Online-MegazineInterview

DEAD CROSS

In der Kürze liegt die Würze

DEAD CROSS

Wenn Schlagzeug-Wirbelwind Dave Lombardo in Hardcore-Laune ist und dann auch noch Vokal-Taifun Mike Patton an Bord springt, ist Anschnallen angesagt: Das Debüt von DEAD CROSS pustet in noch nicht mal 28 Minuten ordentlich Schweißperlen auf die Stirn. Wir sprachen mit dem viel beschäftigten, aber gut gelaunten Dave über Zufälle während der Bandgründung, musikalischen Minimalismus und Hardcore-Therapie mit Zukunftspotenzial.

Dave, wo erreiche ich dich gerade?

»Ich bin in Los Angeles. Gerade habe ich ein paar freie Tage und dann geht’s auf Tour.«

Du hast einen sehr vollen Terminplan und kommst zum Beispiel gerade erst von der Tour mit Suicidal Tendencies. Worauf freust du dich am meisten bei einer solchen Auszeit?

»Ehm... (überlegt) Einen Drink nehmen (lacht). Dafür ist einfach keine Zeit, wenn man so viel um die Ohren hat. Wenn ich also dann tatsächlich mal Zeit habe, entspanne ich mich und koche zum Beispiel etwas.«

DEAD CROSS sind in der heutigen Konstellation einer Reihe von Zufällen zu verdanken – zum Beispiel hattest du ursprünglich für die Band Philm bereits einen Studio-Slot gebucht, der dann Startpunkt von Dead Cross wurde.

»Das stimmt. Wir wollten mit Ross Robinson dort unser neues Album aufnehmen. Ich weiß nicht genau, was passiert ist – aber sie (Gerry Nestler und Pancho Tomaselli - ir) haben sich plötzlich entschlossen, dass sie das nicht mehr machen wollen. Ross ist ein sehr positiver Mensch und meinte: „Komm trotzdem her – ich hab da ein Projekt, bei dem du mir helfen kannst.“ Dort traf ich auf Justin Pearson (b.) und Michael Crain (g.) – das Projekt war aber noch nicht DEAD CROSS. Ich fragte sie, ob sie mit mir eine Band gründen und die bereits gebuchten Shows durchziehen wollen. Sie stimmten zu, wir schrieben Musik, Ross nahm sie auf – das passierte einfach so! Gabe Serbian, der Drummer von The Locust und einer der Gründer von Cattle Decapitation, wurde als Sänger an Bord geholt. Kurz drauf wollte er aber irgendwie doch nicht weitermachen... Da standen wir also wieder: Ich hatte eine Band, wir hatten Musik – aber keinen Sänger. Als uns kein Name so richtig überzeugt hat, meinte meine Assistentin: „Ruf doch deinen Freund an!“ Und ich antwortete: „Was, Patton?“ Also schrieb ich ihm, und 15 Sekunden später kam von ihm die Nachricht: „Ich?“ Und dann eine weitere: „Auf jeden Fall!“ Da sind wir nun also: Mit einem neuen Album, Proben, den Vorbereitungen zu unserer ersten Show – das ist alles sehr aufregend.«

Mike Patton hat dann noch einmal neue Texte auf eure Songs geschrieben, die ihnen einen ganz eigenen Dreh verpassen. Wie war es, diese zum ersten Mal zu hören?

»Die ersten Aufnahmen, die er uns geschickt hat, waren Demos. Es gab noch keine Texte, keine Wörter. Er machte einfach nur Sounds mit seiner Stimme. Wir haben sie immer nachts gegen zwei Uhr per E-Mail von ihm bekommen. Ich wurde jedes Mal aus dem Schlaf gerissen, hab sofort die Mail geöffnet, mir den Song angehört – und war von den Socken. So ging das eine Woche lang. Das war unglaublich.«

Musikalisch hört sich „Dead Cross“ an, als hättest du Justin und Michael mit deinem Schlagzeug durchs Studio getrieben.

»Ja! Genau so war das! [Lacht] Wenn ein Musiker älter wird, vergisst er, wie es war, aggressiv zu spielen. Ich habe mich daran erinnert, wie ich damals auf diesem Intensitätslevel performt habe, und konnte genau das wieder hervorbringen. Also ja, ich habe quasi die Jungs durchs Studio gehetzt.«

Was bedeutet für dich persönlich der Hardcore-Sound?


»Eine ganze Menge. Vor allem, dass ich es immer noch drauf habe. Ich kann – wie alle anderen Metalheads heutzutage – modernen Metal spielen, also mit Click-Track. Aber ich kann auch den Oldschool-Sound mit der gleichen Energie wie in meinen Zwanzigern spielen. Man muss sich selbst vorantreiben, als würde man von jemandem verfolgt werden.«

Und plötzlich ist das Album sehr kurz...


»Genau. Das war gar keine Absicht, so haben sich die Songs einfach ergeben. Nimm zum Beispiel den ersten Song 'Seizure and Desist': Warum hätten wir ein Solo hinzufügen sollen, wenn alles Wichtige schon in zwei Minuten verpackt ist? Ich glaube, viele Musiker versauen den Song, wenn sie zum Beispiel zwei oder drei Soli hinzuzufügen. Vor wem wollen sie damit angeben? Oder sie haben zu viel Gesang... Naja, es ist natürlich auch persönlicher Geschmack.«



Wie bringt ihr mit dem kurzen Album dann die kommenden Shows abendfüllend über die Bühne?

