Schwatzkasten

Schwatzkasten 30.09.1998

KING DIAMOND - KING DIAMOND

Niemand eignet sich besser für den "Schwatzkasten" als der "König der flotten Zunge", King Diamond: Die meisten seiner Antworten auf die folgenden Fragen hätten ausgereicht, um die gesamten drei Seiten dieser Rubrik alleine zu füllen! Aber auch die stark gekürzten Statements, die ihr nun vor Augen habt, vermitteln einen Eindruck von der Gedankenwelt des sympathischen Dänen.

Wo fühlst du dich zu Hause?

"In Dallas, Texas, wo ich seit sechseinhalb Jahren lebe. Ich habe hier ein Haus, eine Frau und jede Menge Freunde, werde aber wohl trotzdem immer im Herzen Däne bleiben. Meine Verwandten leben noch in Europa, und ich freue mich natürlich jedesmal auf ein Wiedersehen."

Was hältst du von Patriotismus?

"Ich bin stolz auf meine Herkunft und die Art und Weise, wie ich aufgewachsen bin. Auch wenn ich in Amerika lebe, werde ich nie ein "echter" Amerikaner sein, sondern immer eine starke Verbundenheit zu Dänemark haben. Beim Sport, besonders beim Fußball, kommt das am stärksten zum Ausdruck."

Welche Schulbildung hattest du?

"Nach der Grundschule bin ich aufs Gymnasium gegangen - wenn auch nicht regelmäßig (lacht). Wir hatten damals Fächer wie Hausarbeit im Stundenplan und haben es dann öfter mal vorgezogen, bei einem Kumpel zu Hause alte Mountain-Scheiben zu hören. Ich war nicht gerade fleißig als Schüler, hatte aber trotzdem gute Noten, weil es mir ziemlich leicht fällt, Sachen auswendig zu lernen. So reichte es meist, vor Klassenarbeiten kurz die Hausaufgaben meiner Freunde durchzuchecken. Ich war damals schon großer Fußball- und Musik-Fan, schlug aber zunächst eine Chemiker-Laufbahn ein. Das kostete mich etwa zwei Jahre, nachdem ich das Gymnasium als 20- oder 21jähriger verlassen hatte. Mit 23, 24 hatte ich einen prima Job mit gesichertem Einkommen, aber die Begeisterung für die Musik war inzwischen so stark geworden, daß ich immer größere Zeitprobleme bekam. Also mußte ich mich für eines von beiden - den Chemiker-Job oder die Musik - entscheiden; eine Wahl, die mir nicht besonders schwer fiel. Wir haben ein gutes Sozialsystem in Dänemark, das es mir ermöglichte, mich voll auf die Musik zu konzentrieren. Es gab zwar Tage, an denen ich nicht wußte, ob ich mein letztes Geld für ein Päckchen Zigaretten oder lieber für einen lauwarmen Cheeseburger ausgeben sollte, aber das hat mir im nachhinein das Gefühl gegeben, meinen späteren Erfolg wirklich erarbeitet zu haben. (Die nächsten 15 Minuten des Gesprächs müssen wir hier leider aus Platzgründen überspringen... - Anm. d. Verf.)"

Würdest du dich als belesen bezeichnen?

"Ja, ich habe jede Menge Literatur in mich aufgesogen, aber es gibt ja auch andere Möglichkeiten, sich zu bilden. Die einfachste ist, mit offenen Augen und ohne Scheuklappen durch die Welt zu gehen. Gespräche sind die beste Form des Lernens."

Was ist die wichtigste Erfindung der Menschheit?

"Oh, Gott, das ist schwierig... Es gibt so viele wichtige Erfindungen, die sich später in Katastrophen verwandelt haben. Es scheint, als müßte die Menschheit für jeden sogenannten Fortschritt teuer bezahlen. Wo wären wir ohne Autos oder Elektrizität? Andererseits fallen mir gerade hierzu auch jede Menge negative Folgen ein. Welche Erfindung war also wichtig und ausschließlich gut? Eigentlich nur das Kondom. (Es folgen längere diamondsche Ausführungen über Nuklearwaffen, Autos, Airbags, Überbevölkerung, Religion, Kriege u.v.m... - Anm. d. Verf.)"

Welches war dein Lieblingsspielzeug als Kind?

"Mein Vater hat mir eine Holzstadt gebaut, mit der mein Bruder und ich ständig gespielt haben. Mein Vater war unglaublich. (Es folgt der Lebenslauf des Vaters... - Anm. d. Verf.) Ansonsten habe ich gerne mit Autos gespielt."

Wie bist du erzogen worden?

"Streng, aber gleichzeitig frei - falls das Sinn macht. Mein Bruder und ich sind dazu erzogen worden, uns gut zu benehmen und Respekt vor anderen Menschen zu haben - aber in vielerlei Beziehung hatten wir auch das absolute Vertrauen unserer Eltern. Wir hatten ein ehrliches Verhältnis zueinander."

