, und ich vermisse sie sehr -, würde ich einfach mit ihnen zu Hause sein wollen. Ich würde das Haus sauber machen, Essen kochen und rumhängen.«

Hast du ein Idol?

»Ja, Neil Peart von Rush gehört sicher zu meinen Idolen. Seine Lyrics, seine Arbeit, alles - er wirkt wie ein wirklich bodenständiger und aufrichtiger Typ. Ich habe all seine Bücher gelesen. Er gehört definitiv zu den Musikern und Textern, die ich wirklich bewundere. Außerhalb der Musik würde ich nicht von Idolen sprechen, aber wenn, dann wäre es wohl Richard Dawkins. Ich verfolge alles, was er tut, und bin endlos fasziniert und unterhalten von den Sachen, die er erzählt und schreibt. Er wäre also meine erste Wahl.«

Fürchtest du dich vor starken Frauen?

»Ich weiß nicht genau, was das bedeuten soll. Das ist eine Bezeichnung, die so oft benutzt wurde, dass sie ihre Bedeutung verloren hat. Ich finde ihn ehrlich gesagt sogar beleidigend. Was bedeutet „starke Frau“? Eine Frau mit freiem Willen? Das kommt oft auf, wenn Schauspielerinnen über eine Rolle sagen: „Ich würde so gerne mal eine starke Frau spielen.“ Worüber sprecht ihr? Eine Bodybuilderin? Willensstark, fokussiert, engagiert - das wären bessere Worte dafür.«

Kannst du dich noch an deinen ersten Auftritt erinnern?

»Ja, durchaus, obwohl er wirklich sehr schnell vorbei ging und ich jenseits von nervös war. Ich hatte Krämpfe und kalte Schweißausbrüche. Nach einigen Riffs und ein bisschen Geschrei fühlte ich mich besser. Es war ein wirklich kleines Publikum in einem der legendärsten Venues von Göteborg. Die gesamte Menge bestand aus unseren Freunden und vielleicht einigen verirrten Betrunkenen. Es war ein großartiger Start in unsere Musikkarriere.«

Interessierst du dich neben der Musik auch für Malerei, Bildhauerei, Architektur, Fotografie, Literatur oder das Anstreichen von Gartenzäunen?

»Ich liebe Autos. Und ich mag Videospiele. Der Zock-Bereich ist oben im Tourbus. Ich glaube, ich habe mittlerweile mein Nerdsein akzeptiert. Vor einigen Jahren habe ich angefangen, Comics zu lesen. Zocken war für mich immer wichtig, aber seit damals hat es nie aufgehört - im Gegenteil: Es wird immer besser. Ich mag Rollenspiele und Adventures. Ich spiele aber so ziemlich alles. Keine Strategiespiele und Casual Games auf mobilen Endgeräten, aber ansonsten alles. Und ich mag natürlich Shooter - die sind sinnloser Spaß. Einige meiner Freunde sind Spieleentwickler, und ich freue mich über deren Arbeit. Tatsächlich bin ich aufgeregter und begeisterter über Leute aus der Spielebranche, als wenn ich Rockstars treffe.«

Was hättest du Gott oder Satan zu sagen, wenn du ihn treffen würdest?

»Ich würde ihn vielleicht nach der Bedeutung des Lebens fragen. Da ich aber absolut nicht an eine solche Entität glaube, wäre das schwierig. Was ich lieben würde, was vielleicht sogar mein ultimativer Traum ist, ist, dass eine Alien-Lebensform uns besuchen kommt. Jemand, der seit zwei Billionen Jahren lebt und der die Entwicklung der Erde beobachtet hat. Ich würde mir wünschen, dass irgendjemand zu uns herunterkommt und uns vernünftig erklären kann, wie alles funktioniert. So ist es, so funktioniert das Universum. So ist euer Planet entstanden. So sah es aus, als ihr euch entwickelt habt, das ist Evolution. Darwin hatte Recht. Solches Zeug, so dass es keine Fragen mehr gibt. So dass es keinen Grund mehr für Religion gibt. Wir bräuchten es nicht mehr, einfach nur noch Fakten, die man nicht diskutieren kann. Das wäre schön.«

Mit wem würdest du gerne mal übers Wochenende in einem Fahrstuhl eingekerkert sein?

»Mit Neil Peart, um mich zu unterhalten, mit Tori Amos für alles andere.«

Welche Alben und Spiele würdest du auf eine einsame Insel mitnehmen?

»„2112“ von Rush, „Grace“ von Jeff Buckley und „Painkiller“ von Judas Priest vielleicht? Ja, das wären sie vermutlich. Bei den Spielen hätte ich gerne irgendetwas, das nie endet, wie...«

Vielleicht der Endlosmodus im ersten „Anno“? „1604“?

»Oh ja, das ist eine großartige Wahl. Und vielleicht ein gutes MMO. Vermutlich „Lord Of The Rings Online“, das habe ich viele Jahre lang gespielt. Irgendwann habe ich festgestellt, dass es echt zu viel Zeit frisst. Aber auf einer einsamen Insel wäre das super.«

Die einsame Insel müsste natürlich einen Internetzugang haben.

»Der ist obligatorisch, sonst ziehe ich da nicht hin.«

Was ist das Wichtigste in deinem Leben?

»Meine Familie.«

Hast du jemals überlegt, etwas an deinem Outfit zu ändern - beispielsweise deine Haare schwarz zu färben?

»Nein, nicht wirklich. Meine Freundin versucht regelmäßig, mich zum Färben zu überreden. Sie sagt immer: Highlights würden doch super aussehen. Nun bekomme ich mit dem Alter aber ohnehin hellere Haare. Ich habe also nie ernsthaft drüber nachgedacht. Aber wer weiß, vielleicht ändert sich das noch mal.«

Was ist das nervigste Metal-Klischee?

»Es ist nicht direkt ein Klischee, aber ich würde sagen, wenn Bands sich selbst ein Genre kreieren. Das habe ich nie verstanden. Ich finde das supernervig. Warum tut ihr das? Ihr spielt also folkiges Troll-Musik-Zeug? Das ist ermüdend.«

Stell dir vor, deine Tochter würde einen berüchtigten Rockstar daten - was würdest du tun?

»Ich würde ihm ziemlich sicher die Scheiße aus dem Leib prügeln.«

CD oder Vinyl?

»Heute Vinyl. CDs haben angefangen, mich zu nerven. Ich nutze sie nicht mehr. Ich hatte eine lange Zeit CDs, nun besitze ich aber alles digital oder analog.«

Erzähl uns zum Abschluss noch deinen Lieblingswitz.

»Finska sämskskinn är det sämska som fin ns!«

Vielen Dank, Mikael. Mit diesem unübersetzbaren Wortspiel zur Qualität von finnischem Gerbleder geben wir zurück ins Studio.


www.darktranquillity.com
www.facebook.com/dtofficial


DISKOGRAFIE
Skydancer (1993)
Of Chaos And Eternal Night (EP, 1995)
The Gallery (1995)
Enter Suicidal Angels (EP, 1996)
The Mind´s I (1996)
Projector (1999)
Haven (2000)
Damage Done (2002)
Exposures - In Retrospect And Denial (Compilation, 2002)
Lost To Apathy (EP, 2004)
Character (2005)
Fiction (2007)
Yesterworlds (Compilation, 2009)
We Are The Void (2010)
Construct (2013)

Pic:  Daniel Falk (Promo)

Bands:
DARK TRANQUILLITY
Autor:
Laura Niebling

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