Online-MegazineKolumne

Die Klasse von 1987

1987-Special

Zugegeben, in der Vergangenheit zu schwelgen, ist nicht unbedingt meine Sache. Dazu kommt: Um alte Platten aufzulegen oder in alten Rock-Hard-Heften zu blättern, fehlt im Redaktionsalltag schlichtweg die Zeit. Doch einmal im Jahr muss man ran. Und dann macht es plötzlich unheimlich Spaß. Wenn man erst mal angefangen hat...


Die spannendste Frage zum Jahr 1987 ist sicherlich, ob es nun ein gutes Jahr für den Metal war oder nicht. Obwohl Anthrax´ „Among The Living“, King Diamonds „Abigail“, Testaments „The Legacy“ und Helloweens „Keeper… I“ ja auch schon keine Leichtgewichte sind, gingen die Meinungen unserer Autorenschaft weit auseinander, wie der Retro-Soundcheck im Heft zeigt.

Und dann das noch: Während Michael Rensen die zwischenzeitliche Schwäche der Dinosaurier (Dio, Black Sabbath, Deep Purple) zu verkraften hatte, freute sich Jens Peters über den Mega-Bestseller seiner umstrittenen Lieblinge Guns N‘ Roses. Als Interview-Quellen der damals skandalträchtigsten Band des Erdballs dienten Herrn Peters diesmal frühe Weggefährten wie deren ehemaliger Manager Alan Niven. Von Außenstehenden erfährt man oft mehr als von den Musikern selbst, die heute auf ein öffentlich sauberes Image bedacht sind. Was war also dran an den „Bad Boys“ des Sunset Strip? Ebenso umstritten wie die Band war das (in den USA zurückgezogene) Cover von „Appetite For Destruction“, weshalb eine Story über den Urheber Robert Williams für mich unbedingt dazugehört. Mal ein etwas anderer Blickwinkel auf das erfolgreichste Debüt der Rockgeschichte.    

Im Schatten dieser Platte haben Whitesnake mit „1987“ immerhin noch einen Megaseller des Blockbuster-Hardrock abgeliefert und Savatage mit „Hall Of The Mountain King“ zu ihrer legendären Album-Trilogie (mit „Gutter Ballet“ und „Streets“) angesetzt. Das Jon-Oliva-Interview von Jenny Rönnebeck liefert faszinierende Einblicke in die Zusammenarbeit mit dem kürzlich verstorbenen Savatage-Förderer Paul O‘Neill, ohne den Oliva vermutlich nicht ein am Broadway gefeierter Musik-Millionär wäre, sondern ein weiterer armer Untergrund-Schlucker aus Florida. Schon krass.

Ein weiteres Highlight ist die kuriose Entstehungsgeschichte von Death. Zwei Weggefährten von Chuck Schuldiner, Chris Reifert und Kam Lee, halfen Jan Jaedike mit Privatfotos und Anekdoten, die Geburtsstunde des Death Metal und ein recht intimes Porträt des frühen Chuck Schuldiner zusammenzupuzzeln. Nicht weniger rechercheintensiv gestaltete sich die Story über Bathorys „Under The Sign Of The Black Mark“ von Wolfgang Kuhn. Einige Protagonisten des Jahres 1987 liegen leider schon lange unter der Erde, was die Geschichten in meinen Augen aber umso lesenswerter macht.

Während bei einigen Szene-Granden (Slayer, Iron Maiden, AC/DC) mehr oder weniger Funkstille herrschte (Metallica schlagen mit Jason Newsted immerhin ein neues Kapitel auf), freuen sich Buffo und Matthias Mader über das Aufkeimen diverser Underground-Stile. Der Hardcore-Szene-Urknall bekommt in Heft 367 deshalb ein eigenes Special. Und hier schließt sich auch ein Kreis. Das Rock Hard hatte 1987 die ersten vier Jahre als Fanzine hinter sich. Die Auflage stieg, der Vierfarbdruck belegte einige Seiten im Heft, das Fotoarchiv füllte sich mit den ersten exklusiven Bildern. Mittendrin war „Hardcore“ eine feste Rubrik. Nicht riesig, aber groß genug, um in der deutschen Punk-Szene wahrgenommen zu werden. „Crossover“ – egal in welcher Richtung – war in den nachfolgenden Jahren das Wort der Stunde. So gründeten sich 1987 auch Labels wie Peaceville oder Nuclear Blast, die zunächst „nur“ Death Metal mit Punk-Spirit verkauften. Aber am Ende entwickelte sich die Szene, die wir heute noch kennen. So professionalisierte sich zum Beispiel der deutsche Thrash (Kreator, Sodom, Destruction), und Celtic Frost legten mit „Into The Pandemonium“ ein pechschwarzes Avantgarde-Album vor, das heute noch als Vorlage für intellektuelle Düsterknechte dient. Und, und, und...

So gesehen war 1987 ein verdammt außergewöhnliches Jahr.