Schwatzkasten

Schwatzkasten 22.04.2009

EMPEROR - Ihsahn

Er hat mit EMPEROR (und weiteren Bands) Black-Metal-Geschichte geschrieben, sich in den letzten Jahren aber eher auf sein Soloprojekt IHSAHN und auf PECCATUM, eine Band, in der er zusammen mit seiner Frau Ihriel spielt, konzentriert: Der norwegische Musiklehrer Ihsahn ist ein interessanter, smarter Typ, der oft und gerne über den Tellerrand hinausblickt.

Was machst du gerade?

»Ich habe gerade zu Hause den letzten Song für mein neues Soloalbum geschrieben, das mich die meiste Zeit über in Beschlag nimmt. Ich habe Demos aufgenommen und freue mich jetzt auf die Produktion.« (Außerdem ist soeben das neue Emperor-Livealbum „Live Inferno“ erschienen. - Red.)

Was war das Dümmste, das du jemals in deinem Leben gemacht hast?

»Wir sind mal mit Emperor - in voller Kriegsbemalung - ins „Kerrang!“-Office in London gestürmt und haben dort als „Gastkritiker“ Singles zerbrochen. Damals hatten wir das Gefühl, auf einer „Mission“ zu sein. Heute finden wir das natürlich ziemlich lächerlich.«

Schämst du dich dafür?

(Lachend:) »Nein. Ich habe zu viel Mist im Leben angestellt, um mich für so was Belangloses zu schämen. Es ist eher lustig.«

Gibt es denn etwas, wofür du dich tatsächlich schämst?

»Ja. Allerdings betrifft das nicht meine Karriere als Musiker. Da hat es zwar auch Dummheiten gegeben - aber keine, für dich ich mich schämen müsste. In meinem Privatleben ist das etwas anderes - aber das möchte ich nicht näher ausführen.«

Wovor hast du Angst?

»Ich habe Angst davor, mich selbst zu enttäuschen.«

Glaubst du an einen Gott oder an eine höhere Macht?

»Nicht so direkt. Das heißt aber nicht, dass ich mich gegen jede Form von Spiritualität sperre. Was ich klar ablehne, ist die organisierte Form von Spiritualität, weil man so etwas nicht verallgemeinern kann und Religion für mich eher negativ besetzt ist.«

Glaubst du an ein Leben nach dem Tod?

»Schwierige Frage. Wenn es so etwas gibt, dann ist es jedenfalls nicht notwendig, sich dafür zu „qualifizieren“, indem man einen bestimmten Gott anbetet. Wichtiger ist es, ein integeres Leben zu führen und bewusste Entscheidungen zu treffen. Wie aber kann ich etwas frei entscheiden, wenn mir womöglich die „ewige Verdammnis“ droht? Es hat wenig mit Selbstlosigkeit oder Stärke zu tun, wenn ich die „richtige“ Entscheidung treffe, um meine Seele zu retten. Wenn ich etwas tue, dann aus Überzeugung und nicht aus Angst oder Egoismus. Natürlich ist das ein Ideal - und zwar eins, das die Menschheit nicht repräsentiert. Im Laufe der Geschichte haben wir nicht unbedingt gezeigt, dass wir in der Lage sind, die richtigen Entscheidungen für uns zu treffen. Es ist ein ewiger Kampf, die eigenen Motive zu hinterfragen.«

Würdest du dich als konservativ oder eher als liberal bezeichnen?