Wie würdest du deine eigenen Kinder erziehen?

"Mehr oder weniger so, wie ich erzogen wurde, auch wenn die Zeiten heute ganz anders sind. Auf jeden Fall würde ich mich sehr für das interessieren, was meine Kinder denken und tun. Ich würde ihnen viel Zeit widmen."

Welches öffentliche Amt würdest du am ehesten ausüben?

"Ich könnte mir gut vorstellen, Polizist zu sein. (Es folgt ein Vortrag über die Aufgaben, die Probleme, den Sinn und den Unsinn der Polizei am Beispiel einiger US-Cops, die King Diamond auf seinen Tourneen getroffen hat... - Anm. d. Verf.)"

Warst du in der Schule ein Troublemaker oder eher ruhig und schüchtern?

"Mein Benehmen war gut, und meine Mitschüler hatten Respekt vor mir. Wir waren eine Clique von drei oder vier Rockfans in der Klasse, die mehr oder weniger in Ruhe gelassen wurden, solange unsere Noten okay waren. Wir haben unseren Lehrern zwar gelegentlich Streiche gespielt oder den Unterricht geschwänzt, aber ansonsten waren wir eher harmlos."

Hast du als Jugendlicher Drogen genommen?

"Ich habe zweimal in meinem Leben gekifft, mehr nicht. Beim ersten Mal habe ich mich selbst soviel Blödsinn reden hören, daß ich mich schon während des Rausches geschämt habe, ohne mein Verhalten jedoch ändern zu können - und beim zweiten Mal bin ich auf einer Party bedröhnt eingeschlafen. Am nächsten Morgen wachte ich auf, und die Party war zu Ende. Seitdem ist das Thema Drogen für mich abgehakt."

Wann hast du das letzte Mal geweint?

"Das ist verdammt lange her - zu lange, um mich erinnern zu können. (Ungekürzte Antwort! - Anm. d. Verf.)"

Und wann hast du das letzte Mal so richtig laut gelacht?

"Vor zwei Tagen irgendwo auf Tour in Amerika. Wir haben in einem Supermarkt eingekauft und uns ziemlich albern benommen. Dummerweise hat uns einer der Verkäufer erkannt..."

Wie hältst du dich körperlich fit?

"Viele Prince-Zigaretten und noch mehr Kaffee. In puncto Bewegung reichen mir die Auftritte vollkommen. Trotzdem fühle ich mich fitter als zu meiner Fußballer-Zeit. (King Diamond stand mal kurz vor einer Profi-Kicker-Karriere in Dänemark. - Anm. d. Verf.)"

Hast du jemals über ein Leben nach deiner Musikerlaufbahn nachgedacht?

"Es gibt vieles, was ich gerne tun würde: Bücher schreiben, Filme drehen, andere Bands produzieren. Momentan habe ich für sowas leider überhaupt keine Zeit. In meinen alten Job als Labor-Chemiker zurückzukehren, könnte ich mir allerdings nicht vorstellen."

Kannst du aus dem Stegreif zehn US-Präsidenten aufzählen?

"Das ist eine gemeine Frage! Also: Clinton, Bush, Nixon..., Roosevelt, Jackson, Reagan..., Lincoln... und natürlich Kennedy, der wurde ja in Dallas erschossen. Mehr fallen mir im Moment nicht ein..."

Wann geht die Welt unter? Wird Nostradamus (Mai ´99) recht behalten?

"Nein, ich glaube, wir haben noch etwas länger Zeit (lacht). Andererseits: Wenn ich mir die momentane Situation in Rußland ansehe... Wenn die anfangen, ihre Atomwaffen in irgendwelche Krisengebiete zu verkaufen, können wir uns alle warm anziehen."

Wie würdest du einem Außerirdischen die Vorzüge der Erde schmackhaft machen?

"Ich würde ihm schöne Landschaften und alte Schlösser zeigen und ein richtiges mittelalterliches Festmahl für ihn organisieren."

Was würdest du tun, wenn du ohne Geld, Papiere und Sprachkenntnisse in einem fremden Land gestrandet wärst?

"Zur nächsten Botschaft oder zur Polizei laufen."

Welchen Spruch würdest du für die nächste King Diamond- bzw. Mercyful Fate-Anzeige wählen?

"Tough question, man! Keine Ahnung - auf jeden Fall nicht "Mercyful Fate is dead, long live the King!". Das war der dümmste Anzeigenspruch, an den ich mich erinnern kann."

Sind deine Eltern stolz auf dich?

"Mein Vater ist kurz nach dem "Abigail"-Album gestorben, aber er war sehr stolz auf mich - genauso wie meine Mutter, die noch lebt und sogar Gefallen an unserer Bühnenshow findet. Meine Eltern hatten übrigens wie ich viele okkulte Erlebnisse, und wir haben oft über unerklärliche Phänomene gesprochen."

Wie stellst du dir deine Beerdigung vor?

