Interview


Pic: Jim Louvau

Interview 29.10.2021, 12:04

BAD WOLVES - Carpe diem!

Persönliche Dämonen überwinden und nach vorne blicken: Darum geht es den BAD WOLVES beim Titel ihres neuen Albums „Dear Monsters". Das passt gut zu dem „Neustart" der US-Amerikaner: Nach der Anfang 2021 erfolgten Trennung von Ex-Sänger Tommy Vext, über die wegen eines laufenden Gerichtsverfahrens nichts Neues gesagt werden kann, bringt der neue Frontmann Daniel "DL" Laskiewicz frisches Blut in die Band. Im Interview berichten DL und Drummer John Boecklin merklich entspannt über den Entstehungsprozess des neuen Albums, reflektieren über das eigene Tun und Wirken und blicken auf prägende Lebensentscheidungen zurück.

Jungs, kommen wir zum Start doch direkt auf den Titel eures neuen Albums „Dear Monsters" zu sprechen. Welche lieben und welche bösen Monster haben euch auf dem Weg zur Entstehung des neuen Albums begleitet?
DL: »Eigentlich geht es bei dem Titel weniger um uns selbst als um die Tatsache, dass jeder seine eigenen Dämonen hat. Es geht also darum, dass jeder diese eigenen, persönlichen Dämonen angehen und einen Weg finden sollte, mit ihnen umzugehen.«

John: »Der Titel ist mir im Schlaf eingefallen. Als ich dann aufgewacht bin, hab ich die Idee an die Jungs weitergegeben – und alle waren davon angetan. Ich würde sagen, 2021 und das Ende von 2020 stellen bislang das schlimmste Jahr meines Lebens dar, zumindest was meine Zeit im Musikbusiness angeht. Das geht zum einen auf die Pandemie zurück, aber auch auf die zurückliegenden Unruhen im Inneren der Band. Wenn ich drauf wetten müsste, hatte der Traum genau darin seinen Ursprung (lacht).«

Der Titel klingt auf jeden Fall auch so, als hättet ihr einen Weg gefunden, mit euren „Monstern" zu leben und euch in gewisser Weise auch beflügeln lassen.
John: »Klar, was wir erlebt haben, hat natürlich auch dazu beigetragen, uns stärker zu machen. Man erkämpft sich dann seinen Weg durch schwierige Situationen.«

DL, du bist 2021 als Frontmann zu den BAD WOLVES gestoßen. Konntest du noch ein paar eigene Ideen ins Songwriting einbringen oder waren die Songs zu dem Zeitpunkt schon komplett fertig?
DL: »Ich würde sagen 50/50. Auf dem Album sind Songs, an denen John und ich gemeinsam gearbeitet haben oder auch zum Beispiel ein Track, der jetzt eine B-Seite geworden ist, zu dem ich einige Riffs beigesteuert habe. Ich glaube, wir haben ab April angefangen, gemeinsam an den Tracks zu feilen, da kommt also ein bisschen von Allem zusammen. Auch an Songs, die eigentlich schon fertig waren, haben wir dann noch weiter gearbeitet, damit sie zu meiner Stimme passen. Da ist noch wirklich vieles in Gemeinschaftsarbeit entstanden. Ich hatte dementsprechend auf jeden Fall noch Gelegenheit, eigene Ideen in das Album einfließen zu lassen. 'Springfield Summer' ist dafür ein gutes Beispiel, da konnten wir uns stilistisch ein bisschen weiter ausstrecken und mal etwas wagen, was in der Vergangenheit vielleicht noch nicht unbedingt probiert wurde.«

Ich weiß, es ist immer eher doof, nach Lieblingssongs auf einem neuen Album zu fragen. Was mich trotzdem interessiert: Gibt es einzelne Songs auf „Dear Monsters", zu denen ihr eine besondere emotionale Verbindung habt?
DL: »Ich würde auf jeden Fall 'Springfield Summer' nennen, weil das eine der ersten Nummern war, die ich gemeinsam mit John angegangen bin. Hier konnten wir gemeinsam austesten, welche Chemie wir beim Songwriting haben. Da hängt auch für mich der ganze Prozess des Übergangs von meinem "normalen" Leben als Vater und Ehemann zum Leben als Bandmitglied mit allem, was dazu gehört, dran. Der Song geht mir dementsprechend ziemlich nah.«

John: »'Springfield Summer' ist mir auch sehr wichtig, weil der Song zeigt, dass etwas ganz eigenständiges dabei entsteht, wenn ich mit DL zusammen Songs schreibe. Der Song ist soft und kommt von Herzen, ist dabei aber nicht kitschig – einfach eine emotionale Rocknummer. Abgesehen davon bin ich ein großer Fan der vollkommen gegensätzlichen Soundelemente auf „Dear Monsters", von Gojira bis Bury Your Dead ist alles dabei.«

