Interview

Interview 20.10.2020, 15:50

BOLZWAGEN - Interview mit der Demo-/Eigenproduktionsband 11/20

Einfach mal mit Klischees spielen – fertig ist der „Büro-Rock“. Wo man hinkommen kann, wenn man eigentlich mit der Grundhaltung startet, sich auf kein Konzept festzulegen, zeigen die Jungs von BOLZWAGEN auf ihrer EP „Premium Mediocre“. Der „Tipp des Monats“ unter den Eigenproduktionen berichtet in Form von Frontmann Tilman „Tilly“ Brunke über den Weg von Arbeitstiteln zu Band-„Philosophien“, gibt Einblicke in einen schier unerschöpflichen Themenquell und ruft zur Unterstützung und Aufrechterhaltung der Kulturbranche auf.

Tilman, der Kollege Jaedike bezeichnet euch im Review als „das rockende Äquivalent zu ‘ner Folge 'Stromberg'.“ Wie seid ihr auf die Idee gekommen, einfach mal „Büro-Rock“ zu machen?
(Er lacht.) »Eigentlich bin ich irgendwann mal zum Jammen dazugekommen, als wir noch gar keinen Plan hatten, und da hingen schon so ein, zwei Arbeitstitel an der Wand. Da hat irgendjemand seine Riffs 'Jahresbilanz' und 'Eierlikörfrühstück' genannt. Die Idee ist dann über die Jahre einfach so gereift.«

Ist ja auf jeden Fall mal etwas anderes im Bereich Rock und Metal, wo man so ziemlich alle möglichen Konzepte – Piraten, Wikinger – schon durchgekaut hat. „Büro“ ist da ja bislang eher kein großes Thema, oder?
»Lustigerweise hatten wir uns gerade bei der Band eigentlich nix vorgenommen und dann ist daraus trotzdem irgendwie so ein Konzept entstanden. Aber das macht schon Bock. Wir wollten uns schon so eine Hintertür offenlassen, um das nicht für immer so machen zu müssen, aber das hier ist ja erst der Anfang und das Thema ein unerschöpflicher Quell. Schauen wir doch einfach mal, wo es noch hingeht!«

Jetzt hast du ja schon verraten, dass die Idee eher aus Arbeitstiteln heraus entstanden ist. Steckt denn ein bisschen persönlicher Arbeitsalltag in den Songs auf „Premium Mediocre“?
»Also ich glaube, da steckt bei uns eher viel Klischee drin. Einen richtigen Bürohengst haben wir in der Band eigentlich gar nicht. Eins der Gründungsmitglieder hat diese Mühle mal ein bisschen mitgemacht. Aber wir wollten uns in erster Linie wirklich ein bisschen an den Klischees bedienen. Klar, jeder von uns hat so seine persönlichen Erfahrungen mit Jobs. Aber so richtig Büro und Schlips… Das war für uns alle die erste Krawatte im Leben, die wir uns für die Band gekauft haben. Das spießigste Outfit hat uns also der Rock 'n' Roll beschert.«

Manchmal macht es ja auch einfach Laune, ein bisschen mit Klischees zu spielen.
»Es war auch geil, einfach mal ein Konzept zu haben, dass es dir von vornherein verbietet, sich selbst zu ernst zu nehmen. Man kann gar nicht auf die Bühne gehen und einen auf hart machen, weil… (er bricht in Gelächter aus) man hat einfach 'ne schwarze Krawatte und ein weißes Hemd an. Insofern ist das schon ganz cool.«

Dann ist wohl auch die Chance höher, dass ihr euch alle eher im Privaten auf ein Bierchen als im Büro kennengelernt habt, oder?
»Auf jeden Fall. Mit zwei der Jungs hab‘ ich ja schon in unserer Vorgänger-Band Musik gemacht. Insofern kennen wir uns eher von den Bühnen als vom Büro.«

Kommen wir doch mal ein bisschen auf die EP zu sprechen. Viel Spaß hat der 'Strohmann' auf jeden Fall nicht mehr, oder? Das hier im Song beschriebene Abrackern ist ja eigentlich kein Geld der Welt wert.
»Auf keinen Fall! Man hat ja oft das Gefühl, dass es nur noch darum geht, wie man für sich selbst den größten Vorteil rausziehen kann. Da gehen manche Leute dann vielleicht auch weiter, als es eigentlich cool ist, Hauptsache, am Ende steht die dicke Karre in der Garage. Strohmänner gibt’s überall.«

