Online-MegazineInterview

DYSE

Do The Revolution

DŸSE

DŸSE. Das ist, wo France Gall auf Napalm Death trifft. Das 2003 gegründete Duo frönt einem lauten, mitreißenden und erfrischend unvorhersehbaren Sound, der nicht so richtig in eine musikalische Schublade passen will. Daher haben Andrej Dietrich (Gitarre und Gesang) und Jarii van Gohl (Schlagzeug und Gesang) mit New Wave of German Noise Rock kurzerhand ihr eigenes Genre geschaffen. Darin ist viel Platz für Kooperationen – mit Beatboxern und Blechbläsern oder im Music-Open-Source Projekt 'Du musst DŸSE werden', in dem die Band einen unvollendeten Track bereitgestellt und Leute weltweit eingeladen hat, diesen fertig zu schreiben. Seit August 2016 steht DŸSE mit dem Stück „89/90“ auf der Theaterbühne des Dresdner Staatsschauspiels – die Grenzen zwischen der Rolle als Musiker und Schauspieler sind dabei fließend. Wir haben Jarii und Andrej am 19. Dezember 2016 getroffen, um mit ihnen vor der Aufführung über Theater, Punkrock, politische, musikalische und persönliche Wendepunkte und natürlich über Revolution zu sprechen.


Mit Veröffentlichungen wie dem aktuellen Album „Das Nation“ gelingt es DŸSE, chaotische und subtile Momente, Humor und nicht zuletzt treibende, eingängige Stücke, die Songtiteln à la 'Nackenöffner' alle Ehre machen, auf Tonträger zu bannen. Und doch sind es für viele Fans die intensiven Konzerte, die DŸSE ausmachen – egal, ob im schweißgetränkten Jugendzentrum oder im Vorprogrammen von Die Ärzte. Nicht zuletzt haben die energiegeladenen Live-Shows auch Dramaturgin Anne Rietschel erreicht. Gemeinsam mit Regisseurin Christina Rast hat sie die Band eingeladen, das Theaterstück „89/90“ mitzugestalten.

„89/90“ bringt den gleichnamigen, autobiografischen Roman von Peter Richter auf die Bühne. Das Stück erzählt die Geschichte eines 16-Jährigen, der in Dresden in den Jahren 1989 und 1990 den Umbruch einer Stadt und den Zusammenbruch einer politischen Idee erlebt. Es rückt die Suche nach Identität in den Mittelpunkt – in jedem Einzelnen von uns und auf der großen, politischen Bühne. Punkrock als Musik und Lebensgefühl zieht sich dabei als roter Faden durch Buch und Theaterstück.

Das Gefühl einer Zeit transportieren

Von der Idee, DŸSE auf die Theaterbühne zu bringen, musste Schlagzeuger Jarii van Gohl nicht lange überzeugt werden: »Und dann habe ich erstmal gehört: ‚Wie jetzt? Theaterstück in Dresden und dazu Musik machen? Ey fett, das ist doch mal was Neues! Und dann haben wir uns getroffen und geschnackt.« Dabei war es für Regisseurin Christina Rast von Anfang an wichtig, dass DŸSE nicht ausschließlich Songs beisteuern, sondern mitentwickeln. »Das hat auch so Spaß gemacht, weil man als Musiker schon stellenweise auch das letzte Rad am Wagen ist. Und wir sind halt rein, wir sind da – BAM! – entweder mit DŸSE oder nicht, und wenn es mit DŸSE geht, dann bringen wir auch Sachen ein. Wir sind in dieser Zeit super mit dem Ensemble zusammengewachsen.«

Die Songs zu „89/90“ stammen vor allem aus der Feder von Jarii van Gohl, weil »ich eher der Punkrocker in der Band bin« und Andrej stärker dem Metal zugetan ist. Auch wenn ein großer Teil der Tracks vorab komponiert wurde, spielt Improvisation für Andrej und Jarii eine große Rolle bei der Entwicklung des Stücks: »Du versuchst immer eine Emotion zu transportieren, in der sich das Stück gerade bewegt. Da das Stück sehr lebhaft ist, also viele Emotionen drinstecken, mussten wir natürlich flexibel sein und Sachen auch ständig anpassen und ändern. Umgekehrt sollte es natürlich genauso funktionieren, dass sich die Schauspieler auch der Musik ein bisschen anpassen«, erläutert Andrej. Dadurch unterscheidet sich das Theaterprojekt deutlich von den Arbeiten an einem eigenen Album.
Punkrock als Sound und Lebensgefühl ist ein zentrales Element des Stückes „89/90“. Da stellt sich die Frage, inwieweit Jarii und Andrej versucht haben, musikalisch das Gefühl einer Zeit zu transportieren und wie viel DŸSE in den Songs steckt. Für Andrej enthalten die Tracks »auf jeden Fall Persönlichkeit aus unserer Jugendzeit«. Sowohl Andrej als auch Jarii haben die Wende als Jugendliche erlebt. Während die Schauspieler im Stück also Szenen spielen und nachempfinden, »können wir so sein, wie wir waren. Wir gehen nochmal zurück.« Jarii pflichtet bei: »Ja, wir transportieren den Geist dieser Zeit, den schleppe ich mit, weil ich in der Zeit unterwegs war. Ich bin als Punker aufgewachsen.«

