Online-MegazineInterview

ELUVEITIE

Führung durch die Anderswelt

ELUVEITIE

Die Besetzung ist neu, aber inhaltlich ist bei ELUVEITIE alles beim alten. Mit gewohnter Detailverliebtheit widmet sich die Band auf ihrer zweiten Akustikscheibe „Evocation II – Pantheon“ einer Auswahl keltischer Gottheiten. Mit Fronter Christian „Chrigel“ Glanzmann sprachen wir unter anderem über das Songwriting im neuen Gruppengefüge, der Konzeption der Platte und wie die gallischen Texte der Band entstehen.

Chrigel, inwiefern ist „Evocation II – Pantheon“ eine Fortsetzung von „Evocation I – The Arcane Dominion“?

»Zu 100 Prozent, würde ich sagen. Als ich 2008 das Konzept für den „Evocation“-Zyklus geschrieben habe, war das von Anfang an für zwei Alben gedacht. Für uns ist es in jeglicher Hinsicht die Fortsetzung von „Evocation I“, musikalisch wie auch konzeptionell und lyrisch.«

Im ersten Teil ging es ja allgemeiner um die keltische Mythologie, während es jetzt spezieller um den keltischen Pantheon geht. Mich hat die Platte atmosphärisch an „Pictures At An Exhibition“ von Emerson, Lake & Palmer erinnert, weil man das Gefühl hat, durch den Pantheon geführt zu werden. Ist das etwas, dass ihr erzeugen wolltet?

»Sehr cool, dass du das so empfindest! In gewisser Hinsicht war das die Idee. „Evocation I“ beinhaltete ja magische und mythologische Quellentexte, die bei Ausgrabungen gefunden wurden und 2000 Jahre alt sind. Bei dieser Platte war die Idee, zum Ursprung all dessen zurückzukehren, zumindest nach keltischem Verständnis, und das ist eben die Anderswelt – der Platz wo wir alle herkommen, wieder hingehen und an dem auch die Götter wohnen. Wir verstehen das Album als Reise durch die Anderswelt, wie du es schon gesagt hast.«

Jeder Song auf der Platte ist nach einer anderen Gottheit benannt. Folgt die Reihenfolge der Götter einer Logik?

»Nein. Ich wurde auch schon häufiger gefragt, warum es genau diese Gottheiten sind, denn im keltischen Pantheon gibt es ja weitaus mehr. Auch wenn das jetzt komisch klingt bei meiner eigenen Auswahl, aber ich wundere mich selbst darüber! Das war eine intuitive Entscheidung, sowohl die Auswahl der Götter als auch den Platz auf dem Album waren reines Bauchgefühl.«

Hinsichtlich des Songwritings hatten ja die ehemaligen Mitglieder Anna Murphy und Ivo Henzi großen Anteil auf den letzten Platten. Wie hat sich dieser Wechsel im Bandgefüge auf den Kompositionsprozess ausgewirkt?

»Unerwartet stark, würde ich sagen. In den letzten zehn Jahren war das eine sehr organische Entwicklung. Anfangs habe ich jeden Ton alleine geschrieben, was aber nach und nach zu einer Zusammenarbeit, gerade mit Ivo und Anna, geworden ist. Das hat sich mit dem neuen Line-up sehr stark verändert. Ich glaube, dass wir wirklich noch nie so stark als Gruppe von Musikern zusammengearbeitet haben wie beim Erarbeiten dieses Albums, was aber keine bewusste Entscheidung war, sondern eine Entwicklung. Ich muss dazu noch sagen, dass die Art, wie wir zu unserem neuen Line-up gekommen sind, jenseits von dem war, was wir uns vorgestellt haben. Wir empfinden das als sehr positiv, was sich auch stark auf die Atmosphäre in der Band ausgewirkt. Das zwischenmenschliche Gefüge, das wir als Band sind, hat sich in den letzten zwölf Monaten sehr schön entwickelt. Nicht zuletzt als Konsequenz daraus ist das Songwriting anders ausgefallen als vorher. Die Zeit im Studio war sehr fokussiert und kreativ, und die ganze Band war quasi immer dort, auch wenn gerade nichts aufzunehmen war, einfach um dabei zu sein oder für die anderen zu kochen (lacht). Es war eine sehr familiäre Atmosphäre dort, was dazu geführt hat, dass von morgens bis abends in jeder Ecke des Studios irgendwelche Bandmitglieder zusammengesessen und dort gejammt oder über Details gebrütet haben. Deshalb haben wir uns auf diesem Album auch viel Platz für Spontanität gelassen, was dazu geführt hat, dass drei Songs auf dem Album ungeplant im Studio entstanden sind. Das ist ein Novum für ELUVEITIE und ich glaube, diese organische Arbeitsweise hört man dem Album auch an.«

Dem kann ich nur zustimmen! Das heißt aber, ihr seid bei früheren Albumproduktionen schon viel geplanter ins Studio gegangen?

»Auf jeden Fall!«



Die Texte habt ihr komplett auf Gallisch verfasst. Steht dahinter auch die Idee, wieder komplett „Back to the roots“ zu gehen?

