Online-MegazineInterview

THE VERY END

Auf dem Patrioten-Auge blind

THE VERY END

THE VERY END haben mit „Turn Off The World“ erneut ein qualitativ hochwertiges Album am Start. Trotz positiver Presse-Resonanzen haben es die Ruhrpöttler im Vergleich zu Newcomern aus dem Ausland eher schwer einen dauerhaften Fußabruck in der Szene zu hinterlassen. Wir klingelten bei Sänger Björn Gooses zur Bestandsaufnahme durch.

Björn, wie sind die bisherigen Reaktionen auf euer neues Album „Turn Off The World“?

»Recht cool. Natürlich sind die Reaktionen gemischt, so wie es bei THE VERY END immer ist. Das liegt bei unserem Stilmix einfach in der Natur der Sache. Aber der Grundtenor ist wie immer gut bis sehr gut. Wir haben jetzt so um die 80 Reviews gesammelt und es macht größtenteils Spaß die zu lesen.«

Die deutschen Reime im Opener 'Splinters' sorgen hingegen für einige befremdliche Reaktionen (auch im Rock-Hard-Review in Ausgabe 309). War dir das von vornherein bewusst?

»Jein, uns war bewusst, dass die deutschen Reime auffallen werden. Dabei ist das eher aus Zufall entstanden. Wir hatten die deutschen Zeilen beim Songwriting als Platzhalter drin, irgendwie fanden wir das am Ende aber so cool, dass wir es einfach drin gelassen haben. Uns war klar, dass den Hörern das auffallen wird, aber dass sich so viele Leute daran stören, war uns nicht wirklich bewusst. Wenn die ersten beiden Zeilen auf holländisch oder Latein gewesen wären, wäre es wahrscheinlich nur zehn Prozent der Leute aufgefallen. Wobei die Reaktionen von gleichgültig bis stark positiv und stark negativ schwanken. Ich fand es etwas albern, dass manche Schreiber sich so dran aufgehangen und einen ganzen Punkt in der Wertung abgezogen haben. Im Endeffekt sind es elf deutsche Worte auf einem ganzen Album. Aber wir nehmen uns so etwas nicht zu Herzen, ganz im Gegenteil: Wir machen auf dem nächsten Album eher einen komplett deutschsprachigen Song, damit die Leute richtig was zu meckern haben.«

Ihr habt seit der letzten Platte zwei Besetzungswechsel verkraften müssen. Wie kam der Kontakt zu den beiden neuen Mitgliedern Alex Bartkowski und Daniel Zemann zu Stande?

»Bei unserem Drummer war es typischer Ruhrpott-Inszest. Der Daniel spielt bei Enemy Of The Sun, der Band unseres Produzenten Waldemar Sorychta. Bei der Band passiert nicht so viel, weil Waldemar ja immer mit den ganzen Produktionen beschäftigt ist. Daniel hat als Aushilfsschlagzeuger für unseren alten Drummer begonnen und es hat sich dann zu einem festen Einstieg entwickelt. Bei unserem neuen Gitarristen Alex lief es ähnlich: Er war auch schon zu Zeiten des alten Line-ups als Aushilfsgitarrist bei uns am Start. Er hatte zuvor bei den Kölner Thrashern Guerilla gespielt. Da es die Band aber nicht mehr gibt und wir auch spielerisch und menschlich gut mit ihm klar kommen, hat sich das mit dem Einstieg ebenfalls schnell ergeben. Wir haben aber auch noch Kontakt zu den alten Mitgliedern, da floss kein böses Blut. Bei den beiden haben sich einfach die Prioritäten verschoben. Bei unserem ehemaligen Schlagzeuger Lars Janosch war der Heavy-Metal-Lifestyle mit Frau, zwei Kindern, Hausbau und seinem Job als Krankenpfleger im Schichtdienst doch etwas schwierig. Bei unserem Ex-Gitarristen Volker Rummel war es ähnlich. Er ist in der sozialen Branche selbstständig und das passte mit der Band nicht mehr alles unter einen Hut.«

Volker ist bei einigen der neuen Songs noch als Komponist geführt. Ist er euch nach seinem Ausstieg als Songwriter erhalten geblieben oder sind das noch Überbleibsel aus der gemeinsamen Zeit in der Band?

»Das sind noch Überbleibsel, so ein Albums schreibt man ja nicht in zwei Wochen. Er hat auch noch ein Gastsolo beim Song 'The Last Mile'
eingespielt. Die Songs waren schon vor Volkers Ausstieg in der Vorproduktion. Alex hat dann auch noch zwei Songs mit reingebracht, wobei 'Splinters' eine Kooperation mit René (Bogdanski) darstellt. 'To Feed On Hope' stammt komplett von Alex. Auf eine andere Art und Weise hätte das sicherlich auch ein Guerilla-Song sein können, aber letztlich ist es ein Song von Alex Bartkowski, den wir durch den THE VERY END-Wolf gedreht haben.«

Waldemar hat euch nicht nur seinen Schlagzeuger „geliehen“, sondern auch wieder die neue Scheibe produziert und an einem Track mitkomponiert. Wie wichtig ist Waldemar für THE VERY END?

