Online-MegazineInterview

MYLES KENNEDY

Trauerarbeit im Alleingang

MYLES KENNEDY

Mit seinem Solodebüt „Year Of The Tiger“ tritt MYLES KENNEDY aus seinen Band-Rudeln Alter Bridge und Slash & The Conspirators heraus. Dabei ist der etablierte Hardrock-Sänger mit sich in Klausur gegangen und verarbeitet in Country- und Blues-getränkten Songs den Tod seines Vaters.

Myles, das Album hat für dich einen sehr persönlichen Hintergrund, denn es handelt davon, wie dein Vater an einer schweren Krankheit verstorben ist, als du vier Jahre als warst. Wie bist du auf die Idee gekommen, diese Erfahrung im Country-/Americana-Stil zu vertonen?

»Dieser Ansatz, Musik zu machen, hat mich schon so lange interessiert, wie ich mich zurückerinnern kann. Mir gefiel der Gedanke, irgendwann eine Platte machen zu können, die diese Einflüsse einbezieht. Daher wollte ich vor allem diese Instrumente verwenden, als ich vor vielen Jahren mit meinem Soloalbum begann. Je mehr Zeit ich dann allerdings im Studio verbrachte, desto mehr aggressive Rock-Gitarren und bombastische Elemente habe ich in die Songs integriert. Das war einer der Gründe, warum ich letztendlich die erste Album-Version wieder verworfen habe: Ich wollte einen fokussierten Ansatz von Anfang bis Ende. Als „Year Of The Tiger“ fertig war, hatte ich das Gefühl, mein ursprüngliches Ziel weitestgehend erreicht zu haben.«

Du hast dein Soloalbum zum ersten Mal im Jahr 2009 angekündigt, 2016 hast du es fertig gestellt – und fingst dann noch mal von vorn an. Warum hast du das gesamte Material verworfen?

»Es war in meinen Augen nicht stark genug, um mich als Solokünstler einen Schritt weiter zu bringen. Die Songs waren musikalisch nicht so fokussiert wie ich es eigentlich wollte. Daher musste ich ehrlich mit mir sein und mich fragen, ob ich das nicht besser könne. Das war ein sehr anstrengender, innerer Dialog. Am Ende bin ich sehr froh, dass ich mich dazu entschieden habe. Eine Idee aus den ersten Aufnahmen hat es trotzdem auf das jetzige Album geschafft: der Song ‘Love Can Only Heal’. Ich habe die Vocals des ersten Demos behalten und Drumherum alles neu geschrieben. Dadurch hat sich der Track an den Vibe von „Year Of The Tiger“ angepasst.«

Ist die traditionelle, amerikanische Musik für dich als Musiker ein Einfluss?

»Ja, definitiv! Interessanterweise haben mich Bands wie Led Zeppelin darauf gebracht. Trotz ihres sehr riffbasierten, bombastischen Ansatzes haben sie auch eine akustische Seite, die wunderschön und eindringlich ist. Diese Songs gehören zu meinen liebsten Zeppelin-Stücken. Von ihnen ausgehend schaute ich zurück und entdeckte die Künstler, die diese Band beeinflusst haben, solche Stücke zu schreiben. Dabei erschloss ich eine riesige Welt, in die ich eingetaucht und von der ich ein Fan geworden bin. Das war als Kind sehr erhellend.«

Trotz schwerer Krankheit verweigerte dein Vater aus religiösen Gründen eine Behandlung. Sein Leiden und sein Tod waren eine schwere Bürde für deine Familie. Stand dieses inhaltliche Konzept von Anfang an fest?

»Als ich anfing, die Songs für mein Soloalbum zu schreiben, wusste ich noch nicht, welchen Inhalt sie haben werden. Ich hatte lediglich einen musikalischen Plan, wohin die Reise gehen sollte. Interessanterweise hatte ich aber eine Textidee, die bereits jahrelang in meinem Kopf herumgeisterte. Es war der Anfang von ‘Year Of The Tiger’ – aber ich hatte keine Ahnung, was das Jahr des Tigers bedeutet. Eines Tages, als ich draußen in meinem Garten arbeitete, kam sie mir wieder ins Gedächtnis. Ich mochte die Melodie mit diesem kleinen Text-Nugget nach wie vor. Also fing ich an, zu recherchieren, und fand heraus, dass das Jahr des Tigers genau das Jahr war, in dem mein Vater verstorben ist. Ich dachte mir: Mann, wenn das nicht ein Zeichen des Universums ist, dass es an der Zeit ist, über dieses Thema zu schreiben – was dann? Als ich mir einmal erlaubt hatte, die Tür zu diesem Konzept zu öffnen, konnte ich die Flut kaum noch aufhalten. Ich hatte so viel, was ich mir von der Seele schreiben wollte, so viele Geschichten, die erzählt werden müssen.«