Im Hinblick auf eure Künstlernamen - Rose, Halford, Richards, Hanneman und Dickinson - seid ihr ja auf jeden Fall in der Chefetage ganz oben angekommen.
(Er lacht.) »Ach, ich würde sagen, so 50:50, oder? Unser Schlagzeuger hat drauf bestanden, unbedingt Sören Dickinson zu heißen, das war sein inniger Wunsch. Das hat er uns auch über Wochen erzählt und da mussten wir natürlich nachziehen.«

In euren Songs klingt es aber auch eher so, dass man es selbst beim Aufstieg ganz nach oben in die Chefetage ohne das 'Eierlikörfrühstück' eigentlich das ganze Elend nicht mehr aushält.
»Ja, total. Die Idee wäre ja jetzt auch ohne die ganze Corona-Geschichte gewesen, die ganze Story ein bisschen weiterzuspinnen. In diesem spießigen Firmen-Setting ist ja alles vom Aufstieg bis zur Pleite und zur schiefen Bahn hin möglich. Da wäre also noch viel Potential, mehr für die Zukunft draus zu schreiben. Ich glaube, die Chefetage ist auch gar nicht so ein cooler Ort. Ich weiß nicht, ob man da unbedingt hinwill.«

Gut, dass du die Stichpunkte Aufstieg und Fall jetzt selber schon erwähnt hast. Die liegen in euren Songs scheinbar ganz nah beieinander. Ich finde es ganz schön, wie sich auf eurer EP der Kreis schließt und es am Ende so klingt, als hätte der Strohmann dann alles umsonst geopfert und wäre bei DHL gelandet.
»Ja, genau. Es geht den Leuten ja auch oft so, dass man alles in einem Augenzwinkern wieder verlieren kann. Das ist leider Gottes auch ein bisschen Realität für viele Menschen. Ich finde auch, dass diese EP in sich selbst ziemlich rund ist, das haben wir gar nicht so erwartet. Das lief bei uns am Anfang eher so ab, wie man das halt erwartet: Eine neue Band im Proberaum, neues Material kommt zusammen, dann filtert man ein bisschen aus und das war bei uns auch so das Ergebnis der ersten paar Monate, da kam dann unser „Küken“ bei raus. Jetzt müssen wir ja leider Gottes erstmal warten, bis es weitergehen kann. Aber da trifft es andere wirklich viel, viel, viel schlimmer als uns. Wir dürfen ja nur nicht spielen, was schade ist, aber bei uns sind keine Existenzen bedroht. Deshalb will ich da auch gar nicht jammern. Da haben wir echt Schwein gehabt. Man träumt ja immer davon, mit Rock 'n' Roll sein Geld zu verdienen, aber das war ja jetzt einfach mal ein Jahr, wo man am Ende froh sein musste, dass es nicht so ist. An dieser Stelle sei nochmal erwähnt: Wir fühlen da wirklich auch mit Kollegen und allen mit, die in der Branche zu tun haben. Da sind wir einfach fein raus. Wir wünschen uns natürlich auch, dass wir das alles nicht nur für den Proberaum und die Social-Media-Follower machen, sondern irgendwann vielleicht auch mal wieder vor Live-Publikum spielt, denn daraus zieht man ja irgendwie seine Kraft. Aber da müssen wir jetzt alle gemeinsam durch. Einfach die Zeit nutzen, um viel zu schreiben, und bereit bleiben, irgendwann wieder loszulegen.«