Aber was steckt eigentlich hinter den Worten „den Geist einer Zeit transportieren“? Heißt das, »man sucht jetzt einen alten Vemona-Verstärker aus irgendeinem alten Punker-Proberaum, der Andrej muss mit einer alten Gitarre spielen und ich spiele auch auf so einer Rumpelbude?« Nein, diese Idee hat Jarii relativ schnell verworfen, »weil mir das einfach zu klischeehaft war. So sind wir ja auch nicht mit DŸSE. Wir scheißen ja auf Klischees. Die ganze Atmosphäre und was man so assoziiert mit der Musik, ist natürlich Punkrock, weil viel Punkrock auf der Bühne passiert und wir alle vielleicht noch ein bisschen aussehen wie Punkrock, aber unterm Strich würde ich behaupten, ist gar nicht so viel Punkrock drin.« Die Songs fangen damit ein bestimmtes Gefühl ein, »sind aber trotzdem relativ aktuell komponiert, wie stellenweise jetzt auch, wenn ich etwas mit dem Andrej, mit DŸSE etwas machen würde.«

»Wir haben auch Napalm Death, Nirvana, 2 Unlimited und Madonna gebraucht, um zu dem zu werden, was wir jetzt sind.«

Für Jarii war die Wende »wirklich eine Befreiung. Nicht in dem Sinne „Hurra, ich bin jetzt aus der DDR raus“, denn das habe ich wirklich nicht so wahrgenommen, aber einfach durch die neuen Sachen, die entstanden sind. Punkrock kam in mein kleines Städtlein [Neustadt an der Orla]. Feeling B, also auch DDR-Bands, und Schleimkeim zum Beispiel, waren meine Helden. Dann kamen Daily Terror und diese ganzen West-Punkbands, die man natürlich abgefeiert hat. Wie aber treffend im Stück und im Buch gesagt wird: Na ja, so richtig geiler waren die eigentlich nicht, aber es war halt erstmal Westen, man hat halt erstmal konsumiert.« Gitarrist und Sänger Andrej erinnert sich noch gut an einen schwarzen Bus mit der Aufschrift „Zeitklang“ in seiner Heimatstadt Chemnitz: »Da konntest du dir CDs ausleihen, für eine Mark am Tag. Wir sind da ständig rein und haben uns jeden Tag wahrscheinlich fünf, sechs CDs von allen möglichen Metal-Sachen, Michael Jackson war dabei, Madonna. Es war wirklich alles dabei und wir haben das aufgesogen, alles auf Tape überspielt, Walkman immer schön laut in der Bahn und immer gegenhalten.«

Und eine Band wie DŸSE? Hätte es die in den Jahren 89/90 schon geben können? Für Jarii ein klares Ja und Nein: »Man hätte natürlich so eine Band wie DŸSE machen können. Aber es hat ja, als wir vor zwölf Jahren angefangen haben, schon keiner kapiert, was wir eigentlich machen. Ich glaube, das hätte 89/90 gar keiner verstanden… einfach zwei Kranke aus dem Osten, wo keiner weiß, was das eigentlich sein soll.« Darüber hinaus hat es musikalische Einflüsse wie Napalm Death und Nirvana, aber auch 2 Unlimited und Madonna, den Humor der Ärzte zum Beispiel und viel Erfahrung gebraucht, um DŸSE zu entwickeln: »Wir sind ja diese Schweine, die sich aus diesen ganzen Genres das Beste heraussuchen und das vermanschen wir in unserer Band. Mal klingt es dann wie Grandmaster Flash, von Hip Hop-Kram beeinflusst, und mal ist da ein Grindcore-Part, weil wir auch Napalm Death mögen, und manchmal ist auch ein bisschen France Gall, so Schlagerzeug, Leichtigkeit drin, und viel Helge Schneider.« Eine Mischung, die »eigentlich nirgendwo reinpasst« und doch typisch für diese Band ist. Für Jarii »ist das schöner als eine Mainstream-Band zu sein und immer dasselbe mache zu müssen, weil es das Genre verlangt und die Fans das verlangen.« Andrej ergänzt: »Wir haben immer das verfolgt, was wir wollen, wie wir die Musik gerade empfinden und haben uns da nicht leiten lassen.«

