Interview

Interview 17.09.2020, 14:28

BARBRO SAYS NO! - Interview mit der Demo-/Eigenproduktionsband 10/20

Soll Musik politisch sein? Diese Frage beantwortet das schwedische Kollektiv BARBRO SAYS NO! für sich mit einem ganz klaren „ja“. Multiinstrumentalist und Bandgründer Tomas Karlson spricht mit uns über den Stellenwert der Lyrics, die Botschaft der Texte und die Einstellung der Band.

Hi, Tomas! Danke, dass du dir die Zeit für unser Gespräch nimmst! Wie geht es dir? Und wie ist das Leben in Schweden für dich und deine Bandkolleg*innen in letzter Zeit gewesen?
»Hi und danke, dass ihr euch unsere Musik so aufmerksam angehört habt. Jetzt gerade ist alles großartig, weil ihr über uns schreibt. Es war aber ein ziemlich ungünstiger Zeitpunkt: wir haben unser erstes Album veröffentlicht, unseren ersten Auftritt gehabt und dann hat Corona uns alle mit voller Wucht getroffen. Ich bin froh, dass Schweden im Kampf gegen Corona einen klugen Weg gewählt hat. Schweden war ziemlich offen dafür, alles seinen gewohnten Gang gehen zu lassen, aber es gibt keine Konzerte und Festivals. Das ist scheiße, aber damit können wir vorerst leben.«

In unserem „Tipps des Monats“ hat Jan Jaedike eure Musik auf einer Skala zwischen Doom und Goth eingeordnet. Wie würdest du eure Musik jemandem beschreiben, der sie noch nie zuvor gehört hat? Und welche Bands haben euch am meisten beeinflusst?
»Ich denke, es ist eine gute Beschreibung des Sounds von BARBRO SAYS NO!. Aber es ist auch noch mehr als das. Ein Teil des Klangs kommt von der progressiven politischen Musik der Siebzigerjahre in Schweden. Das Album hat sich über eine lange Zeit hin entwickelt, und viele Einflüsse haben sich währenddessen verändert. Die Grundlage kommt von Bands wie BLACK SABBATH und politischen Bands wie RAGE AGAINST THE MACHINE. Wir interessieren uns auch für Folk, was sich in ‚The Wall‘ manifestiert. Aufgrund all der Einflüsse und der langen Zeit, die es dauerte, bis das Album fertig war, ist es gewissermaßen alles durcheinander und die Tracks sind recht unterschiedlich. Aber wenn ich es für meine Mutter beschreiben müsste, würde ich im Grunde sagen, es ist ein politisches Hard-Rock-Album.«

Ihr beschreibt BARBRO SAYS NO! als „Greta Thunberg, Rosa Luxemburg und Olof Palme und als alle, die sich niemals von der Moderne des Faschismus anstecken lassen“. Ihr seht euch also als politische Band, richtig?
»Damit liegst du nicht nur richtig – du hast genau ins Schwarze getroffen. Wir haben uns für eine Seite entschieden und Stellung bezogen gegenüber den dunklen Kräften von rechts, den kapitalistischen und religiösen Frauenhassern, die Chaos über unseren Planeten bringen. Wir glauben, dass Musik Menschen zusammenhalten und eine positive Veränderung bewirken kann. Wir glauben auch, wenn man keine Feinde hat, hat man auch keine Freunde. BARBRO ist der Archetyp für eine starke Frau, die niemanden fürchtet und vor einem Kampf niemals zurückschreckt. Wir treten für Menschenrechte, Gleichheit, Anti-Religion und Tierrechte ein.«

Vor mehr oder weniger genau einem Jahr habt ihr euren Longplayer "Expect Resistance" rausgehauen. Neben klassischen Metal-Instrumenten, wie Gitarren und Schlagzeug, höre ich auch experimentelle, elektronische Klänge und du kannst sogar folkloristische Instrumente spielen. Neben klaren und dunklen Vocals habt ihr auch Rap-Elemente. Wie habt ihr euren Sound kreiert? Und wie habt ihr das Album geschrieben und aufgenommen?
»Die Songs über einen langen Zeitraum entstanden. Wir haben hart an den Texten gearbeitet, um die Botschaft rüberzubringen. Das Album haben wir in unserem eigenen Studio aufgenommen und die Tracks an Marcus Jidell (AVATARIUM, CANDLEMASS) geschickt, der den gesamten Mix gemacht hat. Wir haben ein Cello, eine Mandoline und einige andere seltsame Instrumente genutzt. Robert [Anm.: Lindgren, Bassist und Bandgründer] ist auch ein passionierter Sammler von Synthesizern und anderen elektronischen Geräten – mit denen haben wir experimentiert und sie der Musik hinzugefügt. Außerdem haben wir mit verschiedenen Effekten für die Gitarre herumgespielt, nicht so, wie man es machen sollte, sondern eher auf die Art und Weise, „was passiert, wenn wir es so machen“, und kamen zu Sounds, die uns sehr gut gefielen. Es war im Grunde ein kreatives Kollektiv auf Steroiden. Ich denke jedoch, dass sich unser nächstes Projekt als etwas „cleaner“, aber gleichzeitig auch als dunkler und schneller erweisen wird. Die BARBRO-Seele wird natürlich immer noch da sein, aber insgesamt vielleicht etwas reifer.«



Auf eurer Facebook-Seite habt ihr die Texte zu jedem der "Expect Resistance"-Songs veröffentlicht. Würdest du sagen, dass der Text und die Botschaft eurer Musik genauso wichtig sind wie die Musik selbst oder sogar ein bisschen wichtiger als nur der Klang?

