Schwatzkasten

Schwatzkasten 27.06.2018

DEATH ANGEL - Schwatzkasten: Mark Osegueda

Hätte sich Mark Osegueda (49) nicht im zarten Alter von 15 Jahren für eine Karriere als Sänger der Bay-Area-Thrasher DEATH ANGEL entschieden, wäre der ebenso eloquente wie sympathische Sohn einer Filipina und eines Salvadorianers heute vielleicht ein erfolgreicher Fußballprofi, Stand-up-Comedian oder scharfzüngiger Politiker.

Mark, wo wurdest du geboren, und wo bist du aufgewachsen?

»Ich bin im UCSF Hospital in San Francisco mit den Füßen voran zur Welt gekommen. Heutzutage nimmt man in so einer Situation einen Kaiserschnitt vor, aber ich war halt von Geburt an ein Survivor (lacht). An meine erste Zeit in San Francisco kann ich mich kaum noch erinnern, zumal wir nach ein paar Jahren in ein kleines Städtchen am Meer namens Pacifica gezogen sind. Pacifica grenzt an Daly City, wo der Rest des Original-Line-ups von DEATH ANGEL herkommt. Als ich acht oder neun war, sind wir dann nach Concord nordöstlich von Frisco gezogen. Dort haben Rob (Cavestany, Mitbegründer und Gitarrist von DA - buf) und ich dieselbe Highschool besucht und sind regelmäßig gemeinsam mit dem Zug nach Daly City gefahren, um dort in der Garage der Mum von Andy (Galeon, Originaldrummer von DA - buf) zu proben.«

Hast du Geschwister? Und hattest du eine glückliche Kindheit?

»Ich habe eine vier Jahre ältere Schwester. Wir hatten eine großartige Kindheit. Als wir beide auf die Junior Highschool gingen, haben wir uns anfangs nicht gut verstanden. Sie war halt Cheerleaderin und auch ansonsten ziemlich brav, während ich damals schon auf Metal abgefahren bin. Seit unserer gemeinsamen College-Zeit haben wir aber ein sehr enges Verhältnis.«

Was warst du in der Schule: Streber, Pausenclown oder Rüpel?

»Ich war eine Mischung aus Clown und Rebell und Stammgast im Büro des Rektors, weil ich ständig Ärger hatte. In meiner Zeit auf der Junior High war ich der erste Schulsprecher in der Geschichte der Einrichtung, den man seines Amtes enthoben hat (lacht). Andererseits hatte ich immer gute Noten und war auch sehr sportlich. Deshalb war mein Vater auch am Boden zerstört, als ich aufgehört habe, Fußball zu spielen, nachdem ich bei DEATH ANGEL eingestiegen bin. Mein Vater kommt aus El Salvador und war der festen Überzeugung, dass Jungs keine langen Haare tragen sollten. Als ich mir eine Matte wachsen ließ, war die Familie dementsprechend in Aufruhr. Daraufhin habe ich mit meinen Eltern eine Vereinbarung getroffen und gesagt: „Leute, an dem Tag, an dem ich schlechte Noten nach Hause bringe, lasse ich mir die Haare schneiden.“ Gottlob musste ich mein Versprechen nie einlösen und habe in dem Jahr meinen Abschluss gemacht, in dem auch unser Debütalbum „The Ultra-Violence“ erschienen ist.«

Warst du ein Mädchenschwarm?

»In der Highschool war ich nicht nur Senior Class President, sondern auch Homecoming King. Außerdem war ich der Sänger von DEATH ANGEL. Ich konnte mich in der Hinsicht nicht beschweren (lacht).«

Wann hast du dich das letzte Mal geprügelt?

»Am 9. Februar 2017, meinem Geburtstag, war ich nah dran, als ich einen besoffenen Musiker einer anderen Band buchstäblich aus unserem Tourbus geworfen habe, nachdem diese Person einige sehr respektlose, anstößige Dinge gesagt hat. Das letzte Mal, dass ich jemanden geschlagen habe, muss auf der „Act III“-Tour 1990 gewesen sein. Da hat ein „Fan“ auf einem Konzert in Wales ständig Rob angespuckt und sogar Flaschen nach ihm geworfen. Da der Typ drauf und dran war, unseren an und für sich sehr guten Auftritt zu ruinieren, bin ich kurzerhand ins Publikum gesprungen und habe ihm auf die Fresse gehauen (lacht).«

Hast du schon mal im Knast gesessen?