Ist es für dich nun schwer, im Rahmen des Albums, der anstehenden Konzerte und der vielen Interviews ständig mit diesem Thema konfrontiert zu sein?

»Als ich das Album geschrieben habe, sind mir solche Gedanken gar nicht gekommen. Ich wusste nur, dass ich es gern veröffentlichen möchte. Gleichzeitig verpflichtet man sich als Songwriter dazu, ehrlich zu sein. Denn nur so bewegst du dein Publikum. Offensichtlich beschäftigt mich das Thema sehr, weshalb ich alle Zweifel beiseite schieben und den Mut aufbringen musste. Ich wollte etwas Pures erschaffen, das von Herzen kommt. Jetzt, wo ich viel darüber rede, ist das Thema natürlich allgegenwärtig – vermutlich mehr als ich es ursprünglich geahnt habe. Aber ich komme damit klar.«

Wirst du auf der kommenden Tour alleine auf der Bühne spielen?

»Ja, auf dieser ersten Tour auf jeden Fall. Ich spiele neben dem Solo-Material auch Songs aus den letzten zwei Jahrzehnten: von The Mayfield Four, Alter Bridge, Slash & The Conspirators. Das meiste werde ich wohl alleine spielen und nur für ein paar Titel einen Kumpel zur Unterstützung auf die Bühne holen. Ich möchte es aber sehr persönlich und intim halten.«

Nachdem „Year Of The Tiger“ nach all den Jahren nun abgeschlossen ist: Hast du Lust, irgendwann ein weiteres Soloalbum zu machen?

»Das war eine sehr befreiende Erfahrung. Ich habe dabei viel über mich selbst gelernt und bin als Schreiber und Musiker gewachsen. Wenn ich die Möglichkeit dazu habe und die Leute sich dafür interessieren, dann würde ich das gern noch einmal machen. Es ist musikalisch etwas ganz anderes und hat eine Art von Nervenkitzel an sich, weil es ungewiss ist, wie die Leute darauf reagieren werden. Man kennt mich nun mal als Hardrock-Künstler. Aber im Moment fühlt es sich gut an und als ob sich das in Zukunft weiterentwickeln könnte.«

Kannst du festmachen, wie du als Songwriter an „Year Of The Tiger“ gewachsen bist?

»Ich habe gelernt, meinen Instinkten mehr zu vertrauen. Bei Alter Bridge habe ich immer Leute um mich, mit denen ich mich über eine neue Idee austauschen kann. Sie helfen, zu entscheiden, ob sie zur Band passt und wie man sie verbessern kann. Das ist das Tolle an einer Zusammenarbeit. Aber wenn man alleine ist und mit niemandem über Ideen sprechen kann, fühlt man sich wie auf einer einsamen Insel. Man muss einen Sinn für die Arbeit mit den Songs entwickeln. Teil dieses Prozesses war es auch, einen Schritt vom Material zurück gehen zu können, es etwas ruhen zu lassen und später noch einmal mit frischer Perspektive anzuhören. Dann hört man es fast wie zu ersten Mal und muss sehr ehrlich mit sich selbst sein, ob etwas gut genug oder eben nicht gut genug ist. Das ist eine sehr wichtige Fähigkeit für einen Songwriter.«

Der Track 'The Great Beyond' klingt mit epischen Sounds wie der Vorspann eines James-Bond-Films. Wäre das etwas für dich, ein eigener James-Bond-Titelsong?

»(lacht) Ich glaube, du hast Recht – besonders der Gitarrenpart hat wirklich einen James-Bond-Vibe. Da hab ich noch gar nicht drüber nachgedacht. Aber eigentlich keine schlechte Idee ... Die Geschichte der James-Bond-Titelsongs ist ziemlich beeindruckend. Wenn man als Künstler bei so etwas involviert sein kann, wäre das für jeden eine Ehre.«