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Der vergessene Kontinent

PARKING LOT GRASS

Der Mensch übersieht Dinge meist aus drei optischen Gründen – entweder sie sind zu groß, zu klein, oder zu weit weg. Metal in Afrika ist alles davon. Der zweitgrößte Kontinent der Welt hat eine Fläche von über 30 Millionen Quadratkilometern, sehr differente lokale Metal-Communities und keinerlei internationale Vermarktung.

Wie also klingt Afrikas potentieller Schwermetallexport? Und was zeichnet ihn aus? Um praktische Aufklärung in diesen Belangen bemühten sich einige Bayreuther Studentinnen und organisierten Ende Oktober das 49° MetalZone Festival, eine zweitägige Veranstaltung mit Fotoausstellung, Filmscreening, Vorträgen, Gesprächsrunde und Konzertabend. Man mietete das Kulturzentrum Iwalewa-Haus und die Konzerthalle Schokofabrik, flog die kenianische Rockband PARKING LOT GRASS und die angolanische Metalcore-Band BEFORE CRUSH ein und verpasste es lediglich der Metalpresse, und damit dem interessierten Zielpublikum, Bescheid zu geben. Vielleicht ein Glücksfall, denn die Tatsache, dass die Besucher eher Afrika- denn Metal-affin, waren, erlaubte eine für Europas Szene-Verhältnisse ungewohnt produktive und heitere Gesprächsatmosphäre. Ohne Hobbits, rigorose Genregrenzen und schlechten Black-Metal-Witzen.

Mit den Bands aus Kenia und Angola und dem südafrikanischen Fotografen Frank Marshall, samt seiner „Renegades“-Ausstellung über botswanische Metalheads, gibt es gleich vier unterschiedliche Szenen zu sehen und hören. Tatsächlich sind ihre Voraussetzungen äußerst unterschiedlich – während Angola aus einem Bürgerkrieg kommt, sind Kenia, Südafrika und vor allem Botswana (das „Schweden Afrikas“) politisch und wirtschaftlich stabil. Das bestimmt auch die Szenen, denn auch wenn Metal historisch in der Arbeiterschicht wurzelt, macht die technische Ausstattung es für Musiker zu einem teuren Genre. Die Mitglieder von PARKING LOT GRASS sind im Berufsleben Broker oder Ingenieure. Ihr Alltag ist auch der Ort, an dem Metal in Kenia stattfindet: die junge, aufgeklärte und beruflich gesicherte Mittel- und Oberschicht in der Hauptstadt Nairobi. Gitarrenmodelle der Wahl stammen beispielsweise von Ibanez oder Yamaha, Gitarren-Lehrer und Online-Tutorials auf Youtube etablieren musikalische Standards, die Bands organisieren zusammen Wettbewerbe und Konzerte.

BEFORE CRUSHIn Angola läuft die Entwicklung der Szene dagegen über Kontakte, erklären die Mitglieder von BEFORE CRUSH, nachdem sie mit den Besuchern am Freitag Abend die Dokumentation „Death Metal Angola“ gesehen haben. In den größeren Städten leben einzelne Bands und damit kleine, versprengte Szenen. Man teilt Instrumente und Technik – und alle packen an, um jedes Jahr ein kostenloses Festival in Huambo zu organisieren und die angolanische Bevölkerung an Metal heranzuführen. Die Taktik? Weibliche Fans gewinnen – dann kommen die Männer von alleine. Der jährlich wachsende Erfolg des „O Rock Lalimwe Eteke Ifa“-Festivals gibt ihnen Recht.

Botswana und Südafrika teilen sich nicht nur eine Grenze, sondern auch viele Bands, erzählt Frank Marshall über seine Ausstellung „Renegades“. Während allerdings Südafrika seit den Siebzigern eine Metalszene hat und immerhin auf dem Tourplan von Legenden wie Iron Maiden oder Metallica steht, ist die botswanische Szene jünger und auf sich allein gestellt. Macht nichts – die Metalheads dort verdienen gut und investieren das Geld in Motorräder, Klamotten und Musik. Wenn sie nicht gerade mit Bike und Babe in die Venue brettern und dort vor der Bühne stinkende, kreisförmige Reifenspuren produzieren, passen sie übrigens nachts auch gerne mal auf, dass ihren Mitbürgern nichts passiert.

