Online-MegazineInterview

TRI STATE CORNER

Zurück in die Zukunft

TRI STATE CORNER

Der mittlerweile gar nicht mehr so neue Rage-Drummer Vassilios "Lucky" Maniatopoulos hat mit seiner zweiten Band TRI STATE CORNER schon seit vier Studiowerken eine deutlich exotischere Richtung eingeschlagen. Jetzt haben die originellen Bouzouki-Rocker mit ihrem neuesten Streich „Hero“ das letzte Kapitel einer Album-Trilogie in den Startlöchern stehen. Trotzdem ist der griechisch-deutsch-polnischen Gruppe der große Erfolg bislang noch verwehrt geblieben: »Wir sind eine „Hybrid-Band“. Deshalb werden wir wahrscheinlich nie riesengroß werden, können aber immer irgendwie mitmischen«, betont Lucky. Schade eigentlich, oder etwa nicht? Im Gespräch zeigt uns der gebürtige Bottroper, dass selbst das düsterste Zukunftsbild einen Hoffnungsschimmer in sich trägt, der titelgebende Held in jedem von uns stecken kann und TRI STATE CORNER (dt.: "Dreiländereck") als Produkt musikalischer Völkerverständigung für die Vielfalt der Kulturen kämpfen.

Lucky, ihr veröffentlicht am 27. April mit „Hero“ den letzten Teil eurer Triple-H-Trilogie. „Historia“ thematisierte die Vergangenheit, „Home“ die Gegenwart und mit „Hero“ blickt ihr in die Zukunft. Welche Zukunft ist das?

»Aus dem, was wir in der Geschichte und auch in der Gegenwart beschrieben haben, hat sich zwangsläufig das Bild komplettiert, dass wir Menschen irgendwann nicht mehr da sein werden, wenn wir so weitermachen wie bisher. Wenn man das weiterspinnt, und ich rede hier von einigen tausend Jahren, müsste sich unsere Spezies theoretisch selbst ausrotten. Es entstehen immer wieder die gleichen Probleme, Machthaberei und militärpolitische Entscheidung sind plötzlich viel wichtiger als das Leben selbst und die Umwelt. Das, was wir als Werte bezeichnen, verliert immer mehr an Wert und monetäre Ziele spielen eine übergeordnetere Rolle. Wir sehen also eine Zukunft, die in die falsche Richtung abdriftet und möchten davor warnen. Gleichzeitig wollen wir aber darauf hinweisen, dass wir alle, jeder einzelne von uns, auch die Chance hat, irgendetwas zu verändern. Man muss das nicht mit der einfachen Ausrede 'Ich kann da ja sowieso nichts machen' laufen lassen. In der letzten Phase der Trilogie zeigen wir, wie die Welt heute aussieht und mit was wir uns arrangieren müssen, damit es nicht noch beschissener wird. Ich möchte etwas erzählen und wenn von den zehntausend Leuten, die das mitkriegen, auch nur einer irgendetwas davon mitnimmt, dann hat es sich gelohnt!«

Der letzte Track 'In The Blink Of An Eye' fasst im Prinzip alles zusammen, was du mir gerade gesagt hast.

»Der Song ist das Fazit der Trilogie. In der zweiten Bridge verabschiedet sich die Menschheit und sagt 'thank you and goodbye'. Deswegen wirkt „Hero“ thematisch auch ein bisschen düster, aber eigentlich steckt da auch Hoffnung drin. Nicht umsonst heißt dieses Album „Hero“. Jeder sollte seinen eigenen Helden herausarbeiten und mit ihm weiterleben, um es eben nicht so weit kommen zu lassen.«

„Hero“ ist also nicht die Vorstellung einer klassischen Heldenfigur, sondern des alltäglichen Helden, der in jedem von uns stecken kann?

»Genau. Wenn man sich durch Texte liest, dann begleitet man am Anfang eine fiktive Person, eine Art Superheld. Im Titelsong selbst blitzt dann zum ersten Mal auf, dass damit eigentlich kein Held, sondern ein Eigenschaftswechsel gemeint ist, ein Einstellungswechsel, der passieren muss. Im Song heißt es, dass der Held keinen Umhang trägt und auch nicht fliegen kann, dafür aber Machthaberei in Selbstlosigkeit umwandeln kann.«

Führt das Albumcover, auf dem ein Mann mit Engelsflügeln zu sehen ist, somit eigentlich auf eine falsche Fährte?