Lieder sind Brüder der Revolution

Das Stück „89/90“ hat für DŸSE nicht nur einen persönlichen Bezug zu ihrer Jugendzeit. Auch mit dem Thema Revolution fühlt sich das Duo eng verbunden. »Tatsächlich, die Revolution an sich, dieses Gefühl, das prägt mich total. Neue Ideen, also gute Ideen, den Kopf aufmachen, neue Dinge sehen und nicht immer Angst vor allem Neuen haben.« Für Jarii »hat halt nichts mehr Energie als eine Revolution. Gerade eine Revolution, so friedlich, wie das damals [89/90] gelaufen ist und was sich alles verändert hat, gerade für uns im Land. Das ist schon echt abgefahren. Das hat natürlich alles seine positiven und negativen Seiten, aber der Gedanke, der dadurch entstanden ist, dieses Stück Anarchie, was man gelebt hat. Das ist ein Gefühl, das du nirgendwo herstellen kannst.«

Auch textlich spielen Umsturz und Neuanfang eine zentrale Rolle für DŸSE. 2009 veröffentlicht die Band mit „Lieder sind Brüder der Revolution“ ihr zweites Album – mit dem Wunsch, etwas in den Köpfen der Menschen zu bewegen und neue Ideen anzustoßen. Das Folgewerk „Das Nation“ geht einen Schritt weiter und konkretisiert diese Ideen. In Jariis Worten: »Erstmal Grammatik. Scheiß drauf, es geht nicht um Grammatik. Das Nation. Es geht darum, dass wir mit DŸSE mit allen Fans eine coole Einheit bilden und mal drauf scheißen, ob die Leute links, rechts, oben unten, schwarz, weiß, egal, sind. Es geht darum, für eine Sache etwas Gutes zu machen.«

Aber Revolution ist nicht nur für die Band DŸSE, die Regisseurin Christina Rast oder der Buchautor Peter Richter ein Thema. »Insgeheim«, so Andrej, »lechzen doch alle nach Veränderung. Der eine will es ganz leicht und soft haben und ja nicht zu heftig, die anderen wollen es ganz heftig haben. Aber eine Veränderung ist ja immer etwas Interessantes, was alles bunter macht und lebenswerter.« Jarii knüpft an diesen inneren Drang nach Veränderung auch an den Wunsch nach mehr musikalischer Vielfalt: »Dieses ganze – entschuldige bitte – aber weichgespülte, uniforme, homogene Musikgeballer, was zurzeit rauskommt, das ist echt krass. Deswegen hoffe ich, dass da auch musikalisch wieder eine Revolution rausgeht und das es auch mal wieder Wut gibt auf etwas, aber in die richtige Richtung kanalisiert und es nicht irgendwie auf dem Dresdner Theaterplatz heißt „Scheißpolitiker, Lügenpresse und die Asylanten müssen wir eh alle aufhängen“.«

Damit spielt Jarii auf die Pegida-Bewegung an, die das mediale Bild Dresdens in den letzten Jahren stark geprägt hat. Zu Unrecht, denn auch wenn Andrej sich etwas mehr Offenheit in Sachsen wünscht, sind sich die beiden DŸSE-Jungs einig, dass kulturell viel passiert. Jarii lebt seit mittlerweile sieben, acht Jahren in Dresden und findet, »dass Dresden eine unglaublich coole Stadt ist. Die Stadt hat unheimlich viele kreative Leute und eine unheimlich schöne Szene.« Fester Bestandteil dieser Szene ist seit 2012 Soundselektor. Als kreativer Kopf der Initiative macht Jarii nicht nur Architektur tanzbar, sondern entwickelt auch Klänge und Musik für Filme und Ausstellungen oder entwickelt auditive Logos für Unternehmen.

Wer neugierig auf „89/90“ geworden ist, kann sich das Stück noch bis Juni 2017 im Kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden anschauen. DŸSE live und ganz ohne Theater, gibt es das nächste Mal am 25. Februar 2017 im East Club Bischofswerda.

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http://www.staatsschauspiel-dresden.de/service/schnullertag/89_90/beschreibung/
http://soundselektor.de/