Interview

Interview 19.12.2019, 13:53

BLOOD INCANTATION - Nichts ist, wie es scheint

BLOOD INCANTATION sind derzeit eine der spannendsten Death-Metal-Bands, und kaum eine Platte wurde im Underground so sehr erwartet wie der Nachfolger von „Starspawn“. Wir sprachen mit Frontmann Paul Riedl (Spectral Voice) über „Hidden History Of The Human Race“ und die Viele-Welten-Theorie.

Paul, mit „Starspawn“ habt ihr eins der besten Death-Metal-Alben der neuen Zeit veröffentlicht, daher waren die Erwartungen nun entsprechend hoch. Hat euch das beim Komponieren unter Druck gesetzt?

»Vielen Dank. Wir erschaffen einfach die Musik, die wir gemäß unserer eigenen Interessen für die persönlichste halten. Wie bei „Starspawn“ ist die Meinung der Menschen zu unserer Musik weder für den kreativen Prozess noch für unseren persönlichen Genuss des Materials relevant. Im Bezug auf „Hidden History Of The Human Race“ standen wir nur im Wettbewerb mit uns selbst. Wir wollten ein Album machen, das alle Schwachstellen des Debüts ausbessert, und wir glauben, dass wir das geschafft haben. Anstatt „Starspawn Part 2“ zu machen, wollten wir einfach unseren Sound weiter erforschen und entwickeln.«

Der Titel des Albums spiegelt einen Großteil der Philosophie von BLOOD INCANTATION wider. Ein Hauptaspekt ist, dass ihr glaubt, die Menschheit sei viel älter, als wir wissen. Wie kommt ihr zu diesem Schluss?

»In einer Zeitschrift ist leider nicht genügend Platz, um eine lebenslang andauernde esoterisch-philosophische Forschung zu erklären. Zum Glück stehen aber jahrtausendealte Philosophien und Mystiken zur Verfügung, die aus viel kompetenteren Händen als unseren stammen. Für eure Leser, die sich aufrichtig für die Konzepte des Albums interessieren, haben wir der LP ein metaphysisches Art-Booklet beigefügt, das viele nützliche Anhaltspunkte für den neugierigen Hörer bietet, um seine eigene Reise zu beginnen.«

Es heißt, dass Astronomen, die möglicherweise in 100 Milliarden Jahren leben, aufgrund der Ausdehnung des Universums ein völlig anderes Bild von der Struktur und Entwicklung des Alls haben werden als wir heutzutage und dass es keine Schlussfolgerungen zur Urknalltheorie mehr geben wird. Das hat zu der Frage geführt, inwieweit ein solcher Informationsverlust bereits eingetreten sein könnte und wie zuverlässig heutige kosmologische Theorien sind.

»Zumindest ist der Urknall eine mögliche Erklärung für nur ein Universum. Es bleibt die Tatsache, dass sowohl die Quantentheorie als auch die holographischen Universumstheorien auf die Wahrscheinlichkeit hinweisen, dass sich mehrere Dimensionen zu jeder Zeit und auf allen Zeitachsen überschneiden. Dies ist wahrscheinlicher als ein einzelnes, isoliertes Ereignis, das ein einziges Universum schafft, das alle Materie enthält, ganz abgesehen von den Informationen, die vielleicht oder vielleicht nicht verloren gegangen sind. Simulationstheorie, Viele-Welten-Interpretation, die Liste ist lang. Die Wahrscheinlichkeit, dass das Leben nur so ist, wie es scheint, ist glücklicherweise recht gering.«

Und auch im Tod seht ihr nicht das endgültige Ende.

»Der Tod ist ein menschliches Konzept, das sich rein auf einen physischen Vorgang bezieht. In Wahrheit gibt es eine ständige Reorganisation, Wiederverwertung und Neuformatierung der Materie. Stell dir eine Tür zu einem Gebäude vor: Auf einer Seite dieser Tür steht „Eingang“, und auf der gegenüberliegenden Seite der gleichen Tür steht das widersprüchliche Wort „Ausgang“. Dasselbe gilt für die menschlichen Konzepte von „Geburt“ und „Tod“ - es sind nur unterschiedliche Wörter auf zwei Seiten der letztendlich gleichen Tür. „Leben“ ist der Prozess, der uns durch diese Tore oder Türen in andere Welten, Lebenszeiten, Zeitleisten, Dimensionen usw. führt, und so endet das Leben nie. Denk an die Jahreszeiten: Wann beginnt der Winter und der Frühling? Handelt es sich nur um schwarz und weiß, um einen bestimmten Tag oder ein bestimmtes Ereignis? Nein, es ist ein Verlauf. Dieser endlose Prozess der Transmutation in der Natur ist analog zu dem endlosen Prozess der Reinkarnation menschlicher Seelen in materielle Formen durch das, was von den Hindus Samsara genannt wird. Die Befreiung von diesem Kreislauf aus Tod und Wiedergeburt wird nur durch gezielte Arbeit erreicht und ist eine so schwierige Aufgabe, dass die Menschen seit Jahrtausenden darüber streiten, wie sie das Nirvana erreichen können.«

