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Ein Kinderwagen voller Schnaps

Helsingborg im Februar ist nicht unbedingt das, was man sich unter Schweden im Spätwinter vorstellt. Statt Schneelandschaften erwarten einen in der gemütlichen Küstenstadt gemäßigte mitteleuropäische Temperaturen deutlich über dem Nullpunkt. Vielleicht ist für dieses Klima aber auch nur der tierisch heiße Sound verantwortlich, mit dem die Shooting-Stars SOILWORK auf ihrem programmatisch betitelten, eigenhändig produzierten Fünftling „Figure Number Five“ aufwarten.

Dabei sieht das 120.000-Einwohner-Städtchen, das nur ´ne gute Stunde von Dänemarks Hauptstadt Kopenhagen entfernt ist und zum erweiterten Ermittlungsgebiet von Henning Mankells grandiosem Kommissar Kurt Wallander gehört, auf den ersten Blick so gar nicht nach Metal aus. Auf der Fähre von Helsingör nach Helsingborg ist es so sauber, dass man die feilgebotenen roten Würstchen und Fischplatten glatt vom Fußboden essen könnte, und das bizarre Innere des Dampfers erinnert mit seinen wahlweise goldenen und bunten Verzierungen an ´ne Mischung aus Edelpuff und Spielkasino. Noch seltsamer wird es, wenn rüstige Rentnerpärchen auftauchen, die ganze Kinderwagen (!) voll Starköl und Schnaps durch die Gegend kutschieren, mit dem sie sich im etwas günstigeren, für germanische Verhältnisse aber immer noch sauteuren Dänemark eingedeckt haben. Fuck Klosterfrau Melissengeist!

In Helsingborg selbst, wo das sympathische Sextett SOILWORK zu Hause ist, wird die angekarrte Journaille in das altehrwürdige „Hotel Continental“ verfrachtet, das seine besten Zeiten längst hinter sich hat. Vom ehemaligen Glanz zeugt vor allem der seltsame Tanzsaal mit Tischchen, in dem unter Siebziger-Jahre-Discokugel und vor ´nem Zwanziger-Jahre-Samtvorhang bevorzugt auf Single- und Schlagerpartys geschwoft wird. Ihr seid der Meinung, dass die Flippers richtig scheiße aussehen? Dann sind euch noch nicht die Dannys begegnet, die am Tag vor unserer Ankunft so manches betagtere Herz im „Continental“ gebrochen haben dürften. Davon erzählen zumindest die noch nicht entfernten Plakate.

Jedenfalls ist es eine amtliche Erfahrung, das neue, Ende April erscheinende SOILWORK-Album in diesem plüschigen Ambiente bei dem ein oder anderen Lageröl (!) hören zu dürfen. Und „Figure Number Five“ - dieses Fazit gilt es bereits jetzt zu ziehen - ballert so weit alles weg, was in den letzten Monaten auf dem Hartwurst-Sektor erschienen ist:

* Der Opener ´Rejection Role´ ist ein echter Hit. Hierzu wird es auch ein Video geben. Der Refrain entpuppt sich schon beim ersten Mal als Hammer, der super-aggressive Gesang während der Strophen hat was von Mudvayne, und als Krönung gibt es noch ein Dan-Swanö-mäßiges Progrock-Break. Grandios!

* ´Overload´ bestätigt, dass die sechs Schweden im Vergleich zum Vorgänger-Album „Natural Born Chaos“ sowohl aggressiver als auch noch melodischer geworden sind, wozu vor allem die variablen Vocals von Björn „Speed“ Strid beitragen. Der mehrstimmige, melodiöse Refrain und die vertrackte Gitarrenarbeit sorgen für die nötige Balance.

* Der Titelsong ´Figure Number Five´ ist das vielleicht heftigste Stück, das das Sextett jemals eingeprügelt hat. Moderner Thrash mit Meshuggah-Schlagseite und leichtem Nu-Metal-Touch. Mächtig groovig, bevor zum Ende hin erneut grandiose Gitarrensoli das Bild abrunden.

* ´Strangler´ ist einmal mehr typisch SOILWORK und gefällt mit seiner nahezu perfekten Melange aus Melodie und Härte. Geiler Refrain auch!