Eine sehr zentrale Lebensfrage stellt 'If Tomorrow Never Comes' mit der Zeile „How would you be remembered if you die tomorrow?" Ich gebe die Frage mal so an euch weiter.
John: »Das ist eine tolle Frage (lacht). Ich glaube, das wurde ich noch nie gefragt. Ich denke, man würde sich an mich als ehrliche, umwerfende, wild feiernde und hart arbeitende Person erinnern. Stimmst du mir da zu, DL (schmunzelt)?«

DL: »Klar, zu 1.000 Prozent, das hast du gut auf den Punkt gebracht. Ich glaube, ich würde ähnliches über mich sagen: Ich sehe mich als ehrliche Person, ich versuche, großherzig zu sein und das Beste aus jeder Situation zu machen. Genau darum geht es in dem Song: Vielleicht gibt es kein Morgen, also mach das beste aus jedem Tag! Beim Schreiben von 'If Tomorrow Never Comes' griffen wir folgenden Gedanken auf: Stell dir vor, du bist tot. Wer würde zu deiner Beerdigung kommen? Was würden diese Leute sagen? Bestandteil des Songs ist übrigens auch, dass manche Menschen nicht in der Lage sind, diese Art der Selbstreflexion anzuwenden und über die Auswirkungen ihrer Worte und Taten nachzudenken.«

Einen sehr emotionalen Schlusspunkt des Albums bildet 'In The Middle', worin euer Gitarrist Doc Coyle den Tod seiner Eltern verarbeitet. Wenn jemand von euch solch ein persönliches Thema in einem Song behandelt, bringt ihr dann überhaupt noch Veränderungsvorschläge ein oder lasst ihr einander in dem Fall freie Hand?
John: »Wir lassen uns dann komplett freie Hand. Ich habe in dem Fall Doc gesagt, dass er hier einfach machen soll, was sich für ihn richtig anfühlt. In so einer Situation, kann man nicht nachempfinden, was die Person gerade durchmacht, falls man nicht selber vergleichbares durchgemacht hat. Doc hat dann einfach seinen Gedanken freien Lauf gelassen, wir liebten den Song und es wäre uns nie in den Sinn gekommen, das Ergebnis zu hinterfragen oder abzuändern.«

Im Song 'Classical' behandelt ihr Unsicherheiten, mit denen alle Künstler:innen im Laufe ihre Karriere konfrontiert sind. Was sind eure größten Unsicherheiten als Musiker?
DL: »Ich würde sagen, das Dasein als Musiker selbst. Man ist immer irgendwo Kritik ausgesetzt, will immer das Beste aus sich herausholen und manchmal fühlt sich das wie ein niemals endender Kampf an. Den eigenen Selbstwert zu erkennen, ist für alle Aspekte des Lebens wichtig, wenn es um Musik geht allerdings ganz besonders. Das Musikbusiness ist hart, da man sich hier eigentlich freiwillig der öffentlichen Kritik aussetzt. Daher auch der Titel 'Classical': Als Musiker kritisiert zu werden, ist ein echter "Klassiker". Da muss man manchmal die Zähne zusammenbeißen und auf alles vorbereitet sein.«

Das ist ein guter Übergang zu meiner letzten Frage: John, als wir uns im Mai 2019 das letzte Mal gesprochen haben, ging es unter anderem um euer 'Zombie'-Cover. Damals hast du mir erzählt, dass der Erfolg einen riesigen Einfluss auf euer Leben hatte – im Guten wie im Schlechten. Wie blickst du heute – ungefähr zweieinhalb Jahre später – darauf zurück?
John: »Ich würde überhaupt nichts ändern wollen. Mit dem Song haben wir jetzt eine wilde Achterbahnfahrt hinter uns, einen besseren Trittstein hätte es für uns gar nicht geben können. Ohne diesen Track würden wir uns heute wahrscheinlich gar nicht unterhalten. Dafür können wir der wunderbaren Dolores (O'Riordan, 2018 verstorbene Sängerin von The Cranberries - lh) und diesem wunderschönen Song, den sie geschrieben hat, gar nicht genug danken. Das hat uns als Band viel weiter gebracht. Dabei war ja die Entwicklung des Songs ganz anders als geplant: Ursprünglich war Dolores noch am Leben, wir wollten den Song gemeinsam covern und das ganze war eher als spaßiger Bonustrack gedacht – und dann kam alles ganz anders. Dadurch wurde für uns ein Song mit besonderer emotionaler Bedeutung daraus. Es fällt mir heute noch schwer zu glauben, dass unsere Version so groß wurde und sich für uns solch eine einmalige Lebenssituation daraus ergab.«

https://badwolvesnation.com/

https://www.facebook.com/badwolvesofficial

Bands:
BAD WOLVES
Autor:
Lukas Höpfner

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