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ToneTalk 25.10.2017

ANTHRAX , S.O.D. - »Ich war schon mit fünf Jahren in einer Band«

Charlie Benante hält sich gerne im Hintergrund, dabei ist der Drummer der Motor von ANTHRAX. Der 54-Jährige treibt die Band nicht nur mit seinem variantenreichen und stets energievollen Schlagzeugspiel voran, sondern gilt auch als Hauptkomponist der Ostküsten-Thrasher.

Charlie, wann hast du angefangen, Schlagzeug zu spielen, und was war der Auslöser?

»Ich spiele schon, seitdem ich denken kann. Ich wurde geboren und spielte Drums! Mit fünf Jahren war ich Mitglied einer Band, die in einem Musikstudio gegründet wurde.«

Wie hast du das Schlagzeugspielen erlernt?

»Ich habe es nicht gelernt. Ich glaube nicht an Gott, aber ich glaube an Talent, das einem in die Wiege gelegt wurde. Einige Leute müssen gewisse Dinge nicht „lernen“, sondern beherrschen sie einfach. So war es bei mir mit dem Schlagzeugspielen.«

Wer war dein größter Einfluss?

»Als ich aufwuchs, gab es noch nicht so viele Schlagzeuger wie heute, zu denen man aufschauen konnte. Ich weiß noch, dass meine Mutter mich abends immer weckte, wenn bei Johnny Carsons „The Tonight Show“ Buddy Rich auftrat. Das war in den Sechzigern und Siebzigern ein sehr berühmter Jazz-Drummer. Er war ein großer Einfluss, denn er hatte ein publikumswirksames Auftreten und diese verrückten technischen Fähigkeiten. Später entdeckte ich dann Ringo Starr von den Beatles, John Bonham von Led Zeppelin und Keith Moon von The Who.«

Was hältst du von Drumstick-Spinning?

»(Lacht.) Mich stört es nicht, wenn der Drummer dabei lässig aussieht. Bei Tommy Lee oder Tommy Aldridge sah es cool aus, bei anderen Schlagzeugern hingegen nicht. Sie sollten lieber damit aufhören. Ich drehe meine Sticks beim Spielen manchmal, ohne dass es mir auffällt.«

Bevorzugst du Single- oder Doublebass?

»Für ANTHRAX bevorzuge ich Doublebass, aber mir macht es auch Spaß, eine Single-Kickdrum zu spielen. Das ist nämlich eine größere Herausforderung, weil du mit deinem linken Fuß nicht arbeiten kannst und dich deshalb mehr auf deinen rechten Fuß fokussieren musst.«

Wie stehst du zu Drumtriggern?

»Ich hatte nie ein Problem damit, ich triggere live immer die Kickdrums, aber ansonsten nichts. Die Kickdrum triggere ich auch hauptsächlich für meinen Monitor-Mix. Es war früher jeden Tag total nervig, einen vernünftigen Monitor-Sound hinzubekommen. Vor Jahren habe ich Trigger für mich entdeckt. Ich nahm dann im Studio Samples von meinem kompletten Kit auf, und ddrum haben mir ein Package mit meinen eigenen Sounds zur Verfügung gestellt. Es sind also meine eigenen Klänge, die ich bis heute benutze.«

Wie bereitest du dich auf einen Gig vor?

»Ich sitze ungefähr eine Stunde im Umkleideraum, spiele einzelne Song-Rudimente durch und stretche mich.«

Du leidest in der rechten Hand unter dem Karpaltunnelsyndrom. Wie geht es dir damit zurzeit?

»Ich kann einige Dates spielen, merke aber heute ein Ziehen in der Hand. Ich brauche deshalb nach einigen Gigs eine Pause (weshalb Charlie bei den letzten ANTHRAX-Tourneen zeitweise von Jon Dette ersetzt wurde - rb). Meine linke Hand bereitet mir auch Sorgen. Aber es ist auch kein Wunder: Gerade als Drummer strapazierst du gewisse Muskelpartien und Gelenke bis auf Äußerste. Wenn das Wetter schlecht ist, fühle ich mehr Schmerzen.«

Treibst du Sport, um dich für das Schlagzeugspielen fit zu halten?

