Online-MegazineLauschangriff

DEPRESSIVE AGE

Weltraum Flirt mit Claudia Schiffer

Mit "Electric Scum" entführen uns DEPRESSIVE AGE in die Welt der intelligenten Musik. Gerade wieder zurück auf unserem trostlosen Planeten, gehen wir jedoch erneut auf lange Fahrt. Gemeinsam mit Sänger Jan Lubitzki führt die Reise diesmal bis ins Weltall. Na, dann packt mal die Koffer.

 

Gefühlsstau ist wohl das letzte, was man den Berlinern vorwerfen kann. Im Gegenteil: Auf allen bisherigen Releases schäumt die Band über vor unbändiger Wut, quälendem Schmerz, Glück und Kraft. Allerdings klingt der Knaller "Electric Scum", mit dem sich die Truppe die Pole-Position unseres November-Soundchecks sichern konnte, wesentlich kompakter und eingängiger als die drei Vorgänger-Alben. Außerdem präsentiert sich die Band erstmals als Quartett, denn Gitarrist Ingo Grigoleit hat DEPRESSIVE AGE verlassen. Seid ihr kompakter geworden, weil nun weniger Köche im Soundbrei herumrühren?

"Die Eingängigkeit der Scheibe kommt nicht von der Anzahl der Köche. Die Veränderung im Line-up beruht auf einer Entscheidung, die beide Seiten einvernehmlich getroffen haben. Wir wollten gerne statt eines zweiten Gitarristen einen Keyboarder in der Band haben. Hinzu kam, daß Ingo einen anderen Weg einschlagen wollte, nachdem ihm klar wurde, daß er nicht von der Musik allein leben kann. So faßte er den Plan, bei Film und Fernsehen Fuß zu fassen. Alles in allem ist die Trennung fair verlaufen. Ich wünsche Ingo, daß er in seinem neuen Beruf Erfolg hat."

Der Klampfer ist zwar weg, aber ein Keyboarder fehlt euch noch immer. Auf "Electric Scum" hast du die Keys und Samples eingespielt. Gibt es in der Hauptstadt keine brauchbaren Tastenmänner?

"Haha, ich denke schon. Allerdings werden wir vermutlich doch keinen festen Keyboarder verpflichten, sondern uns vorerst selbst um die Tastensounds kümmern. Auch unser Techniker beherrscht dieses Metier ganz gut. Auf der Bühne wird jedenfalls kein Keyboarder erscheinen."

Ich knall' dir jetzt mal einige Schlagworte über "Electric Scum" vor den Hut: modern, progressiv, vor interessanten Ideen strotzend, gelungene Experimente mit dem Drumcomputer. Angesichts dieser Vokabeln stellt sich mir die Frage, ob ihr vielleicht gar zu modern für den Verbraucher seid...

"Ich glaube, der größte Fehler, den ein Musiker machen kann, ist das Kalkulieren während des Songwritings, ob seine Ideen der breiten Masse wohl gefallen werden. Unsere neuen Songs spiegeln ausschließlich das wider, was wir zum Zeitpunkt des Schreibens und Produzierens gefühlt und gedacht haben. Außerdem: Kann Musik zu modern sein?"

In kommerzieller Hinsicht sicherlich. Es gab in der Vergangenheit immer wieder Bands, die vorgeprescht sind und die gängigen Rahmen gesprengt haben. Ich denke da an VoiVod, die ihrer Zeit immer ein Stück voraus waren. Und genau das ist meiner Ansicht nach der Grund, weshalb sie nie den kommerziellen Durchbruch schafften, den sie eigentlich verdient hätten.

"Aber dieser Underground-Status macht ja gerade den Reiz dieser Bands aus. Ich finde VoiVod deshalb so geil, weil sie sich einen Dreck um Kommerz kümmern und ihrer Kreativität stets freien Lauf lassen. Auch wir denken nicht kommerziell. Gut, unsere neuen Songs sind leichter verdaulich als das vorangegangene Material. Wir hatten es satt, nur zu zeigen, wie gut wir - ähem - untaktisch und quer spielen können. Jetzt geht es uns eher um eine runde Ausgewogenheit."

Du sagst, ihr seid keine kommerzielle Band. Aber wenn man von seiner Musik leben kann, ist das doch alles andere als ein Weltuntergang...

"Zur Zeit kann ich von unserer Musik nicht besonders gut leben, aber ich wünsche mir schon, daß sie irgendwann mein Leben finanziert, und zwar nicht nur für kurze Zeit. Aber wenigstens muß ich nicht jobben, da ich ein relativ anspruchsloser und sparsamer Mensch bin. Zudem ist das deutsche Sozialsystem nicht so schlecht wie sein Ruf, was ich sehr zu schätzen weiß. Ich kenne etliche Leute, die Musik machen und nebenbei einen Beruf ausüben. Meiner Meinung nach muß man dann eine der beiden Sachen vernachlässigen, und das ist schade. Lieber setze ich in puncto Musik alles auf eine Karte. Unsere letzte Scheibe "Symbols For The Blue Times" verkaufte sich weltweit etwa 20.000mal. Vielleicht werden es ja von "Electric Scum" noch einige Exemplare mehr sein."

Die Texte der neuen Songs entstammen wie gewohnt dem Hirn von Jan. Wie kommt man denn dazu, über die Hysterie bei Sportereignissen zu schreiben?

