Schwatzkasten

Schwatzkasten 01.01.1970, 01:00

TWILIGHT OF THE GODS , DREAD SOVEREIGN , PRIMORDIAL - Alan Averill (Primordial, Twilight Of The Gods, Dread Sovereign)

ALAN AVERILL, auch bekannt unter dem Pseudonym A.A. Nemtheanga, ist der ausdrucksstarke Frontmann von Primordial, Twilight Of The Gods und Dread Sovereign. Im Schwatzkasten tauchen wir mit dem Iren ein in seine raue Jugend als Metaller in den Straßen Dublins, sprechen über Schlüsselerlebnisse seiner musikalischen Sozialisation, private Interessen, politische Ansichten zu Europa und den USA und thematisieren schließlich noch den Tod und sein Interesse an okkulten Bewegungen.

Alan, wie und wo bist du aufgewachsen?

»Ich bin in einer ganz normalen Familie im Norden Dublins aufgewachsen, die sich nur darin von anderen Familien unterschieden hat, dass meine Mutter katholisch und mein Vater evangelisch war. Da der Anteil der Protestanten in meiner Heimat nur drei oder vier Prozent beträgt, war diese Glaubenskonstellation - vor allen Dingen in den siebziger Jahren - recht ung ewöhnlich. Meine Erziehung verlief deshalb anders als bei den meisten Iren. Ich wuchs ohne Katholizismus auf, war nie in der Kirche und wurde nicht getauft. Niemand würgte mir diesen ganzen religiösen Mist rein. Bei uns gab es keine Bibel und keine Sonntagsmesse. Meine Eltern waren sehr offen und progressiv und wollten eine säkulare Erziehung für mich. Sie ermutigten mich, mich künstlerisch zu entfalten. Es passiert selten, dass jemand in Irland so aufwächst wie ich. Gleichzeitig nahm ich dadurch automatisch eine interessante Position in der irischen Gesellschaft ein - sowohl innerlich als auch äußerlich. Das ermöglichte mir, viele Dinge aus einer anderen Perspektive zu betrachten als die meisten meiner Landsleute. Ansonsten war aber nichts in meiner Kindheit und Jugend ungewöhnlich. Ich war einfach nur ein Teenage-Black-Metal-Satanist.«
 
Gehörtest du in der Schule zu den Problemkindern oder zur Streberfraktion mit den guten Noten?

»Ich gehörte ganz klar zu den Troublemakern. Ich hatte ständig Ärger am Hals und wollte mich nie unterordnen. Zum Glück war ich aber auch clever genug, meine Arbeit ohne allzu viel Aufwand zu erledigen. Die Schulkonventionen haben mich schon in jungen Jahren gelangweilt. Ich hing lieber mit den Bad Boys ab und brockte mir Ärger ein. Damals gab es an den irischen Schulen noch Prügel, und es kam vor, dass man regelrecht herumgeschleudert wurde. Das hat allerdings keine bleibenden Schäden bei mir hinterlassen. Womöglich hat es nur mein Misstrauen gegenüber Autoritäten und meinen Willen, sie zu untergraben, gestärkt. Sicherlich haben diese Erfahrungen auch dazu geführt, dass ich mich mit Heavy Metal und insbesondere Black Metal so gut identifizieren konnte und der Wunsch in mir wuchs, eine eigene Band zu gründen. Ich wollte nicht einfach nur in irgendeinem Job von neun bis fünf in einem Laden Regale füllen.«
 
Was war das damals in deiner Jugend für eine Zeit  in Dublin?

»In den Achtzigern war Dublin eine sehr raue Stadt. Als Teenager mussten wir jedes Wochenende kämpfen. Man wurde ständig in Straßenprügeleien verwickelt und wuchs automatisch in einem rauen Klima auf. Ob man wollte oder nicht: Man musste darum kämpfen, Metaller sein zu dürfen. Manchmal waren wir ein Trupp von 40 bis 50 Metalheads, die sich in den Straßen rauften. Über jedem Konzert, das man am Wochenende besuchte, hing ein dunkler Schatten. Man versuchte, die Auseinandersetzungen weitgehend zu vermeiden, aber immer gelang das nicht. Ich will mich hier nicht als harten Typen präsentieren, denn das bin ich nicht. Aber so sind wir einfach aufgewachsen. Solche Erfahrungen formen deinen Charakter. Es liegt an dir selbst, ob sie negative Auswirkungen auf dich haben oder nicht.«
 
Hast du jemals unter Arrest gestanden?