* Bei den versteckten Harmonien von ´Light The Torch´ merkt man, dass Devin Townsend, der die letzte CD zusammen mit der Band produziert hat, einen Einfluss auf die Helsingborger hatte. Ansonsten ist das Stück ein weiterer großer Hit, mit dem die Truppe endgültig durchstarten könnte.

* ´Departure Plan´ kommt mit triphoppigem Hintergrund und gibt sich ansonsten recht Gothic-lastig. Das Ding ist definitiv der kommerziellste Song des Album, fast schon als Halbballade zu bezeichnen und erinnert etwas an die besseren Momente von Secret Discovery. Ein bisschen gewöhnungsbedürftig bleibt´s dennoch. Eher ein Song für hübsche Mädchen als für wild bangende Prog-Thrasher.

* ´Cranking The Sirens´ ist erneut SOILWORK pur, wobei vor allem das geile Keyboard-Spiel zum Ende hin Akzente setzt. Sehr cool, sehr eingängig.

* ´Brickwater´ kommt ziemlich straight und modern rüber. Der Gesang klingt mächtig angepisst, und der Refrain - bitte nicht erschrecken - hat sogar ´ne leichte Korn-Schlagseite. Gute Nummer mit einer vom Leder ziehenden Rhythmus-Abteilung.

* ´The Mindmaker´ besitzt ´nen fast schon punkigen Touch, gefällt aber vor allem durch die überragende Gitarrenarbeit. Der Chorus ist mal wieder ein absoluter Shitkicker und setzt sich sofort im Ohr fest. Große Musik!

* Mit dem Ober-Hit ´Distortion Sleep´ haben SOILWORK einen weiteren Hammer auf der Pfanne. Der Kracher kommt mit Mörder-Grooves angeschlichen und mündet in einem absoluten Killer-Refrain, den man - hier war man sich des Potenzials wahrscheinlich bewusst - auch oft genug verwendet, um ihn direkt ins Hirn des Hörers zu verpflanzen. Besser geht´s nicht!

* Der Abschlusstrack ´Downfall 24´ verbindet erneut alle Stärken der Band und ist somit eine gute Zusammenfassung des ganzen Albums. Ebenfalls sehr stark.

SOILWORK waren mutig genug, den auf „Natural Born Chaos“ entworfenen Sound weiter auszubauen und zu verfeinern. „Figure Number Five“ dürfte aufgrund des Hitpotenzials der Traum einer Plattenfirma sein, ist andererseits aber so anspruchsvoll instrumentiert, dass auch High-end-Hörer und Alt-Fans mit Frickel-Vorliebe ihre wahre Freude an den elf - übrigens recht kurzen - Songs haben werden.

Gitarrist und Sprachrohr Peter Wichers wusste am Anfang nicht so recht, wo die Band mit Album Nummer fünf steht: »Es freut mich zu sehen, dass die neuen Songs anscheinend gut ankommen, denn wir sind doch noch mal ein gutes Stück eingängiger geworden. Zudem hat vor allem Björn einen weiteren Schritt nach vorne gemacht. Seine Vocals waren noch nie so abwechslungsreich. Außerdem haben wir uns viel Mühe mit den Keyboards gegeben, die diesmal viel besser zur Geltung kommen.«

SOILWORK genießen mittlerweile auch in Musikerkreisen den Ruf, eine der führenden Bands einer neuen, anspruchsvollen Metal-Bewegung zu sein, die vor allem auch in den sonst so oberflächlichen USA Fuß gefasst hat.

»Diese Aussagen machen uns sehr stolz, denn wir arbeiten schon seit Jahren hart an unserem Sound. Wir haben immer versucht, uns zu verbessern. Es ist sogar schon so weit, dass andere Combos in der Presse mit uns verglichen werden, was ein großer Erfolg ist. Zumal wir unseren Stil niemals komplett verändert haben, auch wenn wir einige Fans aus unserer Death-Metal-Anfangszeit wohl mittlerweile nicht mehr zu unserem Kundenkreis zählen dürfen.«

Um den „Kundenkreis“ würde ich mir mal keine Sorgen machen. Der dürfte spätestens nach dem Release von „Figure Number Five“ unübersichtlich groß werden...