»Nicht für eine ganze Nacht, aber ich bin mal festgenommen worden, weil ich in alkoholisiertem Zustand Ärger gemacht habe. In der Nacht waren meine Eltern nicht zu Hause, deshalb mussten mich Freunde meiner alten Herrschaften vom Polizeirevier abholen. Ich glaube, die Cops haben mich nur mitgenommen, um mir einen ordentlichen Schrecken einzujagen beziehungsweise um an mir ein Exempel zu statuieren. Normalerweise haben sie einen nur angeschrien und den Alkohol weggekippt, aber in der Nacht verfrachteten sie mich in einen Streifenwagen und steckten mich dann in eine Zelle.«

Glaubst du an Gott?

»Ich glaube an eine Art höhere Macht. Keine Ahnung, ob diese einen Körper hat oder einen Bart und lange Haare trägt (lacht).«

 Was war der mieseste Job, den du je gemacht hast?

»Mein erster Job war auch gleichzeitig mein übelster. Da war ich 15 und habe in einem Fastfood-Restaurant namens Wienerschnitzel für den Mindestlohn von drei Dollar und 25 Cent in der Stunde gearbeitet. Es war einfach nur schrecklich – sechs sehr, sehr lange Monate. U.a. auch deshalb, weil ich ein Haarnetz tragen musste.«

Was ist deine beste und was deine schlechteste Eigenschaft?

»Meine beste Eigenschaft ist wohl, dass ich es total liebe, andere Menschen glücklich zu machen und sie zum Lachen zu bringen. Deshalb stehe ich auch seit Kindesbeinen gerne auf der Bühne. Meine schlechteste Eigenschaft ist mein böses Mundwerk. Damit kann ich andere Menschen förmlich auseinandernehmen. Leider tue ich das immer noch viel zu häufig, auch wenn ich schon seit Jahren daran arbeite, mich zurückzuhalten. Zumal es danach häufig schwer ist, sich zu entschuldigen beziehungsweise einmal gesagte verletzende Worte zurückzunehmen.«

Mit welcher Frau würdest du gerne mal ein Wochenende im Fahrstuhl eingesperrt sein?

»Die politisch korrekte Antwort wäre jetzt wohl meine Freundin (lacht). Ansonsten jemand aus den Siebzigern. Am liebsten Ursula Andress oder Brigitte Bardot.«

Welche Persönlichkeit würdest du gerne mal kennenlernen?

»Die beiden Menschen, die ich schon immer am liebsten kennenlernen wollte, sind leider tot – Freddie Mercury und Muhammad Ali.«

Was ist die wichtigste Erfindung in der Geschichte der Menschheit?

»Feuer ist ein Element, also keine Erfindung. Deshalb würde ich sagen: jede Art von Transportmöglichkeit, die dich von A nach B bringt, egal ob Flugzeug, Eisenbahn, Schiff oder Auto. Also alles, was Menschen unterschiedlichster Nationalitäten zusammenbringt. Wobei Transportmittel leider auch schon seit jeher zum Kriegführen missbraucht wurden (lacht).«

Hast du einen Lieblingsfilm?

»Einige, z.B. „The Deer Hunter“ (deutscher Titel: „Die durch die Hölle gehen“ - buf), „Raging Bull“ („Wie ein wilder Stier“), „The Godfather“, „Arthur“, „Rocky 2“ und „The Kids Are Alright“ von The Who.«

Und wie schaut es mit TV-Serien aus?

»Ich liebe „Game Of Thrones“. Derzeit schaue ich gerade „Mindhunter“, eine neue Netflix-Serie.«

Welchen Filmhelden oder -schurken würdest du gerne mal verkörpern?

»Interessante Frage. Ich bin ein großer Fan von „Being There“ („Willkommen Mr. Chance“ - buf). Das Konzept des Films ist fantastisch, vor allem Peter Sellers als Chauncey Gardiner. Deshalb würde ich mich für diesen Filmhelden entscheiden, der nicht so Slapstick-artig angelegt ist wie Sellers in seiner Rolle als Inspektor Clouseau.«

Hast du irgendwelche Hobbys?

»Ich trainiere regelmäßig, um fit zu bleiben. Vor allem Liegestütze und Sit-ups. Außerdem jogge ich gerne. Fitnessstudios sind nicht so mein Ding, da ich ungerne im Beisein anderer Sport treibe.«

Stelle bitte deine Traumband zusammen – tote Musiker inklusive.