»Nein, das konnte ich zum Glück immer vermeiden.«
 
Wie bist du erstmals mit Musik in Berührung gekommen?

»Die große Verantwortung der musikalischen Sozialisation liegt in den Händen der Eltern. Ich fürchte, dass viele Kinder heutzutage deshalb kein großes Interesse mehr an Musik haben, weil die Eltern diesbezüglich total versagen. Die jungen Mütter und Väter der Gegenwart haben mit großer Wahrscheinlichkeit nur ein paar beschissene CDs aus den Neunzigern mit Robbie-Williams-Musik in ihren Regalen stehen. Meine Eltern besaßen Vinyl. Sie waren selbst nicht musikalisch, aber sie mochten Musik. Meine erste Erinnerung ist die an englischen Folk sowie an die Rolling Stones und Joni Mitchell. Das weckte mein Interesse an Musik. Mit acht oder neun Jahren lernte ich ZZ Top und AC/DC kennen und hörte zum ersten Mal Hardrock. Mitte der Achtziger gab es zudem eine TV-Show, die ich immer bei meinen Großeltern guckte und in der Judas Priest, AC/DC, Celtic Frost, Exodus, Slayer und Megadeth gespielt wurden. Da war ich elf, zwölf Jahre alt. Ich erinnere mich genau, dass mir Slayers ´Hell Awaits  ´ zunächst zu heftig war, aber zwei Monate später konnte ich mit dieser Musik etwas anfangen und dachte mir: „Genau DAS ist es! DAS bin ICH!" Und ich weiß noch, wie mich Iron Maidens ´Prowler´ beim ersten Hören sofort gepackt hat. Damals bin ich jeden Tag eine Haltestelle vor der Schule ausgestiegen und den restlichen Weg gelaufen, um 20 bis 30 Cent Busgeld zu sparen. Dadurch hatte ich nach zwei Wochen genug Kohle zusammen, um mir ein Second-Hand-Album leisten zu können. Natürlich musste es „Iron Maiden" sein, weil ich schon das Cover mit dem typischen Artwork so toll fand. Ich erinnere mich noch genau, wie ich zum ersten Mal die Nadel auf die Platte gesetzt habe und wusste: „DAS ist es!" Inzwischen klingt das romantisch. Heute kann man Musik einfach downloaden. Innerhalb von 45 Sekunden saugt man sich 15 Alben einer Band, hört in die ersten 20 Sekunden rein und schmeißt sie dann wieder in den digitalen Mülleimer. Damals war Musik unsere Identität.«
 
Was war die allererste Platte, die du dir selbst gekauft hast?

»Das muss AC/DCs „For Those About To Rock" gewesen sein.« 

Und was war die erste Show, die du dir angeschaut hast?

»Das war Metallica 1988. Damals war ich 13 Jahre alt. Ich sah sie ´Welcome Home (Sanitarium)´ spielen und wusste: „Das will ich auch machen! Ich will James Hetfield sein!"«
 
Wie verlief deine erste eigene Show?

»Meine ersten Live-Erfahrungen sammelte ich in sehr mittelmäßigen Schülerbands, die auf Talent-Wettbewerben zockten. Damals zupfte ich eher schlecht als recht Venoms ´Witching Hour´ oder Discharges ´State Violence State Control´ auf dem Bass, während mir die Eltern im Publikum zuschauten. Mit meinen Primordial-Mitstreitern Pól und Ciarán stand ich im September 1991 erstmals zusammen auf einer Bühne. Damals nannten wir uns noch Forsaken.«
 
Was war der übelste Job, den du je hattest?