»Ich würde sagen, ich bin beides. In meiner Jugend habe ich gerne das Gegenteil von dem vertreten, was die „normale“ Gesellschaft getan und gedacht hat. Das war schon fast ein Zwang. Es hat mir interessante Perspektiven auf das gesellschaftliche Leben eröffnet und meinen Horizont extrem erweitert. In dieser Hinsicht halte ich mich für weltoffen und liberal. Heutzutage steht die Umschreibung „liberal“ aber für die Akzeptanz der totalen Dekadenz in der westlichen Gesellschaft, die alle Formen der Freiheit für sich fordert - ohne Rücksicht auf Verluste. Wir leben in einer Zeit, in der man nicht unbedingt etwas leisten muss, um als „Persönlichkeit“ zu gelten. Nimm Paris Hilton als Beispiel: Die ist berühmt dafür, absolut nichts zu können oder darzustellen. Etwas so Sinnloses wie „Reality TV“ gilt heute als Unterhaltung. Es ist schon fast beängstigend, wenn man darüber nachdenkt: Die eigene Realität reicht uns nicht. Wir müssen uns auch noch vom Fernsehen weitere Realitäten vorkauen lassen, um „ausgefüllt“ zu sein. Das sagt eine Menge über die Oberflächlichkeit und die Leere unserer Welt. Insofern entdecke ich auch konservative Seiten in mir. Seiten, auf die sich zum Beispiel Nietzsche in „Also sprach Zarathustra“ bezieht.«

Würdest du dich als belesen bezeichnen?

»Ich lese gerne, komme aber leider als Vater von zwei kleinen Kindern zu selten dazu. Meine Frau ist eine richtige Leseratte, die mir ständig gute Bücher empfiehlt - die ich dann leider viel zu selten lese.«

Welches war das letzte Buch, das du gelesen hast?

»Das war ein Gedichtband des norwegischen Dichters Tor Ulven. Außerdem lese ich viele Zeitschriften.«

Worauf bist du besonders stolz?

»Darauf, dass ich seit meinem elften Lebensjahr kein anderes Ziel hatte, als Musiker zu sein. Heute, als 33-Jähriger, bin ich es immer noch und komme damit über die Runden. 1991 hielt ich es für schlau, all meine Energie auf den Black Metal zu konzentrieren - auch wenn die Aussicht auf echten Erfolg gering war. Aber ich hatte Glück und bin immer noch hier. Hätte ich damals auf die Ratschläge anderer gehört, könnte ich dieses Leben heute sicher nicht leben. Andererseits habe ich damals gar keine bewusste Entscheidung getroffen; ich bin einfach einem inneren Zwang gefolgt. Es gab keine andere Option.«

Was ist das Schlechteste daran, Musiker zu sein?

»Die Tatsache, dass man von allen öffentlich bewertet wird - besonders im Internet-Zeitalter. Über alles und jeden gibt es unendlich viele Meinungen. Ich bin derjenige, der Herz und Seele investiert - aber andere urteilen darüber. Nicht, dass ich mir nicht bewusst wäre, dass jedes veröffentlichte Stück Musik diesem Schicksal ausgesetzt ist - aber der Vorgang des Komponierens darf nicht davon betroffen sein. Ich bin in der glücklichen Lage, frei arbeiten zu können, weil genügend Leute meine Musik mögen. Das weiß ich zu schätzen. Das Prinzip bleibt aber auch ohne Erfolg das gleiche: Niemand „besitzt“ meine Musik. Niemand hat das Recht, zu sagen, wie Musik klingen „darf“ oder „muss“. Früher hat es mich frustriert, wenn uns die Leute vorschreiben wollten, was EMPEROR zu tun und zu lassen haben. Heute mache ich einfach nur noch Musik - und die gefällt oder gefällt nicht. Das sagt aber nichts über Qualität aus. Musiker sind nicht wie Sportler, die man objektiv bewerten kann: Wer zuerst das Ziel erreicht, ist der Beste. Die Klasse von Musik ist subjektiv. Das ist ja das Faszinierende: Jeder hat eigene Gefühle; was ich empfinde, ist nicht ausschlaggebend dafür, was jemand anderes beim Erleben von Musik empfindet.«

Was war das dümmste Gerücht, das du jemals über dich gehört hast?

