Interview


Pic: Ted Linden

Interview 25.01.2019, 15:34

CORRODED - »Cleverness ist nicht gerade eine unserer Stärken«

CORRODED melden sich nach fünf Jahren mit „Bitter“ an der Albumfront zurück. Im Gespräch verrät uns Gitarrist Tomas Andersson, wie es ist, ein Album in kürzester Zeit zu produzieren und spricht über die schräge Video-Trilogie, die die Schweden im Vorfeld kreiert haben.

Tomas, das Album hat ein Intro, das ungefähr zwei Minuten dauert. Seit dem ersten Hören erinnert es mich an den Soundtrack einer Serie aus den achtziger Jahren. Irgendwie hat es auch etwas vom Intro der Netflix-Serie „Stranger Things“. Was hat dich dazu bewegt das Album so zu eröffnen?

»Cool, dass du das ansprichst. Das Intro ist das erste Stück Musik, das ich für „Bitter“ geschrieben habe. Und wie es der Zufall will, hat mich tatsächlich die Titelmelodie von „Stranger Things“ für das Intro inspiriert. Ich kriege gerade Gänsehaut! Ich liebe „Stranger Things“, die Goonies und den ganzen Achtziger-Kram. Das Intro zu „Stranger Things“ ist so was von toll! Kennst du die Funktion, mit der man bei Netflix das Intro überspringen kann? Tu das niemals bei „Stranger Things“! (lacht). Im letzten Jahren gab es so viele Einflüsse aus diesem Jahrzehnt und ich dachte mir so: „Wir müssen da etwas draus machen!“ Ich spielte das fertige Stück den Jungs vor und sie waren sofort begeistert. Mir ist das Intro sehr wichtig, es hat uns auf das Album eingestimmt, direkt danach haben wir damit begonnen den Song 'Breathing' zu schreiben.«


Wie gestaltete sich denn das Songwriting für das Album? Habt ihr da eine feste Vorgehensweise?

»Im Normalfall setzen wir uns alle zusammen im Proberaum hin und komponieren. Dieses Mal war das alles ein bisschen anders. In den letzten fünf Jahren gab es einige Umbrüche, was die Zusammenarbeit mit unserem ehemaligen Label angeht. Wir haben in dieser Zeit auch nichts Anderes gemacht außer zu touren und die Probleme mit unserem alten Label zu lösen. Nachdem diese ganzen rechtlichen Angelegenheiten geklärt waren, fiel uns auf: „Oh, wir haben seit fünf Jahren keine neue Musik aufgenommen und wir wollen nicht nochmal fünf Jahre warten!“ Also mussten wir uns jetzt ein bisschen beeilen. Für „Bitter“ hatten wir nur ein einziges Wochenende, um zusammen zu schreiben. In dieser Session haben wir dann die drei Songs 'Breathing', 'Burn' und 'Destruction' hervorgebracht. Danach mussten wir die restlichen Songs auf unkonventionellere Weise schreiben. Unser Schlagzeuger Per und ich wohnen in Stockholm, die anderen beiden ein Stück weiter nördlich. Nachdem ich bereits ein paar Demos auf meinem Computer erstellt hatte, habe ich mich dann mit Per getroffen. Zusammen konstruierten wir dann den Sound der Drums und fügten diesen dem Demo hinzu. Per hatte dann knapp einen Monat Zeit, um das so, wie wir es geplant hatten, einzuspielen. Wir hatten dieses Mal leider keine Zeit, die Songs zusammen im Proberaum zu entwickeln. Jeder musste seine Parts für sich aufnehmen. Jens und ich nahmen die meisten Riffs bei uns zu Hause auf. Die Drums waren fix, da konnten wir nichts mehr dran ändern und mussten quasi die restlichen Parts drumherum basteln. Das war vor allem für den Gesang eine echte Herausforderung, die wir nach kleineren Änderungen in der Tonart und den Akkordfolgen, aber gemeistert haben. Man kann es ungefähr mit dem Frankenstein-Monster vergleichen. Wir hatten viele Songsnippets, brauchten aber einige Versuche um alles richtig zusammenzufügen. Zeitlich war es uns einfach nicht möglich den ganzen Prozess zusammen durchzumachen. Aber zum Glück gibt’s ja das Internet. Rein aus der Sicht eines Musikers bin ich davon eigentlich nicht so begeistert. Es existieren zwar unendlich viele Möglichkeiten Aufmerksamkeit oder Reviews zu bekommen, durch die Streaming-Dienste verdienen wir jedoch nicht mehr so viel Geld mit unserer Musik. Aber für die Entstehung unseres neuen Album hat es uns geholfen. Auf diese Weise war es einfach effizienter. Herausgekommen ist ein Werk, das zwar immer noch CORRODED ist, aber von den individuellen Charakteren der Band soundtechnisch geprägt wurde. Ich bin sehr zufrieden mit dem Ergebnis, es ist glaube ich sogar das Beste, was wir bisher produziert haben.«


Eine weitere, interessante Sache, die mir aufgefallen ist, sind die Titel der Songs. Sie bestehen alle nur aus einzelnen Wörtern. Steht dahinter ein Konzept?