»Ich habe es schon länger nicht mehr getan, aber sonst bin ich immer viel Seil gesprungen. Bei mir zu Hause habe ich ein Roland-E-Drumkit, auf dem ich fast jeden Tag spiele. Das ist schön ruhig, ich kann mir ein Metronom dazuschalten und verschiedene Timings durchspielen, bei denen ich immer schneller werde. Das ist für die Show sehr hilfreich, denn ich weiß, welches Tempo sich gut anfühlt, und werde nicht zu schnell.«

Trägst du beim Spielen besonderes Schuhwerk?

»Nein, ich achte nur darauf, dass es leichte Schuhe sind.«

Du trägst so gut wie immer Handschuhe hinterm Kit.

»Letzten Abend habe ich die Handschuhe für zwei oder drei Songs ausgezogen, weil sie so eng an meinen Händen anlagen. Das fühlte sich befreiend an. Es ist für mich aber schwer, das dauerhaft durchzuhalten, weil meine Handinnenflächen durch das Spielen ohne Handschuhe aufreißen.«

Gibt es einen Song, der dich beim Einüben in den Wahnsinn getrieben hat?

»Wenn ich darüber nachdenke, gibt es da bestimmt ein oder zwei. Als wir „Among The Living“ aufgenommen haben, wollte ich nicht zu einem Clicktrack spielen, sondern es so live wie möglich halten. Das Album sollte eine menschliche Seele haben. Ich bin die Platte für die „Among The Kings“-Tour wieder durchgegangen, und der Song ´Imitation Of Life´ ist so verdammt schnell. Scott (Ian, Anthrax-Gitarrist - rb) meinte, dass er über 200 bpm zählt. Damals erschien uns das aber ganz natürlich, wir wollten immer schneller und schneller spielen. So einen Song live im Studio in einem Take aufzunehmen, war immer eine Herausforderung.«

Du hast eine „One Take“-Philosophie. Verfolgst du sie immer noch?

»Meistens, ja. Mir gefällt es, mit Scott und Frank den jeweiligen Song ein- oder zweimal im Studio einzuspielen. Wenn sie dann weg sind und ihre Pilotspuren für Gitarre und Bass aufgenommen haben, hämmere ich die Nummer noch mal auf meinem Schlagzeug ein.«

Und wenn dir bei einem fünfminütigen Song in der Mitte ein Fehler unterläuft, fängst du von vorn an?

»Nein, ich höre mir das Ergebnis an, und wenn es mir bis dahin gefällt, sage ich: „Okay, lass mich hier in der Mitte neu einsteigen.“ Aber ich möchte die Energie hochhalten, und das funktioniert nur, wenn man es möglichst „live“ hält, und nicht, wenn man die Aufnahme aus unzähligen kurzen Takes am Computer zusammensetzt.«

Verzichtest du für das Live-Feeling durchgehend auf einen Clicktrack?

»Bei manchen Songs spiele ich gerne zu einem Clicktrack, bei anderen hingegen überhaupt nicht. Bei manchen Liedern sage ich explizit: „Diesen Track möchte ich nicht mit einem Click spielen, das hält mich zurück!“ Das hängt immer vom Song ab. Bei manchen Stücken willst du diese Präzision, bei der die Gitarre und die Drums sich verzahnen. Da macht ein Clicktrack Sinn.«

Bei „Worship Music“ habt ihr das Schlagzeug im Studio auf Analog-Band aufgenommen. Seid ihr bei „For All Kings“ auch wieder so vorgegangen?

»Nein, wir haben das aus zwei Gründen gelassen. Erstens war es sehr schwer, Bänder für die Aufnahme zu finden. Zudem hat unser Produzent und Mixer Jay Ruston mich beiseitegenommen und zu mir gesagt: „Lass mich dir zeigen, wie es als Tape-Aufnahme und als digitale Aufnahme klingt.“ Ehrlich gesagt habe ich keinen großen Unterschied feststellen können. Für eine Truppe wie Rival Sons macht es mehr Sinn, diese analoge Bandsättigung im Sound zu haben. Bei einem so dichten Metal-Sound wie bei ANTHRAX hat es für mich nicht den großen Unterschied gemacht.«

Was hältst du von den heutigen Drumsounds, die auf Metal-Alben vertreten sind?