"Als Zuschauer sitzt du in der Halle oder im Stadion und fieberst mit. Irgendwie ein super Gefühl. Reporter berichten über spannende Momente, stacheln die Hörer und Zuschauer an. Und die Resonanz der Masse überträgt sich auf die Person, die gerade dabei ist, Höchstleistungen zu vollbringen", offenbart sich der Analytiker im Sänger. "Das ist wie ein Kreislauf. Medien/Fans/Sportler, eine seltsame Chemie. Paßt aber gut zum Zeitgeist, weil das moderne Weltbild auf Leistung, auf Athletik, auf dem perfekten Menschen basiert."

Das perfekte Bild vom schönen, jungen Menschen wird uns bereits durch billige Werbespots zur Genüge eingetrichtert. Selbst die stupideste Tusnelda und der dösigste Bewegungs-Olaf machen beim Pizzabacken, Versicherungen-Aufschwatzen oder Onko-Saufen eine gute Figur. Behinderte oder Rentner tauchen in der Welt der Werbespots so gut wie nie auf. Womit wir beim Thema "Schönheitskult" sind, mit dem ihr euch im Song 'Polar Athletic Son' befaßt.

"Ich finde es schade, daß heutzutage soviel Wert auf Äußerlichkeiten gelegt wird. Jeder will einen schönen Menschen als Partner haben."

Du würdest dich doch auch lieber mit Claudia Schiffer als mit Hannelore Kohl zum Rendezvous treffen...

"Na klar, ich bin ja auch ein Teil dieser Entwicklung. Ich bin kein Weltverbesserer, der ständig predigt: "Holt euch die häßlichen Frauen!" Aber für mich ist es wichtig, hinter die Fassade eines Menschen zu schauen."

Zum Stichwort "Schönheitskult" fällt mir sofort Berufskind Michael Jackson ein, der noch blasser aussieht als ich, wenn ich drei Nächte lang durchgezecht habe. (Wer unseren Wolf in der letzten Nacht beim diesjährigen Wacken Open Air herumtorkeln, hilflos zucken und noch hilfloser lallen gesehen hat, weiß, wovon hier die Rede ist... - mr)

"Früher sah der Jackson besser aus, finde ich. Egal, viele farbige Menschen legen großen Wert auf Äußerlichkeiten, um anerkannt zu werden. Das zeigt sich schon bei Videoclips von farbigen Musikern. Es geht darin immer um Luxus und Image. Da rollen große Limousinen, und es tanzen superschöne Frauen. Ich möchte aber nicht darüber spotten, denn die farbigen Künstler wollen einfach zeigen, daß sie genauso erfolgreich sein können wie Weiße, daß sie nicht unterdrückt werden und daß sie sich auch nicht unterdrücken lassen. Eine für mich verständliche Form von Geltungsbedürfnis."

Im Titelsong dreht sich alles um die rasante technische Entwicklung auf unserem Planeten. Kaum ein Tag vergeht ohne Neuerungen, Erfindungen und Entdeckungen. Jan sieht das alles weitgehend positiv.

"Mich fasziniert, daß trotz der Schnellebigkeit, trotz dieser Fülle von Technik alles irgendwie funktioniert. Großstädte arbeiten fast wie Gehirne. Aber natürlich verliert der Einzelne den Überblick über das Chaos, weil die eine Hand mittlerweile nicht mehr weiß, was die andere tut. Das ist der Aspekt, der mir Angst einflößt. Denn je mehr Technik existiert, desto mehr Fehler können auftreten. Ich hoffe, daß keiner aus Dummheit auf den roten Knopf drückt. Die Menschen funktionieren leider nicht wie ein Ameisenhaufen. Das ist die gefährliche Seite des technischen Fortschritts."

Die Geschichte von DEPRESSIVE AGE reicht zurück in die DDR des Jahres 1985. Dort gründete Jan mit vier Kumpels die Band Blackout, die in Ostdeutschland neben Combos wie Argus (später Moshquito), Formel 1, Feuerstein, Panther oder MCB Kultstatus erlangte. Wenn dein Startschuß in die Musikbranche heute fiele, was würdest du anders machen?

"Ich würde mir mehr Kenntnisse über geschäftliche Mechanismen aneignen. Als Grünschnabel kann man schnell auf die Schnauze fallen. Uns ist das zwar nicht passiert, aber manchmal habe ich gar nicht gerafft, worum es bei businesstechnischen Angelegenheiten eigentlich ging."

Du bist wegen eines Fluchtversuchs aus der DDR verhaftet und für 14 Monate ins Gefängnis geworfen worden. Dennoch konntest du noch vor dem Fall der Mauer nach West-Berlin übersiedeln. Was möchtest du im jetzigen Deutschland auf keinen Fall mehr missen?

"Die Glaubensfreiheit. Jeder kann seine Weltanschauung pflegen, ohne Angst um Freiheit oder Leben haben zu müssen. In der DDR hat man versucht, aus uns waschechte Atheisten zu machen. Über Religionen haben wir in der Schule überhaupt nichts gelernt."

Stimmt, es gab nur diese Rotlichtbestrahlung namens "Staatsbürgerkunde-Unterricht". Bist du gläubig?

"Die Frage habe ich mir auch schon unzählige Male gestellt. Ich kann nicht so richtig an die Zufallstheorie glauben. Ich denke eher, daß das menschliche Leben ein Versuchsfeld für intelligentere Lebensformen ist."

Aha, da outet sich also ein Anhänger der Theorien Erich von Dänikens.

"Ja. Ich denke, daß der Mensch das Ergebnis eines Experiments außerirdischer Intelligenzen ist. Und unsere Schöpfer beobachten, wie wir uns entwickeln. Das ist so wie in einem Stadion. Das Spiel nimmt seinen Lauf, und die Zuschauer beobachten alles von der Tribüne aus."

Womit wir wieder beim Thema "Sportveranstaltungen" wären...