Kolumne

Kolumne 27.01.2016

MOTÖRHEAD - LEMMY KILMISTER (1945-2015)

MOTÖRHEAD-Urgestein Ian Fraser „Lemmy“ Kilmister ist in der Nacht vom 28. auf den 29. Dezember 2015 überraschend an Krebs gestorben. Am 26. Dezember, nur zwei Tage vor seinem Tod, erhielt der Sänger und Bassist die niederschmetternde Diagnose. Eher zufällig wurden bei einem Gehirnscan zwei Tumore in Lemmys Kopf und Nacken entdeckt, wie Manager Todd Singerman berichtet: „Er hatte Probleme beim Sprechen. Wir wollten sehen, ob er vielleicht einen Schlaganfall erlitten hatte. Niemand wusste von seinem Krebs, und der Arzt brachte ihm bei, dass er nur noch zwei bis sechs Monate leben würde.“

Wie schon im Leben hielt Lemmy jedoch auch im Tod nicht viel von den Regeln anderer. Während Singerman Mikkey Dee (dr.), Phil Campbell (g.), Freunde und Verwandte anrief, damit sie sich von Lemmy verabschieden konnten, starb der Musiker nur vier Tage nach seinem 70. Geburtstag im Beisein seiner Freundin und seines Sohnes Paul beim Spielen seines Lieblings-Games, das der Besitzer von Lemmys Stammkneipe Rainbow ihm nach Hause gebracht hatte.
Was für viele Fans die einzig logische Konsequenz war, machte Mikkey Dee nur wenige Stunden nach Lemmys Tod offiziell: „Natürlich sind MOTÖRHEAD jetzt Geschichte. Lemmy war MOTÖRHEAD. Aber die Band wird in der Erinnerung vieler Menschen weiterleben. Das Feuer brennt immer noch, und Lemmy lebt in unseren Herzen weiter.“
Sein Leben nicht voll ausgekostet zu haben – das musste sich der MOTÖRHEAD-Mainman sicherlich nicht vorwerfen. Geboren am 24. Dezember 1945 im britischen Staffordshire, flog Lemmy mit 15 Jahren von der Schule und hielt sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser, während er seinen Traum verfolgte, Musiker zu werden. Er arbeitete als Roadie für Jimi Hendrix, wurde 1975 aus seiner Band Hawkwind geschmissen, weil er mit Drogen an der kanadischen Grenze erwischt worden war, und gründete im selben Jahr MOTÖRHEAD, die 2015 ihr 40-jähriges Jubiläum feierten. Sex, Drugs & Rock´n´Roll waren für Lemmy genauso essenziell wie für Fische das Wasser. Der wilde Lebensstil hatte Folgen: Im Jahr 2000 erkrankte er an Diabetes. 2013 wurde ihm wegen Herzproblemen ein Defibrillator eingesetzt. Immer wieder mussten in den letzten Jahren Konzerte unterbrochen oder abgesagt werden. Unterkriegen ließ der Rocker sich nicht, er fuhr lediglich seinen Zigarettenkonsum herunter und tauschte seinen geliebten Jacky-Cola gegen vermeintlich gesünderen Wodka mit Orangensaft. Angst vor dem Tod hatte Lemmy ohnehin keine: „Der Tod ist unvermeidbar, oder nicht? Ich mache mir keine Sorgen deswegen. Ich bin bereit. Wenn ich morgen sterben würde, könnte ich mich nicht beschweren. Es war gut.“
Statt nun in aller Stille um Lemmy zu trauern, halten wir uns an die Bitte von Mikkey Dee und Phil Campbell: „Spielt MOTÖRHEAD, und zwar laut, spielt Hawkwind laut, spielt Lemmys Musik LAUT. Trinkt einen – oder auch mehrere. Teilt die Geschichten über ihn. Feiert das LEBEN, das dieser liebenswerte, wunderbare Mann selbst nach Kräften gefeiert hat. Er würde genau das wollen.“

Cheers, Lemmy! Rock in peace!
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Rock-Hard-Mitarbeiter erinnern sich an Lemmy


Abgesehen von seiner musikalischen Lebensleistung, die man keinem Leser dieses Magazins erklären muss, war Lemmy für mich in erster Linie ein Mensch, der gradlinig „sein Ding“ durchgezogen hat. Das kann man in Zeiten, in denen es um „immer mehr“ (und das natürlich „immer schneller“) geht, nicht hoch genug schätzen. Als uns Lemmy 1992 zum Videodreh empfing, war ich als Erstes baff, dass das Interview nicht im Hinterzimmer des Rainbow stattfand, sondern bei ihm zu Hause. Unsere verstohlenen Blicke registrierten das Paar weißer Stiefeletten vor dem Bett und die Weltkriegsdevotionalien an den Wänden. Ansonsten war das Apartment für einen Rockstar auffällig klein und vor allem bescheiden eingerichtet. Es war zwar warm, aber die Jeans-Shorts und die bestickte Jeans-Jacke, die er sich über den Oberkörper geworfen hatte, waren trotzdem ein ungewohnter Anblick. Er rauchte ein paar Zigaretten, beantwortete lässig die Fragen und genehmigte einige Fotos. Dann durften wir wieder abmarschieren, die Pressefritzen aus Germany juckten ihn eigentlich gar nicht. Er hatte es weder nötig, die Stil-Ikone zu spielen noch seinen Alltag zu verbiegen, obwohl es nicht die besten Zeiten für MOTÖRHEAD waren. Und so hat er es mit allem gemacht – bis zuletzt. Wir werden ihn vermissen.
HOLGER STRATMANN