»Mir ist es jahrelang geglückt, nicht arbeiten gehen zu müssen und irgendwie durch das System zu schlüpfen. Eine Weile habe ich auch mal wieder die Schulbank auf dem College gedrückt. Unterm Strich waren es deshalb nur hier und da ein paar Jobs, denen ich nachgegangen bin, und die waren zum Glück auch nicht allzu krass. Ich erinnere mich an einen üblen Job in einer Hotelküche, dem ich aber auch nur vier oder fünf Tage nachgegangen bin, bis ich wieder gekündigt habe. Von meinem 15. Lebensjahr an wollte ich nie etwas anderes, als in einer Band zu spielen.«
 
Was war die schlimmste Show, die du je gespielt hast?

»Unser erster Europa-Gig auf dem Wacken 1998 war fürchterlich. Es hat in unserer Karriere schon Auftritte gegeben, bei denen wir regelrecht auf dem Zahnfleisch gekrochen sind, aber wir sind eben Menschen und keine Maschinen. Wir Iren haben recht raue Charaktere und sind nicht immer die größten Profis, aber das wollen wir auch gar nicht sein. Es ist nichts ermüdender, als wenn mir jemand nach einem Konzert erklärt, dass ich die zweite Zeile der vierten Strophe des fünften Songs nicht richtig sauber performt habe. Niemand kann mir erzählen, dass ein Vollprofi wie Bruce Dickinson Anfang der achtziger Jahre nicht auch mal einen sitzen hatte. YouTube hat das Live-Erlebnis von Rock´n´Roll stark verändert. Nichts ist mehr heilig. Nichts ist mehr magisch. Man hat keine Helden mehr wie Bon Scott, zu denen man aufblickt. Einen persönlichen Alptraum habe ich auf dem Bloodstock erlebt, wo ich meine Stimme verloren habe, weil mein Körper allergisch auf eine Nebelmaschine reagierte. Ich brachte keinen einzigen Ton mehr raus. Daraufhin haben wir die Stücke instrumental gespielt, und das Publikum hat von mir dirigiert die Texte gesungen. Und so wurde es doch noch zu einem positiven Erlebnis, an das sich die Leute erinnern.«
 
Hast du ein Ritual, bevor du auf die Bühne gehst?

»Bei Primordial-Auftritten komme ich dadurch in Stimmung, dass ich Schminke auflege und die Bühnenklamotten anziehe. Ich mag es, dabei alleine zu sein. Selbst wenn ich mich in einem Raum voller Menschen aufhalte, versuche ich, gedanklich alleine zu sein und meine Energie zu fokussieren. Nebenher wärme ich meine Stimme ein wenig auf. Sobald das Intro läuft, versuche ich, an etwas zu denken, bei dem sich mir die Nackenhaare aufstellen. Das funktioniert immer. Dann bin ich in der richtigen Stimmung. Ich bin noch nie genervt auf die Bühne gegangen mit dem Gedanken, dass ich überhaupt keine Lust auf den Auftritt habe. Beim Heavy Metal funktioniert der Energietransfer über das Live-Spielen. Ich würde sofort mit der Sache aufhören, wenn es nicht mehr mein Adrenalin hochtreiben und mich emotional berühren würde.«
 
Wer spielt in deinem perfekten Allstar-Line-up?

»Die Black-Sabbath-Recken Tony Iommi, Geezer Butler, Bill Ward und Ronnie James Dio. Dazu kommt noch Malcolm Young an der Rhythmusgitarre.«
 
Welche drei Alben würdest du mit auf eine einsame Insel nehmen?

»Von der alten amerikanischen Speed-Metal-Band Holy Terror das Album „Mind Wars", „Consider The Birds" von Woven Hand und „Within The Realm Of A Dying Sun" von Dead Can Dance.«
 
Berichte mal von euren Fans. Bekommst du viele Fan-Geschenke?

