Classic Albums

Classic Albums 18.02.2004

AT THE GATES - „Slaughter Of The Soul“ (1995)

Wer das Rauschen des metallischen Blätterwaldes in den vergangenen Jahren aufmerksam verfolgt hat, dürfte für AT THE GATES-Vergleiche nur noch ein bitteres Lächeln übrig haben. Es mutet schon einigermaßen grotesk an, welcher mittelmäßige Schund mittlerweile das AT THE GATES-Gütesiegel verpasst bekommt. Keine Frage: Das haben die schwedischen Überflieger nicht verdient.

Was AT THE GATES, die ungekrönten Kings aus Göteborg, im Herbst 1995 ablieferten, ist unerreicht und wurde bislang (bis auf wenige Ausnahmen) auch nicht mal ansatzweise wieder mit ähnlicher Vehemenz und Leidenschaft vorgetragen: „Slaughter Of The Soul“.

Blicken wir noch einmal zurück: Da Frontlegende Tompa bereits vielfältig in den vergangenen Jahren über die Scheibe Auskunft gegeben hat, soll an dieser Stelle Gitarrist Anders Björler zu Wort kommen. Und das aus gutem Grund: Ein Großteil der Musik stammt von ihm.

Anders, woran denkst du, wenn du das Rad der Zeit neun Jahre zurückdrehst? Wir platzen da doch mitten in den Entstehungsprozess von „Slaughter Of The Soul“, oder?

»Stimmt. Im Winter und Frühjahr 1995 befanden wir uns alle in einem Rauschzustand. Wir wollten aufbrechen zu neuen Ufern, wir hatten so viele Ideen und Visionen.«

Wenn du von „wir“ sprichst, meinst du damit die ganze Band oder eher nur dich und deinen Bruder Jonas?

»Ich spreche von beidem. Bei mir und Jonas fing natürlich alles an, da wir die Songs schrieben, die Riffs mit in den Proberaum brachten und sie den anderen vorstellten. Aber auch der Rest der Band - Tompa, Adrian und Martin - war total motiviert. Wir probten fast täglich.«

Mir kam es oft so vor, als hättet ihr euch plötzlich von einer Kette losgerissen. Immerhin war „Slaughter...“ die erste Scheibe, bei der ihr machen konntet, was ihr wolltet.

»Wenn du auf unseren alten Gitarristen Alf anspielst, dann stimme ich dir absolut zu. Es gab immer eine Dualität in der Band. Alf schrieb das schräge, verwobene Material; Jonas und ich standen eher auf straighte Nummern, die ordentlich rockten.«

...was auch den homogenen Charakter von „Slaughter...“ gut erklärt.

»Wir mussten einfach keine Rücksicht mehr nehmen, keine Kompromisse eingehen. Das war schon wie eine Art Befreiungsschlag. Obwohl Alf schon lange aus der Band war, hatten wir noch massenhaft Songs von ihm. Sogar auf „Terminal Spirit Disease“ (der Vorgängerscheibe - vw) sind noch welche zu hören. „Slaughter...“ war in vielerlei Hinsicht ein totaler Neubeginn.«

Wie muss man sich das Songwriting vorstellen? Immerhin wart ihr damals noch verdammt jung. Seid ihr vom Abendbrottisch eurer Eltern aufgestanden mit den Worten „Wir müssen jetzt schnell noch einen Death-Metal-Klassiker schreiben!“ und dann gemeinsam in euer Zimmer gegangen? Oder wie lief das?

»Nein, so war das nicht. Jonas war etwas eher flügge und schon ausgezogen; ich wohnte aber noch zu Hause. Wir schrieben die Scheibe also getrennt, haben uns aber fast jeden Tag gesehen und Ideen ausgetauscht.«

Aus den Credits im Booklet wird man nicht so recht schlau, was von wem geschrieben wurde. Da steht einfach nur „Björler/Björler“, was so ziemlich jeden Schluss zulässt.

»Das kann man nicht so absolut sehen. Es gab schon meine Songs und seine Songs. Aber jeder hat hier und da immer wieder Vorschläge gemacht, so dass wir uns die Rechte, wie sollte es anders auch sein, brüderlich geteilt haben. Ich denke mal, 60 Prozent der Sachen stammen von mir, 30 von meinem Bruder und Martin, und unser zweiter Gitarrist hat den Rest beigesteuert.«

Spekulative Frage: Hast du schon bei den Aufnahmen gespürt, dass in „Slaughter...“ etwas Ultimatives, etwas Finales liegt?

»Nein. Ganz klar nein. Niemand würde so viel Energie in eine Scheibe stecken, wenn er wüsste, dass die Band ein Jahr später bereits Geschichte ist. Wir haben überhaupt nicht nachgedacht, was um uns herum passiert oder was in uns passiert. Einzig mit dem Ziel vor Augen, die beste Platte unserer Karriere zu machen, sind wir ein halbes Jahr wie in Trance durch die Zeit geirrt.«

Und trotzdem hat die Auflösung von AT THE GATES, auch wenn das zynisch klingen mag, mehr für das Image und den Status von „Slaughter...“ getan, als es je eine Multi-Millionen-Pfund-Anzeigenkampagne eures damals neuen Labels Earache vermocht hätte.

