Online-MegazineInterview

EWIG.ENDLICH.

Bekenntnisse und klare Positionen

EWIG.ENDLICH.

EWIG. ENDLICH. wurden vor rund drei Jahren in Dortmund gegründet und gehören einer jungen Generation von Musikern an, die ihre Einflüsse aus unterschiedlichen Genres diesseits und jenseits harter Musik gefunden haben und textlich sozialkritisches Bewusstsein zeigen. Studenten-Metal meets frühen Punk- und Thrash-Idealismus? Wir sprachen mit Sänger Simon und Gitarrist Maik über ihr Debüt-Album „Auf Grund“.





Moin Simon und Maik. Wie beschreibt ihr „Auf Grund“ in wenigen Sätzen Menschen, die euch noch nicht kennen?

Maik: »Es gibt kein Kern-Genre, sondern sehr viele verschiedene Einschläge. Wer mit Post Metal, modernem Black Metal, Sludge und ein bisschen Hardcore etwas anfangen kann, wird hier bestimmt einiges entdecken können.«


Welche Ideen haben dazu geführt, den Titel „Auf Grund“ zu wählen? Auf dem Cover ist eine Waldlandschaft und ein Teich zu sehen. In diesem ist ein Ruderboot gestrandet, bzw. sichtlich auf Grund gelaufen. Metaphorisch kann man den Ausdruck mit Stagnation assoziieren, oder auch als „auf den Grund gehen“ wo an einen aktiven, bewegten Geist zu denken wäre.





Simon: »Mit dem Titel kam Maik irgendwann um die Ecke und das gefiel uns allen ganz gut. Diese Vieldeutigkeit, die du gerade genannt hast, mögen wir auch sehr. Und es passt auch ganz gut zur Musik: Es klingt nach Zerschellen, kaputt Gehen und Kollaps. Aber halt eben mit der anderen Seite: Dorthin zu gehen, wo es weh tut, damit es weitergehen und Positives entstehen kann.«





Thematisch greifen die Texte sowohl persönlich-emotionale, aber auch aktuelle, kontrovers diskutierte Inhalte auf. 'In anderen Spiegeln' kritisiert offensichtlich festgefahrene Schönheitsideale und Körperwahn, die durch Formate wie „Germany's Next Topmodel“ die junge Generation beeinflussen, 'Limes' greift mittels maritimer Metaphern auf, welche Schicksale sich in Zeiten der Flüchtlingskrise im Mittelmeer abspielen. Sind wir im alltäglichen Leben – insbesondere auch in der Rolle als Fans und Musiker – zu ängstlich, Position zu beziehen?





Beide: »Ja.

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Maik: »Gerade in den sozialen Netzwerken geraten klare Positionen ja immer schnell ins Fadenkreuz, eigentlich von allen Seiten aus. Wer keine Haltung hat, hat auch weniger Angriffsfläche. Ich glaube, dementsprechend wollen gerade Bands einfach nicht gerne anecken. Viele freuen sich wahrscheinlich einfach, wenn ihre Musik überhaupt Menschen erreicht und sie diesen gefällt – und wollen sich dann nichts mit Meinungen und Positionen versauen. Wir spielen auch immer wieder auf Hardcore-Veranstaltungen, wo die Diskussionsfreude etwas ausgeprägter ist.«

