Interview

Interview 27.07.2021, 12:14

KHIRKI - Interview mit der Demo-/Eigenproduktionsband 08/21

Das griechische Trio KHIRKI bestehend aus Gitarrist und Sänger Dimos Ioannou, Bassist Orestes Katsaros sowie Schlagzeuger Spiros Stefanis legt auf seinem Debüt-Langspieler "Κτηνωδία" (gesprochen: "Ktinodia") los wie die Feuerwehr und wuchtet mal eben eine der originellsten Heavy-Rock/Metal-Scheiben der jüngeren Vergangenheit auf den Markt. Die Truppe aus Athen prägt ihre Klangbild durch den Einsatz von Percussion-Elementen sowie deutlichen Einflüssen aus dem Balkan-Folk und der griechischen Mythologie. In Kombination mit staubtrockenen Riffs und einer viehischen Energie der Marke Kvelertak, High On Fire und Mastodon ergibt sich ein ebenso eigenständiges wie höllisch mitreißendes Gesamtbild.

Der griechische Albumtitel "Κτηνωδία" wurde vielerorts mit "Brutalität" übersetzt. Das stimmt aber gar nicht, wie der bestens gelaunte KHIRKI-Frontmann Dimos gleich zu Beginn unseres Skype-Gesprächs betont:
»"Ktinodia" ist ein Begriff, den du im Griechischen sagst, wenn etwas so entsetzlich ist, dass es unmöglich ein Mensch getan haben kann. Etwas so Fürchterliches, Animalisches, dass es ein wildes Tier gewesen sein muss. "κτηνος" bedeutet Tier, deshalb heißt das Album "Κτηνωδία".«

Euer Debütalbum ist am 20. Mai erschienen. Wie zufrieden seid ihr mit den bisherigen Kritiken und Rückmeldungen?
»Das Feedback war unglaublich. Ich habe bei keinem anderen Musikprojekt in meinem Leben eine derartige Resonanz erlebt. Am wichtigsten ist, dass die Leute es überall auf der Welt zu verstehen scheinen. Wir sprechen ein breites Publikum an, nicht nur unsere Freunde, Menschen aus Griechenland und Athen. Das macht uns wirklich stolz. Wir haben hart gearbeitet und hatten in der Vergangenheit keinen Erfolg. Dieses Mal hat alles funktioniert.«

KHIRKI existieren erst seit 2019, ihr macht aber schon seit längerer Zeit zusammen Musik, nicht wahr?
»Wir Drei und ein anderer Kumpel von uns hatten eine Band namens Mad John The Wise, mit der wir für sieben, acht Jahre aktiv waren. Danach entschieden wir uns dafür, als Trio weiterzumachen. Wir gaben der Band einen neuen Namen und fingen nochmal ganz von vorne an. Zwischen uns gab es aber natürlich schon eine gewisse Chemie, die im Rock'n'Roll-Kontext sehr gut funktioniert.«

Das hört man "Κτηνωδία" auch an. Ihr vermischt darauf extrem viele unterschiedliche Elemente auf eine sehr natürliche Art und Weise. Habt ihr eine eigene Bezeichnung für eure stilistische Schublade?
»Wenn ich ehrlich bin und es kurz halten soll, würde ich sagen: Metal/Rock/Folk. Das ist alles. Was für eine Art von Metal und Rock? Egal. Welche Art von Folk? Griechischer. Wenn ich es dir pikanter beschreiben soll, würde ich sagen: Anatolisch gewürzter Rock 'n' Roll.«

Du kommst aus Athen. Wie bist du aufgewachsen und wie hast du die härtere Rockmusik für dich entdeckt?
»Meine Eltern sind Musiker. Sie lebten nicht davon, sondern hatten andere Jobs, spielten aber auch in einer Band. Ich bin also schon mein ganzes Leben von Instrumenten, Gitarren, einem Klavier, CDs und Vinyl umgeben. Als Kind bekam ich Klavierunterricht. In der Schule traf ich dann einen Kerl, der ein großer Iron-Maiden-Fan war. Ich hörte damals schon Judas Priest und Metallica und wir fingen an, Alben zu sammeln. Eines Tages probte ich mit ihm zusammen, er hatte einen Bass, eine Gitarre und einen billigen Verstärker mit zwei Inputs. Wir spielten 'Running Free' von Iron Maiden, ein ziemlich einfacher Song für uns Kinder. Aber natürlich ist alles schwierig, wenn du es perfekt spielen willst. Also hörte ich mit dem Klavier auf, konzentrierte mich auf die Gitarre und blickte nie mehr zurück.«

