Vorwort

Vorwort 29.08.2012

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Hallo Freunde!

Die meisten werden inzwischen von dem Vorfall gehört haben, der sich gegen Ende des Auftritts von The Devil´s Blood auf dem letzten Bang-Your-Head-Festival abgespielt hat: Gitarrist Selim fühlte sich von einem störenden Fan, der ihm wild hampelnd beide Mittelfinger entgegenstreckte, derartig provoziert, dass er ihn mit drei gezielten Faustschlägen ins Krankenhaus beförderte (s.a. Bang-Your-Head-Review in diesem Heft). Im Anschluss an das Festival brach ein Sturm der Entrüstung los, und auch wir wurden immer wieder aufgefordert, klar Stellung zu beziehen - was ich hiermit tun will:

Ich bin zunächst mal der Meinung, dass Gewalt keine akzeptable Lösung im Umgang mit „störenden Fans“ ist und will hier auch nichts verharmlosen. Selims Reaktion ist vollkommen überzogen und deswegen auch nicht „richtig“. Darüber kann es keine Diskussion geben. ABER: Der angegriffene Fan, ein langjähriger Rock-Hard-Leser, der sich inzwischen bei uns (und auch anderen Medien) gemeldet hat, ist kein unschuldiges Opfer. Er hat das Konzert bewusst und in sehr deutlicher Weise gestört (es existiert ein YouTube-Mitschnitt davon) und musste mit einer Reaktion rechnen. Gerade bei einer Band wie The Devil´s Blood, die eine beinahe sakrale Atmosphäre bei ihren Konzerten aufbaut, empfindet es kein Zuschauer (uns eingeschlossen) als zumutbar, in derartiger Weise gestört zu werden. Eine „positive Anmache“, die der verprügelte Fan im Nachhinein in sein Verhalten hineininterpretieren will, ist da nicht zu erkennen. Vielmehr handelt es sich hier um das Zeigen von klarer Ablehnung - mit dem Ziel, andere Fans zu ähnlichen Reaktionen zu animieren oder ihnen zumindest den Genuss der Show zu verderben. „Warum spielt diese Band, der ohnehin viel zu viel Aufmerksamkeit geschenkt wird, hier? Ich will nicht, dass solche Musiker und ihre Fans, mit denen ich mich nicht identifizieren kann, MEIN Festival unterwandern!“ Das ist die Message, die bei mir - und fast allen Augenzeugen, die ich gesprochen habe - angekommen ist. Es geht um die Grundsatzfrage: Dürfen Bands wie The Devil´s Blood, die inhaltlich der Friede-Freude-Eierkuchen-Mentalität harmloser, angepasster Bands entgegenstehen, auf einem Festival wie dem Bang Your Head überhaupt spielen? Aus Sicht der „Heavy-Metal-Hobbits“, die ihr Entertainment sauber, sicher, ungefährlich, poliert und harmlos mögen, sicher nicht. The Devil´s Blood sind moralisch für solche Fans nicht tragbar. Das darf man sicher auch so sehen (selbst beim Rock Hard gibt es „Hobbits“, für die der Heavy Metal in seiner rebellischen Attitüde nicht über Blind Guardian hinausgehen sollte, und auch wir streiten intern oft über das Thema „Authentizität“) - aber man muss diese Einstellung nicht während eines Konzerts in der ersten Reihe plakativ zur Schau stellen und bewusst damit provozieren.

Andererseits ist es genauso wenig vertretbar, wenn die „Gegenseite“ einen Vorfall wie diesen nun zum Anlass nimmt, den Metal wieder „echt“, „gefährlich“, „rebellisch“ und „gewaltbereit“ zu machen. Da waren wir Anfang der Achtziger schon mal, und da wollen wir bestimmt nicht wieder hin. Die Diskussion, die nun in zahlreichen Internetforen entbrannt ist, steigert sich immer mehr zu einer ideologischen Auseinandersetzung zwischen zwei Arten von Metal-Fans, und das kann niemandem recht sein. Metal ist so vielfältig, so durchmischt und inhaltlich so wenig eingrenzbar wie alle anderen kulturellen Bereiche des Lebens auch.

Es ist zwar richtig, Metal grundsätzlich als Lebenseinstellung zu sehen - aber mit welchen Mitteln dieses Leben gelebt und zur Schau gestellt wird, das bleibt jedem selbst überlassen. Der kleinste gemeinsame Nenner ist die Freiheit des Individuums. Aber jeder empfindet, lebt und verteidigt Freiheit anders. Dass das grundsätzlich gewaltfrei passieren sollte, dürfen wir uns wünschen - auch wenn es dafür leider keine Gewähr gibt.

Deshalb: Behaltet Eure Einstellung, verteidigt sie - aber fangt nicht an, „Grundsatzdiskussionen“ in der ersten Reihe bei einem Konzert zu führen.

Autor:
Götz Kühnemund

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