Vorwort

Vorwort 27.01.2016

MOTÖRHEAD - Lemmy Kilmister: 1945 - 2015

Es schmerzt, wenn einer der ganz Großen von uns geht. Wirklich überrascht hat Lemmy Kilmisters Tod niemanden, dennoch trifft er jeden von uns tief in unseren Rock´n´Roll-Herzen.

Als am 27. Dezember die Nachricht durchsickerte, dass der MOTÖRHEAD-Böss die nächste Nacht wohl nicht mehr überleben würde, weil bei ihm zusätzlich zu seinen diversen anderen Gebrechen ein aggressiver Krebs im tödlichen Stadium diagnostiziert worden war, wünschte man ihm nur noch, endlich den verdienten Frieden zu finden. Lemmys Sterben war für Fans, die seinen Zustand die letzten Jahre miterlebt hatten, kein Schock, und doch reißt es ein riesiges Loch in unsere Welt. Denn fast egal, wie alt man ist: MOTÖRHEAD waren immer da und eine der verlässlichsten Konstanten der Musikgeschichte.

Wenn ich mich recht entsinne, habe ich über Lem & Co. erstmals 1980 in der „Bravo“ gelesen. Dort stand irgendwas von einer schnellen, lauten und ungewaschenen Truppe. Was gab´s für einen pubertierenden 13-Jährigen Geileres? „Bomber“, „Overkill“ und „Motörhead“ wurden umgehend eingetütet und für grandios befunden, und als kurz darauf „Ace Of Spades“ erschien, war klar, dass man hier eine Band für die Ewigkeit entdeckt hatte, eine Band, die die Eltern hassten, die für einen Rock´n´Roll-Lifestyle mit all den Klischees stand, die man damals selbst gern gelebt hätte - und die musikalisch zum Besten gehörte, das je aus meinen Kinderzimmerlautsprechern und sämtlichen späteren Abspielgeräten dröhnte.
Lemmy starb nur wenige Wochen nach dem legendären Drummer der Frühphase, Phil Taylor. Gitarrist Michael „Würzel“ Burston verschied bereits 2011. Es ist regelrecht gespenstisch: Von unzähligen unsterblichen Songs wie ´Ace Of Spades´, ´Overkill´ und ´Rock´n´Roll´ lebt mit Fast Eddie Clarke bzw. Phil Campbell nur noch jeweils ein Bandmitglied. Und Campbell lag Ende 2015 wegen lebensgefährlicher innerer Blutungen selbst tagelang auf der Intensivstation eines Krankenhauses. Die deswegen auf den 11. Dezember verschobene Berlin-Show wurde der finale MOTÖRHEAD-Auftritt. Seinen Traum, on stage oder zumindest im Tourbus zu sterben, hat Lemmy nicht mehr verwirklichen können, aber zumindest stand er zuletzt auf der Bühne einer seiner Lieblingsstädte.

Mit dem Rock Hard war Lemmy seit jeher eng verbunden. Wir sind zum Teil auch nicht mehr die allerknackigsten Jungspunde, aber Lemmy war schon „total alt“ (also ca. 37), als wir unser Magazin starteten, und eine absolute Respektperson. Anfangs hatten wir regelrecht Schiss vor ihm. Doch im Laufe der Jahre hatte sich Kilmister vom herzlichen Raubein zu einem DER Elder Statesmen des Rock´n´Roll gewandelt. Wir redeten immer wieder gern mit ihm, sei es über aktuelle Inhalte wie zuletzt das fantastische „Bad Magic“-Album, aber auch über zeitlose Themen: Politik (scheiße), Religion (scheiße), Frauen (auch meist scheiße), Zweiter Weltkrieg (eigentlich ebenfalls scheiße, aber irgendwie faszinierend). Lemmy hat sich immer Zeit für das Rock Hard genommen, uns jede noch so blöde Frage auf seine unnachahmliche Art und Weise beantwortet und auch gern zielgerichtete Rückfragen gestellt, bei denen wir zuweilen mächtig ins Schwitzen gerieten.
Wir haben Lemmy 2015 noch mehrmals getroffen und diverse MOTÖRHEAD-Shows besucht. Das letzte Mal sprachen wir mit ihm anlässlich des Interviews, das ihr in dieser Rock-Hard-Ausgabe findet. Wir setzten uns mit Lem zusammen, um mit ihm über seine geliebten und oftmals sträflich unterbewerteten Lyrics zu reden. Er hatte Lust auf das Interview, lachte viel, grub Anekdoten aus, die man teilweise noch nie gehört hatte, und gab einem immer das Gefühl, willkommen zu sein. „Es war schön, dich wiederzusehen“, lächelte er zum Abschluss, und wer Lemmy kannte, weiß, dass er kein Fan leerer Floskeln war. Es ist kaum vorstellbar, dass es kein nächstes Mal geben wird: kein neues MOTÖRHEAD-Album, keine weitere Tour, keine Interviews.
Natürlich hatte Lem in den letzten Jahren körperlich abgebaut, wirkte regelrecht zerbrechlich, war mehr und mehr auf Hilfe angewiesen, wirkte phasenweise zerstreut. Seine Hände zitterten so sehr, dass man ständig die Eiswürfel klirren hörte, wenn er an seinem Wodka-Orange-Gemisch nippte. Zudem wurde er immer melancholischer. MOTÖRHEAD waren speziell in Deutschland populärer denn je. Doch der erste Platz in den Charts mit „Bad Magic“ und die ausverkauften Arenen bedeuteten ihm nichts mehr. „Ich bin inzwischen zu alt, um mich darüber zu freuen“, meinte er. Aber er hat sein Leben so geführt, wie er es wollte, und nichts bereut. Er lebte den Vollgas-Rock´n´Roll-Lifestyle, den er nicht zuletzt mitgeprägt hatte, und arrangierte sich mit den unabwendbaren Folgen. Er war wohl selbst überrascht, dass er - der Mann, dem man voraussagte, auch einen Atomkrieg zu überleben - plötzlich mit seiner eigenen Vergänglichkeit konfrontiert wurde. „Alt zu werden, ist scheiße“, fasste er das Lemmy-typisch punktgenau zusammen. Nur als er uns im letzten Sommer erzählte, dass er für längere Strecken einen Rollstuhl benötigte, verließ ihn für einen Moment sein Humor, und er sah durch und durch traurig aus.

Lemmys quasi öffentliches Sterben hat viele zu Tränen gerührt. Doch ebenso schnell tauschten Fans ihre positiven Erinnerungen aus, und keine 24 Stunden nach seinem Tod tauchte ein erster Cartoon auf, in dem der Böss im Himmel nach den Öffnungszeiten der Bar fragt. Lemmy hätte darüber gelacht.
Schnappt Euch unsere redaktionelle MOTÖRHEAD-Playlist auf Spotify oder legt Eure eigenen Motör-Hits auf, lest das letzte Interview mit dem Haudegen, zieht unser MOTÖRHEAD-Sonderheft oder Lemmys Memoiren „White Line Fever“ aus dem Schrank - und stoßt auf Sir Kilmister an.

That´s the way he liked it. He didn´t want to live forever.

Bands:
MOTÖRHEAD
Autor:
Jan Jaedike

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