Online-MegazineInterview

MAGGOT HEART

Horizonterweiterung in Berlin

MAGGOT HEART

MAGGOT HEART, das Soloprojekt von Linnéa Olsson (Sonic Ritual, Ex-Grave Pleasures, Ex-The Oath) ist Rock’n’Roll – unkonventionell, unerschrocken, mit Punk-Seele. Nachdem die Debüt-EP „City Girls“ nach nur drei Wochen vergriffen war, erscheint am 13. Juli 2018 das erste Album „Dusk To Dusk“. Die Scheibe hat Linnéa gemeinsam mit Gottfrid Åhman und Uno Bruniusson in gerade einmal einer Woche in Stockholm eingezimmert. Im Interview berichtet die Sängerin und Gitarristin über den Entstehungsprozess des Albums, über Berlin und die Notwendigkeit, hin und wieder aus Routinen und selbst gesteckten Grenzen auszubrechen.

In deinen vorigen Bands hast du dich ausschließlich auf die Gitarre fokussiert. MAGGOT HEART ist die erste Band, bei der du Gesang und Gitarre kombinierst. Wie fühlt sich die Rolle als Frontfrau an?

»Es entspannt sich langsam etwas. Ich wollte nie wirklich singen, ich habe mich immer stur auf die Gitarre konzentriert. Und das, obwohl ich früher auf eine Musikschule ging und täglich im Chor geprobt habe. Nachdem ich meine anfängliche Angst vor dem Singen überwunden hatte, ist es leichter geworden und ich kann es jetzt auf gewisse Weise auch genießen. Ich glaube allerdings auch nicht, dass es einfach ist, live dabei Gitarre zu spielen. Für mich ist es ein ständiger Kampf.«

Du bist nach Berlin gezogen, ohne die Stadt je zuvor besucht zu haben. Was hat dich an Berlin gereizt?

»Das war eine fixe Idee. Eine Idee, die dir einmal in den Kopf kommt und sich dann hartnäckig festsetzt. Die Entscheidung, nach Berlin zu gehen, fiel zu einem Zeitpunkt, an dem Stockholm für mich nicht mehr viel zu bieten hatte. Ich hatte zu dieser Zeit keine aktive Band. Im Nachhinein habe ich erkannt, dass ich in meiner damaligen Beziehung und in vielen anderen Bereichen meines Lebens unglücklich war. Der Umzug ist nur eine Facette der Veränderung – eigentlich willst du raus aus deinem alten Leben, aus alten Routinen und Gewohnheiten.
Berlin tauchte immer wieder auf, in Gesprächen. Ich las immer wieder über die Stadt. Ich hatte gerade einen Job abgeschlossen, etwas Geld beiseite gelegt und mich dazu entschlossen, für sechs Monate in Berlin zu leben. Und dann bin ich einfach da geblieben.«

Berlin hat sowohl dein Songwriting als auch deine Lyrics beeinflusst.

»Auf jeden Fall. Ich sehe die Stadt aber allgemein als eine gute Metapher. Ich schreibe beispielsweise auch über Stockholm. Ich schreibe über die Stadt als Maschine, als großes kollektives Bewusstsein, in dem aber auch viele Mikrokosmen existieren. Berlin hat mich umgehauen. Ich war auf der Suche nach ein wenig Abenteuer und neuen musikalischen Einflüssen. Ich hatte die Nase voll von der schwedischen Heavy-Metal-Szene. In Berlin gibt es eine starke elektronische Szene, eine experimentelle Szene. Das hat mir geholfen, meinen eigenen Horizont zu erweitern.«

Bei einem Blick auf dein Label Teratology Vision & Sound oder das Video zu 'Show Them Your Teeth' gewinnt man den Eindruck, dass du mit einer kleinen Gruppe enger Freunde zusammenarbeitest.