»Die Auflösung der Band verbreitete sich in der Tat wie ein Lauffeuer. Auch wenn die Scheibe wirklich ordentlich betourt und beworben wurde: Zum echten Meilenstein wurde sie erst postum.«

Du würdest also zustimmen, dass „Slaughter...“ in den Jahren nach der Auflösung noch gewachsen ist, oder? Es vergeht kein Monat, wo nicht irgendwo ein Newcomer mit euch verglichen wird. So eine stete Präsenz dürfte sich doch auch in den Verkäufen niederschlagen, oder?

»Es freut uns natürlich, dass AT THE GATES so etwas wie eine Referenzband sind, auf die man gern verweist. Wenngleich ich nicht sagen kann, ob die Vergleiche immer angebracht sind, denn die meisten der Platten, die da besprochen werden, kenne ich nicht. Was die Verkäufe angeht, so läuft „Slaughter...“ immer noch sehr gut.«

Um den Sound der Scheibe ranken sich indes zahlreiche Legenden. Vor allem dein Gitarrensound gibt in diversen Internetforen immer wieder Anlass, die millionste Debatte über Verstärker anzustimmen. Dabei hast du im Grunde nur aus der Not eine Tugend gemacht.

»Absolut. Ich war jung, hatte kein Geld, drückte mir die Nasen an Auslagen von Musikgeschäften platt. Es war ziemlich frustrierend, aus der Traumwelt mit all den Engls und Mesa Boogies (sehr gute, leider auch sehr teure Verstärkermarken - vw) wieder in der grauen Wirklichkeit anzukommen.«

Und du hast tatsächlich die Box, die du dann für die Aufnahme verwendet hast, selbst gebaut?

»Ja, zusammen mit meinem Vater, der eine Werkstatt bei uns zu Hause im Keller besaß. Wir bauten je zwei Zwölf-Inch- und Zehn-Inch-Lautsprecher in die Box ein. So etwas ist ein Unikat, so etwas kann man nicht kaufen.«

Wie sah dann das finale Set-up im Fredman-Studio aus? Wie viele Gitarrenspuren hast du mit welchen Sounds aufgenommen?

»Es gibt vier Rhythmusgitarrenspuren zu hören. Zwei nahm ich mit einem Peavey-Supreme-160-Amp auf (wurde nur bis Anfang der Neunziger gebaut - vw), an den ich eine Kombination aus einem Boss-„Metal Zone“- und „Heavy Metal“-Pedal anschloss; die beiden anderen Spuren sind mit einem alten Marshall-JCM-900-Vollröhrenverstärker aufgenommen. Beide Doppelspuren klangen für sich allein völlig scheiße, aber zusammen harmonierten sie perfekt.«

Das aus deinem Munde zu hören, wundert doch. Du hast dem amerikanischen „S.O.D.“-Magazin gestanden, dass du den Sound von „Slaughter...“ direkt nach dem Studiotermin gehasst hast.

»Das stimmt auch; ich war total unzufrieden. Ich wollte alles hinschmeißen und nie wieder Gitarre spielen. Ich war völlig frustriert, weil ich eine so völlig andere Vorstellung vom Klang des Albums hatte. Aber damit haben wohl alle ehrgeizigen Leute, die obendrauf Perfektionisten sein wollen, zu kämpfen.«

Nette Selbstcharakterisierung, Anders. Wie siehst du die Platte heutzutage?

»Es ist der beste Sound, der je im Fredman zustande gekommen ist. Auch wenn ich weiß, dass ich damit viele Kollegen von mir sicherlich verärgere. Aber was die Transparenz und die Power des Schlagzeugs und der Gitarren angeht, so ist „Slaughter...“ für mich immer noch das Maß aller Dinge.«

Wie oft hast du dir die Scheibe seit der Aufnahme angehört?

»Sehr selten, vielleicht fünf- oder sechsmal. Vielleicht lege ich sie mir nachher wieder mal auf. Ich mag es nicht sonderlich, eigene Musik anzuhören. Ich spiele sie lieber.«

Das Intro stammt ja von einem gewissen Charlie. Ich habe mich immer gefragt, was das ist, was es da zu hören gibt.

»Charlie ist eine kleine Ikone hier in Göteborg. Er ist eher im HipHop und Techno zu Hause, aber er versteht es wie kein Zweiter, total schrill klingende Loops zu basteln. Der Beginn von „Slaughter...“ ist nichts weiter als ein extrem tief gepitchter Topfdeckel, der auf den Boden fällt und dort kreiselt. Charlie hat später auch was für andere Bands gemacht. Ich glaube, auf der „Colony“ von In Flames ist ebenfalls eine Arbeit von ihm zu finden.«

Woher stammt das Geräusch des durchladenden Gewehrs vor ´Suicide Nation´?

