Interview

Interview 16.12.2019, 11:56

GRACCHUS - Interview mit der Demo-/Eigenproduktionsband 01/20

Ernsthaftigkeit und Spaß gehen bei den vier Jungs von GRACCHUS Hand in Hand. Im Gespräch mit dem gut gelaunten Quartett wird deutlich, dass existentialistische Gedanken zu Leben und Endlichkeit eine ebenso große Rolle in der Bandphilosophie spielen wie moderne Cartoons und Spaß an Improvisation. Der Tipp des Monats im Januar 2020 gewährt in Form von Frontmann Bernhard Schnellmann (Gesang/Gitarre), Allan Murphy (Drums/Gesang), Marcel Bütikofer (Bass/Gesang) und Jeff Elrose (Gitarre/Gesang) tiefere Einblicke ins Songwriting und rät dazu, das Leben in vollen Zügen zu genießen.

Jungs, starten wir doch mit einer Frage zum Bandnamen: Eure Homepage verrät, dass ihr bei der Gründung von GRACCHUS im Jahr 2015 die Kurzgeschichte „Der Jäger Gracchus“ im Hinterkopf hattet. Was verbindet ihr mit Kafka?

Bernhard: »Ich finde die Geschichte grundsätzlich erstmal sehr interessant zu lesen. Das ist mal eine schöne Alternative: Man versucht grundsätzlich oft, immer alles schönzureden, aber mit Kafka gibt es immer noch eine weitere Dimension, sich selbst zu finden. Viele Leute finden, es handle sich dabei um eine gewisse Depression oder etwas Negatives, aber ich empfinde das nicht so. Ich finde, man kann auch die Schönheit im Dreckigen finden. Diese Analogie finde ich bei Kafka ziemlich gut. Wie man ja an unserem Namen sieht, ist besonders die Kurzgeschichte vom Jäger Gracchus hängengeblieben (er lacht). Die finde ich auch ziemlich cool, wenn man sie einfach mal auf die heutige Zeit anwendet: Alle wollen immer die Unsterblichkeit erlangen und erreichen, dass alles endlos weitergeht. In der Geschichte geht es darum, dass der Jäger gestorben ist, auf einem Floß gelandet ist, sein Boot in die falsche Strömung geraten ist und er so auf ewig die Welt bereist. Der Jäger ist davon eigentlich ziemlich gelangweilt und empfindet es nicht als schön, dass es für ihn kein Ende gibt. So kamen wir zu unserem Namen: Das Schöne am Leben ist zu wissen, dass es auch endet. Das ist allerdings eine Erinnerung, kein Mahnmal (er lacht). Man sollte das Leben so leben, wie man will und nicht immer nur darauf schauen, möglichst ewig zu leben oder das Leben künstlich zu verlängern. Ich will es viel lieber kurz und knackig halten und so ausrichten, dass ich am Ende nichts bereue.«

Wie läuft bei euch in der Band der Songwriting-Prozess normalerweise ab? Gibt’s da bei euch irgendwelche bestimmten Abläufe oder ist alles eher Freestyle?

Bernhard: »Das ist eher Freestyle. Für das aktuelle Album haben wir uns erstmal alle getroffen – außer Jeff, der ist dann später in die Schweiz gekommen – und hockten zwei Wochen im Bandraum zusammen. Wir haben uns täglich getroffen, da hat jeder schon mal seine kleinen Ideen mitgebracht und wir haben etwas gejammt. In dem Prozess haben wir uns dann also ergänzt. Es wird auf jeden Fall alles im Plenum geformt, was wir machen. Dadurch, dass jeder seine Ideen mitbringt, haben die Songs dann nachher alle verschiedene Hintergründe. Manche mögen mehr Old-School-Metal, andere stehen eher auf Ur-Funk oder Alternative Rock. Wir haben alle unsere Lieblingsbands und deshalb war es uns von Anfang an enorm wichtig, dass jeder seinen Viertel-Anteil mitbringt und diese Viertel dann zusammen ein Ganzes bilden. Jeder bringt sich mit ein, damit die Musik nicht eintönig wird.«

Das coole Artwork erinnert mich spontan ein bisschen an Alben-Cover von Baroness – wenn man das Bunte herausnehmen würde. Wer ist dafür verantwortlich?