»Das ist unerlässlich. Gottfrid (Åhman, Bass) und die anderen stammen aus Uppsala. Es existiert dort eine eng miteinander verbundene Gemeinschaft. Die gab es in Stockholm nicht. Stockholm fühlte sich immer etwas distanziert und nicht sehr ermutigend an. Ich hatte das Glück, in den letzten fünf Jahren meine Leute in Berlin zu finden. Und ja, du hast recht. Wir sind eine Gruppe von Künstlern, Autoren, Filmemachern, Indie-Labelbetreibern, Promotern, Bookern und Musikern. Was uns verbindet, ist die unerschrockene Art und Weise, mit der wir Musik begegnen, und der Gedanke, dass sich Musik nicht in ein Genre zwängen lässt. Ich gehe mit den gleichen Leuten auf Metal-Shows und in Clubs feiern. Ich finde es sehr inspirierend und befreiend, Gemeinsamkeiten und Berührungspunkte in unterschiedlichen Musikstilen zu finden. Etwas kann sehr aggressiv oder düster sein, ohne in ein bestimmtes Genre fallen zu müssen.«

Siehst du MAGGOT HEART nach wie vor als dein Soloprojekt? Schreibst du alle Songs selbst oder entwickelt ihr Stücke auch gemeinsam?

»Es ist immer Teamwork, ganz egal, was du machst. Selbst, wenn ich einen Song allein komponiere, bringen die Jungs im Studio etwas ein, zu dem ich allein nicht im Stande wäre. Entscheidungen treffe ich allerdings allein. Es war mir dieses Mal sehr wichtig, nicht allzu große Kompromisse zu machen. Das war allen von Anfang an klar. Aus meiner Sicht hat das bislang sehr gut funktioniert, ich hoffe, auch aus Sicht der anderen.
Ich schätze es, mit unterschiedlichen Leuten zu spielen. Auf dem nächsten Album stoßen vielleicht neue Leute dazu, andere sind hingegen nicht mehr Teil der Aufnahmen. Die Rolle von Session-Musikern war vor einigen Jahrzehnten viel stärker in der Musikindustrie. Ich schätze diese Idee der kreativen Kollaboration und hatte bislang wirklich Glück, mit solch tollen Leuten zusammenzuarbeiten.«

Mir würde es schwerfallen, deine Lyrics getrennt von deiner Musik zu betrachten. Die Worte sind sehr gut auf die Songs abgestimmt, ihr Klang untermalt die Stimmung der Tracks. Welche Rolle spielen Lyrics für dich?

»Ich schreibe schon sehr lang. Bevor ich in meine neue Rolle als Sängern geschlüpft bin, vor allem für mich selbst. Texte sind mir echt wichtig. Ich sehe das Schreiben als Prozess - etwas, dass ich entwickle, in dem ich besser werden möchte. Die besten Songs für mich schaffen genau das, was du eben beschrieben hast.«

Wer inspiriert dich beim Texte schreiben?

»Ich könnte jetzt eine Menge Leute aufzählen, die ich mag, aber ich bin mir nicht sicher, ob man ihre Handschrift in den Lyrics herauslesen kann. Vielleicht ja, vielleicht beeinflussen sie mich eher unterbewusst. Etwas, dass ich mir bei Sonic Ritual angeeignet habe, ist, die ein oder andere kleine Hommage an Bands einzuflechten. Mein Freund Henke (Henrik Palm - as) hat hier und da ein paar Wörter oder eine kurze Textzeile gestohlen und sie dann in einen anderen Kontext gesetzt. Das mache ich auch gern. Es ist eine schöne Art, Musikern Tribut zu zollen, mit denen du aufgewachsen bist, mit denen du dich verbunden fühlst und die du liebst. Bislang haben das allerdings erst wenige Leute bemerkt oder sie haben mich noch nicht darauf angesprochen.«

Der MAGGOT HEART-Track 'No Light In You' hat es unter die besten 50 Songs des Jahres 2017 beim landesweiten schwedischen Radiosender P3 geschafft.

»Die öffentlich-rechtlichen Medien in Schweden haben ein gutes Gespür für Underground-Musik. Ich denke, es ist wirklich cool, dass Underground-Metal im schwedischen Radio und Fernsehen stattfindet. Das ist etwas, das ich manchmal in Deutschland vermisse. Metal wurde in der Vergangenheit häufig als etwas betrachtet, das nicht so relevant oder hochwertig wie andere Genres ist. Ich glaube allerdings, dass die Berichterstattung über Metal in Schweden immer gut fundiert war und ernst genommen wurde. Vielleicht ist Metal hier auch so populär, dass Journalisten gar nicht umhin kommen, das Genre ernst zu nehmen.«

Du hast selbst viele Jahre als Musikjournalistin gearbeitet. Machst du den Job noch?