»Ja so etwas in der Art. Ich glaube, das war die Idee von Jens, er schreibt die meisten Songtexte. Zudem ist es der Tatsache geschuldet, dass alle Songs bereits fertig aufgenommen waren und er sich erst danach Gedanken um die Songtitel gemacht hat. So etwas in die Richtung wurde auch auf einem der THE HAUNTED-Alben gemacht (Gemeint ist „The Dead Eye“, auf dem jeder Songtitel mit „The“ beginnt – Red.). Jeder Song bringt ja immer ein gewisses Gefühl mit sich. Um dieses zu beschreiben, hat Jens dann ein passendes Wort benutzt. Ausgehend von dieser ersten Inspiration hat er im Anschluss die restlichen Lyrics drum herum gebastelt, den Titel aber bei diesem einen Wort belassen.«


Coole Idee! Zurück zur Musik: Du bist ja der Lead-Gitarrist der Band, gibt es irgendwelche Songs oder Soli, die dir am meisten Freude beim Spielen bereiten?

»Ich war eigentlich nie so der Typ Lead-Gitarrist, sondern eher so der Hetfield-Typ. Damals war ich eher für harte Riffs auf der Rhythmus-Gitarre zuständig. Als ich dann zu CORRODED ging, musste ich erstmal lernen, wie man Lead-Gitarre spielt (lacht). Ich übe jetzt nicht ständig, aber besonders für dieses Album konnte ich in Ruhe meine Soli schreiben. Von Skalen oder den Theorien hinter Pentatoniken habe ich keinen Schimmer. Stattdessen fallen mir dann schöne Melodien ein, die ich dann als Soli adaptiere. Mit einigen Passagen auf „Bitter“ bin ich sehr zufrieden, natürlich möchte ich es aber auch immer noch besser hinbekommen. Ich bin aber, glaube ich, auf einem guten Weg.«


Reden wir noch über die Video-Trilogie, die ihr im Vorfeld über YouTube veröffentlicht habt. Mir hat diese alternative Art gefallen, um die ersten Singles eines neuen Albums zu präsentieren. Außerdem habt ihr genau meinen Humor getroffen. Wessen Idee war das und welche Erfahrungen habt ihr während der Aufnahmen gemacht?

»(Lacht) Es war meine Idee, ich interessiere mich sehr für das Filmemachen. Wir sind eine lustige Truppe, jeder kann das bestätigen, der uns mal live gesehen hat. Vorher haben wir diese Seite von uns noch nicht in einem Musikvideo gezeigt, deshalb wollten wir das dieses Mal anders machen. Wir haben uns mit Bullsize-Productions kurzgeschlossen, die auf Behind-The-Scenes-Videos spezialisiert sind. Am Anfang hatten wir überhaupt keinen Plan, wie wir das Projekt angreifen sollten, das hat sich aber im Laufe der Zeit ergeben. Das Ergebnis ist auf gar keinen Fall so, wie ich mir das in Gedanken ausgemalt hatte. Aber trotz der mangelnden Erfahrung, haben wir meiner Meinung nach ganz gut abgeliefert. Ich bin froh, dass es dir gefallen hat! Es ist eine schwierige Angelegenheit für eine harte Rock-Band, sich plötzlich mit so einem derben Humor zu präsentieren. Manche, die den Humor vielleicht nicht verstehen, denken dann: „Was für ein Scheiß!“ Wir lieben den Humor von „Family Guy“ oder „Anchorman“, daran haben wir uns orientiert und versucht in diese Richtung zu gehen. Natürlich ist das Ganze eine witzige Story, wir haben uns aber auch bemüht ein paar ernsthaftere Elemente mit einzubringen.«


Warum habt ihr euch entschieden 'Cross', 'Burn' und 'Breathing' für das Projekt zu verwenden?

»Um ganz ehrlich zu sein: Für uns sind das die drei besten Songs. Die restlichen Lieder sind erst kurz vor dem Mastering fertig geworden, da haben wir uns gedacht, dass wir einfach diese drei nehmen. Ob das jetzt die beste Idee war, sie gleich als Singles zu veröffentlichen, weiß ich nicht. Cleverness ist nicht gerade eine unserer Stärken (lacht). 'Cross' hat diese „In your face“-Attitüde, war also perfekt dafür den überarbeiteten Sound zu präsentieren. 'Burn' zeigt nochmal eine andere Seite und hat einen coolen Akustik-Part in der Mitte, tja und 'Breathing' ist für uns Gitarristen technisch ein bisschen anspruchsvoller. Außerdem ist er der Titelsong unserer Trilogie, deswegen wollten wir den Song als letztes veröffentlichen.«

Im Video zu 'Breathing' habt ihr euch ja nochmal richtig ins Zeug gelegt und sogar eine Referenz zu „Star Wars“ eingebaut.

