Der erste Teil der Online-Fortsetzung des Interviews mit Rudolf Schenker thematisierte zuletzt die jüngste Kooperation mit seinem Bruder Michael. Doch auch Schwester Barbara stand in den Achtzigern vor dem musikalischen Durchbruch. Über ihren Werdegang, politische und gesellschaftliche Fragen sowie das Live-Finale der SCORPIONS gibt Rudolf Schenker im letzten Teil des umfangreichen Gesprächs Auskunft.
Zum ersten Teil des Interviews geht es hier entlang.
Woran lag es, dass eure Schwester Barbara im Gegensatz zu Michael und dir musikalisch mit Viva und später Rosy Vista nie Fuß fassen konnte.
»Ganz einfache Sache: Ich glaube, meine Schwester ist nicht dafür geboren, in einer Gemeinschaft zu leben. Sie hatte bei Rosy Vista und vorher mit diesem Schweizer Sänger (Marc Paganini – btj) gute Voraussetzungen. Aber menschlich hat sie sich immer da raus gezogen. Als sie noch in Deutschland lebte, haben wir öfter bei mir im Studio gemeinsam Musik gemacht. Die Bänder habe ich hier noch liegen. Die muss ich irgendwann mal zusammenkleben und in den Backofen legen. Dannwerde ich mir mal anhören, was wir da gespielt haben.«
In einem der letzten Interviews fürs Rock Hard meintest du, dass musizierende Politiker bessere Menschen sind. Der einstige Kreuzfahrtschiff-Alleinunterhalter Berlusconi ist glücklicherweise trotz seiner neapolitanischen Balladen vorgestern zurückgetreten.
»Zwischen Singen und dem Spielen eines Instrumentes liegt ja noch mal ein Unterschied. Musik bringt beide Gehirnhälften dichter zusammen. Politiker, die Musiker waren, werden auch oft durch Geld verdorben. Es ist ein Ausdruck, der hilfreich ist, aber wenn die Macht des Geldes Überhand nimmt, fällt auch diese Seite weg. Dann ist alles vorbei. Musik ist hilfreich, den Menschen sich selbst näher zu bringen. Deswegen sollte es an Schulen auch mehr Musikunterricht geben. In dem Moment, in dem du sich selbst erkennst und akzeptierst, musst du nicht dem Geld hinterher rennen. Eines Tages stehst du sonst vor einer großen Blase, es macht „puff“ und das ganze Geld ist weg. Das Leben ist zu kostbar, um sich dem zu unterwerfen.«
Mick Jagger wurde zum Ritter geschlagen und ihr wurdet auch als anfangs ausgegrenzte langhaarige und vermeintliche Sexisten immer mehr in den Mittelpunkt der Gesellschaft gedrückt. Sagt das mehr über eure Veränderungen oder die gesellschaftliche um euch herum aus?
»Beides. Das siehst du auch bei Metallica, das habe ich damals schon gesagt. Die waren mal Vorprogramm von uns, bei unserem großen Festival in San Francisco, in diesem großen Stadion 1986. Sie haben sich über uns lustig gemacht, weil wir diese Star-Ausstrahlung und sie noch nicht diesen Erfolg hatten. Klaus meinte, „die lachen da so“. Ich sagte zum ihm: „Klaus, warte mal ab. Wenn die da hinkommen, wo wir jetzt sind ,werden die auch eine ganz andere Sichtweise haben.“ Die Band entwickelt sich musikalisch, geht ihrem Herzen nach, in eine leichter verdauliche Richtung. Sie suchen sich einen Produzenten, der sie versteht – und das haben sie mit Bob Rock wunderbar gemacht. Weil der viel Erfahrung hatte und wusste, wie man mit Kingdom Clone (genau so hat er es gesagt – btj) einen fetten Sound hin bekommt, hat er das gemeinsam mit der Band so hin bekommen. Sie sind genau in die richtige Zeitströmung hinein gekommen. In dem Augenblick wirst du von der Zeit vereinnahmt, da kannst du machen was du willst. Stell dir einen Marktplatz vor: Der eine spielt hier und der andere da und die Leute hören mehr dem einen zu. Aber mit einem Mal hast du die richtigen Töne auf deiner Seite, wo erst nur drei Leute gewesen sind. Dann kommt der vierte dazu und der fünfte. Dann machen die anderen ein Pause, hören dich und denken: Oh das ist geil, das müssen wir uns mal angucken. Dann bist du drin. Die Presse kommt und stellt dir Fragen usw.. Du kannst nur dann im Abseits stehen, wenn du dich andauernd provokativ gegen die Zeit stellst und ständig veränderst, wie ein Chamäleon. Wir sind vereinnahmt worden, haben aber auch mal wieder neben der Zeit gestanden, wenn du an die Alternative- und Grunge-Zeiten denkst.«
Genau, deshalb hat es 1992 auch nur noch zum bronzenen statt goldenen Bravo-Otto gereicht.
