Vorwort

Vorwort 20.02.2019, 08:00

Liebe „Habby-Medall“-Freunde...

...haargenau vor 30 Jahren, im März 1989, erschien im Rock Hard unter dem Titel „So isset! Wie leben Metaller in der DDR?“ der vermutlich allererste Artikel zum Thema in „westlichen“ Medien. Diese Geschichte (den Originaltext haben wir für euch auf www.rockhard.de bereitgestellt) war in etwa so exotisch wie heutzutage eine Reportage über die Szene in Alaska, der Mongolei oder Patagonien.

Der Ost-Berliner Wanderdiskotheken-Betreiber Peter Schramm („Insolit-Thrash-Disko“) hatte den Mumm, uns diesen Lagebericht aus dem Inneren des angeblichen Arbeiter- und Bauernstaats per Post zu übermitteln, obwohl man davon ausgehen durfte, dass die handgeschriebenen (!) Seiten von eifrigen Staatssicherheits-Beamten immer noch mitgelesen wurden. Dass die DDR nur wenige Monate später zusammenbrechen würde, konnte zu diesem Zeitpunkt niemand ahnen. Sowohl hüben als auch drüben hatten sich Jugendliche längst damit abgefunden, in den Frontstaaten des Kalten Krieges zu leben. Dass Atomsprengköpfe auf beide Territorien gerichtet waren, gehörte ebenso zur hinzunehmenden „Normalität“ wie die Tatsache, dass es kaum persönliche Kontakte zwischen den Bewohnern der beiden deutschen Republiken gab. Sicher, viele westliche Fans unterhielten spärliche Brieffreundschaften in den Ostblock, aber Treffen waren nur umständlich zu arrangieren, und Telefon hatte in der DDR auch kaum jemand.

Die DDR war also bereits 1989 gefühlte Lichtjahre von der Lebenswirklichkeit im Westen entfernt, aber heute liest sich die hervorragend von Matthias Mader recherchierte Geschichte wie von einem anderen (Metal-)Planeten. Womit Musiker, Szene-Protagonisten und Fans damals zu kämpfen hatten, ist für heutige Maßstäbe nahezu unvorstellbar. Noch immer bestimmen die Ereignisse die Biografien der beteiligten Personen, und nicht selten wurden Menschen durch staatliche Repressalien ins Unglück gestürzt. Dennoch lässt sich heute – mit entsprechendem zeitlichen Abstand – einiges leichter mitteilen, und ich denke, dass ihr vielleicht nicht die optisch hübscheste und hochglanzpolierteste Titelstory der Rock-Hard-Geschichte in den Händen haltet, aber eine der relevantesten. Es spricht für sich, dass die besten und detailschärfsten Aufnahmen dieser 18 Seiten aus dem Archiv des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR stammen. Ist ja auch logisch: Um Menschen beobachten, drangsalieren und kontrollieren zu können, brauchte man die beste Technik, während das gemeine Volk glücklich war, eine West-Schallplatte für einen halben Monatslohn zu ergattern. Dass es trotz widriger Umstände jede Menge unbeugsame Musiker gab oder Kreative, die einfach nur „durchhielten“, kann man deshalb nicht hoch genug bewerten. Umso tragischer, dass der „DDR-Metal“ mit dem Mauerfall von heute auf morgen „überflüssig“ wurde. Zumindest der oft geschickte, manchmal auch witzige Umgang mit der deutschen Sprache ist ein hörenswertes Alleinstellungsmerkmal dieser Bands. Allerdings nichts gegen die unfreiwillige Komik, die die Herren Beamten des staatlichen Abhörapparats in ihre Schreibmaschinen hackten...

Wer zuletzt lacht, lacht bekanntlich am besten!

PS: Ihr seid in der DDR aufgewachsen und habt noch Fotos von Fans, Bands, Konzerten, Flyern, selbstgestaltetem Equipment, Shirts oder Jeansjacken? Auf www.rockhard.de würden wir gerne noch eine Leser-Fotostrecke zum Thema veröffentlichen. Einsendungen (mit kurzer Beschreibung, wer oder was zu sehen ist) bitte an megazine@rockhard.de.

Autor:
Holger Stratmann

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