»Jein. Die „Back to the roots“-Idee war im letzten Jahr auf jeden Fall ein Thema für uns. Die Zeit nach dem Line-up-Wechsel war für uns alle schwierig, aber sowas bedeutet auch immer eine Zeit der Chancen und der Neuorientierung. Ich finde nicht, dass wir uns musikalisch wahnsinnig weit von unseren Wurzeln entfernt haben, aber ein Stück weit sind wir schon auf dem Weg zurück, alleine auch schon aus dem Grund, weil wir jetzt wieder wie zu Beginn neun Bandmitglieder sind und nicht nur acht. Das Gallische hat allerdings mehr mit dem „Evocation“-Zyklus an sich zu tun. Von Anfang an war klar, dass die Alben sowohl komplett akustisch als auch in gallischer Sprache verfasst sein sollten, nicht zuletzt auch wegen der Thematik. Die Grundidee ist schon, ein echtes Stück keltischer Geschichte zu nehmen und sie in Musik zu verpacken.«

Wie läuft das Texten dabei eigentlich ab? Sind das auf der neuen Platte wieder alles Quellentexte oder bist du mittlerweile so fit im Gallischen, dass du Fachleute quasi nur noch gegenlesen lassen musst?

»Weder noch! (lacht) Bei „Evocation I“ waren es wie gesagt ausnahmslos Quellentexte, bei „Evocation II“ sind es hingegen eigene Lyrics, die allerdings sehr wissenschaftlich erarbeitet sind, wie eigentlich alles, was wir machen. Ich meine, jedes ELUVEITIE-Album ist ein kleines wissenschaftliches Projekt und das läuft mittlerweile fast schon routiniert ab (lacht). Fundiertheit war uns schon immer sehr wichtig, denn wir denken, dass du es der Geschichte und den Menschen, die sie geschrieben haben, schuldig bist, dass du dich adäquat mit ihr auseinandersetzt. Das ist für mich eine Frage des Respekts. Von Beginn an haben wir ja mit verschiedenen Wissenschaftlern zusammengearbeitet, und da hat sich über die Jahre ein Netzwerk gebildet, in dem der eine Wissenschaftler vielleicht noch einen anderen kennt, der wiederum auf eine andere Frage spezialisiert ist. Bei diesem Album bin ich inhaltlich selber recht fit, aber wenn es um das Sprachliche geht, bin ich von den Fachleuten abhängig. Gerade bei speziellen Wörtern wie „Rosenblatt“ im Text von 'Epona', dass so nicht überliefert ist, muss jemand her, der in der Sprache fit genug ist, um das rekonstruieren zu können.«

Das heißt, du schreibst die Texte auf Deutsch, und dann werden sie übersetzt?

»Genau. Normalerweise gebe ich einem Wissenschaftler eine deutsche und eine englische Version und dann erarbeiten wir den Text gemeinsam. Die meisten Übersetzungen sind relativ einfach, weil die überliefert sind, aber es gibt immer wieder einzelne Begriffe oder Redewendungen, die man sich gemeinsam anschauen muss. Da stellt sich dann nicht nur die Frage, wie man das linguistisch richtig übersetzt, sondern auch, wie man das damals wohl gesagt haben könnte oder welche Metapher man in der keltischen Welt verwendet hätte.«

Wird es im fertigen Booklet dann auch Übersetzungen der Texte geben?

»Die wird es geben, ja. Zum Konzept gehört auch, dass die Texte wie mythologische Inschriften abgedruckt sein werden. Die Kelten benutzten verschiedene Alphabete, je nachdem wo sie lebten, aber die meisten nutzen schon das lateinische Alphabet. Zum einen gibt es da die Kapitale, welche für administrative und rechtliche Texte benutzt wurden. Die meisten mythologischen Texte, die man gefunden hat, wurden aber in der römischen Kursiva verfasst, die wir auch nutzen. Unser Dudelsackspieler (Matteo Sisti, - mab) hat sich da eingearbeitet und die Texte für das Booklet von Hand geschrieben. Daher ist es für die meisten Leute nicht nur schwer, die Sprache zu verstehen, sondern auch, sie zu entziffern. Insofern ist im Booklet sowohl eine Transkription der Texte als auch eine englische Übersetzung enthalten.«

Seht ihr euch da auch in einer pädagogischen Aufgabe - wollt ihr den Leuten die keltische Mythologie ein bisschen näher bringen?

»Nee, gar nicht. Uns persönlich bedeutet die keltische Kultur sehr viel und sie fasziniert mich auch sehr. Wenn ich die Texte schreibe, dann tue ich das für mich, weil sie mir eben viel bedeuten. Ich bin kein großer Fan davon, irgendetwas zu verbreiten. Wenn jemand zu einem Metal-Konzert geht, dann tut er das, um seinen Kopf zu schütteln und eine gute Zeit zu haben und nicht, um sich weiterzubilden. Deshalb sehen wir uns nicht in einer Rolle, in der wir etwas verbreiten wollen. Wenn sich aber jemand mit unseren Lyrics auseinandersetzten möchte, ist er dazu natürlich herzlich eingeladen und kann vielleicht das ein oder andere lernen. Zu einzelnen Alben haben wir ja auch Erläuterungsschriften mit wissenschaftlichen Background-Infos herausgegeben und natürlich freut es uns, wenn jemand unsere Leidenschaft und Faszination teilt, aber das ist nicht das Ziel des Ganzen.«

Dann werfen wir zum Abschluss noch einen Blick in die Zukunft: Ihr geht im Herbst auf die „Maximum Evocation“-Tour. Wie groß wird da der Anteil der akustischen Songs sein?

»Wir haben dahingehend lange hin und her überlegt und uns letztendlich dazu entschieden, eine In-die-Fresse-Metal-Tour zu fahren, um ehrlich zu sein auch, weil wir darauf mehr Bock haben. Das heißt aber natürlich nicht, dass wir keine Tracks von der neuen Platte spielen werden. Ich finde, dass sich die akustischen Songs sehr gut in ein härteres Metal-Set einfügen und das werden wir auch tun.«

 

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