»(Lacht) Ja, das stimmt, das war eines der Dinge, die so nie vorgesehen waren. Die Idee kam mir kurz vor den Dreharbeiten. Ich habe mir gerade noch Gedanken zur kameratechnischen Umsetzung gemacht, als mir das plötzlich eingefallen ist. Dadurch, dass auch noch andere Bands mitarbeiten wollten, war die Story noch ein bisschen zu kurz. Ich habe das Manuskript dann noch einmal überarbeitet. Wie schon erwähnt, stehe ich voll auf „Family Guy“, da ist mir das mit „Star Wars“ eingefallen. Ich liebe es, wenn plötzlich etwas komplett Unerwartetes passiert, so auf die Weise: „Was zur Hölle, geht’s denn eigentlich noch verrückter?“ Das war unser Ziel, wir wollten immer noch einen drauf setzen. Ich glaube, das ist uns auch ganz gut gelungen (lacht)! Es war echt lustig, aber nicht so geplant.«


Du hast gerade erwähnt, dass auch noch andere Bands mitgearbeitet haben. Wie kam denn die Kollaboration mit Mustasch und Clawfinger zustande? Seid ihr gut befreundet?

»Wir sind jetzt nicht die besten Freunde, aber wir kennen und schätzen uns gegenseitig. Auf Festivals oder Konzerten sind wir uns auch schon ein paar Mal über den Weg gelaufen. Schweden ist, was Konzerte angeht, ja echt ein kleines Land, da ist das an der Tagesordnung. Es ist jetzt nicht so, dass wir die ganze Zeit miteinander abhängen, wir mögen und respektieren uns. Für mich waren Bands wie Mustasch oder Clawfinger meine Jugendhelden. Das ist die Musik, die ich damals gehört habe. Naja, wie soll ich das Verhältnis am besten beschreiben: Wir kennen uns halt (lacht). Gerade in der schwedischen Rock- und Metalszene herrscht ein harscher Umgangston. Es ist und bleibt ein Business, man muss immer für sein Daseinsrecht kämpfen. Das ist schade, ich bin kein großer Fan davon. Gerade, wenn man zurück in die Hip-Hop-Szene der Neunziger schaut und wie weit es dann durch eine solche Rivalität kommen kann, ist das erschreckend. Deswegen war es mir wichtig, so wie wir es in Schweden eigentlich sonst auch machen, dass wir zusammenarbeiten und einander aushelfen. Ich war völlig überrascht, dass wir so viele Rückmeldungen auf unsere Anfrage bekommen haben. Für mich war das der verrückteste Teil des Videos und ich meine, die Bands lassen sich da auf etwas ein, wovon sie nicht wissen, wie das Endprodukt ausschaut (lacht). Mit den beiden Bands hatten wir am Drehtag richtig viel Spaß. Demnächst gibt’s sogar noch ein paar Blooper-Videos zu sehen!«


Cool, ich freue mich drauf! Am Ende des Videos sind die Worte „A small step for CORRODED but a giant leap for Swedish Metal!“ zu sehen. Was ist deine Message an die schwedische Heavy-Metal-Welt?

»Die erfolgreiche Zusammenarbeit mit anderen Bands, die ich gerade erklärt habe, beschreibt eigentlich am besten, was mit „giant leap“ gemeint ist. Wir wollten schon immer unser eigenes Ding machen und uns von keinem reinreden lassen. Und wir haben das mit dieser Trilogie wieder einmal bewiesen. So etwas ist für uns ein Tag wie jeder andere auch, also für uns nur ein kleiner Schritt. Wir brauchen keinen Schnick-Schnack, sondern machen eigentlich alles selbst. Wir sind eine bodenständige Metal-Band, wenn man das so sagen kann. Aber ich glaube gerade mit dieser Zusammenarbeit haben wir die Weichen für ein Umdenken im schwedischen Heavy Metal gestellt. Weg von der bierernsten Rivalität, hin zu offener Zusammenarbeit. Um ehrlich zu sein, dachte ich nicht einmal, dass sich noch irgendjemand den Abspann durchliest und den Satz sieht (lacht). Jens und ich sind beide sehr große Fans solcher Easter Eggs, wir haben auch einige in die Videos eingestreut. Ich denke der Satz fasst unser Projekt ganz gut zusammen.«


www.facebook.com/corrodedsweden

Bands:
CORRODED
Autor:
Julian Löhner

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