Kamen die Einflüsse aus der anatolischen Volksmusik von deinen Eltern oder hast du sie selbst für dich entdeckt?
»Nein, das habe ich selbst für mich entdeckt, indem ich sehr viel durch Griechenland gereist bin. Meine Mutter mag Soul, RnB und Disko-Musik. Mein Vater ist großer Progressive-Rock-Fan. Die griechischen Folk-Elemente kamen daher, dass ich die griechischen Inseln bereist habe. Ich liebe es, jeden Sommer auf eine Insel zu fahren. All die Feste, die dort gefeiert werden, die Musik, die Aromen, das Essen, der Wein, die Menschen, die du triffst, die Tänze, das ist eine wirklich tolle Erfahrung. Dadurch habe ich mich in diese Art von Musik verliebt. Wenn du Rock 'n' Roll hören willst, dann willst du ein Riff hören und mitsingen. Es gibt aber auch Zeiten, in denen du dir einfach nur eine Zigarette anzünden, ein Glas Wein trinken und an jemand Bestimmtes denken willst. Dann hörst du griechische Volksmusik (lacht). Ich habe festgestellt, dass ich mittlerweile beide Bedürfnisse in mir trage. Warum also keine Band gründen, die diese Dinge zusammenbringt?«

Wie genau nimmst du diese Erfahrungen wahr, wenn du von Insel zu Insel durch Griechenland reist? Was sind die kleinen kulturellen Unterschiede, die du dort erlebst und die dich musikalisch inspirieren?
»Für jemanden, der nicht aus Griechenland kommt, könnte es schwierig sein, die Unterschiede zwischen den Musikstilen der Inseln zu verstehen. Kreta zum Beispiel vereint eine große Familie unterschiedlicher Stilistiken in sich. Wenn du dir Sachen von anderen Inseln der Ägäis anhörst, könnten sie dir etwas melodischer vorkommen. Die Musik der Inseln wird immer schnell gespielt. Es gibt einen bestimmten Teil im Norden Griechenlands namens Epirus. Die Folkmusik dieser Region ist sehr langsam und atmosphärisch. Dabei kommt eine Klarinette zum Einsatz, allerdings mehr auf eine bluesige Art und Weise. Das ist vergleichbar mit Stoner Rock, nur ohne Gitarren. Die Musik im nordöstlichen Griechenland ist auch ziemlich schnell, aber auf eine andere Art. Außerdem haben wir die Musik der 1920er- und 1930er-Jahre in Athen, den Rembetiko. Diese Songs sind krass. Sie handeln von Kriegen, Gefängnisaufenthalten, Drogen und davon, vor der Polizei zu flüchten. Der Song 'The Barkhan Dunes' von unserem Album ist stark vom Rembetiko beeinflusst. 'Medea' wurde von der Folkmusik der Inseln, insbesondere Kreta, inspiriert.«

Welche Instrumente bekommen wir auf "Κτηνωδία" zu hören?
»Ein guter Freund von uns spielt bei den Songs 'Medea' und 'Wolf's Lament' Geige. Ich brachte bei jedem Song außer 'Deadpan' meine Akustikgitarren zum Einsatz und Spiros seine gigantische Sammlung traditioneller Percussion-Instrumente mit ins Studio. Tamburin, Djembé und andere Arten von Trommeln. Manche davon haben eine Lampe im Inneren, die die Felle erwärmen und so den Klang leicht verändern.Wir hatten tatsächlich für jeden Song einen speziellen Plan, welche Instrumente an welche Stelle gehören, damit wir kein Geld und keine Zeit verschwenden.«