»Ich habe damit sehr früh begonnen, im Alter von 14 Jahren. Es war mein Job für viele Jahre und ich habe lange gedacht, dass das mein Fokus ist und Musikmachen nur eine Nebenbeschäftigung. Dann hat sich mein Schwerpunkt verlagert: Die Musik rückte ins Zentrum und ich habe immer weniger geschrieben. Ich habe das Interesse daran verloren, meine Meinung über Dinge aufzuschreiben. Ich hatte das Gefühl, dass es so viele Menschen mit Meinungen gibt, da brauchst du nicht noch meine obendrauf. Ich halte auch nicht wirklich mit der Zeit Schritt, ich habe keine Social-Media-Profile, ich höre viel ältere Musik. Das bedeutet nicht, dass ich keine neuen Bands mag – ganz im Gegenteil. Um relevant zu bleiben, musst du allerdings ständig auf dem Laufenden bleiben und das habe ich nicht getan. Darüber hinaus hat sich die Branche verändert. Ich habe für die überregionale Tageszeitung Dagens Nyheter geschrieben und der Kulturteil wurde immer dünner. Am Ende gab es nicht mehr viel Platz für die Musik, über die ich schreibe.
Ich betreibe ein Fanzine, in dem ich all meine Interviews unterbringe. Ich fühle mich noch immer wesentlich wohler in der Rolle des Interviewers als auf der anderen Seite des Aufnahmegeräts. Ich schätze gute Gespräche über Musik und das Leben und ich liebe es, großartige Interviews zu lesen. Auch wenn ich mit Musikjournalismus kein Geld mehr verdiene, bleibt es eine Leidenschaft. Ich schreibe aber nur noch über das, was ich mag. Als ich jünger war, dachte ich, dass es großen Spaß macht, Bands zu verreißen, alten Rockern, die sich zu ernst nehmen, ein schlechtes Review zu schreiben. Jetzt, wo ich kein Teenager mehr bin, finde ich es wesentlich spannender, über Dinge zu schreiben, die tatsächlich gut sind.«

Wann hast du begonnen, das Fanzine herauszugeben? Wie oft erscheint es?

»2015, schätze ich. Wie oft? Keine Ahnung, aller zwei Jahre vielleicht. Bislang existieren nur zwei Ausgaben.«

Arbeitest du bereits an der dritten Ausgabe?

»Ja, ich habe ein Motörhead-Special im Sinn. Ich habe Interviews mit allen drei Mitgliedern des Classic Line-ups geführt und Motörhead zählen zu meinen Lieblingsbands.«

Wie nimmst du den Rock- und Metal-Journalismus derzeit wahr?

»Ich lese nicht mehr all zu viel. Ich glaube, dass ich mich etwas aus der Szene zurückgezogen habe, etwas das Interesse verloren habe. Das hat allerdings vorrangig persönliche Gründe und ist keine Kritik an den Metal-Medien. Wie im Musikjournalismus allgemein, denke ich jedoch, dass wir mehr Mädels brauchen. Zudem stützen sich die Leute vor allem auf das, was bereits akzeptiert ist und haben nur selten den Mut, Risiken einzugehen. Aber ich glaube, das ist natürlich.«

Konzentrierst du dich momentan ausschließlich auf MAGGOT HEART oder gibt es noch andere musikalische Projekte?

»Nur MAGGOT HEART. Ich würde sehr gern eine andere Band haben, in der ich nur Gitarre spiele. Ich stelle es mir auch super vor, als Session-Musikerin bei einer Truppe mitzuwirken. Ich würde es genießen, als Live-Mitglied auf der Bühne zu stehen, ohne viel Verantwortung zu übernehmen.«

Bei MAGGOT HEART trägst du alle Verantwortung. Empfindest du das manchmal als Last?

»Ich werde mich garantiert nicht beschweren. Das ist, was ich wollte und die Verantwortung bewegt sich bislang in einem sehr kleinen Rahmen. Es ist gut so, wie es ist.«

 

Das MAGGOT HEART-Debüt „Dusk To Dusk“ erscheint am 13. Juli 2018 über Teratology Sound & Vision. Die Releaseparty findet am 3. August in der Melloch Bar in Berlin statt.

 

https://maggotheart.bandcamp.com/

 

Pic: Teratology Sound & Vision (https://teratologysoundvision.bigcartel.com/)

 
 

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