Online-MegazineInterview

OVERTHRUST

Death Metal zwischen internationaler Anerkennung und lokalem Engagement

OVERTHRUST

Metal in Botswana? Das ist für viele Leute noch immer untrennbar mit den Bildern der Fotostrecke „Renegades“ von Frank Marshall verbunden. Viel spannender als sich Schnappschüsse von nietenbestückten Cowboys in Lederkluft anzusehen, ist es allerdings, sich mit der tatsächlichen Musik auseinanderzusetzen. OVERTHRUST haben sich in den letzten Jahren zu interessanten Vertretern einer kleinen, leidenschaftlichen Metal-Szene in ihrem Heimatland Botswana entwickelt. Sie spielen herrlich knarzigen Old-School-Death-Metal im Stile von Massacre sowie frühen Cannibal Corpse und Morbid Angel, ohne dabei blind dem Florida-Sound nachzulaufen. Auf ihrer zweiten Europatour im September und Oktober 2017 haben wir mit den Gründungsmitgliedern Vulture Thrust (Gesang, Bass), Spencer Thrust (Leadgitarre) und Suicide Torment (Drums) gesprochen.

„Freedom In The Dark“

Während Vulture Thrust und Suicide Torment früh durch die Plattensammlungen ihrer Onkel mit Death Metal infiziert werden, beginnt Spencer Thrust seine musikalische Laufbahn im Metalcore-Sektor. Von der Gründung einer Death Metal-Band muss er 2008 allerdings nicht lange überzeugt werden, so lange er dabei seiner Liebe für schnelles, brachiales Gitarrenspiel frönen kann. Die ersten Jahre der Band verlaufen schleppend: „Wir hatten all unser Geld in den Kauf von Musikinstrumenten gesteckt und mussten uns dann erst einmal eine ganze Zeit durchschlagen. Wir spielten jede noch so kleine Show, auch wenn wir dafür kein Geld bekommen haben”.

Mit der Online-Veröffentlichung ihrer ersten Single 'Freedom in the Dark' erhalten OVERTHRUST im April 2011 die Gelegenheit, ihre Musik über die Grenzen Botswanas hinaus zu präsentieren. “Die Leute fingen  an, auf uns aufmerksam zu werden, Interesse zu zeigen“, berichtet Vulture Thrust. „Wir begannen, auch in Südafrika Shows zu spielen.“ Seit Juni 2011 erhält die Band dabei von Rhythmus-Gitarrist Godfather Unterstützung. Auch wenn Südafrika für OVERTHRUST ein wichtiges internationales Sprungbrett ist, dauert es weitere vier Jahre, bis die Band mit „Desecrated Deeds To Decease“ ihr Debütalbum vorlegen kann. An Elan und Songideen mangelt es nicht – die Suche nach einem geeigneten Studio und die Kosten für die Aufnahmen stellt die Band allerdings vor erhebliche Hürden.

„Am Ende des Tages sind wir alle Metalheads“

„Dank Plattformen wie Youtube hat uns die Scheibe 2016 das erste Mal nach Europa geführt und dann gleich auf das größte Metal-Festival der Welt – Wacken“, berichtet Sänger und Bassist Vulture Thrust stolz. Er freut sich dabei besonders über die Chance, seine Lieblingsband Vader einmal live erleben zu können. Ein Jahr später ziehen OVERTHRUST wieder durch Europa und spielen dabei vor allem in Deutschland Shows. Gibt es dabei spürbare Unterschiede zu den Gigs in ihrer Heimat? „Heute wird Musik in so viele Schubladen und Subgenres gesteckt, aber am Ende des Tages sind wir alle Metalheads. Metalheads kommen an jedem Ort der Welt zusammen, feiern gemeinsam, stehen füreinander ein. Mir fallen da keine großen Unterschiede auf“. Nach einer kurzen Pause fügt Vulture Thrust dann aber doch hinzu: „In europäischen Clubs habt ihr deutlich bessere Anlagen und deutlich bessere Tontechnik. Das ist in Afrika ein echtes Problem. Wir können uns keine gute Anlage leisten.“ Ein leidiges Thema, das die Band seit ihren Anfangstagen begleitet: Den Jungs fehlt brauchbares Equipment, um den Sound von OVERTHRUST live zum Leben zu erwecken und die Besucher des jährlichen ‚Overthrust Winter Metal Mania Festival‘ in anständiger Lautstärke und Qualität zu beschallen.