Plant ihr, all diese Instrumente auch auf der Bühne zu spielen, oder wollt ihr euch live auf den reinen Rock'n'Roll-Anteil mit Gitarre, Bass, Schlagzeug und Gesang konzentrieren?
»Alle Songs wurden von uns Dreien im Studio komponiert, indem wir mit Gitarre, Schlagzeug und Bass jammten. Das sind die Versionen, die alle in einem Live-Setting erleben werden. Und das hoffentlich bald. Im Studio hingegen kannst du machen, was du willst. Solange es ehrlich ist und den Kern des Songs nicht beeinträchtigt, werden wir versuchen, Magie im Studio walten zu lassen. Live sind wir aber nur ein Rock'n'Roll-Trio.«

Ihr beschäftigt euch inhaltlich oft mit der griechischen Mythologie. Würdest du sagen, dass diese Sagen ein Teil deiner DNA sind, mit dem du aufgewachsen bist?
»Nicht alle unsere Songs basieren auf mythologischen Sagen. Ein Lied wie 'Deadpan' handelt zum Beispiel von persönlichen Gedanken und Sorgen. Diese Sagen aus der griechischen Mythologie und anderen Mythologien sind aber sehr inspirierend für eine Band wie uns. Wenn Musik dich in deinen Gedanken zu anderen Orten und in andere Zeiten reisen lässt, dann können die Texte diese Erfahrung noch verstärken. So ziemlich jeder Grieche kennt diese Geschichten aus seiner Kindheit. Ich habe aber auch einige Recherchen betrieben. Ich habe das hier (er hält einen dicken griechischsprachigen Wälzer in die Kamera)! Das lag nur zufällig gerade neben mir (lacht). Diese Geschichten haben etwas Zeitloses an sich. Medea war eine eifersüchtige Frau, die von Aphrodite verzaubert wurde. Sie war so eifersüchtig, dass sie ihre eigenen Kinder tötete, um Rache an ihrem Ehemann zu üben. Diese Sagen setzen sich mit Emotionen und den Fehlern der menschlichen Seele auseinander.«

Euer Bandname KHIRKI stammt von Kirke, einer Figur aus dem griechischen Odyssee-Epos von Homer.
»Erinnerst du dich noch daran, wie sich die Leute auf einem Festival benehmen? Das Auf- und Abspringen, das Tanzen, das Schreien... ein ziemlich animalisches, instinktives Verhalten. Das ist, was Rock 'n' Roll mit den Leuten anstellt. Als Odysseus' Mannschaft die Insel von Kirke erreichte, bot sie ihnen Wein an, der sie alle in Tiere verwandelte. Wir dachten uns, wenn wir unsere Band nach Kirke benennen, könnte der Rock 'n' Roll für manche Menschen dieser Wein sein.«

Der Opener 'Deadpan' hingegen scheint von unserer aktuellen Situation beeinflusst zu sein – unter anderem fällt das nur allzu bekannte Schlüsselwort "Social Distance".
»Weißt du was? Die Lyrics von 'Deadpan' und von allen anderen Songs schrieb ich ein Jahr vor der Pandemie (lacht). Im März 2019 hatte ich keine Ahnung, was da auf uns zukommt. Im Song heißt es "Social Distance, Passive Existence". Manchmal ist das Leben wirklich verrückt. Ich hoffe mal, dass die Lyrics von 'Stara Planina' nicht auch noch Realität werden.«

Darin geht es um die Zerstörung der Umwelt, richtig?
»Ganz genau. All die bösen Kreaturen der folkloristischen Sagen des Balkans kommen darin vor, Vampire, Werwölfe, Hexen. Ich schrieb den Text über diese bösen Wesen, die schlussendlich aber auch nur zu Opfern der Umweltzerstörung werden. Sogar sie sind am Arsch, wenn die Umwelt zerstört wird.«

Welche Ambitionen hast du mit KHIRKI, wenn du heute in die Zukunft blickst?
»Ich glaube nicht, dass es in der Musik wieder so populäre Bands wie Led Zeppelin, Metallica, oder Iron Maiden geben wird. Mein Traum wäre es, die Welt zu sehen und – wenn wir Glück haben - vielleicht sogar davon zu leben. Das ultimative Ziel für mich ist, die Seelen der Menschen überall auf der Welt mit unserer Musik und unserer Rock'n'Roll-Sprache zu berühren.«

www.khirkirocks.bandcamp.com

www.facebook.com/khirkiofficial

Bands:
KHIRKI
Autor:
Simon Bauer

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