In der Tradition der Siebziger-Jahre-Prog-Alben ist die B-Seite des Albums nur ein einziger, massiver Track, eine Reise, wie manche sagen würden. Der Titel, ´Awakening From The Dream Of Existence To The Multidimensional Nature Of Our Reality (Mirror Of The Soul)´, spiegelt einen weiteren Teil eurer Philosophie wider; eure Sehnsucht nach dem Unbekannten und die Tatsache, dass die Welt mehr ist, als man mit dem bloßen Auge sehen kann. Was könnte das „mehr“ sein und warum ist es dir wichtig?

»Auch hier lässt sich der Umfang meiner persönlichen Weltanschauung - und damit auch der von BLOOD INCANTATION - nicht so weit in Stücke zerlegen und reduzieren, dass es einem Magazin präsentiert werden kann. Darüber hinaus ist das, was ausgedrückt werden kann, nicht das Tao. Also versuch mal mein lebenslanges Verlangen nach innerem Wissen und der Bedeutung der äußeren Welten zu rechtfertigen – es kann einfach nicht anders beschrieben werden, als für mein Leben absolut notwendig, als ein Impuls, für den nichts wichtiger ist als das Streben nach dem „mehr“. Was die B-Seite angeht, so war es immer unsere Absicht, und von Anfang an ein Ziel unserer Band, einen einzigen, seitenlangen, epischen Track für das neue Album zu haben, aber es ist keine leichte Aufgabe. Der Song ´Vitrification Of Blood (Part 1)´ von unserem Debütalbum ist über 13 Minuten lang, dementsprechend war die Messlatte also schon ziemlich hoch. Du hast Recht damit, dass das Lied als Reise erlebt werden soll. Persönlich arbeite ich seit 2007 mit langen Extreme-Metal-Songs. Viele meiner alten Bands wie Leech, Merkstave und Elu Of The Nine hatten zehn-, 20- oder sogar 30-minütige Songs. Diesen Stil verfolgt Isaac (dr. - mam) seit 2010 auch mit seiner alten Band Stoic Dissention. Ähnlich wie bei Bands aus den 1970er Jahren bietet es dem Künstler einfach mehr Freiheit bei der Entwicklung der Musik selbst, wenn er nicht innerhalb eines vier- oder fünfminütigen Songs arbeiten muss. Während einige Songs nur fünf Minuten brauchen, um die Aussage zu vermitteln, brauchen andere einfach viel länger.«

Das Album-Artwork und das psychedelische Instrumental ´Inner Paths (To Outer Space)´ wecken Siebziger-Jahre-Assoziationen. Spielen neben offensichtlichen Einflüssen wie Morbid Angel und Immolation auch andere Bands eine Rolle für euch?

»Wir schwingen mit vielen Dingen aus den siebziger Jahren mit, insbesondere mit Musik. Albumcover, musikalische Ideen, sogar die Produktionen sind der modernen Musik in vielerlei Hinsicht überlegen und interessanter. Im Van verbringen wir mehr Zeit damit, Acts wie Camel, Pink Floyd, Eloy, Brian Eno, Tangerine Dream und obskure New-Age- und Prog-Platten zu hören als moderne Alben. Die Freiheit und der Eifer, diese alten Alben zu erkunden, sind einfach faszinierend und beeinflussen maßgeblich die Musik von BLOOD INCANTATION. Zusätzlich zu den offensichtlichen Bands, die du erwähnt hast, lassen wir uns auch von eher obskuren Extrembands wie Lykathea Aflame, Supuration, Absorbed und Mithras inspirieren: Death-Metal-Bands, die keine Angst haben, ihren eigenen Weg zu gehen.«


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Bands:
BLOOD INCANTATION
Autor:
Mandy Malon

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