»Da es bei Primordial um Geschichte und Kultur geht und die Grundhaltung sehr ernst ist, ziehen wir eine andere Art von Frauen an - auch wenn das jetzt vielleicht komisch klingt. Ich besitze Sammlungen von Büchern, Gedichten, Gemälden, Knochen und T-Shirts, die mir die Leute im Verlauf der Jahre geschenkt haben. Primordial bewegen diese Menschen. Und so soll es ja auch sein. Man kann uns auch problemlos treffen, weil wir nicht zu den Bands gehören, die sich in den Garderoben verstecken. Ich besuche immer noch privat Festivals, um mir andere Bands anzugucken.«
 
Welche Interessen hast du neben der Musik?

»Ich treibe viel Sport. Ich mag Sportarten mit Wettbewerbscharakter und spiele Fußball und Hockey. Ich renne gerne und verausgabe mich im Fitnesscenter. Ich betätige mich auch als Journalist und schreibe für ein paar Magazine. Gelegentlich zeichne und male ich. Natürlich interessiere ich mich für Geschichte und mache gerne kleine Kultur-Trips. Ich schaue mir lieber ein Museum zum Zweiten Weltkrieg oder ein Schlachtfeld an, als am Strand in der Sonne zu sitzen. Ich bin ja keine Eidechse.«
 
Was war der interessanteste Ort, den du je besucht hast?

»Da gibt es einige. Ich finde New York faszinierend. Außerdem mag ich Prag, Sofia, Teile von Paris und Lissabon. Ich war schon in Honduras, Guatemala und Mexiko sowie in diversen osteuropäischen Ländern. Ich brauche immer ein Ziel mit Geschichte und Kultur. In Deutschland gefallen mir die verlassenen, runtergewirtschafteten Städte im Osten mit ihren leeren Fabriken. Ich mag solche Industrieruinen und finde es faszinierend, zwischen massiven alten Fabriken zu stehen. Natürlich gefallen mir aber auch die bayerischen Burgen und alte Festungen.«
 
Du erwähntest, dass dich New York fasziniert. Stell dir vor, du wärst der Präsident der Vereinigten Staaten. Was würdest du als Erstes ändern?

»Ich habe noch nie ein Land gesehen, in dem - abgesehen von einigen extremen Orten in Osteuropa - der Unterschied zwischen Arm und Reich derart eklatant ist. Die neokonservative Politik hat ganze Städte gezeichnet. Wenn man durch die Innenstadt von Detroit geht, mutet diese wie ein Gerippe an. Da ist nichts mehr. Die ärmsten und untersten zehn, 15 Prozent der amerikanischen Gesellschaft fallen einfach durchs Raster. Deswegen gibt es in den USA das private Gefängnissystem. In den siebziger und achtziger Jahren wurden Crack und Kokain designt, um Arme und Schwarze hinter Gitter zu bringen. Heutzutage wird Crystal Meth designt, um arme Weiße einzulochen. Ganz langsam werden die untersten 15 Prozent der Gesellschaft einfach weggesperrt. Und das passiert aus Profitgründen, denn die Gefängnisinsassen arbeiten für den Staat. Im US-System läuft wahnsinnig viel falsch, aber die meisten Amerikaner sehen das nicht. Wenn du erfolgreich bist, bist du erfolgreich, wenn du nicht erfolgreich bist, fällst du einfach durchs Raster. Natürlich geht es in der Politik immer um Macht und die Wirtschaft. Eine einzige Person kann nicht viel ändern. Die Lobby hat die Macht. Wenn es 15 Leute wie mich gäbe, die zudem noch sehr reich wären, könnten wir vielleicht etwas erreichen.«
 
Und was würdet ihr 15 dann verändern wollen?

»Dieses ganze System, in dem Kriege aus Profitgründen geführt werden. Ein anderes Problem ist die mächtige Pharmaindustrie, die wie ein dunkler Schatten im Rücken der US-Gesellschaft agiert. Sie macht eine ganze Nation krank. Die USA stellen sich selbst unter Medikamenten-Einfluss. In den späten siebziger und frühen achtziger Jahren wurden während des Kalten Krieges die Weichen gestellt für eine Art „Prozac Nation", die Medikamente gegen die Angst konsumiert. Die Pharmaindustrie hat ein Interesse daran, dass die Menschen krank sind. Glaubt irgendjemand ernsthaft, dass uns diese Firmen wirklich ein Mittel gegen Krebs geben wollen? Ich glaube nicht daran.«
 
Siehst du dich selbst als eine politische Person?

