Classic Albums

Classic Albums 22.02.2017

RAVEN - Langsamer, bitte!

1982 war ein gutes Metal-Jahr. Ein exzellentes sogar. Iron Maiden veröffentlichen „The Number Of The Beast" und markieren damit den kommerziellen Höhepunkt der New Wave Of British Heavy Metal. Einige hundert Meilen weiter nördlich nehmen RAVEN im heimischen Newcastle upon Tyne den Nachfolger zu „Rock Until You Drop" auf. In ganzen sechs Tagen Studiozeit.

„Wiped Out" erklimmt zwar Platz 16 der englischen Album-Charts, kann aber „The Number Of The Beast" bezüglich der Absatzzahlen nicht einmal ansatzweise das Wasser reichen. Dennoch schreiben RAVEN mit „Wiped Out" Geschichte: Gemeinhin gelten die zwölf Songs als das erste (Proto-)Speed-Metal-Album. ´Faster Than The Speed Of Light´ nennt sich der Eröffnungssong dieser Jahrhundertplatte, und wer hinter diesem Titel einen Masterplan vermutet, liegt goldrichtig. »Es war tatsächlich unser Ziel, die schnellste und härteste Platte einzuspielen, die es je gegeben hat«, erklärt Bandleader John Gallagher rückblickend...

»Wende dich ruhig an Joe, der weiß alles über das Album, jedenfalls mehr als ich«, witzelt John, als ich RAVEN kurz vor ihrem Auftritt in Berlin backstage zu „Wiped Out" auf den Zahn fühlen will. Jener Joe Hasselvander, der „Wiped Out" als sein persönliches Lieblingsalbum von RAVEN bezeichnet, spendiert erst einmal ein Bier aus dem Kühlschrank. 1982 trommelte er allerdings noch für Bobby Lieblings Pentagram, während ein gewisser Rob „Wacko" Hunter neben den beiden Gallagher-Brüdern das Line-up von RAVEN komplettierte. Mit „Rock Until You Drop" hatten die Geordies 1981 ein erstes unüberhörbares Ausrufezeichen gesetzt. Die Platte erhielt in der englischen Presse vorzügliche Kritiken, die Gebrüder Gallagher bezeichnen ihr Erstlingswerk heute als »ziemlich abwechslungsreich und äußerst ausgewogen«. Laut Sänger/Bassist John gestaltete sich die Ausgangssituation bezüglich des Nachfolgealbums jedoch komplett anders:

»Wir hatten einen gänzlich anderen Ansatz für „Wiped Out". Bei „Rock Until You Drop" hatten wir gar keinen Plan, es fühlt sich für mich heute so an, als ob wir sechs Jahr alt waren, als wir die Platte aufgenommen haben. Die „Wiped Out"-Produktion war hingegen bereits unser zweiter Aufenthalt in einem professionellen Studio – oder was man seinerzeit so als professionelles Studio bezeichnet hat. Nahezu das komplette Material war neu, mit ganz wenigen Ausnahmen: ´Live At The Inferno´ befand sich schon ein wenig länger in unserem Live-Repertoire. Dazu kam noch ´Chain Saw´, das älteste Stück der Platte. Wenn man das Coverfoto von „Rock Until You Drop" genau betrachtet, kann man erkennen, dass ´Chain Saw´ bereits auf der abgebildeten Setlist auftaucht. Abgesehen davon waren allerdings alle anderen Kompositionen der Platte brandneu. Und sie folgten einem ganz bestimmten Muster, einer Art Konzept: Wir wollten absolut keine Kompromisse eingehen und die schnellste Metal-Platte aller Zeiten aufnehmen.«

Mission geglückt. Wie viele andere wahre Innovatoren mussten allerdings auch RAVEN gegen die Ignoranz der breiten Masse ankämpfen. Falsche Zeit, falscher Ort? Im Jahr eins vor „Kill ´Em All" gab es von der wankelmütigen englischen Presse diesmal jedenfalls heftigen Gegenwind für Gallagher/Gallagher/Hunter. Eine ganz neue Erfahrung für die Nordengländer.