Es wirkt fast wie eine ironische Fußnote der Geschichte: Jahrzehnte nachdem Eltern aufgehört haben Heavy Metal das Stigma aufzudrücken, dem Blues entsprungene Teufelsmusik zu sein, lehnen nun afrikanische Eltern Metal ab, weil es für sie „die Musik des weißen Mannes“ ist. Heute wie damals ist es den Kindern egal. Beide Bands feixen, als sich PARKING LOT GRASS-Schlagzeuger Francis Ronjey daran erinnert, wie er beschloss mit Musik Geld zu verdienen und sich ein Augenbrauenpiercing stechen zu lassen: „Mein Vater ist ein Priester. Er und meine Familie waren sicher, dass ich von einem Dämon besessen bin“. Als er nach Deutschland fliegen durfte, räumte seine Mutter zum ersten Mal ein, dass sie stolz auf ihn ist. Metal – das ist eben doch vor allem ein Generationenkonflikt. Zumal Ronjeys Piercing ein optischer Einzelfall ist. Mal eben Bandshirts von der Stange kaufen, ist in Afrika oft genauso schwierig wie in den eher ländlichen Teilen Deutschlands. Der einzige Unterschied: Mailorder gibt es dort unten nicht, und dass internationale Sendungen ankommen ist, wie überall auf der Welt, eine Glücksfrage.

Frank Marshall trägt ein Lamb-Of-God-Shirt, die Bands sind dagegen nicht unbedingt erpicht auf einen Szenecode. Sie lümmeln mit kurzen Haaren, in grauen Strickjacken, schlichten Hosen und unifarbenen Shirts im Iwalewa-Haus herum. Klar, man besitzt das ein oder anderen Merch und trägt es auf der Bühne, aber nur einer von ihnen erinnert sich aktiv an eine Zeit, in der er „Band-Shirts und komplett schwarze Klamotten“ trug. Die Kleidungs-Frage ist sicherlich eine Kombination aus Beschaffungsnotlage, finanzieller Prioritätensetzung und kulturelle Offenheit gegenüber den andere Musikgenre der Heimatländer. Von den Szenen, die in Bayreuth gezeigt wurden, stellt einzig die in Botswana eine visuelle Ausnahme dar – die Jungs und Mädels dort haben einen originären Cowboy-Look entwickelt, der irgendwo zwischen Glam Rock, Rob Halford und Chuck Norris liegt. Sie kleiden sich in Leder und Band-Shirts (beides kann sehr preiswert und teilweise mit sichtlichen Gebrauchsspuren in etwas dubiosen Import-Läden vor Ort gekauft werden) und binden sich schwere Metalketten an ihre Gürtel, die sie für lautstarke Showdown-Spaziergänge durch die Fußgängerzone hinter sich herziehen. Wilder Westen auf Metal-Art quasi.

Irgendwann kommt in der Gesprächsrunde dann auch noch die  unvermeidliche Frage auf: Alistair Gould, der Gitarrist von PARKING LOT GRASS, nimmt das Mikrofon und fragt relativ unverblümt: „Sollten wir afrikanischer klingen?“. Sie alle sind sich bewusst, dass ihre erste musikalische Sozialisierung westlich geprägt ist. Gleichzeitig sind sie reflektiert genug, um zu hinterfragen, ob der globale Markt dringend Musik mit Lokalkolorit benötigt. Als erste neue Metal- und Rockmusiker-Generation sind sie überhaupt in einer interessanten Position globalen Bewusstseins – sie wissen mehr über die norwegischen Kirchenbrände als, beispielsweise, über das Römische Imperium. Und zumindest in den Texten haben die Bands bereits eine eigene Identität gefunden, für die sie ihre Rockmusik vereinnahmen. PARKING LOT GRASS singen auf Englisch und Swahili, BEFORE CRUSH auf Englisch und in ihrer Landessprache Portugiesisch. Allen gemein ist aber, dass Politik in ihren Songs nicht nur Phrase ist. Besonders für die Angolaner ist knüppelharte Musik echte Katharsis. Die politische Realität ist selbst in den theoretisch friedlichen Ländern problematisch – fast die Hälfte der Südafrikaner, sprich immer noch die dunkelhäutige Mehrheit des Landes, lebt beispielsweise in extremer Armut. Gated Communities, Kriminalität und Flüchtlingscamps gehören oft zum Alltag. Das äußert sich in Songs, deren lyrische Angepisstheit teilweise am besten mit den frühen Sepultura vergleichbar ist.