Simon: »Ja, es gibt natürlich auch im Metal solche Bands. Gerade wenn es darum geht, den Black Metal aus einer politisch ja doch manchmal immer noch eher zwielichtigen Ecke zu ziehen – Ancst zum Beispiel sind da ja so ein Vorreiter. Da passiert schon auch gerade viel und das finden wir gut. Aber üblich ist das noch nicht. Ist ja auch irgendwie kein Wunder: Das gesellschaftliche Klima geht auch an Subkulturen nicht einfach vorbei. Und da gibt es auf der einen Seite allgegenwärtige Aggressivität, auf der anderen Seite immer mehr inflationäres Beleidigtsein, das Dialoge verhindert. So erstickt letztlich die Chance auf eine konstruktive Debatte und die Annäherung über Argumente im Keim.
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Ihr begeht einen Spagat zwischen der Wut früher Punkbands auf der einen, sowie nicht versiegendem Willen, positiv nach vorn zu schauen auf der anderen Seite. Wer einen Song mit Blastbeats und Tremolo-Melodien beginnt, in den Text mit „Ich glaube an den Frieden, ich glaube an eine bessere Welt. Dies kann nur erreichen, wer nicht in Apathie verfällt“ einsteigt, und sich äußerlich ‚indie-esk‘ präsentiert, eckt zwangsläufig irgendwann an. Wie ist euer Umgang damit?





Maik: »Ja, wie gesagt. Das passiert zwangsläufig und es war auch klar, dass so Gutmenschen-Black-Metal wie in dem besagten Lied, nicht jedermanns Ding ist. Und eine gewisse Oberflächlichkeit oder Voreingenommenheit spielt ja auch eine Rolle.«




Simon: »Jau! In einem Review eines amerikanischen Blogs zum Beispiel haben die Besucher eigentlich nur über unser Bandfoto gesprochen.«



Maik: »Wir würden alle aussehen wie aus Twilight.

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Simon: »Um die Musik ging es da gar nicht. Aber das muss man abkönnen. Auch in Nischenmusik gibt es halt gewissen Codes, auf die viele allergisch reagieren, wenn man sie missachtet.«



Besagtes Stück trägt den religiös konnotierten Titel 'Bekenntnis'. Neben dem einrahmenden Black-Metal-Part, durchläuft der Song tiefe, verschleppte Riffs und einen Ruhepol, der mit cleanen Gitarren und einem sehr präsenten Bass nicht komplett runterfährt. In welcher Arbeitsweise entstehen solche Dramaturgien bei euch?

Maik: »Ich glaube, das kann man so eindeutig gar nicht sagen. In der Regel schreibe ich viel zuhause, das bringe ich dann in den Proberaum mit und wenn das alle gut finden, gehen wir in den Feinschliff – dann aber wieder in Kleingruppen. Für die Dynamiken und Übergänge et cetera ist der Proberaum natürlich trotzdem wichtig. Der Gesang kommt meistens erst, wenn die Musik fertig ist.

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Nicht nur in einem Song taucht der Begriff „Jahrmarkt“ auf. Euer Synonym für eine Welt aus Plastik und falschen Träumen?





Simon: »Hui, wenn du das so sagst, klingt das echt cheesy (lacht). Aber irgendwie schon, ja. Eigentlich mehr für Hektik und allgegenwärtige Werbung. Ich habe auch einfach ein Faible für alte Wörter und „Jahrmarkt“ ist einfach so schön assoziativ. Man denkt an einen lauten Tumult, das Künstliche, irgendwie völlig Unrealistische – ob man jetzt an Zerrspiegel, Geisterbahnen oder Freakshows denkt. Das passt einfach so gut zu dieser ständigen bis in den letzten Winkel zielgruppenoptimierten Werbewelt.«





'Neon und Asphalt' fängt die Stimmung des dumpfen, wattigen Gefühls des Sonnenaufgangs nach einer durchzechten Nacht ein. Berauschtheit und Eskapismus, den die meisten von uns schon erlebt haben. Anschließend driftet der Text in eine dystopische, abstrakte Richtung und verbindet den Song mit dem, düsteren, sperrigen 'Abend' und der Reprise 'Morgen'. Wie ist eure Perspektive auf diese scheinbar zusammenhängenden Songs?