»Ganz im Gegensatz zu „Rock Until You Drop" fiel „Wiped Out" bei den Journalisten komplett durch. Die englische Presse hat die Platte einfach nicht verstanden. Es war von „totalem Krach" und „purem Chaos" die Rede. Und das waren noch die charmantesten Umschreibungen der Scheibe. Ich kann mich auch noch sehr genau an eine Situation in Amerika erinnern, als irgend so ein Redneck zu uns auf die Bühne gestürmt kam. Ich dachte, er wollte sich über die Lautstärke beschweren. Doch weit gefehlt. Der Typ flehte uns regelrecht an: „Jungs, bitte spielt langsamer!" Wahrscheinlich hatte er bis dato in seinem Leben nur Lynyrd Skynyrd und AC/DC gehört. Vielleicht waren RAVEN ihrer Zeit doch ein wenig voraus? Wenn man bedenkt, dass Metallica nicht einmal ein ganzes Jahr später „Kill ´Em All" veröffentlicht haben und das Album von allen geliebt wurde... Das war schon ein komisches Gefühl. Aber so spielt halt das Leben. Durch Metallica kam letztendlich die Speed- und Thrash-Welle erst richtig ins Rollen. Wenn man so will, dann haben RAVEN vielleicht wirklich den Weg für Metallica geebnet.
Schon vom ersten Tag an hatten wir irgendwie das Gefühl, dass wir anders sind als all die anderen Bands der New Wave Of British Heavy Metal. Damals hat es sich freilich nicht so angefühlt, als ob wir neue Standards setzen würden. Wenn man das rückblickend betrachtet, dann war es aber wohl in der Tat so. In Newcastle war schon immer das extreme Zeug angesagt, wir nahmen einfach Stücke wie ´Space Station No. 5´ oder ´Highway Star´ und haben sie auf das nächste Level gehievt. Sean Taylor trommelte bei RAVEN, ehe er zu Satan ging – und Satan wurden wenig später ebenfalls als Mitbegründer des Speed Metal bezeichnet.«

Wie bereits der Erstling „Rock Until You Drop" wurde auch „Wiped Out" in den Impulse Studios in Wallsend, einem Außenbezirk von Newcastle, aufgenommen. Als Producer fungierte nicht mehr Steve Thompson, sondern Keith Nichol, der beim ersten Album der Engineer gewesen war (ein gewisser Conrad Lant alias Cronos arbeitete zu jener Zeit übrigens noch als Tape Operator in den Impulse Studios). Mark Gallagher erinnert sich zurück:

»Es war für Keith Nichol der allererste Job als Produzent, deswegen war er massiv unter Druck und für uns am Ende des Tages keine allzu große Hilfe im Studio. Mickey Sweeney bekam für die Platte den Job als Engineer. Von ihm lernten wir viel darüber, wie Songs arrangiert werden, er hat uns ein paar wertvolle Tipps mit auf den Weg gegeben – jedenfalls mehr als Keith. Unser erklärtes Ziel war es, mit „Wiped Out" die Energie unserer Live-Performances einzufangen. Es ist also eine wirklich ehrliche Scheibe. Das Equipment in den Impulse Studios war zudem immer noch ziemlich schäbig, also haben wir einfach versucht, das Beste herauszuholen.«

Während RAVEN musikalisch für „Wiped Out" ein klares Ziel definiert hatten, nämlich schlicht und ergreifend die extremste Metal-Platte aller Zeiten aufzunehmen, entstand das ikonische Cover-Artwork mit den zwei gekreuzten Blitzen eher aus Zufall als dem Muster der „klassischen Reduktion" folgend (wie etwa The Whos „Live At Leeds"). Der ursprüngliche Plan war nämlich eigentlich ein ganz anderer. Der Spielverderber hörte laut John Gallagher auf den Namen Dave Wood und war der Labelchef von Neat Records:

»Der Titel der Platte lautete „Wiped Out", und eigentlich sollte ein Foto einer Nuklear-Explosion das Frontcover zieren. Aber Dave Wood fand diese Idee zu „anstößig" und meinte: „Jungs, das könnt ihr nicht bringen." – „Können wir doch!" – „Könnt ihr nicht, es ist mein Label – Ende der Diskussion!" Dave saß eindeutig am längeren Hebel. Er sperrte mich und Rob Hunter in einen Raum ein und forderte mit Nachdruck: „In einer Stunde habe ich eine neue Coveridee von euch auf dem Tisch." So entstand das Cover von „Wiped Out" – unsere Idee war im Grunde genommen eine ganz andere. Lediglich das Backcover, diese relativ kleinteilige Fotocollage, wurde nach unseren Wünschen in die Tat umgesetzt.«

Johns Bruder Mark kann ebenfalls die eine oder andere Anekdote über Dave Wood zum Besten geben:

»Ein echt schräger Vogel, das kann ich dir versichern. Ein Hans Dampf in allen Gassen. Dave Wood besaß damals die Einstellung eines Kleinkrämers. Und er sah aus wie der Komiker Benny Hill. Eines Tages sollte ich auf dem Weg zum Studio noch schnell Milch holen, damit wir zusammen mit Dave gemütlich Tee trinken konnten. Die Flasche hatte mich zwei Pfund gekostet, und Dave flippte förmlich aus: „Was, so teuer ist Milch geworden? Das ist ja Wucher!" Er hatte nicht den geringsten Plan und natürlich keine zwei Pfund für die Milch in seiner Tasche, ich blieb also auf den Kosten sitzen. Zu unserer ersten US-Tour mit Metallica sind wir mit TWA geflogen. Als Dave den Preis der Tickets sah, ist er fast weinend zusammengebrochen: „Mark, das geht nicht. Bitte ruf bei der Fluggesellschaft an und frag nach, ob die nicht noch was am Preis machen können." Ich dachte echt, er bekommt auf der Stelle einen Herzinfarkt. Dave ist ein Pfennigfuchser, wie er im Buche steht, aber auf der anderen Seite auch ein echt liebenswerter Kerl. Man konnte ihm wirklich nicht lange böse sein. Keine Ahnung, was er mit dem Geld gemacht hat, das er mit RAVEN verdient hat. Wir haben jedenfalls nicht viel davon gesehen.«

Eine Sache kann man Dave Wood jedenfalls nicht absprechen, in Sachen Marketing beschritt der Neat-Boss Anfang der Achtziger komplett neue Wege. Von „Wiped Out" erschienen ein paar ausgewählte Pressungen: etwa die englische Erstauflage mit Textblatt und Poster, die italienische Lizenzpressung auf Base Records mit der Gratis-Single ´Run Them Down´/´Crash, Bang, Wallop´ sowie nicht zuletzt die streng limitierten Ausgaben auf gelbem sowie lila Vinyl. Gerade diese farbigen Pressungen sind es, die Sammler heute noch in den Wahnsinn treiben. Die Auflagenzahlen und die Entstehung jener exklusiven Editionen sind ein noch immer weitestgehend ungelöstes Rätsel. John Gallagher kann zumindest ein wenig Licht ins Dunkel bringen:

»Dave benutzte ein Presswerk hoch oben in Schottland, ganz weit draußen im Nirgendwo, auf der grünen Wiese. Dabei handelte es sich um eine ausgediente Militärbasis. Die Sache fühlte sich irgendwie ausgesprochen konspirativ an. Anfänglich gab es noch gar keine farbigen Pressungen der Neat-Scheiben. Dann aber muss der Typ im Presswerk herausgefunden haben, wie man farbige LPs herstellt, und ließ seiner Fantasie freien Lauf. Dave selbst wusste davon gar nichts. Von ihm stammte aber der Einfall, unserer ersten LP einen Backstage-Pass beizulegen. Keine wirklich gute Idee, denn wir wunderten uns ziemlich schnell darüber, wo bei unseren Live-Auftritten auf einmal die ganzen Leute im Backstage-Bereich herkamen. Und uns das Bier wegtranken. Sie alle benutzten diesen reproduzierten Backstage-Pass von „Rock Until You Drop". Das war vielleicht ein Spaß...«

www.ravenlunatics.com

DAS LINE-UP AUF „WIPED OUT"

John Gallagher (v./b.)
Mark Gallagher (g.)
Rob Hunter (dr.)

FAKTEN, FAKTEN, FAKTEN

Spielzeit: 51:52
Produzent: Keith Nichol
Engineer: Mickey Sweeney
Studio: Impulse Studios, Newcastle upon Tyne

DIE SONGS

Faster Than The Speed Of Light
Bring The Hammer Down
Fire Power
Read All About It
To The Limit/To The Top
Battle Zone
Live At The Inferno
Star War
UXB
20/21
Hold Back The Fire
Chain Saw

DISKOGRAFIE (Studioalben)

Rock Until You Drop (1981)
Wiped Out (1982)
All For One (1983)
Stay Hard (1985)
The Pack Is Back (1986)
Life´s A Bitch (1987)
Nothing Exceeds Like Excess (1988)
Architect Of Fear (1991)
Glow (1995)
Everything Louder (1997)
One For All (1999)
Walk Through Fire (2010)
Extermination (2015)

Bands:
RAVEN
Autor:
Matthias Mader

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