»Led Zeppelin mit mir als Backgroundsänger. Ich bin nicht würdig genug, um festes Bandmitglied zu sein (lacht).«

Kannst du dich noch an deine erste selbstgekaufte Platte erinnern?

»„Let There Be Rock“ von AC/DC. Allerdings hatten mir meine Eltern einige Zeit vorher schon „Alive II“ von Kiss geschenkt. Meine erste Maxi war übrigens Queens „We Are The Champions/We Will Rock You“.«

Und was war die letzte CD, die du erstanden hast?

»Ich habe mir vor ein paar Tagen hier in Deutschland Black Sabbaths „The Ten Year War“-Boxset gekauft. Das gibt es bei uns in den Staaten nämlich nicht.«

Sind deine Eltern stolz auf dich?

»Ja, sind sie. Wenn wir in der Bay Area spielen, kommen sie immer vorbei. Bei der Gelegenheit trägt mein Vater seinen DEATH ANGEL-Hoodie. Aber auch ansonsten unterstützen sie uns, wo sie können.«

Kannst du dich noch an deinen übelsten Auftritt erinnern?

»Ja! Das war auf der „The Ultra-Violence“-Tour irgendwo in Deutschland. Ich hatte eine ganz üble Halsentzündung, Schüttelfrost und Fieber und konnte kaum reden, geschweige denn singen. Da wir die Show nicht absagen wollten, bin ich kurz auf die Bühne, habe dem Publikum unsere Situation geschildert und gesagt, dass die anderen ohne mich auftreten werden. Bei ´Thrashers´ übernahmen Rob und Dennis (Pepa, Bassist - buf) die Vocals, und bei den restlichen Nummern sang das Publikum laut mit. Das war großartig, und ich war sehr stolz auf die Jungs und unsere Fans, obwohl ich mich gleichzeitig total schrecklich fühlte.«

Hast du ein Ritual, bevor ihr auf die Bühne geht?

»Ja, gleich mehrere. Zum Beispiel bereite ich mir exakt 70 Minuten, bevor wir auf die Bretter gehen, eine Tasse Tee zu. Außerdem mache ich immer dieselben Dehn- und Lockerungsübungen. Jeder, der schon einmal mit uns auf Tour war, kennt meine Warm-up-Routine und findet sie urkomisch. Außerdem mache ich direkt vor und nach der Show ein Foto und maile es meiner Freundin.«

Bist du ein politischer Mensch? Wenn ja, würdest du dich eher als konservativ, liberal, links oder eine Mischung aus allen drei Einstellungen bezeichnen?

»Ich bin bis zu einem gewissen Grad politisch und gehe demzufolge auch zur Wahl, bin aber kein Prediger. Ich mag es auch nicht, in politische Diskussionen verstrickt zu werden. Zumal meine Gesprächspartner dabei immer verlieren (lacht). Ich bin für menschlichen Anstand und was moralisch richtig und gut ist. Deshalb bin ich immer für den Underdog und war im Vorfeld der letzten Wahlen für Bernie Sanders (den für amerikanische Verhältnisse vergleichsweise „linken“ Kandidaten der Demokratischen Partei, der sich bei den Vorwahlen Hillary Clinton knapp geschlagen geben musste - buf).«

Welche drei Dinge würdest du auf eine einsame Insel mitnehmen?

»Meine Freundin, einen iPod mit ganz viel Musik drauf und etliche gute Flaschen Wein.«

Welcher Song soll auf deiner Beerdigung laufen?

»Darüber habe ich mir schon Gedanken gemacht. Auf keinen Fall eine DEATH ANGEL-Nummer, aber drei Songs von anderen Künstlern. Und zwar Jeff Buckleys Version von ´Hallelujah´ und ´On The Nickel´ von Tom Waits, um die Leute richtig, richtig traurig zu machen. Wenn der offene Sarg dann rausgetragen wird, soll der Videoclip zu Whams ´Wake Me Up Before You Go-Go´ gezeigt werden. Ich höre die Trauergemeinde schon „Was für ein Arschloch!“ fluchen (lacht).«

www.facebook.com/deathangel

DISKOGRAFIE (Studioalben)

The Ultra-Violence (1987)
Frolic Through The Park (1988)
Act III (1990)
The Art Of Dying (2004)
Killing Season (2008)
Relentless Retribution (2010)
The Dream Calls For Blood (2013)
The Evil Divide (2016)

Pic: Buffo

Bands:
DEATH ANGEL
Autor:
Buffo Schnädelbach

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