Nach zwei informativen Tagen im sonnigen Oberfranken, ist Samstag Abend endlich die Zeit gekommen aus der Theorie ernst zu machen. Unterstützt von zwei deutschen Bands, wird die Bühne der Schokofabrik in Beschlag genommen. Die vielleicht 70 Zuschauern, der improvisierte Fressstand und die brennenden Tonnen vor der Tür der ehemalige Fabrikhalle (ja, tatsächlich Schokolade!) verleihen der gesamten Veranstaltung einen wundervoll rotzigen Untergrund-Charme. Das liegt sicherlich auch daran, dass die Nürnberger Jungs von SHARK TANK einfach alle ihre Hardcore- und Punk-Freunde eingepackt haben, damit die vor der Bühne für Bewegung sorgen. Die Jungs selbst performen wie die überambitionierte Abiturientenband, die sie vermutlich auch sind. Musikalisch geben sie mir dabei schlicht ein Rätsel auf. Auf ein durchaus solides Hardcore-Brett rappt Shouter Axel Schuhmann zwischendurch erstaunlich gut vor sich hin, während Keyboarder Martin Kiesewetter sich mal an Power-Metal-Melodien, mal an Hammond-Orgel-Imitationen versucht. Egal, dafür haben sie einen fast lebensgroßen Haikopf dabei.

Der muss leider für den Auftritt von PARKING LOT GRASS die Bühne verlassen, hätte aber ohnehin nicht zu dem kitschigen Mädchen-Rock der Kenianer gepasst. Mit deutlichem Creed-Einfluss und erheblich mehr Bühnenerfahrung als ihre Vorband, liefern die fünf Jungs einen soliden Auftritt ab. Einige Songs hätten das Format amerikanische Hits zu sein, wenn Sänger Raphael weniger clean und hoch und stattdessen mit etwas mehr Dreck in der Stimme singen würde. PARKING LOT GRASSDie Shredding-Parts sind kurz aber stilsicher, während viele der Hauptriffs und Songpatterns eher Altbekanntes aufkochen. Die wahre Stärke von PARKING LOT GRASS zeigt sich in den Uptempo-Songs und den eingestreuten afrikanischen Rhythmus-Referenzen, wie in 'Company'. Eventuell wäre ein bisschen musikalischer Lokalkolorit stilistisch also doch zukunftsweisend. Besonders die schnelleren Nummern animieren zum Pogo – obwohl sich das Publikum aus blondierten Studentinnen, kulturell Interessierten und dreieinhalb Metalheads rekrutiert. Swaheli erweist sich zudem als exzellente Sprache für Mitgröhl-Refrains. Und so entfesselt sich bis einschließlich der Cover-Zugabe 'Smells Like Teen Spirit' der vielleicht enthusiastischste und lauteste Moshpit, den ich dieses Jahr erleben durfte.

Davon profitieren dann auch die Bonner AARDVARKS. Ihren Platz auf dem Billing verdanken sie vermutlich dem Umstand, dass sie zufälligerweise den englischen Namen für "afrikanisches Erdferkel" tragen. Mit melodischen Death- und fetzenden Thrash-Metal Passagen wären sie als einzige echte Metal-Band des Abends ansonsten sicherlich zu sperrig für das gemischte Publikum. Im Moshpit haben sich einige aber Halsmuskeln antrainiert und nicken nun fleißig mit.

Dass dabei auch Alkohol keine unwesentliche Rolle spielt, zeigt sich als BEFORE CRUSH die Bühne entern. Die Band konnte ihren Bassisten nicht mitnehmen und so kommt es zu kurzen Pausen, wenn sie sich mit den zwei spontan eingesprungenen Ersatzbassisten koordinieren müssen. Während einer dieser Unterbrechungen beginnt das ungeduldige Publikum zu hüpfen und „BEFORE CRUSH!“ zu brüllen, bis Fronter Queirós Cumpanhe sich zu einem mehrfachen portugiesischen „Obrigado!“ hinreißen lässt. Obrigado mutiert zum „Helga!“-Ruf des restlichen Abends und füllt jede Minute, in der die Jungs dem Publikum nicht ihr Death-Metalcore-Brett vor die Füße knallen. Würde die Band die Rock-Elemente noch etwas reduzieren und einen zweiten Sänger für cleanen Gesang anheuern, sie hätten auf deutschen Bühnen durchaus Chancen. Verschwitzt und mit zwei Silberlingen vom Merchstand unter dem Arm taumelt die Menge schließlich in die herbstliche Kälte, um mit ihren neuen Rockstars noch ein Bierchen zu heben. Die Liebe zu ihren Neuentdeckungen zu bekunden, wird vorerst allerdings nur verbal möglich sein. Denn eine Metal-Kultur, die es lieber casual mag, bringt auch kein Bandmerchandise mit. Vielleicht ja beim nächsten Mal.

Weiterschauen:
Terra Pesada

Death Metal Angola

Weiterhören:
Skinflint – Iron Pierced King

Wrust – Why Me

Gates of Aaru – Welcome To The New Dawn
Junkyard Lipstick – Bioterror

Weiterlesen:

Das Portal Metal4Africa
Heavy Metal in Mozambique

The Quiet Rise of Heavy Metal in South Africa

Pics: Julia Eckel