»Dieser Typ mit den Engelsflügeln blickt auf eine verbrannte Stadt, die auf ein düsteres Endzeitszenario hinweist. Die Flügel sind ein Symbol für die Möglichkeiten, die er hat. Noch sitzt er zwar einfach nur da, aber er hat die Möglichkeit, etwas zu tun. Die Frage ist, ob er es machen wird oder nicht.«



Ihr geltet oft als perfektes Beispiel für musikalische Völkerverständigung. Siehst du das gewissermaßen als Aufgabe oder sogar Pflicht an?

»Unbedingt! Dabei spielt es übrigens keine Rolle, wie groß oder klein eine Band ist. Ob ich bei Rage spiele, morgen vielleicht bei den Foo Fighters oder eben bei TRI STATE CORNER, spielt keine Rolle. Du stehst in irgendeiner Form in der Öffentlichkeit, auch wenn es ein begrenzter Raum ist. Und damit hast du eine gewisse Verantwortung, die wir auch wirklich ernst nehmen. Wir wollen zeigen, dass wir ein positives Beispiel erfolgreicher Integration in Deutschland sind. Dass es funktioniert, wenn unterschiedliche Länder produktiv aufeinander knallen. Wir schaffen etwas Kreatives, das Freude bringt und ein Ergebnis hat, ohne dass man sich die Köpfe einschlägt. Unterschiedliche Kulturen auf einem Haufen – das ist irgendwie negativ behaftet und das darf nicht sein. Denn eigentlich ist es bereichernd.«

Im Song 'Daydreamer' singst du die Textzeile "If I had one wish I would ask for freedom". Fühlst du dich denn nicht frei?

»Nein, ich fühle mich nicht frei. Auch wenn wir in einem Land leben, in dem wir vermutlich freier sein können, als in jedem anderen Land dieser Erde. Aber schau dir die Welt mal an, das ist nur ein Bruchteil davon. Wenn du die ganze Welt betrachtest und dir die Frage stellst: 'Sind wir als Menschen frei?' Dann muss die Antwort lauten: 'Größtenteils nein!' Wir stehen unter Kontrolle, unter Druck, unser Handeln im Internet wird gemessen. Das Bargeld verschwindet mit der Zeit, irgendwann gibt es nur noch Karten, warum wohl? Weil Bargeld nicht gut ist? Nein, sondern weil es besser messbar ist. Man wird eine Nummer in der Statistik. Und bei uns geht es ja sogar noch. Stell dir nur einmal vor, du bist in Indonesien oder sogar Nordkorea groß geworden. Da ist nichts mit frei. Ich bin gerade von einer Welttournee mit Rage wiedergekommen und habe furchtbare Dinge sehen müssen. In einem eigentlich total modernen Stadtstaat wie Singapur stehen die Leute unter totaler Kontrolle. Auch in China ist das furchtbar, Katastrophe! Die Leute können nicht mehr ihre Meinung sagen, ihre komplette Mimik ist anders. In Japan, Ostrussland, Südamerika... es gibt so viele Orte, wo du merkst, dass die Leute nicht so sein dürfen, wie sie eigentlich sein wollen.«

Zur Musik: Mir kommt es so vor, als würden sich eure charakteristischen Bouzouki-Elemente mit jedem Album homogener ins Gesamtbild einfügen. In welcher Phase des Songwritings fangt ihr damit an, die Bouzouki einzubauen?

»Es geht natürlicher, das stimmt, wir haben bei diesem Album mehr denn je die Richtung gefunden, die für uns funktioniert. Die Bouzouki kommt, nachdem Riffs, Harmonien und Melodien zusammengefasst wurden. Unser Gitarrist Christoph und ich schreiben die Musik in der Regel zusammen und haben dabei immer eine Leitmelodie im Hinterkopf. Ich schreibe parallel die Texte. Dann erst kommt die Bouzouki dazu und soll das Ganze rund machen. Platz dafür ist natürlich immer, denn wir haben im Hinterkopf, dass das eines unserer wichtigsten Elemente ist. Der Janni (Gitarre/Bouzouki, Bruder von Lucky - sb) ist in der Lage, dieses Instrument richtig zu interpretieren, ich kann das leider nicht. Ich verstehe es, könnte aber nicht damit schreiben. Manchmal müssen wir ihn auch bremsen und sagen: 'Das geht jetzt aber extrem in die Folklore, das könnten wir ein bisschen herunterfahren.'«

Habt ihr schon mal über ein reines Folk-Album nachgedacht?