»Einige skandinavische Truppen verlassen sich eher auf synthetische Drum-Klänge, die sich auch nicht groß von Band zu Band unterscheiden. Aber dennoch ist teilweise großartiges Schlagzeugspiel darauf zu hören. Mein liebstes Album der letzten Jahre, was das Schlagzeug angeht, ist Dimmu Borgirs „Puritanical Euphoric Misanthropia“. Ich habe das Werk erst gestern wieder aufgelegt, das Drumming ist unglaublich gut und brutal.
Ich erinnere mich noch daran, wie die deutschen Bands früher immer einen tollen Drumsound hatten, der klang immer schön und klar, und die einzelnen Schlagzeug-Elemente waren im Sound sauber voneinander getrennt.«

Du redest jetzt von Bands wie Accept?

»Genau, Accept und einige andere.«

Was stellt für dich deine beste Arbeit am Schlagzeug dar?

»Ich mag „For All Kings“ sehr, die Schlagzeug-Parts sind wesentlich durchdachter als sonst. Ich habe nicht einfach drauflosgespielt, sondern sie auf eine gewisse Art strukturiert. „Among The Living“ gefällt mir auch, da war ich jung, habe viele Herausforderungen gesucht und in einem Song viele Drum-Elemente eingebaut. Danach habe ich gelernt, dass es auch wichtig ist, sich mit seinem Spiel zurückzunehmen und den anderen Musikern Luft für ihre Glanzmomente zu geben.«

Was ist wichtiger: Technik oder Feeling?

»Das ist eine schwierige Frage. Es gibt nämlich Drummer, die technisch großartig sind, aber keinerlei Gefühl in ihrem Spiel haben. Auf der anderen Seite gibt es auch Leute, die das totale Feeling, aber keinerlei Technik haben. Hatte John Bonham eine große Technik? Ich denke, er war eher ein Drummer, der sich auf sein Feeling verlassen hat.«

Mit welchem Drummer würdest du dich gern einmal über das Schlagzeugspielen austauschen?

»Das ist eine gute Frage. Ich könnte mir vorstellen, mit Stewart Copeland (The Police - rb) ein gutes Gespräch zu führen. Mit Neil Peart (Rush - rb) könnte ich auch ein bisschen quatschen. Mit Terry Bozzio (u.a. Frank Zappa, Korn - rb) würde ich ebenfalls gern einen Kaffee trinken und über das Schlagzeugspielen reden, Gleiches gilt für Steve Smith (Journey - rb), bei dem ich das Gefühl habe, dass ich noch viel von ihm lernen könnte.«

Hast du ein Lieblings-Drumsolo?

»Ja, das von Peter Criss bei ´100.000 Years´ auf „Alive!“ von Kiss. Er spielt da ein tolles Solo mit jeder Menge Gefühl und Seele. Jedes Mal, wenn ich es höre, bekomme ich Gänsehaut.«

Gibt es ein ANTHRAX-Album, auf dem dir der Drumsound nicht gefällt?

»Ich mag den Drumsound auf „Stomp 442“ nicht, wir kamen da mit den Produzenten (Butcher Brothers - rb) auf keinen gemeinsamen Nenner.«

Was für Sticks benutzt du?

»Ich habe mit Vic Firth vor ein paar Jahren ein Signature-Modell entworfen, mit dem ich sehr zufrieden bin. Die Sticks brechen so gut wie nie.«

Gibt es ein Album, auf dem du gerne gespielt hättest?

»Da gibt es zu viele. Dieser Prince-Song ´Diamonds And Pearls´ besitzt ein geniales Drumfill, bei dem ich wünschte, dass es von mir wäre.«

Was ist deine größte Stärke als Drummer?

»Dass ich Gitarre spielen kann. Ich liebe es, Gitarre zu spielen, und kann mich beim Komponieren eines Songs auch in die Rolle des Gitarristen einfinden. Ich spiele zu Hause sogar häufiger Gitarre als Schlagzeug. Ansonsten bin ich sicherlich für meine Fähigkeiten an der Doublebass bekannt. Dieses Speed-Drumming hat ANTHRAX geprägt.«

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DISKOGRAFIE (Studioalben)

Mit Anthrax:

Fistful Of Metal (1984)
Spreading The Disease (1985)
Among The Living (1987)
State Of Euphoria (1988)
Persistence Of Time (1990)
Sound Of White Noise (1993)
Stomp 442 (1995)
We´ve Come For You All (2003)
The Greater Of Two Evils (Re-Recordings, 2004)
Worship Music (2011)
For All Kings (2016)

Mit S.O.D.:

Speak English Or Die (1985)
Bigger Than The Devil (1999)

Pic: Andy Buchanan

Bands:
S.O.D.
ANTHRAX
Autor:
Ronny Bittner

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