Festivals & Live Reviews

Festivals & Live Reviews 13.10.2020, 14:19

LEPROUS - Interaktives Live-Streaming-Konzert

Schon erstaunlich: Wer hätte noch vor einem Jahr gedacht, dass ein Online-Konzert an einem Freitagabend schon in unmittelbarer Zukunft nichts wirklich Außergewöhnliches mehr sein würde? Nichtsdestotrotz waren die Erwartungen hoch, wie ein "einzigartiger interaktiver Livestream" aus einem doch sehr speziellen musikalischen Haushalt wie dem von LEPROUS aussehen wird. So viel vorneweg: Es sollte eine außergewöhnliche und einzigartige Erfahrung werden, die einerseits die Kraft der Musik demonstriert, aber auch die Schwierigkeiten eines Live-Events in Zeiten der Pandemie aufzeigt.

Wer die norwegischen Avantgarde-Progger kennt, den dürfte es nicht verwundern, dass an diesem Abend ausschließlich die Musik im Mittelpunkt steht. Die Kulisse der Cederberg Studios, aus denen der Stream übertragen wird, ist spartanisch eingerichtet und vermittelt Proberaum-Atmosphäre. Fünf Musiker und ihre Instrumente, nur in Gesellschaft vereinzelter Lampen, Verstärker und Kameras. Das hat Charme und funktioniert vor allem deshalb, weil jeglicher visueller Schnickschnack in der Welt von LEPROUS, seien es Videos oder Showeinlagen, vom Wesentlichen ablenken würde. Was zählt, ist die entfesselte Leidenschaft, mit der die Jungs um ihr künstlerisches Zentrum Einar Solberg ihre komplexen Kreationen zum Leben erwecken.

LEPROUS spielen an diesem Abend zwölf Lieder, die in jeweils drei Sektionen à vier Tracks unterteilt und auf verschiedenen Wegen direkt von den Fans ausgewählt wurden. Das Ergebnis ist eine Setlist, die es so in der Live-Geschichte der Band wohl nicht mehr geben wird und die genau deshalb ihren besonderen Reiz entfaltet. Das erste Songquartett wurde bereits im Vorfeld der Show mittels eines Fanvotings bestimmt. Die meisten Stimmen konnten dabei 'Chronic' (von "Coal"), 'Forced Entry' ("Bilateral"), 'Moon' ("The Congregation") und 'Passing' (Platz 1, von "Tall Poppy Syndrome") für sich gewinnen. "Eine Menge Sonderlinge", wie Solberg überrascht kommentiert und darauf hinweist, dass eigentlich keiner dieser Songs bei Spotify hoch im Kurs stehe. Das zweite Drittel des Abends wird von vier glücklichen Fan-Gewinnern gestaltet, deren Nummern aus einem Hut gezogen werden. Per Videobotschaft teilen die siegreichen Teilnehmer ihren jeweiligen Wunschsong mit, mal kurz und bündig, mal ausschweifend erläuternd. Erneut wird mit dem "Coal"-Track 'Echo', 'Slave' von "The Congregation", 'Mirage' von "Malina" und dem monolithischen "The Sky Is Red" – dem einzigen Vertreter der aktuellen Scheibe "Pitfalls" – die gesamte Farbpalette von LEPROUS bedient. Im letzten Drittel des Abends setzen sich 'Acquired Taste' ("Bilateral"), 'Down' ("The Congregation"), 'Rewind' (ebenfalls "The Congregation") und das die Show beschließende 'The Valley' ("Coal") im Live-Poll gegen andere konkurrierende Kompositionen aus dem Backkatalog der Norweger durch.

Während der Show ist die Kamera oft sehr nah dran an Einar Solberg, der zwar den Großteil des Sets an seinen Keyboards verbringt, dabei aber eine regelrecht sogartige Aura um sich erzeugt. Gerade dank der unglaublich intensiven, zwischen engelsgleich und abgrundtief pendelnden Gesangsdarbietung ihres Frontmannes scheinen LEPROUS mehr als nur einmal kurz davor zu stehen, die Räumlichkeiten der Cederberg Studios zu sprengen. Dazu trägt auch die vielseitige Kameraführung ihren Teil bei. Meistens steht der Zuschauer als starrer Beobachter im Raum und folgt den technisch hochanspruchsvollen und stets wunderbar aufeinander abgestimmten Achterbahnfahrten auf den Instrumenten. Immer wieder wird auf visueller Ebene mit Schärfe und Unschärfe gespielt und der Band im wahrsten Sinne des Wortes auf die Finger geschaut. Dazwischen stürzt sich der Kameramann aber plötzlich mitten ins Geschehen und sorgt mit authentischer Ruckeloptik bei den vereinzelten Eskalationsmomenten von etwa 'Forced Entry' oder 'The Sky Is Red' vorübergehend für einen leichten Orientierungsverlust. Dabei kommt die Livestream-Show einer echten Konzerterfahrung verdammt nahe, selbstverständlich ohne diese schlussendlich zu erreichen.

Denn tatsächlich hat die Band auch mit den Online-Umständen zu kämpfen, was angesichts der relativ spontanen Natur der Songauswahl natürlich auch verständlich ist. Der Übergang von einem Lied zum nächsten dauert oft mehrere Minuten, in denen viel gemurmelt, geschwiegen, Technik nachkorrigiert oder das Ergebnis eines Fan-Votings besprochen wird, während sich Solberg mit vielen einzelnen, fast schon peinlich berührten Kommentaren an das Publikum wendet. "Ich verspreche euch, dass es nie wieder ein LEPROUS-Konzert mit so viel unangenehmer Stille geben wird", entschuldigt er sich an einer Stelle. Das nimmt der Show doch immer wieder den Wind aus den Segeln und lässt die euphorische Energie der vorhergegangenen Erfahrung ins Nichts verpuffen. Das Erstaunliche ist aber: LEPROUS verstehen es geradezu mühelos, den Zuschauer von einer Sekunde auf die andere wieder in ihren Bann zu ziehen. Es braucht nicht mehr als den ersten Klavierton, das erste krachende Riff oder einen langsam anschwellenden Synthie-Teppich und man ist wieder gefangen, in diesem wirbelnden Strudel, der einen aus der Realität reißt und für fünf bis zehn Minuten in eine andere Welt entführt.

So kommt es, dass man sich als gebannter Zuschauer und Zuhörer in einem ständigen Wahrnehmungswandel wiederfindet. Ein hochintensives Songerlebnis mündet in Minuten des Leerlaufs zwischen zwei Songs, nur um den Spannungsbogen von 0 auf 100 wieder in die Höhe zu treiben. Das haben LEPROUS vor allem der einzigartig-unberechenbaren Setlist sowie einem glasklaren Sound zu verdanken. Umso unspektakulärer beendet Einar Solberg dieses avantgardistische Kammerspiel, nachdem die letzten Töne von 'The Valley' verklungen sind: "Thank you so much. We're outta here." Es passt zu einem Abend, der durch seine ungewöhnliche Dynamik fasziniert und einem die Magie live gespielter Musik wieder einmal in seiner ganze Pracht vor Augen führt. In Zukunft aber bitte trotzdem so bald wie möglich wieder auf einer Bühne.

Setlist LEPROUS:

Chronic
Forced Entry
Moon
Passing
Echo
Slave
Mirage
The Sky Is Red
Acquired Taste
Down
Rewind
The Valley

Bands:
LEPROUS
Autor:
Simon Bauer

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