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ToneTalk 24.05.2017

CANDLEMASS - »Messiah wird immer noch verklärt«

Mats „Mappe” Björkman ist der Dynamo von CANDLEMASS und von Beginn an dabei gewesen, um nicht nur schwedische Metal-Geschichte zu schreiben. Was als Tonezone-Interview über Gitarren geplant war, wurde zu einer kleinen Karriererückschau, mit der uns der Tabak-Kauer außerdem auf den Auftritt seiner Band beim Rock Hard Festival einstimmt.

Mats, war es euer bewusstes Ziel, den seit Black Sabbath immer sehr rockigen Doom endgültig in metallische Form zu gießen? „Epicus Doomicus Metallicus” ist bis heute eine Blaupause für alles, was sich Epic Metal schimpft.

»Als ich mich mit Leif Edling zusammentat, stand er bereits auf US-Zeug wie Trouble und Manilla Road, das ich nicht kannte. Ich war immer eher der Typ, der einfach nur Riffs zockte. Irgendwann meinte er, ein französisches Label wolle uns unter Vertrag nehmen, aber wir hatten nicht einmal genug Songs fertig. Wir hätten nie gedacht, dass die Scheibe mal so einflussreich sein würde, also nein, es war keine Absicht, sondern ergab sich aus unseren eigenen Hörvorlieben. Dafür, dass wir so gut wie kein Geld für die Produktion hatten, hört sie sich immer noch beachtlich an. Ich hätte Leif nur eins überziehen können, weil er sich auf einen so schlechten Deal einließ. Unser Potenzial war riesig, und mir kommt es immer noch so vor, als müsse mich jemand kneifen. Nach mehr als 30 Jahren sind wir immer noch hier und spielen Songs von der Scheibe. Sie wurde zigmal neu aufgelegt und immer nachgefragt, weil die Leute austicken, wenn sie sie hören. Was Besseres kann einer Band nicht passieren. An wie viele der zahllosen Alben, die Woche für Woche rauskommen, erinnert man sich nur ein Jahr später noch?«

Wie würdest du eure Dynamik mit euren wesentlichen Sängern beschreiben, von denen es ja so einige bei CANDLEMASS gab?

»Als wir uns endgültig von Messiah trennten, war es sehr hart für uns, weshalb wir mit dem Gedanken spielten, alles hinzuschmeißen. Als Leif dann aber mit neuen Songs ankam, die Mats Levén eingesungen hatte, machte ich ihm deutlich, dass es keinen Grund dafür gebe, nicht weiterzumachen. Daraufhin folgten mit Robert Lowe einige unserer stärksten Alben überhaupt, bloß dass unsere Konzerte oft wirklich schlecht waren. Wir haben Rob unzählige Chancen gegeben, sich zu bessern, und er ist ein wunderbarer Mensch, doch es brachte nichts. Er konnte sich die Texte nicht merken, und die Kritiken waren oft vernichtend. Nach „Psalms For The Dead” wollte ich nicht mehr. Mit 50 auf der Bühne zu stehen und mich zum Affen zu machen, hatte ich nicht nötig. Obwohl Leif weiter komponierte, weigerte ich mich, Gigs zu spielen. Mats schließlich wieder hinzuzuziehen, lag nahe, weil er auch bei Leifs Projekt Krux sang, woraufhin wir über Nacht zu einer mordsmäßigen Live-Band wurden. Messiah wird immer noch verklärt. Robert hat auf mehr Alben gesungen als er, und Mats ist mittlerweile häufiger mit uns aufgetreten als er. Die Band auf Messiah zu beschränken, wäre also zu kurz gegriffen. Bis heute gewinnen wir neue Fans, die teilweise noch gar nicht geboren waren, als wir anfingen. Wir kehrten letztes Jahr im August vom Psycho Fest im Hard Rock Hotel & Casino Las Vegas zurück, wo wir auch mit Pentagram aufgetreten waren, ein fantastisches Konzert. Mit Robert wäre das unmöglich gewesen, und kurz darauf ging es auf Tournee nach Japan, eine Premiere für uns. CANDLEMASS waren noch nie so stark wie heute.«

Bei all den Besetzungswechseln im Laufe der Jahre gab es irgendwie immer einen Kader von Musikern, aus dem ihr geschöpft habt. Ist dieses Familiäre wichtig für euch?