Bernhard: »Wir wussten, dass wir es dieses Mal nicht selber zeichnen beziehungsweise machen wollten, wie das noch bei den EPs der Fall war. Wir dachten uns: „Ok, die Musik ist gut, wird also Zeit, dass wir dazu auch ein entsprechend gutes Cover bekommen.“ Wir haben auf Instagram die Künstler-Page von „Drowned Orange“ gefunden und waren so hin und weg, dass wir sie gleich kontaktiert haben. Sie kommt aus Hamburg, das war dann auch noch direkt gut für die globale Vernetzung (er schmunzelt). Sie hat uns dann ein paar Vorschläge geliefert und uns hat besonders diese reduzierte Optik gut gefallen. Wir haben der Künstlerin auch Lyrics und Early Cuts vom Album geschickt, damit sie sich davon etwas inspirieren lassen konnte. Das hat in jeder Hinsicht ziemlich gut gepasst. Das Album ist auch so konzipiert, dass es nicht immer eine totale Reizüberflutung sein sollte. Natürlich soll den Käuferinnen und Käufern auch immer die Möglichkeit gegeben werden, etwas reinzuinterpretieren. Das Cover entspricht meiner Ansicht nach auch total dem Leitsatz, dass nicht alles von allein gegeben wird, sondern dass man auch eigene Emotionen und Gedanken reinstecken kann.«

Was flüstern die 'Whispers' am Anfang und in der Mitte von Track Nummer zwei auf „Murder Party“? Und wer war hier der „Flüsterer“?

Alle lachen. Bernhard:»Das erklärt Dir am besten mal Jeff.«

Jeff: »Am Anfang haben wir da alle erstmal Lyrics vorgelesen, die es letzten Endes nicht regulär aufs Album geschafft haben. Für den Breakdown wollte ich das Ganze noch ein bisschen spaßiger machen und habe mich nach witzigen Sounds und Zitaten aus der Show „Rick & Morty“ umgesehen. Mein kleiner Bruder und ich stehen einfach total auf so witzigen Kram und schicken uns gegenseitig auch immer so bekloppte Sprachnachrichten. Ein Teil der 'Whispers' besteht also auch einfach aus dem ganzen dummen Scheiß, den mein Bruder so von sich gibt (er lacht). Er ist definitiv ein bisschen durchgeknallt.«

Pantera werden laut eurer Website als einer eurer Einflüsse gelistet. Da ist es doch sicher kein Zufall, dass ein Song auf dem neuen Album den Titel 'My Love' trägt, oder?

Bernhard: »Das war tatsächlich reiner Zufall, wir haben da überhaupt nicht drauf geachtet und dann auch erst im Nachhinein gemerkt, das ja ein gewisser Pantera-Song so ähnlich heißt…«

Jeff: »Man muss Dimebag Darrell einfach lieben.«

Bernhard: »Große Denker denken oft ähnlich (alle lachen). Die Titel der Songs wurden alle erst beschlossen, als die Lieder fertig geschrieben waren. Es gab also ziemliche Diskussionen, wie die Tracks heißen sollten. Wir hatten einige richtig furchtbare Ideen.«

Jeff: »Einer der Songs hieß mal 'Generic Trash'.«

Bernhard: »Das muss man mal kurz erklären: Als ich die Datei speicherte, war der Song sowas von nicht generisch. Es war alles total zufällig und passte hinten und vorne nicht zusammen, dass wir uns alle einig waren: Japp, das ist 'Generic Trash'.«

Jeff: »Der Song hieß dann auch lange nach seiner Fertigstellung noch so. Mit dem Titel haben wir den Track sogar ins Mastering geschickt (alle lachen).«

Habt ihr noch weitere Titel im Kopf, die es letzten Endes nicht aufs Album geschafft haben?

