Kolumne

Kolumne 29.08.2012

Grenzenlos geisteskrank

Als Schatzgräber des Undergrounds macht man die schrägsten Erfahrungen und wird mit den verrücktesten Angeboten konfrontiert. Jeden Tag stehst du vor dem Spiegel und horchst beim Zähneputzen in dich hinein: Wie weit darfst du bei deiner Jagd nach seltenem Vinyl gehen? Muss es die 7“ von Dead Lord und die „Elizabeth“ von Ghost unbedingt in rotem Vinyl sein, oder reicht nicht auch das kleine Schwarze? Selbst für Chefarchäologe Boris Kaiser, der die gleichermaßen erotische wie neurotische Sammelmanie mit einer großangelegten, täglichen „Flucht in Sachwerte“ zu entschuldigen versucht und für Tonträger jeglicher Art im Wettstreit mit Götz und Himmelstein die Kreditkarte an sieben Tagen pro Woche fixsternartig aufglühen lässt, gibt es Grenzen. 

Aber wie definiert man Grenzen? Ganz einfach: Grenzen werden dann erreicht, wenn diverse Offerten oder Geschäftspraktiken grenzenlos geisteskrank oder grenzenlos ausbeuterisch sind.

Stellt sich die Frage, ob folgendes Angebot des amerikanischen Undergroundlabels Pesante Urfolk in die erste oder zweite Kategorie gehört: Das dritte Album der apokalyptischen US-Band Hell (nicht mit den gleichnamigen Monty-Python-Metallern zu verwechseln!) erscheint in Form einer Vierfach-Picture-Disc-Trilogie-Box („Vierfach“ und „Trilogie“ in einer Wortkette; ist das nicht total verrückt?), limitiert auf 172 Exemplare. Zeitgleich wird es ein „Compendium“ geben, das aus allen bisherigen Alben (Originalpressungen), der oben genannten Trilogie-Box, einer weiteren 12“, einer LP mit unveröffentlichten Bonustracks sowie diversen anderen Extras besteht. Das Gesamtwerk ist selbstredend handgemacht, mit echtem Blut künstlerisch befleckt sowie mit schwerem Schloss nebst Schlüssel versehen. Preis: 500 Dollar.

Von insgesamt 23 Einheiten des „Compendiums“ sollen ganze 13 veräußert werden. Wer sich eine Kopie sichern will, muss den Labelbetreiber mit Hilfe eines Geschenks glücklich machen, und zwar entweder

  • mit dem Buch “The Occult Reliquary Images And Artifacts Of The Richel-Edlermans Collection”, Special Edition in scharlachrotem Marokkoleder, limitiert auf 100 handnummerierte Kopien
  • oder mit einem echten Menschenschädel (intakt, kein medizinischer Schädel!).

Zwar hat sich Herr Kaiser im Baumarkt einen Spaten und eine Grubenlampe gekauft, um eine nächtliche Wühlmausaktion auf dem städtischen Friedhof Dortmund zu starten, aber „500 Dollar sind dann doch etwas happig“.

Kommen wir zu einem zweiten Beispiel - oder besser einer Beispielkette: Seit Jahren treibt das englische Label Rise Above Records eine durch und durch zweifelhafte Veröffentlichungspolitik immer mehr auf die Spitze: Einerseits ruft man für stinknormale LPs Preise von 23 bis 25 Euro, für sogenannte Die-hard-Versionen gar 35 Euro auf, andererseits wirft Labelboss Lee Dorrian im Eiltempo eine „Limited Edition“ nach der anderen auf den Markt, die teilweise bereits einen Monat vor ihrem offiziellen Veröffentlichungsdatum bei eBay landet und dort absolute Nonsenspreise erzielt. Jüngstes Beispiel: Eine von mittlerweile fünf LP-Editionen der Newcomer Uncle Acid And The Deadbeats, clear Vinyl, angeblich auf 100 Einheiten limitiert, nach zwei Minuten ausverkauft. Höchstgebot bei eBay für eine Schallplatte (vier Wochen vor Veröffentlichungsdatum): 450 englische Pfund. Seltsamerweise stammte der Anbieter, wie ein großer Teil der eBay-Verkäufer von Rise-Above-LPs, aus England. Die Plattenfirma wird doch wohl nicht selber? Ein Schelm, wer Böses dabei denkt...

Manche Insider denken dabei verdammt viel Böses, und so kommt es nicht von ungefähr, wenn in der Szene mittlerweile ein T-Shirt mit einer Adaption des „Rise Above Records“-Logos kursiert. Der Aufdruck lautet: „$INK B€£OW RECORDS“.

PS: Fehlt eigentlich nur noch, dass 1.000 LPs in 1.000 verschiedenen Farben für einen Stückpreis von 1.000 Euro verhökert werden. Aber das wird sicherlich noch kommen...

Autor:
Wolf-Rüdiger Mühlmann

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