»Ja. Per Wiberg hilft ja am Bass aus, nachdem er wie bei Opeth und seinen anderen Bands bisher nur die Keyboard-Parts bei Gigs übernahm. Wir ziehen aktuell aber ein klassisches Programm durch, bei dem die gitarrenorientierten Sachen zum Tragen kommen. Kentha Philipson von The Project Hate MCMXCIX übernahm die vier Saiten während unseres jüngsten Abstechers nach Südamerika, und Jörgen Sandström von Entombed springt ein, wenn Per verhindert ist. Wer mit uns spielt, muss Respekt vor dem Erbe der Band haben und selbst Fan sein. Ich würde niemanden anheuern, der es nur für Geld macht. Leif hingegen ist dafür verantwortlich, dass die Band immer direkt wiedererkennbar war, auch wenn die Platten teilweise sehr unterschiedlich klingen.«

„Dactylis Glomerata”, im Grunde das nie realisierte zweite Abstrakt-Algebra-Album.

»Zum Beispiel. Auch daran arbeitete Leif mit Mats, und laut ihres Vertrags stand eine weitere Scheibe aus, aber das Studio kostete letztlich zu viel, weshalb die Plattenfirma meinte, es solle unter dem Namen CANDLEMASS erscheinen, wozu sie sich breitschlagen ließen. Zu jener Zeit hatte ich die Brocken hingeschmissen, mir die Haare abgeschnitten und all mein Equipment verkauft, doch Leif wünschte sich meine Beteiligung. Darum nahm ich nach zehn Jahren wieder eine Gitarre in die Hand. Ich finde „Dactylis...” immer noch sehr stark und würde gern Songs davon live spielen, was Leif aber nicht möchte. Ich respektiere ihn, und auch wenn wir nicht immer einer Meinung waren, macht genau das die besondere Chemie der Band aus.«

Nach „From The 13th Sun” geschah lange nichts in eurem Lager.

»Bis Leif die Coverband Ancient Dreams mit Messiah in Göteborg sah, die unsere Songs spielte. Ich wohnte damals woanders und hatte nichts mehr mit Musik am Hut. Er war ganz hingerissen und durfte bei zwei Songs auf der Bühne singen, woraufhin es ihn in den Fingern juckte, CANDLEMASS fortzuführen. Jan Lindh, unseren Schlagzeuger damals wie heute, kenne ich seit Ewigkeiten, und er kam zu mir, um mich zu überreden, auch weil Leif Angebote für eine Bühnen-Reunion bekam. Das sollte eigentlich nur eine einmalige Sache werden, doch danach waren wir so begeistert, dass es weiterging. Wir arbeiteten mit King Diamonds Management zusammen, das uns auf vielen Festivals unterbringen konnte, weil so starkes Interesse bestand.«

Du warst zwischenzeitlich auch beim Projekt Zoic deines Mitgitarristen Lars Johansson involviert, das es auf ein Album brachte, „Total Level Of Destruction”.

»Das wird irrtümlicherweise so dargestellt, aber ich spielte keinen Ton, weil ich seinerzeit Herzprobleme hatte. Das änderte jedoch nichts daran, dass Lars mein Blutsbruder war und ist. Ich halte ihn für einen der besten Gitarristen da draußen und finde, er müsste stärker gewürdigt werden. Ich bin unser Malcolm Young, also der Motor der Band, und tue mich nicht gern hervor. Songs, in denen auf Ansage erst der eine, dann der andere Gitarrist ein Solo spielt, mag ich nicht, ganz zu schweigen von Streitereien deswegen. In einer Eishockeymannschaft müssen Verteidiger auch nicht auf Teufel komm raus Tore erzielen. Jeder hat seine Funktion in einer Gruppe. Ich halte Lars mit Riffs den Rücken frei, während er seine Leads zockt. Zwischen uns herrscht ein blindes Verständnis, und niemand fährt Egotrips, das würde alles kaputtmachen.«

Hast du bestimmte Vorlieben, was Verstärker angeht?