Simon: »Es ist ein dreiteiliges Weltuntergangsszenario, spezifisch bezogen auf eine Atomkatastrophe. Die Apokalypse beginnt damit, dass man merkt, dass etwas nicht stimmt. Ein Gefühl, dass wir wahrscheinlich gerade alle haben; auch wenn der Atomwaffenkonflikt zum Zeitpunkt des Schreibens noch nicht so präsent war wie jetzt gerade. Jedenfalls passt diese Unsicherheit und gefühltes Ausgeliefertsein zu der von dir beschrieben Katerstimmung. In einer solchen Katerstimmung hat man ja oft das Gefühl, man würde auf einmal alle Geheimnisse der Weltgeschichte erkennen und in diesem Lied trifft das auf den Protagonisten zu: Zu seinem Bauchgefühl gesellen sich in 'Abend' apokalyptische Vorzeichen und am 'Morgen' – Spoiler Alert – bleibt dann nicht mehr viel außer einem zerstörten Grundrauschen.«





Gibt es neben Else Lasker-Schüler, die ihr in 'Schwarz und Stern' rezitiert, noch weitere AutorInnen aus dem Expressionismus des frühen 20. Jahrhunderts, die euch wichtig sind? Beziehungsweise: Wie hat sich euer Interesse an deutscher Lyrik ergeben? Dichtung in der Muttersprache ist ja immer ein Drahtseilakt, der schnell prätentiös klingen kann.





Maik: »Der Expressionismus ist gerade ein Faible von mir. Ich habe in der Schule ein Buch kennengelernt, einen Sammelband namens „Menschheitsdämmerung“ mit Texten verschiedener Autorinnen und Autoren. Das prägt mich bis heute. Vor allem die Formlosigkeit von Trakl, Heym, Benn oder eben auch Else Lasker-Schüler. Da findet man in der Regel keine Sonette, sondern auch einfach mal nur einzelne Wörter. Ein bisschen also wie im Post Metal: Kein Intro-Strophe-Bridge-Chorus-Schema, sondern Platz für Atmosphäre.

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Simon: »Dieses Formlose ist tatsächlich ganz praktisch, denn, wie du sagst: Es ist ein Drahtseilakt. Es gibt tolle Künstlerinnen und Künstler, die großartige, klare, einfache aber eben nicht platten Texte schreiben. Aber nicht viele. Und es gibt die andere Seite, die dann halt oft völlig verkünstelt ist. Wir versuchen uns irgendwo dazwischen zu bewegen. Diesbezüglich haben mich auch klassische Liedermacher geprägt, mit deren Musik ich aufgewachsen bin. Hannes Wader, Klaus Hoffmann und so weiter. Ihre Art, klare Aussagen deutlich, aber poetisch zu verpacken und dies in eine Musik zu übertragen, die ich liebe, macht mir viel Spaß.«

Die Produktion hat Nikita Kamprad von Der Weg Einer Freiheit übernommen. Wie kam es, dass die Wahl auf ihn fiel?

Maik: »Das war eigentlich recht schnell klar. Wir mochten den Sound seiner Produktionen und haben unsere Eigenproduktion-Demo mit zwei Tracks von ihm mastern lassen. Und spätestens da wussten wir, dass er der Mann für unser Album ist.«





Simon: »Und er hat mich gesanglich auch wirklich gut gepusht. So viele deutschsprachige Metal-Sänger gibt es nun ja auch nicht und das hat mir viel gebracht. Dass er dann auch noch Lust hatte, bei 'Abend' mitzusingen, war für uns als Fanboys natürlich auch ziemlich cool.«





Was sind eure Pläne für die absehbare Zukunft? Ich könnte mir eine Tour mit Casper und Fjørt vorstellen.

Maik: »Beides super Künstler! Aber konkret wohl eher nicht.




Simon: »Momentan sitzen wir wieder viel am Songwriting für neuen Output. Klingt vielleicht seltsam, ein paar Wochen nach Release, aber der ganze Prozess hat auch ziemlich lange gedauert – in der Zwischenzeit waren wir natürlich nicht untätig und haben dementsprechend viel Material gesammelt, dass gerade nach und nach zum Leben erwacht.«

 

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