Metal als Engagement für die Gemeinschaft

Overthrust Winter Metal Mania? Ja, die Band veranstaltet bereits seit 2010 ihr eigenes Festival in Ghanzi im Nordwesten Botswanas. Für Spencer Thrust ist es „ein Weg, unserer Gemeinde zu zeigen, dass wir sie durch unsere Musik unterstützen. Mit dem Festival sammeln wir beispielsweise Geld für Nahrung und Kleidung und leisten so einen Beitrag, Armut zu bekämpfen.“ Auch Vulture Thrust betont den Community-Aspekt des Festivals: „Wir wollen unsere eigene Stiftung ins Leben rufen, die Overthrust Charity Foundation, um Straßenkindern zu helfen, um eine Grundschule zu eröffnen. Die Musik soll nicht nur uns dienen. Teilen ist uns wichtig.“ Um das Festival weiter etablieren zu können, unter anderem durch internationale Bands und eine gute Anlage, benötigt die Band Sponsoren. Bislang stoßen OVERTHRUST allerdings auf taube Ohren. „In einigen Ländern Afrikas ist es nach wie vor so, dass die Leute bei Metal an das Böse denken, an seltsame Dinge und verrückte Menschen. Diese Mentalität hält sie davon ab, uns zu unterstützen“.
OVERTHRUST-Sänger Vulture Thrust greift diese Ängste bewusst in seinen Texten auf: „Unsere Songs handeln von kriminellen Machenschaften und dreckigen Geschäften. Es geht beispielsweise um Leute, die sich als Pfarrer ausgeben - Schwindler, die den Gemeinden hier großen Schaden zufügen. Wir schreiben ebenso über den Tod, ein Thema, vor dem viele Menschen Angst haben, das uns aber alle betrifft. Wir sprechen Themen an, die die Gesellschaft tabuisiert - die dunkle Seite des Lebens“. Sozialkritik allein steht jedoch nicht im Fokus der Texte: „Wir verstehen uns als Old-School-Death-Metal-Band. Das sollte sich auch in unseren Texten widerspiegeln. Unsere Texte sind Teil einer aggressiven Undergroundkultur, einer Kunstform, und sie tragen dazu bei, eine bestimmte Atmosphäre zu schaffen. Wenn wir über das Töten singen, spiegelt das nicht unser tatsächliches Leben und Handeln wider, sondern ist Entertainment.“

Die Verbindung zwischen Death Metal und traditioneller afrikanischer Kultur

Trotz bestehenden Ängsten und Vorbehalten, ist Vulture Thrust fest davon überzeugt, dass Death Metal schon jeher im Blut der Menschen in Botswana liegt: „Ich habe erst vor einigen Jahren bemerkt, dass es in unserer Musik viele Parallelen zu traditionellen afrikanischen Klängen gibt. Bei Iperu, einem traditionellen Musikstil aus Botswana, trommeln die Leute mit den Händen. Der Sound, den sie dabei erzeugen, ist dem Double-Bass-Drumming im Death Metal gar nicht mal so unähnlich. Die Bewegungen der Schlagzeuger erinnern zudem an Headbanging. Afrikanische Menschen glauben an Gespenster, Death-Metal-Bands beschäftigen sich in ihren Texten mit Magie und Geistern. In diesem Sinne geht Old-School-Death-Metal sehr gut mit unseren Traditionen und unserer Kultur zusammen.“

Den Spuren von Sepulturas „Roots“ wollen sie vorerst nicht folgen: „Bei OVERTHRUST selbst wollen wir keine traditionellen Einflüsse verarbeiten“, berichtet Spencer Thrust. Gemeinsam mit seinem Bandkollegen Suicide Torment hat er allerdings das Nebenprojekt Rokara ins Leben gerufen: „Wir singen in unserer Muttersprache Setswana, wir arbeiten mit Rhythmen aus unserer Heimat und gegebenenfalls werden wir auch traditionelle Instrumente einsetzen“.

Was bleibt? Was kommt?

Die Bilderserie „Renegades“ und der Wacken-Auftritt 2016 bescheren OVERTHRUST nicht nur eine Reihe neuer Fans, sondern auch ein starkes Medieninteresse, das vom internationalen Nachrichtenflaggschiffen wie CNN oder BBC bis zum deutschen Feuilleton reicht. Vulture Thrust pflichtet bei: „Mittlerweile zählen wir zu den bekanntesten Metal-Bands unseres Kontinents und verstehen uns auch als Botschafter Afrikas beziehungsweise der afrikanischen Metal-Szene“. So sei die aktuelle Tour mit Congreed nicht zuletzt Teil eines kulturellen Austauschs. Aber was bleibt nach dem Medienrummel? Hat die Band durch die gestiegene Bekanntheit ein Label finden können? „Noch nicht“, gibt Vulture Thrust zu Protokoll. „Wir haben bislang selbst für unsere Aufnahmen bezahlt. Wir sind auf der Suche nach einem Label, das uns einen fairen Deal anbietet, gern auch in Europa. Fans haben wir hier auf jeden Fall. Selbst in den USA gibt es eine Menge Leute, die unsere Band verfolgen“. Konkrete Pläne für eine US-Tour im kommenden Jahr gibt es bereits.

Overthrust: https://www.facebook.com/Overthrust-Deathmetal-band-111341558893743/
Rokara: https://www.facebook.com/bwrokara/

Mehr zum Thema:

http://metal4africa.comhttp://metal4africa.com

Mehr zum Thema bei Rock Hard:

https://www.rockhard.de/megazine/heftarchiv/rh-360/special-metal-in-afrika/entwicklungshelfer-in-metallischer-mission.html

https://www.rockhard.de/megazine/heftarchiv/online-megazine/special/der-vergessene-kontinent.html