RH #300Kolumne

„Umsonst“ vs. „bezahlen“ - der Kampf der Kulturen

HOLGER STRATMANN

Neulich hatte ich mal wieder Gelegenheit, in eines der mittlerweile vier (!) Dortmunder Programmkinos zu gehen. Der Film war gut, und vor den Sitzreihen konnte man seine zu moderaten Preisen erworbenen Getränke und Süßigkeiten auf einer eigens gebauten Theke ausbreiten, um sich danach bequem zurückzulehnen. Nach der Vorstellung kam ich mit dem Betreiber ins Gespräch.

Große Veränderungen kündigen sich an, denn die Vertriebe wollen aus Kostengründen den Versand der Filmrollen einstellen und lieber Festplatten verteilen. Die analoge, etwas klobige, aber liebevoll gepflegte Vorführmaschine aus den Siebzigern ist damit überflüssig, stattdessen muss in ein teures Digitalsystem investiert werden, und obendrein - was noch viel schlimmer ist - besteht die Gefahr, dass jeder Film bald auf illegalen Tauschbörsen erhältlich ist, weit bevor Idealisten wie Programmkinobetreiber den Film überhaupt in die Hände bekommen.

Das Problem kommt einem natürlich bekannt vor, und es geistert bereits seit rund 15 Jahren durch die Musikbranche. Ich persönlich habe keine Angst vor technischen Entwicklungen und bin auch kein Nostalgiker, aber die zunehmende Rücksichtslosigkeit von jungen Konsumenten (bitte alles umsonst, denn man braucht das Geld ja dringend für von chinesischen „Zwangsarbeitern“ hergestellte Lifestyle-Markenprodukte), die eine unheilige Allianz mit anwaltsbewehrten Großkonzernen eingehen, macht mir Sorge. Was steht auf dem Spiel? Nicht weniger als professioneller, unabhängiger Journalismus, aufregende neue Musik, überhaupt wahrnehmbare Kultur jenseits des Mainstreams und des Geplappers des Internets. Denn eine Aufweichung von Urheberrechten nimmt jungen Kreativen definitiv die Existenzgrundlage. Wenn niemand mehr bereit ist, für eine Dienstleistung zu bezahlen, stirbt sie automatisch aus. Kleine Anbieter verschwinden zuerst, denn kapitalstarke Firmen finden immer einen Weg, an neuen Entwicklungen zu partizipieren. In den Vorstandsetagen von Google, Springer, Amazon, Apple und demnächst bei Streaming-Diensten wie Spotify werden die Sektgläser klirren, wenn die Piratenpartei zunehmend an politischem Einfluss gewinnt, und sei es nur, indem sie von Entscheidungsträgern als vermeintliches „Sprachrohr der Jugend“ und „Internet-Experte“ wahrgenommen wird. Dafür gehen Zehntausende auf die Straße, während die zahlreichen Musiker, Jungjournalisten, Fotografen oder Filmemacher, deren geistiges Eigentum im Internet zu kostenlosem Allgemeingut zerbröselt, nur die hässliche Fratze der GEMA und aalglatte Major-Vertreter als Fürsprecher vorweisen können. Da kann es einem schon grausen.

Kaum waren diese Zeilen eingetippt, macht mit dem Musiker Sven Regener (Element Of Crime) der erste Kreative mit einer Wutrede im Bayerischen Rundfunk den Mund auf: „Es wird so getan, als ob wir Kunst machen als Hobby. Das Rumgetrampel darauf, dass wir uncool seien, wenn wir darauf beharren, dass wir diese Werke geschaffen haben, ist im Grunde nichts anderes, als dass man uns ins Gesicht pinkelt.“

Doch die Antwort einiger Piraten steht noch am selben Tag im Netz. Regener soll sich einfach an Amazon und Google wenden und seine eigenen Channels aufmachen. Plattenfirma ist gestern, man müsse das nur kapieren. Obendrein versucht man, Regener als ewiggestrigen Idioten abzustempeln. So geht die Piratenpartei mit den Existenzängsten von Kreativen um.

Vielleicht muss der kulturpolitische Sprecher der Piraten langsam mal kapieren, dass Majorfirmen und „Content-Mafia“ nicht den Musikmarkt repräsentieren und in Subkulturen Hunderte von Rädchen ineinandergreifen müssen, damit eine Band überhaupt den Durchbruch schafft. Diese Musik-Enthusiasten, die mit ihrer Leidenschaft erst den Markt ermöglichen, können niemals von einer gefühllosen Internet-Plattform abgelöst werden. Diesem Irrtum ist man schon bei MySpace aufgesessen. Merkt die „Generation Praktikum“ eigentlich gar nicht, dass sie ihre eigene Zukunft abschafft? Jobs in der Phono-, Verlags-, Musik-, Kino- oder Filmbranche waren jahrzehntelang ein alternatives Biotop für Unangepasste, das langsam, aber sicher austrocknet. Eine Karriere als Musiker? Von 100.000 Downloads bei einem Streaming-Portal (als CD-Verkauf wäre das momentan Goldstatus in Deutschland!) kommen bei Musikern gerade mal hundert Euro an. Viel Spaß als Praktikant beim Großkonzern! Man braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, wie diese Monopole mit Urhebern, Mitarbeitern, Meinungsfreiheit und Kritik an ihren Geschäftsmodellen umgehen werden.

Ich will aber nicht bitter klingen, sondern vielmehr denjenigen an dieser Stelle Respekt zollen, die Monat für Monat FREIWILLIG ihr Geld für Platten, ein Rock-Hard-Abo oder anderen vermeintlichen „Unsinn“ ausgeben, den man ja heute nicht mehr braucht. Die vielleicht schon selbst erkannt haben, dass hier eine unabhängige Kultur auf dem Spiel steht. Die sich in ihrer spärlichen Freizeit Qualität gönnen, weil sie jeden Tag zur Arbeit gehen und sich nicht dem Heer der Schmarotzer anschließen wollen. Und die den Kreativen von Herzen ein bescheidenes Einkommen gönnen. Ich spreche vom Kern der Metalszene.

 

Hier geht es zu einem weiterführenden Statement von Holger Stratmann.

 
 

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