»Wir haben jetzt noch zwei neue Songs geschrieben, die zum Set dazukommen. Damit schaffen wir die vertraglich festgelegte 40-Minuten-Grenze. Und vielleicht machen wir noch ein paar Improvisationen.«

Die neuen Songs habt ihr also alle zusammen bei den Proben zur Tour geschrieben?

»Richtig: Crain und ich saßen im Probenraum und hatten ein paar Riffs parat. Justin und Patton kamen später und haben beim Komponieren und der Struktur geholfen. Es war dieses Mal also von Anfang an ein Gemeinschaftsprojekt.«

Noch mal zum aktuellen Album: Der einzige Zeitpunkt zum Luft holen ist im Grunde das Bauhaus-Cover 'Bela Lugosi’s Dead'. Wieso habt ihr genau das gewählt?

»Als wir damals zusammen die ersten Songs geschrieben haben, waren diese sehr kurz. Ich wollte ja Punk und Hardcore spielen, also waren alle unter zwei Minuten. Justin schlug das Bauhaus-Cover vor und ich mag den Goth-Style der Mitte der Achtziger aufkam. Der ist mir irgendwie vertraut, auch wenn ich mich da nie richtig mit beschäftigt habe. Außerdem hat uns der Song einiges an Zeit verschafft. Wie schon gesagt: Wir sind vertraglich verpflichtet, 40 Minuten zu spielen. 'Bela Lugosi’s Dead' können wir so lange ausdehnen wie wir wollen.«

Du hast mal gesagt, dass dich der Terroranschlag im Pariser Club Bataclan während eines Auftritts der Eagles of Death Metal beim Songwriting für Dead Cross stark beeinflusst hat. Du bist selbst viel auf Tour: Hast du das dabei weiterhin im Hinterkopf?

»Zeit hilft und heilt, man denkt nicht mehr so viel darüber nach. Klar passt man besser auf und wird sensibler, was um einen herum passiert. Aber damals war in den Nachrichten und der Welt generell viel los, das mich musikalisch beeinflusst hat. Oft hab ich den Fernseher ausgemacht und musste erstmal Hardcore hören, damit ich die Aggression wieder rausbekomme. Aber nicht nur wegen der Nachrichten, auch im Privatleben musste ich mit einigen Dingen klarkommen. Es war eine Kombination aus vielen Emotionen. Ich hatte dann das Bedürfnis, in Richtung Hardcore zu gehen. Vielleicht hätte ich mich sonst ins Auto gesetzt, sehr schnell beschleunigt – und wer weiß, wie das geendet wäre. Die Musik war für mich also eine sichere Art der Erleichterung.«

Es war also eher eine Therapie als dein Statement an die Welt?


»Ja, genau. Ich gebe nicht gern solche Statements ab. Es gibt da draußen schon zu viele Meinungen und zu viele Menschen, die sie rausposaunen. Ich halte mich zurück, wenn es um so etwas geht. Mein Ding ist das Schlagzeug spielen: Es ist aggressiv und ich fühle mich dadurch sehr gut. Ich möchte niemandem etwas vorbeten oder meine Gedanken und Gefühle ausdrücken. Und häufig wünsche ich mir, dass Leute sich einfach mal um ihren Kram kümmern und überhaupt nicht reden. Denn wenn sie den Mund aufmachen, kommt nur Müll da raus.«

Auf der anderen Seite hat Mike Patton teils ziemlich direkte Texte für Dead Cross geschrieben.


»Ja klar, er ist ja auch der Lyriker. Er macht so was.«

Zu der Zeit war Trump bereits Präsidentschaftskandidat. Eine schon wieder ganz andere Ausgangslage, oder?


»Er hat die Texte zwar ein Jahr später geschrieben, aber es scheint, als habe er trotzdem dieselben Dinge gefühlt. Seine Texte sind sehr ironisch: Man kann sie ernst nehmen, aber sie sind gleichzeitig auch Entertainment. Er hat einen super Job gemacht.«

Die aktuelle globale Situation würde definitiv noch genug Stoff für ein zweites Album liefern.


»Ja, wer weiß... aber warum nicht? Wir haben ja jetzt schon zwei Songs geschrieben. Weitere acht könnten wir vielleicht auf der Tour schreiben. Die Möglichkeit besteht auf jeden Fall.«

Na bei eurem kreativen Potential...


»Oh ja, das stimmt. Aber vor allen Dingen gibt es eine richtig gute Kameradschaft zwischen uns vieren. Ich kenne Patton jetzt schon 17 oder 20 Jahre. Justin kenne ich, seit er auf Tour mit The Locust Vorband für Fantômas war. Daher denke ich, dass ein zweites Album in der Zukunft liegen könnte... Ok, lass uns mal abwarten, wie wir nach der Tour darüber denken. Hoffentlich bringen wir uns nicht gegenseitig um [lacht]. Ich bezweifle das zwar – aber man weiß ja nie.«

 

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