»Ich kann mich an einen Tag erinnern, als ich gerade auf dem Weg zum Gitarrenunterricht war. Mein Freund Garm von Ulver rief mich an und war völlig aus dem Häuschen, als er meine Stimme hörte. Er hatte im Internet gelesen, dass ich bei einem Autounfall ums Leben gekommen sei. Zwei Minuten später rief Magus von Necromantia an, um zu sehen, ob ich noch lebe. Das war schon ein komisches Gefühl.«

Gibt es jemanden, den du hasst?

»Ja, den gibt es. Aber ich will nicht verraten, um wen es sich handelt. Nur so viel: Es ist kein Musiker.«

Was würde dir besonders viel Mut abverlangen?

»Der erste Solo-Auftritt ohne EMPEROR hat mich viel Mut gekostet. Ich wollte zuerst überhaupt nicht live auftreten, habe es dann aber doch getan. Das war nicht einfach. Generell gesehen habe ich früher öfter Angst vor bestimmten Situationen gehabt als heute. Als Erwachsener lernt man, nicht zu sehr über bestimmte Dinge nachzudenken.«

Was ist deine größte charakterliche Stärke?

»Das ist ein zweischneidiges Schwert. Ich bekomme oft zu hören, dass ich eine angenehme Person bin, in deren Gegenwart man sich wohlfühlt. Ich bin freundlich und setze erst mal das Beste in anderen voraus. Natürlich kann diese Freundlichkeit auch ins Negative kippen und in Naivität umschlagen. Dann werde ich enttäuscht. Das ist mir schon einige Male passiert und hat mich wütend gemacht. Meine vielleicht beste Charaktereigenschaft, meine Gutmütigkeit, hat also auch eine Kehrseite.«

Gibt es eine deutlichere Schwäche an dir?

»Ich bin so fixiert auf meine Musik, dass ich die praktischen Dinge des täglichen Lebens ständig vernachlässige. Wenn sich mehr als drei unbeantwortete E-Mails in meiner Mailbox befinden, fühle ich mich bereits unter Stress gesetzt. Das macht es den Menschen in meinem direkten Umfeld nicht gerade einfach, mit mir zu arbeiten.«

Was ist das Wichtigste für dich im Leben neben der Musik?

»Meine Familie natürlich. Meine Frau und meine beiden Kinder.«

Welches ist die übelste Band aller Zeiten?

»Da gibt es mehrere norwegische Bands, die mir gerade einfallen, die in Deutschland aber niemand kennt... Generell mag ich keine „lustigen“ Bands, die oft einfach nur pubertär auf mich wirken. Ich glaube auch, dass „lustige“ Bands vor allem von Musikern gegründet werden, die sich nichts zutrauen und sich hinter einem „witzigen“ Bandnamen oder Image verstecken. Wenn sie nicht gut genug sind, können sie so tun, als hätten sie sich ja selbst nie ernst genommen. Anders ist es mit echten Musikern, die ihr Talent in seriösen Bands bewiesen haben und dann ein weniger ernstes Nebenprojekt starten wollen, um etwas Abwechslung in ihren Alltag zu bringen.«

Welches war die dümmste Frage, die dir jemals in einem Interview gestellt worden ist?

(Lachend:) »Alle Fragen in der Art von „Betest du Satan an?“. So etwas bekommt man als Black-Metal-Musiker natürlich immer mal wieder zu hören.«

Welche drei Wünsche würdest du dir gerne erfüllen?

»Das ist zu schwierig zu beantworten... Da fällt mir eine „Akte X“-Episode ein, in der jemand drei Wünsche frei hatte. Der erste Wunsch war: Frieden auf Erden. Der Wunsch wurde erfüllt - und plötzlich war die Erde menschenleer.«

Mit welcher Figur der Zeitgeschichte würdest du dich gerne unterhalten?

»Nietzsche vielleicht - obwohl es angesichts seiner Lebensumstände wahrscheinlich ganz gut ist, ihn nur aus seinen Büchern zu kennen...«

Bands:
EMPEROR
Autor:
Götz Kühnemund

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