»Sie sollten auf Röhrentechnik beruhen. Viele halten mittlerweile große Stücke auf hochwertige Amp-Simulationen, doch ich brauche einfach etwas Handfestes, um fette Riffs zu spielen. Digitale Geräte sind praktisch im alltäglichen Gebrauch, aber vor allem auf der Bühne muss es krachen. Wir sind eine sehr pflegeleichte Band, was das betrifft, weshalb die Live-Mischer bei Festivals für gewöhnlich keine Probleme haben, uns schnell einen anständigen Sound einzustellen – keine Pedale, nichts. Der Klang kommt aus den Fingern und den Boxen. Bei Produktionen muss man andererseits bedenken, dass die Hörer den Kram letzten Endes auf Smartphones und Computern hören, eine gruselige Vorstellung. Meine Röhren haben mich aber noch nie im Stich gelassen, und je einfacher, desto besser.«

Ihr zwei habt eure eigenen Signature-Gitarren. Was ist daran so besonders?

»Sie stammen von Framus, was einfach nur daran liegt, dass wir die Marke persönlich lieben, und sind nach unseren Vorstellungen gefertigt. Jeder Musiker hat seinen Fetisch, und das ist unser. Vielleicht rührt es auch daher, dass das Unternehmen mit Warwick auch Bässe baut und ich stark von Bassisten beeinflusst bin, was vielleicht ungewöhnlich klingt. Zu meinen größten Helden zählt Chris Glen von The Sensational Alex Harvey Band.«

Dein Shirt-Motiv heute…

»Dazu gibt es eine lustige Story. Ich bin ein Riesenfan der Gruppe und begegnete den Mitgliedern mal persönlich, traute mich aber zuerst nicht, sie anzusprechen. Irgendwann nahm ich meinen Mut zusammen und ging zu Chris. Der freute sich riesig, und dieses Shirt – ein Einzelstück, weil ein Freund von mir es für mich bedruckt hat – hatte ich tatsächlich auch an jenem Tag an, obwohl mir im Vorfeld nicht klar gewesen war, dass ich auf die Jungs stoßen würde. Wir quatschten bis in die Nacht miteinander, und tags darauf bei unserem Soundcheck stand Chris „Mappe!” grölend vor der Bühne. Ich war völlig aus dem Häuschen.«

Findest du diese kindliche Freude nach so langer Zeit im Geschäft immer noch wieder?

»Auf jeden Fall, und das muss auch so sein, denn ansonsten hätte ich längst aufgehört. Mit der Band haben wir geschworen, uns sofort aufzulösen, wenn wir das Gefühl haben, eine lästige Pflicht zu erledigen, und es keinen Spaß mehr macht. Ich kann jederzeit in mein „normales” Leben zurückkehren, schließlich habe ich eine Menge erlebt, eine Familie und drei Enkelkinder. Leif ist jetzt 53 und würde wohl trotzdem bis zu seinem Tod nichts anderes tun, als Songs zu schreiben. Ich würde sogar sagen, dass er sich auf diese Weise zum Teil selbst geheilt hat. Er gibt demnächst wieder Konzerte mit uns und wird auch dabei sein, wenn wir „Nightfall” komplett aufführen. Er ist schon ganz heiß darauf und dankt uns ständig dafür, dass wir sozusagen sein Vermächtnis aufrechterhalten. Nach dem Festival in Las Vegas rief er an und fragte gespannt, wie es gelaufen sei. Er ist ungeheuer stolz auf uns.«

Heutzutage verdient niemand mehr etwas mit Verkäufen von Platten. Wie geht man als alternder Musiker damit um, sein Geld vorwiegend auf strapaziösen Tourneen zu machen?

»CANDLEMASS befinden sich in der glücklichen Lage, eine Handvoll Klassiker eingespielt zu haben, auf die wir über Jahre hinweg zurückgreifen können. 2020 könnte jemand anfragen, dass wir „Tales Of Creation” zur Gänze live bringen, und wieso auch nicht? Jetzt ist erst einmal „Nightfall” an der Reihe, und ich finde, wir dürfen uns schon etwas darauf einbilden, so etwas Nachhaltiges geschaffen zu haben. Wir sind Stehaufmännchen und noch lange nicht am Ende. Eine andere Frage lautet: Wer kommt nach uns oder gar einem Format wie Iron Maiden? Diesen Status wird nie wieder jemand erreichen, die Zeiten sind vorbei.«

www.facebook.com/candlemass

Bands:
CANDLEMASS
Autor:
Andreas Schiffmann

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