»Aus Tarantinos „Reservoir Dogs“. Es ist ein offenes Geheimnis, dass wir alle Filmfreaks waren und immer mal so eine Spielerei eingebaut haben.«

In deinem Fall geht es ja sogar so weit, dass du selbst Home-Horror-Videos drehst und sogar Musik dafür schreibst.

»Der letzte Song von „Slaughter...“ war ursprünglich für einen von mir selbst gedrehten Horrorstreifen vorgesehen. Letztendlich entschied ich aber, dass ´Flames Of The End´ doch besser zu AT THE GATES passte, zumal ich die Vision hatte, die Scheibe mit einem eher untypischen Song ausklingen zu lassen.«

´Flames...´ ist zudem der einzige Song, bei dem ihr euch jemals an Keyboards vergriffen habt. Tompa sagte, dass du am Ende von ´Need´ eine Gesangspassage eingeflüstert hast. Wieso das?

»Tompa war einfach nicht zufrieden mit seiner Leistung. Da wir keine Zeit verlieren wollten, habe ich die Stelle kurzerhand selbst übernommen. Und obwohl ich fand, dass es nicht besser oder schlechter klang, sagten alle sofort, dass es perfekt wäre.«

Welches Verhältnis hattest du generell zu den Texten von Tompa? Auf „Slaughter...“ lässt er sich ja durchaus auf eine literarische Achterbahnfahrt ein, die in nicht geringem Maße von Klassikern wie Charles Bukowskis „Das Schlimmste kommt noch oder Fast eine Jugend“ und natürlich dem Albumtitel prägenden „Der Würfler“ von Luke Rhinehart beeinflusst wurde.

»Wir haben Tompa immer freie Hand gelassen, da ein Sänger das singen sollte, was er kennt und was ihn bewegt. Nur so kann er glaubhaft wirken. Ich habe die Texte nur überflogen. Im Grunde war ich auch eher der Musik-Mann in der Band. Ich lese eher sehr wenig bis gar nicht.«

Stichwort Re-Release: Gleich zwei Bonustracks aus der „Slaughter...“-Session sind darauf zu finden. ´The Dying´ war bislang nur euren japanischen Fans vorbehalten. Wieso habt ihr diesen Song für die Euroversion ausgemustert?

»Wir mussten nun mal einen Song wegstreichen, und letztendlich fiel die Wahl auf ´The Dying´, weil er eben das schwächste Glied in der Kette war.«

Am zweiten Bonustrack ´Legion´, einer Coverversion der Legende Slaughterlord, habt ihr ja ordentlich herumgeschraubt.

»Das war auch nötig. Das Stück geht im Original über sechs Minuten. Der gesamte Mittelteil ist komplett umarrangiert worden. Neulich habe ich einen Re-Release von Slaughterlord im Laden gesehen; da war doch tatsächlich ein Aufkleber drauf: „Covered by AT THE GATES“. Da musste ich doch schmunzeln.«

Zwei Dinge zum Schluss. Zum einen streut Tompa immer mal wieder Gerüchte einer Reunion. Was ist da dran?

»Gar nichts. Eine neue AT THE GATES-Scheibe würde keinen Sinn machen. Wir würden uns nur selbst demontieren, da „Slaughter...“ zu alt und zu legendär ist, als dass man die Platte je toppen könnte. Was wir uns alle aber vorstellen könnten, wäre eine einmalige Show im Rahmen eines großen Festivals.«

Last but not least: „Slaughter...“ war bekanntlich eure erste Scheibe auf Earache. Nachdem ihr Peaceville verlassen hattet, habt ihr im Frühjahr 1995 ein legendäres Promotape aufgenommen, mit dem ihr euch bei europäischen Plattenfirmen beworben habt. In den Linernotes ist die Rede davon, dass euch eure Wunsch-Company einen Korb gegeben hat. Um wen handelte es sich?

»Nuclear Blast.«

DISCOGRAFIE

Gardens Of Grief (EP, 1991)

The Red In The Sky Is Ours (1992)

With Fear I Kiss The Burning Darkness (1993)

Terminal Spirit Disease (EP, 1994)

Slaughter Of The Soul (1995)

Suicidal Final Art (Best-of, 2001)

Slaughter Of The Soul (Re-Release, 2002)

Das Line-up auf „Slaughter Of The Soul“:

Tomas „Tompa“ Lindberg (v.)

Anders Björler (g.)

Martin Larsson (g.)

Jonas Björler (b.)

Adrian Erlandsson (dr.)

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Fakten, Fakten, Fakten:

Aufnahme: Mai bis Juli 1995

Mix: Juli 1995

Produzent: Fredrik Nordström

Studio: Fredman-Studio

Veröffentlichung: 14.11.1995

Bands:
AT THE GATES
Autor:
Onlineredaktion

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