»Auf jeden Fall. Ich habe mich schon immer sehr für Politik interessiert. Ich versuche, das nicht zu sehr bei Primordial durchschimmern zu lassen, aber es gibt einen Grund, warum wir so klingen, wie wir klingen. Unsere Musik entsteht nicht in einem Vakuum. Wir färben auf sie ab. Wenn du nichts zu sagen hast, klingt auch deine Musik so, als hättest du nichts zu sagen. Meine Sicht der Welt ist in erster Linie düster, negativ und zynisch. In unserer Band geht es immer um düstere Hintergründe. Ich beschäftige mich mit vielen Themen von Reality-TV über Auslandspolitik bis hin zur Pharma- und Waffenindustrie. Bei mir gibt es keinen Ausschalter im Kopf. Manchmal ist es nicht ganz einfach, mich um sich zu haben. Ich kann sowohl totalen Nonsens von mir geben als auch todernst sein. Ein Mittelding gibt es bei mir nicht. Mich lädt man besser nicht zu einem netten Abendessen mit Gesprächen über die lieben Kleinen, Ikea-Einkäufe und den Berufsverkehr ein. Das bin ich einfach nicht. In diese Welt passe ich nicht. Ich war schon immer politisch.«
 
Vor einiger Zeit hat die Schweiz entschieden, die Zahl der Zuwanderer zu begrenzen. Was denkst du darüber?

»Das ist eine komplizierte Frage. Mit gewissen Teilen der Gesellschaft ist es kaum möglich, darüber eine rationale Diskussion zu führen. Die Linken und Rechten brüllen sich bei diesen Themen gegenseitig nieder. Zunächst kann man aber sagen: Wenn es eine demokratische Wahl war, muss man das Ergebnis auch respektieren. Es gibt Menschen, die Demokratie nur mögen, wenn ihnen die Ergebnisse gelegen kommen. Wenn die Schweiz das so entschieden hat, dann finde ich es lächerlich, wenn der Rest Europas über Sanktionen nachdenkt. Stattdessen wäre es in dem Fall zum Beispiel die Aufgabe der Linken, den Rechten zu beweisen, dass sie Unrecht haben. Viele Menschen haben beim Thema Politik so große Angst, in eine Schublade gesteckt zu werden, dass viele Tabus nie thematisiert werden. Man müsste eine wirklich pragmatische Diskussion über das Thema Immigration führen können. Die Rechten und Linken haben ihre Hochzeiten nur in Zeiten der Not. Wenn die Bevölkerung genug Essen auf ihren Tellern hat, tritt sie nicht einer islamischen Miliz in Somalia oder Nordpakistan bei. Ich hasse es, wenn überreagiert wird. Europa ist doch eine Art Experiment. Durch den arabischen Frühling und das Streben nach Demokratie gibt es eine massive Verlagerung der Bevölkerung. In den ärmeren Ländern Südeuropas gibt es für diese Menschen nicht genügend Jobs. Und es existiert kein Wohlfahrtsstaat, der sie unterstützt. Unter diesen Umständen überrascht es nicht, wenn es zu negativen Reaktionen kommt. Fatal ist, dass diese Problematik bei den Menschen, die sie betrifft, nicht richtig angesprochen wird. Die Schweiz ist neutral und bewegt sich größtenteils außerhalb der Gesetze und Vorgaben von Brüssel. Vielleicht haben die Schweizer Sorge, dass für zu viele weitere Immigranten nicht genug Platz und Jobs in der Gesellschaft sind. Es gibt viele verschiedene Gründe, und das sollten die Leute akzeptieren, ohne sich gegenseitig anzumachen.
Ich bin zwei- bis dreimal pro Jahr für 30 bis 40 Tage in Europa auf Tournee, und ich sehe mit meinen eigenen Augen, was in manchen Teilen des Kontinents passiert. Es gibt Orte in Belgien, die zu kleinen islamischen Staaten geworden sind. Angesichts der Geschehnisse im Mittleren Osten und in Nordafrika werden manche Menschen radikaler. Wir reden hier von Leuten, die die Scharia einführen wollen innerhalb der Grenzen Europas. Oft stammen diese Menschen aus der intellektuellen Mittelklasse und sehen sich nicht als Europäer. Das ist sehr gefährlich. Ich beobachte, dass die Linken die politische Mitte als rechts bezeichnen. Dadurch wird die Politik der Mitte systematisch zerstört. Wir benötigen aber die Mitte, damit die Balance bleibt. Wenn die Linke weiterhin die Mitte als rechts tituliert, bewegt sich die Arbeiterklasse in Massen zum rechten Flügel. Und dann wundern sich die alteingesessenen, intellektuellen Sozialisten der Mittelklasse, dass die Gesellschaft auf die Fresse fliegt. Das passiert momentan in Skandinavien. Wenn du Demokratie willst, dann musst du auch die demokratischen Entscheidungen der anderen akzeptieren.«
 