Bernhard: »Da gab es ungefähr hundert verschiedene Arbeitstitel.«

Jeff: »Da waren unter anderem 'Fuck Whatever', 'Punch Something'… Wir haben teilweise einfach mehr und mehr Wörter reingepackt und das ganze wurde immer lächerlicher.«

Bernhard: »Wir konnten irgendwann die ganzen Songs kaum noch wiederfinden, weil es jedes Mal neue Titel gab.«

Jeff: »Der wichtigste Arbeitstitel war vermutlich derjenige für den Song 'Spilled Remains', weil der uns dann zum Albumtitel geführt hat. Der Breakdown am Anfang vor der ersten Strophe war ein Teil, wo wir uns einfach gegenseitig immer weiter pushten, schneller und tighter zu spielen. Man bekam da fast ein Gefühl, als wollte man jemanden umbringen. Deswegen hieß der Track sehr lange 'Murder Song'. So kamen wir dann zur „Murder Party“. Hier kommt einfach die Mischung aus Ernsthaftigkeit und Spaß in unserer Musik zusammen.«

Alle von euch tragen auf „Murder Party“ Vocals bei. Wer ist für die immer wieder vereinzelt wiederkehrenden Growls verantwortlich?

Jeff: »Die meisten „fiesen“ Growls gehen auf mich zurück, zum Beispiel in 'Living For Too Long' oder am Ende von 'My Love'. Aber ich glaube, wir alle haben auf dem Album auch mal Growls im Background abgeliefert.«

Marcel: »Ich habe nicht gegrowlt…«

Bernhard: »Beim nächsten Mal darfst du auch growlen.«

Stilistische Grenzen scheinen bei euch nur zu existieren, um gebrochen zu werden. Gibt es irgendwelche musikalischen Elemente, an die ihr euch grundsätzlich nicht heranwagen würdet?

Allan: »Country! Moderne Country-Musik!« (Alle lachen)

Jeff: »Beim nächsten Album gibt’s dann Country-Breakdowns.«

Bernhard: »Klassische Country-Musik ist ja cool, moderne aber eher nicht.«

Jeff: »Sowas würde bei uns vermutlich nur schwer reinpassen. Aber wir würden vermutlich nie mit dem Ansatz rangehen, etwas grundsätzlich auszuschließen. Würden wir einen modernen Country-Pop-Song finden, der uns allen gefällt, kommt der Einfluss natürlich mit ins verdammte Songwriting.«

Bernhard: »Wenn es zum Song passt, kommt es mit rein. Man kann dann nicht immer sagen, dass man das auf keinen Fall machen will, sonst limitiert man sich direkt von Anfang an. Also: Limitiert euch nie selbst! Bleibt immer offen für Neues!«

Marcel: »Jeder von uns ist interessanten Ideen gegenüber ziemlich aufgeschlossen. Was wir also machen, ist letzten Endes also die Musik, die wir auch selber gerne hören. Es gibt da kaum Einschränkungen.«

Bernhard, in 'The Plug' singst du im Refrain „Let the machine take control of me“. Denkt ihr, es wäre manchmal angenehmer, wenn der Körper einfach in den Autopilot-Modus schalten könnte?

Bernhard: »Bestimmt. Hier haben wir auch wieder den Brückenschlag zum Jäger Gracchus. Beim Konzept der Unsterblichkeit folgt alles immer wieder den gleichen Mustern. Will man wirklich im Autopiloten-Modus unterwegs sein? Lebt man überhaupt richtig im Autopiloten-Modus? Das stumpft einen emotional nur ab und ist letzten Endes auch langweilig. Das ist hier im Lied also definitiv eher kritisch zu verstehen. Klar, jeder Mensch funktioniert in bestimmten Lebensbereichen immer wieder im Autopiloten-Modus, aber man lebt nur richtig, wenn man jeden Moment im Leben auch bewusst wahrnimmt.«

Jeff: »Bei dem Song kommt natürlich auch der Gedanke an die sehr aktuelle Thematik künstliche Intelligenz auf. Aber natürlich geht es auch einfach darum, dass jeder von uns immer mal wieder in seine täglichen Routinen gerät. Man sollte sich einfach auch mal zurücknehmen und den Augenblick genießen.«

Bernhard: »Manchmal ist auch einfach der „Old-School“-Weg der schönste, weil der dir von niemandem diktiert wird.«

Wer von euch ist der „verlorene Wanderer“, der gegen Ende von 'A Lost Travellor’s Guide' lacht?