Schreiben ist ein gutes Stichwort. Wann können wir mit BOLZWAGEN-Material auf Albumlänge rechnen?
»Gut, dass du es ansprichst. Wir wollen uns das natürlich auch ein bisschen aufbewahren, bis man irgendwann wieder damit auf Tour gehen kann. Wir haben uns an sich schon viel überlegt und viel geschrieben. Wir werden jetzt zeitnah – wahrscheinlich im November – nochmal eine digitale EP veröffentlichen, die man dann auch auf freiwilliger Spendenbasis kaufen kann. Das hat verschiedene Gründe. Also jetzt ein Album zu machen… Alle Plattenfirmen und Veranstalter müssen gerade überleben. Da würde ich mir richtig, richtig räudig vorkommen und es wäre mir fast peinlich, Leute im Business mit unserer Musik zu bemustern und zu sagen: „Hey! Investiert jetzt in uns!“ oder „Bucht uns!“. Uns kennt doch kein Schwein. Das heißt, wir hauen jetzt erstmal die EP raus und die soll die Leute jetzt auch kein Geld kosten, die sollen das lieber für Bands ausgeben, die da grad wirklich drauf angewiesen sind und davon leben müssen. Dann hoffe ich, dass wir uns nächstes Jahr – wenn man hoffentlich wieder spielen darf – mal nach ‘nem Partner umsehen und ein Album produzieren können. Wir haben auch wahnsinnig Bock drauf, aber ich glaube, das wird jetzt erstmal so ein bisschen im Sande verlaufen. Wir sind schon eine Live-Band und unterhalten die Leute eher auf Konzerten, da wäre es eher komisch, jetzt einfach ein Album ins Internet zu schießen. Deshalb gibt es dann eher nochmal fünf Songs for free oder eben für so viel, wie man dafür ausgeben möchte, und dann schauen wir mal, wie es nächstes Jahr so ausschaut. Vielleicht spielen wir im Dezember ja doch mal so ein Sitzplatz-Konzert, das haben wir bisher auch noch nicht gemacht, mal gucken. Wir haben im Dezember letzten Jahres unsere erste Show gespielt und da war gleich auch alles cool. Diese Resonanz haben wir eigentlich nie erwartet mit so einem Konzept. Dann haben wir so eine kleine Support-Tour gespielt und dann war’s eigentlich auch gleich schon wieder vorbei. Für so ein Sitzplatz-Konzert braucht man dann eine entsprechend große Halle und dafür sind wir dann halt noch zu klein. Hier in unserer Heimatstadt bekommen wir dann vielleicht auch mal so einen Laden voll, das hat bei unserem ersten Gig auch erstaunlich gut geklappt, aber ansonsten muss man jetzt einfach mal gucken. Wir sind jetzt überregional noch nicht wirklich bekannt genug, um da wirklich viel zu erwarten. Aber wir arbeiten weiter und gerade solche Geschichten, dass wir zum Beispiel der „Tipp des Monats“ sein dürfen, ist da echt cool. Es kommen jetzt auf jeden Fall noch zwei Musikvideos im Winter raus, neue Songs zu der EP und wir hoffen wirklich, dass es dann nächstes Jahr ein Album gibt. Wir sind bereit, aber wir müssen warten, bis der Rest auch bereit ist (er lacht). Ich bin Optimist, ich glaube, das wird dann wieder irgendwann normal werden oder zumindest normaler. Ich bin natürlich weder Wissenschaftler noch Mediziner, aber so viel Energie, wie jetzt aktuell aufgebracht wird, um die ganze Situation zu normalisieren, darf man auch optimistisch sein. Wenn es allen wieder gut geht, arbeiten wir wieder an Shows.«

Wenn ihr das Thema „Büro“ weiter durchzieht, könnt ihr euch für die Zukunft ja vielleicht auch vorstellen, mal ein „Spin Off“ zum Thema Start-Up zu machen?
»Klar, auf jeden Fall. Das ist ja einfach das Witzige: Besonders, wenn man selber nicht so viel damit zu tun hat und das Ganze nur Klischee-mäßig behandelt, da fällt einem so viel Scheiß ein. Die ganze Thematik ist noch lange nicht abgegrast. Wir haben auf jeden Fall festgestellt, dass es immer noch den leichten Weg raus gibt. Wenn man mal so auf Albumlänge keinen Bock auf die Büro-Nummer hat, lässt man die Firma halt pleitegehen. Da gibt es schon viele Möglichkeiten und ich freue mich richtig drauf, dass wir damit immer weitermachen können.«

Die letzten Worte gehören dir, Tilman.
»Stellt euch vor, ihr hättet uns dieses Jahr irgendwo live gesehen und wir hätten euch gefallen. Besucht uns mal auf YouTube und anderen Social-Media-Kanälen. Wir posten so viel Zeug, wie es geht, um im Gespräch zu bleiben. Wir haben während der Voll-Lockdown-Phase auch ein Live-Konzert gespielt – leider ohne Publikum. Vermutlich im Oktober wird noch ein Musikvideo erscheinen und im November dann das nächste. Irgendwo dazwischen erscheint dann die neue EP. Ansonsten: Unterstützt die Bands, die ihr gut findet, auch die kleineren! Helft ihnen durch diese Zeit! Und damit meine ich nicht Bands wie uns, sondern solche, die wirklich davon leben. Wir müssen uns diese ganze Musik-Kultur und Kultur allgemein am Leben erhalten. Wäre schade, wenn zu viel davon wegbricht, bis sich das alles normalisiert.«

https://bolzwagen.de

www.facebook.com/bolzwagen

Bands:
BOLZWAGEN
Autor:
Lukas Höpfner

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