»Ja, wir haben darüber nachgedacht, ob wir nicht mit einer Bouzouki und Gesängen altklassische griechische Songs in einer akustischen Version verrocken sollten. Nicht zu krass mit Schlagzeug, sonst würden wir wahrscheinlich Post vom griechischen Staat bekommen, weil wir die Kultur versauen (lacht). Bis jetzt ist es aber noch nicht dazu gekommen. Wir stehen bei der fünften TSC-Veröffentlichung und haben noch genug zu sagen und zu erzählen. Ich denke, ein, zwei Alben werden es auf jeden Fall noch werden und dann kommt irgendetwas Besonderes. Sicherlich nichts Orchestrales, das gibt es heute einfach zu häufig. Aber bestimmt irgendetwas traditionell Angehauchtes. Mal sehen.«

Ihr haltet eure Songs meistens in einem kompakten Drei-Minuten-Zeitfenster. Ist einfach nicht mehr Spielzeit nötig?

»Ich weiß gar nicht, ob das wirklich Kopfsache ist. Wir denken nicht darüber nach, dass es sich in diesem Zeitfenster abspielen muss. Wir schreiben einfach keine Fünf-Minuten-Songs. Wahrscheinlich, so wie du es gerade gesagt hast, ist schlichtweg nicht mehr Spielzeit nötig. Weißt du, wenn ein Song länger wird, dann bekommt er einen Extra-Part und wird vielleicht ein kleines bisschen progressiver. Andererseits sind wir aber auch keine Metal-Band, auch wenn wir in der Metal-Szene unterwegs sind und ich wirklich ein Metaller der ersten Garde aus den Achtzigern bin. Wir sind eher eine kommerziell klingende Hard-Rock-Band und je kommerzieller du wirst, desto eher wirst du feststellen, dass du ähnliche Strukturen in diesen Drei-Minuten-Zyklen nutzt.«

Du beschreibst TRI STATE CORNER gerne mit den Begriffen „Emotion, Tradition und Aggression“. Emotional und traditionell seid ihr ohne Zweifel, aber an welchen Stellen spürt man die Aggression?

»Diese drei Wörter sind sehr treffend für das, was wir machen. Allerdings nur in Kombination, nicht alleinstehend. Die Tradition durch die orientalischen Klänge und die Emotionen, weil ich denke, dass wir sensible Musik machen. Und das Rockgewand, in das diese beiden Dinge gekleidet sind, stellt für mich die Aggression. Wenn ich allerdings jemanden von Behemoth oder God Dethroned frage, dann werden die sagen: 'Was für eine Aggression? Du hast ja keine Ahnung!' (lacht)«

Findest du es nicht irgendwie ungerecht, dass ihr mit eurer doch recht exotischen Musik keine größere Aufmerksamkeit genießt?

»Klar wäre es schön, wenn mehr Leute zu einem Konzert kommen und wir mehr CDs verkaufen würden. Aber wir stehen alle mit beiden Beinen im Leben und jeder einzelne von uns ist mit dem, was er tut, ziemlich erfolgreich. Wir haben keine Existenzängste, sondern machen, was wir gerne machen. Wir sind wirklich dankbar, dass wir dieses TSC-Ding so behandeln. Wir haben einen tollen Plattenvertrag, nehmen unsere Alben auf, wir gehen ins Studio, und werden jetzt dann eine Tour spielen. Dabei wissen wir nicht, ob zu einem Konzert keiner, 30 oder 300 Leute kommen. Aber völlig egal, wie viele schlussendlich ein Ticket kaufen, wir werden diese Tour in jedem Fall spielen! Selbst wenn an irgendeinem Ort gar keiner kommt... dann spielen wir das für gar keinen! Wir haben keine Angst davor oder das Gefühl zu versagen. Definiere Erfolg. Alleine die Tatsache, dass wir fünf Alben aufgenommen und einen Plattenvertrag haben, dass wir all das tun können, was ich gerade beschrieben habe und es sich sogar finanziert, nenne ich Erfolg.«

 

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