Allan: »Das bin ich! Ich muss einfach auf jedem Album lachen!«

Jeff: »Er muss einfach immer mal wieder seinen Wahnsinn rauslassen.«

Allan: »Ich wusste gar nicht, dass das Mikrofon an war (lacht).«

War es von Anfang an beabsichtigt, dass das Album mit 'Living For Too Long' und 'Spilled Remains' von den beiden längsten Songs der Platte umrahmt wird?

Bernhard: »Ich würde sagen, dass war irgendwie sowohl geplant als auch unbeabsichtigt. Jeff hatte das Intro zu 'Living For Too Long' schon länger geplant. Das liefert einfach schon mal einen guten Eindruck, was einen auf dem Album erwartet. 'Spilled Remains' hingegen war der erste Song, an dem wir gearbeitet haben.«

Jeff: »Das Eröffnungsriff war quasi die erste Warm-up-Übung fürs Album. Wir vier Idioten saßen einfach zusammen und hatten noch keinen richtigen Plan, wo die Reise hingeht. Wir haben einfach auf unseren Instrumenten rumgedudelt, überhaupt nichts Produktives auf die Reihe bekommen und Bernhard spielte dieses Riff, dass einfach cool klang.«

Bernhard: »Es war also nicht geplant, dass das der letzte Song werden sollte. Das hat sich dann einfach stimmungsmäßig beim Songwriting-Prozess so ergeben. In dem Prozess wurde das Lied dann auch immer länger. Unserer Ansicht nach war der Track dann einfach super als Abschluss des Albums geeignet.«

Spontane Antwort: Wer müsste bei euch vorbeikommen, damit eine Party zur „Murder Party“ wird?

Bernhard & Jeff: »Auf jeden Fall Marilyn Manson!«

Jeff: »Der vorhin erwähnte Rick Sanchez (aus der Sendung „Rick & Morty“ – lh) müsste auch auf jeden Fall dabei sein.«

Bernhard: »Und Bojack Horseman (Titelfigur der gleichnamigen Sendung – lh)!«

Jeff: »Bojack Horsemann würde einfach das ganze Bier wegtrinken. Natürlich müssten auch Typen wie Leatherface oder Jason Voorhees dabei sein. Eins der ursprünglichen Konzepte fürs Albumcover war auch ein übertrieben buntes, cartooniges Gemälde, das lauter süße Tiere und Geschöpfe zeigt, die sich alle gegenseitig umbringen.«

Bernhard: »Wir haben dann aber entschieden, dass wir dem Albumtitel nicht nur eine Leseart geben wollten. Es sollte nicht nur um eine Party gehen, wo sich alle gegenseitig umbringen. „Murder“ beziehungsweise „killing it“ kann ja im Englischen auch positiv ausgelegt werden, also im Sinne von „eine gute Zeit haben“. Deswegen haben wir uns dann ein bisschen von der Idee der Cartoon-haften Party verabschiedet.«

Jeff: »Hinter dem Titel und dem Albumkonzept sollte etwas mehr Eleganz stehen, da hätte das bunte Cover dann nicht mehr gepasst.«

Würdet ihr zum Abschluss noch gerne etwas los werden?

Jeff: »Bitte kauft das verdammte Album (alle lachen)! Aber nicht nur kaufen, sondern nehmt euch auch die Zeit, das Album in aller Ruhe zu hören.«

Bernhard: »Wir sind sehr, sehr dankbar dafür, der „Tipp des Monats“ zu sein und auch schon für unsere letzten EPs so viel Unterstützung erhalten zu haben. Wir hoffen, das nächste Album schafft es dann zum „Album des Monats“ (lacht).« 


www.gracchus.net

www.facebook.com/gracchusband

Bands:
GRACCHUS
Autor:
Lukas Höpfner

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