»Die Botschaft und die Texte sind viel wichtiger als der Sound auf diesem Album. Die Themen, die wir ansprechen, sind Frauenfeindlichkeit, Internet-Trolle, Schießereien in Schulen, die Großwildjäger Afrikas, die Zerstörung der Umwelt und der Völkermord an den Palästinensern. Ernste Themen, die starke Worte brauchen. Ich hoffe, dass die Menschen die Worte lesen und auf sie reagieren.«

Als BARBRO SAYS NO! habt ihr zwei Musikvideos zu "Expect Resistance" veröffentlicht. Der Videoclip zu 'Illusions' zeigt Bilder von Religion und Faschismus, während 'Ode To A Dying Breed' Kritik am Kapitalismus und die Sorge um unsere Umwelt und die Welt als Ganzes zeigt. Kannst du uns ein bisschen mehr darüber erzählen?
»Das Video 'Illusions' veranschaulicht unsere Verachtung der Religion und all das Böse, das sie darstellt. Wir haben kein Problem mit dem persönlichen Glauben, sondern ein verdammt großes Problem mit den organisierten Religionen. Wir sind Anti-Theisten und betrachten Satan als ein Symbol der Rebellion. In diesem Sinne können wir als Satanisten bezeichnet werden. Denn der Gott der Bibel ist wirklich sexbesessen, frauenhassend, befürwortet Sklaverei und Völkermord sowie die Unterdrückung seiner Schöpfung. Satan ist das Gegenteil von Gott und daher ein perfektes Symbol für Freiheit. Der Song 'Illusions' ist die Beschreibung des Gotteswahns und eines Lebens auf den Knien.

'Ode To A Dying Breed' handelt von der verrückten Tatsache, dass wir gegen unsere eigene Ausrottung marschieren, blind vor Sehnsucht nach neuem Plastikzeug. Obwohl die Wissenschaft uns sagt, dass, wenn die Ozeane sterben, wir sterben, einige sich dafür entscheiden, einem zurückgebliebenen, gelbhaarigen Motherfucker zu folgen, dessen einziges Talent darin besteht, dass er auf Twitter schnell ist.«

"Expect Resistance" endet mit dem gleichnamigen Lied und dem Slogan „Respect existence, expect resistance“. Was bedeutet das für euch?
»Es ist wie Leonardo da Vincis Worte „Chi non stima la vita, non la merita“. Wer das Leben nicht schätzt, verdient es nicht. Wenn sie also zum Beispiel die Rechte der Frau nicht respektieren, das Recht jeden Kindes, nicht durch Religion manipuliert zu werden, und grundlegende Tierrechte – dann wird es irgendwann eine starke Widerstandsbewegung geben. Irgendwann wird der Jäger der Gejagte sein.«

Ich weiß, es ist eine knifflige Frage, aber ich bin neugierig: Hast du ein Lieblingslied auf "Expect Resistance" und welches ist es?
»Ja, das ist eine knifflige Frage (lacht). Ich würde sagen: 'Ode To A Dying Breed'. Es war das erste Lied, das Robert und ich geschrieben haben, und es ist der Ausgangspunkt für die Band.«

Was sind eure Pläne für BARBRO SAYS NO!? Sind irgendwelche Auftritte oder Releases in der Pipeline?
»Wir veröffentlichen ein Video zu unserem neuen Lied 'Våt varm jord' (dt: nasser, warmer Boden). Unser Plan ist es, jeden zweiten Monat eine Single zu veröffentlichen und sie am Ende in ein neues Album zu packen. Das neue Album ist auf Schwedisch geschrieben und die Geschichte spielt im 14. bis 15. Jahrhundert. Obwohl es eine der schlimmsten Episoden unserer Geschichte beschreibt, ein Mensch zu sein, können wir aus der Geschichte lernen und klarer sehen, was heute vor sich geht. Der Sound ist ganz anders als bei "Expect Resistance". Die Texte sind auf Altschwedisch geschrieben und der Sound ist viel dunkler. Wir sind zu einem härteren Klang übergegangen, und Livs [Hope, Leadsängerin] profitiert davon. Unsere Einflüsse sind ROTTING CHRIST, PRIMORDIAL und unsere Freunde in MÅNEGARM und WORMWOOD. Erik Grawsiö (MÅNEGARM) trägt stimmlich und Martin Björklund (MÅNEGARM) an der Geige bei. Gigs sind gerade schwer zu bekommen, aber wir hoffen auf eine bessere Zukunft, wenn die Covid-Pandemie vorüber ist.«

Irgendwelche abschließenden Worte an unsere Leser*innen?
»Ich denke, dass die deutschen Metal-Fans die treuesten Fans auf diesem Planeten sind. Seit meinem Besuch beim W:O:A vor einigen Jahren habe ich den tiefsten Respekt vor dem deutschen Verständnis von Metal. Ich hoffe, dass eure Leser*innen unserer Musik eine Chance geben, denn ich glaube, dass sie am besten geeignet sind, sie wirklich zu verstehen. Wir haben den Traum, einen Festival-Gig in Deutschland zu spielen, und wenn Satan gut zu uns ist, könnte dieser Traum wahr werden.«

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Bands:
BARBRO SAYS NO!
Autor:
Lisa Scholz

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