"Darüber habe ich noch nie nachgedacht. Von mir aus können sie mich verbuddeln, vergraben oder sonstwas. Es sind ja sowieso nur Haut und Knochen - alles andere ist zum Zeitpunkt des Todes irgendwo anders. Was mit der leeren Hülle passiert, ist uninteressant."

Wie stehst du zu der Darstellung von Gewalt auf Plattencovern und in Songtexten?

"Für mich persönlich gibt es da stilistische Grenzen, aber die würde ich nie verallgemeinern. Jeder soll tun und lassen, was er für richtig hält. Ich finde es allerdings nicht sehr förderlich für die Phantasie des Hörers, wenn z.B. in den Songtexten alles direkt beim Namen genannt wird. Man kann Horror oder ähnliche Gefühle auch erzeugen, indem man Stimmungen unterschwelliger aufbaut. Der Effekt wird dadurch nur größer. Dasselbe gilt für Plattencover: Es ist absolut unnötig, jedes blutige Detail darzustellen, um einen Effekt zu erzielen. Die Fernsehnachrichten sind sowieso brutaler als jedes Splattercover."

Was würdest du einem jungen Black Metal-Fan raten, der gerade mit einer Schaufel zum nächsten Friedhof schleicht und dabei Mercyful Fate auf seinem Walkman hört?

"Mit dem würde ich ein paar Takte reden... Danach hätte er Respekt vor den Toten!"

Welche drei Alben würdest du auf eine einsame Insel mitnehmen?

"Oh, verdammt, das ist zu schwierig! Meine CD-Sammlung wächst ständig, und ich würde sie nie freiwillig zurücklassen... Na ja, wenn ich mich unbedingt entscheiden müßte, dann vielleicht für die erste Captain Beyond, "Look At Yourself" von Uriah Heep und die erste Lucifer´s Friend. Diese drei Scheiben nehme ich auf jede Tournee mit."

Wieviel Geld müßte man dir bieten, damit du in pinken Bermuda-Shorts - natürlich voll maskiert - auf die Bühne gehst?

"Das könnte niemand bezahlen! Geld interessiert mich nicht genug, um mich dafür zum Affen zu machen."

Auch nicht für ein unveröffentlichtes, megarares Lucifer´s Friend-Album?

"Nein, nicht mal dafür. Keine pinken Bermuda-Shorts!"

Was würdest du gerne im nächsten Leben sein?

"Wenn es dann noch Autorennen gibt, wäre ich gerne Rennfahrer."

Was ist deine größte Charakterstärke?

"Meine Ehrlichkeit. Ich habe noch nie irgendwas getan, wovon ich nicht überzeugt gewesen wäre. Darauf könnt ihr euch verlassen."

Und was ist deine größte Schwäche?

"Gewisse Leute würden sagen, daß ich zu dickköpfig bin - obwohl ich meistens recht habe, haha!"

Was war die größte Dummheit deines Lebens?

"Da gab´s einige... Aber im Endeffekt habe ich immer versucht, daraus zu lernen, so daß die Dummheiten dann doch ihren Sinn hatten. Ich erinnere mich an eine Photosession in England, wegen der ich mal fast meinen Flug nach Dänemark verpaßt hätte. Ich kam viel zu spät am Schalter an und hatte keine Zeit mehr, meinen Koffer rechtzeitig einzuchecken. Ich mußte ihn als Handgepäck mit ins Flugzeug nehmen - was nicht ganz unproblematisch war, weil Handgepäck immer sehr sorgfältig kontrolliert wird und ich mein Knochenmikro im Koffer hatte. Das Ding ist ja bekanntlich echt und nicht aus Plastik, und ich hätte deswegen große Schwierigkeiten kriegen können - aber ich hatte Glück. Niemand hat was gemerkt, und ich konnte unbehelligt ins Flugzeug einsteigen..."

Welche Entscheidung war die wichtigste in deinem Leben?

"Meinen Job für die Musik aufzugeben. In puncto Lebenserfahrung habe ich durch die Musik sehr viel mehr gelernt, als ich jemals in irgendeinem anderen Bereich hätte lernen können. Ich habe viel von der Welt gesehen, viele Länder und Kulturen kennengelernt, viele Extreme - von hungernden Straßenkindern in Brasilien bis hin zu dekadenten Rockstars in Amerika - beobachtet und generell viele unbezahlbare Erfahrungen gemacht."

Was ist der Sinn des Lebens?

"Erfahrungen zu sammeln, die deine Seele vervollkommnen. Ich glaube, daß man hier auf der Erde die gesamte Bandbreite menschlicher Gefühle durchleben muß, was natürlich in einem einzigen Leben nicht möglich ist. Daher glaube ich fest an Reinkarnation. Mein Grundsatz ist: Hör´ auf deine Gefühle und leb´ bewußt, um so viele Erfahrungen wie möglich zu machen."

Bands:
KING DIAMOND
Autor:
Götz Kühnemund

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