Titelstory-Blog

Titelstory-Blog 01.09.2021, 09:59

DIO - Das Ende ist nur ein Anfang

Die lange angekündigte Autobiografie von Ronnie James Dio ist da – und welch große Lücke der gigantische Sänger in der Szene beziehungsweise unseren Herzen hinterlassen hat, wird in Gesprächen mit Weggefährten wie Tony Iommi und Vinny Appice wieder offenbar.

„Cry out to legions of the brave / Time again to save us from the jackals of the street / Ride out, protectors of the realm / Captain´s at the helm, sail across the sea of lights“. Ist es pathetisch, eine DIO-Story mit diesen gleichnishaften Zeilen zu beginnen? Ganz bestimmt! Aber war der kleine Mann mit der großen Stimme nicht ein Ritter des Regenbogens? Ein Vorkämpfer für seine Musik, für die Fantasie, für den Metal? Gegen das Grau des Alltags, dem er vor allem lyrisch, aber manchmal auch mit Schild und Schwert bewaffnet entgegentrat, wenn es als überdimensionierter Plastikdrache auf die Bühne kam? Und am Ende seines Lebens gegen den Krebs? Egal, mit wem man über Ronnie James Dio redet – hier mit seinen musikalischen Mitstreitern Tony Iommi (Black Sabbath) und Vinny Appice (Black Sabbath/DIO) sowie seiner Frau und Managerin Wendy –, so haben ihn alle in liebevoller Erinnerung bewahrt. Wer wie ich je das Vergnügen hatte, ihn persönlich zu treffen, kann das absolut nachvollziehen. Mein Interview mit ihm in einem Karlsruher Nobelhotel während der „Master Of The Moon“-Tour am 4. August 2004 ist bis heute ein Highlight meiner journalistischen Laufbahn. Während des Gesprächs in der Hotelbar trank Ronnie gutgelaunt einige Pils, während er aus dem Nähkästchen plauderte. Hinterher lud er uns zu einem Backstage-Drink nach der anstehenden Show im nahen Substage ein, wo wir mit ihm abhängen durften. Welcher Rockstar macht so etwas? Und was für eine Show das war! Im intimen 600er-Club Schlag auf Schlag Klassiker wie ´Gates Of Babylon´, ´Sign Of The Southern Cross´ und ´Rainbow In The Dark´ um die Ohren gehauen zu bekommen, gehört zu meinen gänsehäutigsten Konzerterinnerungen. Die Meute ging völlig steil, Stagediver stürzten sich ins Getümmel, sekundäre Geschlechtsmerkmale wurden entblößt, und das Wasser floss in Strömen von den Wänden. Wahnsinn! So geil dieses Erlebnis gewesen sein mag: Fast genau 20 Jahre zuvor am 1. September 1984 waren DIO noch vor 45.000 begeisterten Fans im nur zweieinhalb Kilometer entfernten Wildparkstadion aufgetreten – gemeinsam mit AC/DC, Van Halen, Ozzy Osbourne und Mötley Crüe. Da stellt sich die Frage, ob der größte Metal-Sänger auf diesem Planeten, der je die Hand zum Teufelsgruß erhob, sein (kommerzielles) Potenzial im Laufe seiner langen Karriere tatsächlich ausschöpfen konnte; Vinny Appice hat dazu eine eindeutige Meinung… Während die genannten Acts auch dank schlagkräftiger Managements, geschliffener Produktionen und hinzugezogener Hit-Schreiber weiterhin große Hallen und Stadien füllten, spielte Ronnie wie beschrieben zeitweise in Clubs. Er weigerte sich stets, die Dienste außenstehender Komponisten oder Produzenten in Anspruch zu nehmen, und überließ geschäftliche Belange seiner Frau Wendy. Man kann das als künstlerische Unabhängigkeit und Authentizität preisen – oder als Absturz bezeichnen. In jedem Fall war sich Ronnie am Ende wohl selbst treuer, als es seiner Karriere und seiner Kunst guttat. Anders nämlich als sein ewiger Antipode Ozzy, der mit „No More Tears“ (1991) und „Ozzmosis“ (1995) zumindest noch bis in die Neunziger Album-Feuerwerke zündete, konnte er eigentlich erst wieder im Zuge der zweiten Sabbath-Reunion im neuen Jahrtausend an seine Hochphase in den Siebzigern und Achtzigern anknüpfen. Dass seine Laufbahn auf einem Zenit endete, ist tragisch, stimmt aber auch versöhnlich. Dieser Tage erscheint „Rainbow In The Dark“, die lang erwartete Autobiografie des Ausnahmesängers, aus der ihr auf den Folgeseiten spannende Auszüge lesen könnt. Wenn man sich zu diesem Anlass mehr als zehn Jahre nach seinem Tod mit seinem Werk beschäftigt, wird vor allem eines deutlich: Ronnie James Dio fehlt; als Stimme, als Persönlichkeit, als Held – als Mensch. Wir vermissen ihn!

Bands:
DIO
Autor:
Felix Mescoli

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