»Richtig. Damals hatten wir den Vorteil, dass wir schon den asiatischen Markt bearbeitet haben. Da haben wir in großen Stadien gespielt, so dass wir uns musikalisch nicht anbiedern mussten. Wobei wir da auch teilweise gesucht haben, wie ein Blinder im TV-Laden. Wir haben uns nicht aufgelöst oder eigene Geschichten gemacht, wie Judas Priest oder Iron Maiden. Wir haben uns gemeinsam durchgeschlagen, auch wenn manchmal Leute auf der Strecke geblieben sind. In schlechten Zeiten zusammen zu stehen ist genau so schwer, wie in guten. Dann kann es passieren, dass das Ego von manchen so groß wird, dass es schwer wird, in einem Raum zu bleiben. Wir haben beides gemeistert.«
Michael Jackson hatte eine Vorliebe für Hardrock-Gitarristen und mit Eddie Van Halen, Slash und Jennifer Batten aufgenommen. Die Biografie eurer Homepage betont mehrmals das gute Verhältnis zum King of Pop. Seid ihr befreundet gewesen, oder war es eher gegenseitiger Respekt?
»Befreundet kann man schlecht sagen. Als er Michael Jackson And Friends gemacht hat, wollte er uns für Korea haben. Da konnten wir wegen anderer Termine nicht teilnehmen und haben uns gefreut, dafür in München dabei zu sein. Ich habe von hinten rum – unter anderem von Dieter Dierks, der mehrmals mit ihm zu tun hatte – gehört, dass er unsere Musik sehr gut fand. Michael Jackson hatte sich immer nur an gewisse Leute wie Marcel Avram oder Quincy Jones gewendet. Er war sehr scheu und wenn du mit ihm gesprochen hast, war das ganz schüchtern und sofort wieder vorbei. Er hat mit seinen Erfolgsalben und Songs wie 'Beat It' genau die Attitude rübergebracht, die sonst kein Schwarzer hatte, Melodik und Rock zusammengebracht. Das hatte seine Schwester auch begriffen und ein oder zwei rockige Granaten gehabt. Er hat es verstanden, die Gitarre mit seiner Stimme, die auch unheimlich Drive und Energie hatte, zu duellieren.«
Du hast eben ganz bewusst Kingdom Clone statt Kingdom Come gesagt, oder?
»Als ich die zum ersten Mal im Radio gehört habe, fand ich das geil. Das war ja ein Deutscher, denn kante ich noch von Stone Fury. Dann haben die eine Platte hingelegt, die war astrein. Was mich gestört hat war, dass Lenny Wolf bei Interviews immer gefragt hat: „Led Zeppelin – wer ist denn das?“ Das war einfach dummes Zeug und dadurch hat er den Fluch der amerikanischen Presse auf sich gezogen.«
Nicht nur den der Presse. Für euren Drummer James Kottak wäre es ziemlich lustig geworden, wenn ihr als Gedenken an Gary Moore 'Led Clones' für „Comeblack“ aufgenommen hättet.
»Ich kenn den Song nicht, hab aber davon gehört. Du, wir müssen jetzt langsam aufhören. Mein Roadie wartet schon und ist ganz fertig.«
Ihr spielt 2012 erneut in Wacken, allerdings nicht als letzte SCORPIONS-Show überhaupt.
»Das ist das letzte deutsche Open Air.«
'Lorelei' war auf „Sting In The Tail“ also keine Andeutung, das Finale hoch oben über dem Rhein zu zelebrieren?
»Ne, aber das wäre auch nicht schlecht, diese Location gefällt mir sehr gut. Das wäre eine gute Inspiration.«