Meine erste Begegnung mit Lemmy werde ich niemals vergessen. Ich traf den überraschend kleinen und schmächtigen Briten 1995 im Rahmen seiner Promo-Aktivitäten für das damals nagelneue MOTÖRHEAD-Album „Sacrifice“ in der Suite eines Hamburger Hotels, um mit ihm ein Interview für die „Hamburger Morgenpost“ zu führen. Lemmy war in Geberlaune, ignorierte die meisten Fragen und hielt mir stattdessen diverse Vorträge über das Leben, das Universum und den ganzen Rest, die alle mit einem warnenden „Stay clean, boy!“ endeten. Ich sagte ihm mehrfach, dass ich weder Alkohol tränke noch sonst irgendwelche Drogen nähme, doch das juckte ihn nicht sonderlich: „Dann sag´s deinen Kumpels, Junge: Stay clean!“ Als ich ihn fragte, wie er es denn mit Rauschmitteln halte, grinste er sein unnachahmliches schelmisches Grinsen und knarzte: „Ich bin ein alter Sack, aber ich kenne meine Grenze. Allerdings verläuft sie woanders als bei dir, hargharg!“
MICHAEL RENSEN

Auf einer Klassenfahrt in der Unterstufe nervte ich alle mit dem Tape von „Ace Of Spades“. Seitdem bin ich der Typ mit dem „Krach“. Als ich MOTÖRHEAD zum ersten Mal 1983 auf dem Dortmunder Monsters Of Rock live sah, war es auch genau das, Ex-Thin-Lizzy-Gitarrist Brian Robertson passte nicht. Mein erstes Interview mit Lemmy fand kurz nach den L.A.-Riots am 11. Mai 1992 im Stadtteil Silver Lake statt, es ging um „March Ör Die“, die letzte Scheibe mit Aufnahmen von Phil Taylor und die erste mit Mikkey Dee. Ich war nervös und Lemmy sauer, weil der Fotograf und ich in einer Stretch-Limo der Plattenfirma vorgefahren wurden – das sei kein Rock´n´Roll. Beim zweiten Interview in der Bochumer Zeche im Oktober 2000 (siehe Foto) war er auch erst unwirsch, weil es keinen Alkohol gab, doch nach dem ersten Whiskey-Cola ging es. Das dritte Interview war 2010 am Telefon, meine Freundin lauschte und verstand kein Wort, mein Nachbar erzählte jedem, dass ich mit Lemmy telefoniert habe.           
JÖRG STAUDE

Am bemerkenswertesten fand ich neben Lemmys trockenem schwarzen Humor seine völlig unaufgeregte Art. Er ließ sich von keiner Lobhudelei blenden und schien sich für den fast schon hysterischen Personenkult, der ihn umgab, nicht ansatzweise zu interessieren. So viel Bodenständigkeit und Echtheit suchen ihresgleichen und werden der gesamten Szene fortan schmerzlich fehlen! Welch bittere Ironie, dass ausgerechnet MOTÖRHEAD-Shirts bei Modeketten wie H&M Einzug gehalten haben und sich nun auch Otto Normalos, die außer ´Ace Of Spades´ (wenn überhaupt!) keinen einzigen Song kennen, bemüßigt fühlen, ihrer Trauer medienwirksam Ausdruck zu verleihen. Aber lasst uns nicht darüber ärgern, sondern das Leben feiern und selbst die größte Scheiße mit Humor nehmen, denn so hätte Lemmy es gewollt – schließlich hat er es selbst so getan. Nun stößt er mit Würzel und Phil Taylor an. Wohlsein!
MARCUS SCHLEUTERMANN

Gerne erinnere ich mich an die Fotosession mit Lemmy und Doro am 8. Dezember 2010 in Wiesbaden zurück. Lemmy war extrem gut aufgelegt, so dass er mit Doro zu knuddeln begann und später eine großartige Show mit etlichen seiner humorigen, knochentrockenen Ansagen krönte. Nicht weniger intensiv in Erinnerung ist mir der 8. Juli 2003, als MOTÖRHEAD in der „Harald Schmidt Show“ auftraten. Hinterher hatte unser ehemaliger Chefredakteur Götz Kühnemund noch ein Interview mit Lemmy, bei dem ich einige Fotos schoss. Zuvor hatte ich zufällig einige Minuten allein mit Lemmy, und zwischen uns entwickelte sich spontan ein angenehmes Gespräch, obgleich Lemmy mich zuvor noch nie getroffen hatte. Ein Beweis dafür, dass er kein abgehobener Rockstar, sondern ein freundlicher, geerdeter Mensch war.
Ruhe in Frieden, Lemmy, und danke für deinen Bass!
STEFAN GLAS

„Everything changes, it all stays the same,
Everyone guilty, no one to blame,
Every way out, brings you back to the start,
Everyone dies to break somebody´s heart.“
BORIS KAISER

Bands:
MOTÖRHEAD
Autor:
Alexandra Michels

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