Gibt es einen Prominenten, den du gerne mal treffen würdest, um dich mit ihm zu unterhalten?

»Da gibt es eine Menge: Napoleon, Churchill, Stalin, Salvador Dalí.«
 
Was würdest du Dalí fragen?

»Ich habe sein Museum besucht und fand es total magisch und inspirierend. Dalí war ein sehr kreativer, rebellischer Freak, der unglaubliche Kunstwerke geschaffen hat. Ich mag seinen Sinn für Humor und glaube, dass ein Gespräch mit ihm sehr unterhaltsam wäre. Ich stelle es mir auch interessant vor, mit Leonard Cohen Zeit zu verbringen.«
 
Wo wir gerade beim Thema Surrealismus sind: Kannst du dich an dein verrücktestes Drogenerlebnis erinnern?

»Wenn man Drogen nehmen will, würde ich bewusstseinserweiternde Substanzen empfehlen - und dann eher Mushrooms als Acid. Wenn ich diese Stoffe genommen habe, haben sie etwas in mir aufgedeckt, das unter anderem meine Wahrnehmung der Realität beeinflusst hat. Im Verlauf der Jahre lernt man seine Grenzen kennen und mit diesen Stoffen umzugehen, aber in jungen Jahren war ich auch in einige krasse Erlebnisse involviert. Als Twen habe ich mit der Band Mourning Beloveth zusammengelebt, und wir sind manchmal 50 Stunden und länger wach geblieben. Wir schmissen uns 100 bis 120 Ecstasy ein und gingen an unsere Grenzen. Wenn du in einer düsteren, aggressiven Stadt lebst, in der der Wind heult, der Regen peitscht und fast jeder Tag grau zu sein scheint, machst du so was.«
 
Hast du irgendeine Vorstellung oder einen Glauben, was nach dem Tod kommt?

»Leider nein. Momentan glaube ich, dass unsere Energie einfach nur zurück in die Erde geht, woher sie gekommen ist. Aber wer will auch schon ewig leben? Es ist eine gottlose Existenz. Das mag sehr düster klingen, aber diese Haltung findet man auch in unserer Musik. Der Song ´The Mouth Of Judas´ handelt von der Suche. Ich bin fasziniert vom Golden Dawn und anderen hermetischen, okkulten Bewegungen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Ich bin auf der Suche nach Wissen und Antworten. Diese Suche endet vermutlich nie. Ich weiß nicht, ob man je zu einem Fazit kommt.«
 
Wenn du einen Koffer mit ins Nirwana nehmen könntest, was würdest du einpacken?

»Nichts. Ich würde alles hinter mir lassen wollen.«
 
Welcher Song soll auf deiner Beerdigung laufen?

»Ich würde hoffen, dass mein Begräbnis nicht allzu trübsinnig ist, und mich vermutlich für einen Song wie ´I Wanna Be Somebody´ von W.A.S.P. entscheiden.«


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Bands:
DREAD SOVEREIGN
TWILIGHT OF THE GODS
PRIMORDIAL
Autor:
Conny Schiffbauer

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