ReviewDynamit

Band
STRATOVARIUS 
Kategorie
Dynamit 
Heft
RH #120 
Titel
Visions 
Erscheinungsjahr
1997 
Note
9.5 

Es fällt bekanntlich selten ein Meister vom Himmel, und die Welt wurde auch nicht an einem Tag erschaffen. Insofern ist es kein Wunder, daß die ersten beiden STRATOVARIUS-Scheiben, "Fright Night" und "Twilight Time", noch nicht unbedingt das Gelbe vom Ei waren, obwohl man auch damals schon gute Ansätze erkennen konnte. An der Klampfe war Mainman Timo Tolkki schon immer begnadet, sein Songwriter-Talent entwickelte sich hingegen etwas langsamer. Doch spätestens seit dem dritten Album "Dreamspace" ist der Mann auch in diesem Metier ein Vollprofi, und mit dem im letzten Jahr erschienenen fünften Longplayer "Episode" legte er eine wirklich reife Leistung aufs Parkett. Um so erstaunter bin ich von der Tatsache, daß er es mit seinen Mannen geschafft hat, selbst dieses Meisterwerk noch einmal zu toppen. Ja, "Visions" ist ein Metal-Scheibchen, wie man es wahrlich nicht alle Tage vorgesetzt bekommt. 'The Kiss Of Judas' zum Beispiel ist ein Midtempo-Ohrwurm allererster Güte, 'The Abyss Of Your Eyes' ein vielschichtiger Bombast-Track mit unerwarteten Wendungen, 'Before The Winter' eine wunderhübsche, kitschfreie Ballade. Oder nehmt 'Holy Light': Was die Herren Timo Tolkki und Jens Johansson da auf der Gitarre bzw. den Keyboards abziehen, ist schlicht unglaublich. Mit dem über zehnminütigen Monumentalwerk 'Visions' setzen sie dem Ganzen schließlich die Krone auf, übertreffen sich selbst und reißen den Hörer einfach nur mit - wobei hier neben dem komplexen Songwriting vor allen Dingen die Arbeit der Rhythmus-Sektion Jari Kainulainen/Jörg Michael aus dem Rahmen fällt. Viele Leute behaupten, daß sich der klassische Heavy Metal in einer kreativen Sackgasse befindet, und für zahlreiche Bands trifft diese Behauptung sicherlich zu - STRATOVARIUS hingegen haben mit "Visions" einen Ausweg aufgezeigt und demonstrieren, daß ehrlicher Schwermetall auch Ende der Neunziger noch frisch klingen kann.


Frank Albrecht 9.5