»Ich glaube ehrlich gesagt, dass er für uns bei „Mercy & Misery“ noch ein bisschen wichtiger war als bei „Turn Off The World“, was seine Leistung jetzt nicht schmälern soll. Aber der Schritt von „Vs. Life“ zu „Mercy & Misery“ war damals ein viel größerer, weil wir mit Waldemar zum ersten Mal mit einem richtigen Produzenten gearbeitet haben. Wir haben uns bei „Mercy & Misery“ erstmals einer externen Person so weit geöffnet, dass wir von Waldemar die Songs auf strukturelle Optimierungen prüfen ließen. Bei einigen Songs wurde gar nichts verändert, während zwei, drei Nummern ziemlich auf links umgekrempelt wurden. Das war für uns eine interessante Erfahrung und wir haben bei der Produktion von „Mercy & Misery“ vieles lernen können, was wir bei der Vorproduktion des neuen Albums selbst umsetzen konnten. Daher war die reine Beteiligung Waldemars als Produzent diesmal geringer, zumindest habe ich das subjektiv so empfunden.«

Du erwähntest gerade eure 80 positiven Reviews. Dennoch scheinen deutsche Newcomerbands es heute wesentlich schwerer zu haben, als in den Achtzigern oder Neunzigern. Woran liegt das deiner Meinung nach?

»Da stimme ich dir voll und ganz zu. Der Grundtenor bei der Reviews ist positiv, wir landen bei den Bewertungen bei einem Schnitt von 75 Prozent, was ja solide ist. Dass deutsche Newcomer es schwerer haben, spiegelt sich aber weniger in den Reviews, als vielmehr in ihrer Präsenz wieder. Dazu zählt auch die Möglichkeit sich selbst Infrastrukturen zu schaffen, um weiter zu kommen, sprich Label, Tourmanagement etc. Ich selber habe ja Anfang der Neunziger aktiv begonnen Musik zu machen und mit Night In Gales war es bis Ende der Neunziger noch ein ganz anderes Bild als jetzt. Ich will nicht jammern, aber ich glaube, dass jüngere deutsche Bands es wirklich schwerer haben, auch, wenn sie auf dem gleichen Qualitätslevel sind wie eine ausländische Band. Deutschland ist in Mitteleuropa der stärkste Markt für Metal. Die größten Labels haben in Deutschland ihren Hauptsitz. Es ist halt leider immer noch so, dass etwas, was nicht aus dem Heimatland kommt, einen Exotenbonus hat. Eine mit THE VERY END vergleichbare Band aus England oder den Niederlanden hat in Deutschland eine größere Chance auf Tour zu gehen, als wir. Das ist irgendwie schade. Es gibt da viele Macher im Hintergrund, z.B. Festivalveranstalter, die auf dem Patrioten-Auge blind sind. Ich bin echt kein sonderlich großer Patriot, aber was die heimische Szene angeht, da würde ich mir mehr Patriotismus wünschen. Neben dem Überangebot ist die Einstellung gegenüber deutschen Bands das größte Problem.«

Ihr werdet auch in der Presse immer noch etwas stiefmütterlich behandelt (was auch auf die Printausgabe des Rock Hard zutrifft). Woran liegt das deiner Meinung nach?

»Wir sind musikalisch schwer einzuordnen und haben kein Image, auf das man uns festnageln kann. Wenn du ein greifbarere Band hast, kannst du auch schneller darüber berichten. Ich wundere mich manchmal auch:
Interviews mit Bands aus dem Black-Metal-Bereich drehen sich zu zwei Dritteln um die Songtexte oder die Philosophien, während bei einer Thrash-Band einfach nur übers Studio, Tour oder Saufen gequatscht wird, obwohl die Black-Metal-Band vielleicht die viel geileren Partys feiert und die Thrash-Band interessantere Texte hat. Das sind dann so journalistische Klischees, die da erfüllt werden.

Wir sitzen halt musikalisch etwas zwischen den Stühlen, sehen uns dabei im weitesten Sinne als Thrash-Band, spielen aber bei weitem keinen Exodus-, Overkill-, Kreator-Old-School-Thrash, sondern machen unser eigenes Ding daraus. Wir sehen uns aber schon als die Erben des Ruhrpott-Metals, weil wir alle aus dem Pott kommen oder hier aufgewachsen sind. Nur weil man aus dem Ruhrpott kommt und Metal macht, muss man ja nicht wie Kreator oder Sodom klingen.«

Du hast meine nächste Frage jetzt schon etwas vorweggenommen: Eure Musik ist nach wie vor schwer einzuordnen. Vom Groove her erinnert ihr schon mal an Modern-Metal-Bands wie Disturbed, Thrash- und Death-Passagen gibt es aber ebenfalls, genau wie einige Metalcore-Gesänge. Was sind derzeit eure wichtigsten Einflüsse?

»Das ist super schwer zu sagen. Ich glaube, bei THE VERY END kann man das nicht auf ein paar Bands runterbrechen, die unseren Sound beeinflusst haben. Beim Songwriting liefern die Gitarristen in der Regel das Grundgerüst, danach findet ein wildes Puzzle, bzw. Ping-Pong-Spiel mit den Ideen statt. Selbst wenn ein Song von Band XY beeinflusst worden wäre, dann wird das anschließend so durch den Wolf gedreht, dass der Einfluss am Ende eh nur noch marginal zu spüren ist. Unser Hauptsongwriter René war und ist ein riesiger Metallica-Fan, aber das spiegelt sich in unser Musik nicht so sehr wieder, als dass man Metallica als nennenswerten Einfluss aufführen könnte. Zu meinen Lieblingsbands zählen Megadeth, Danzig und ZZ Top, aber ich klinge weder wie Dave Mustaine, Glenn Danzig oder Billy Gibbons. Bei einem alten Night-In-Gales-Song habe ich mich mal durch eine Gesangsmelodie einer super bekannten Pop-Band inspirieren lassen. Ich verrate aber den Bandnamen nicht, sonst wird’s peinlich. In so einem Fall kann man von einem konkreten Einfluss sprechen. Bei uns hat jeder seine Vorlieben, unser Schlagzeuger Daniel hört viel Punk und Hardcore, wo ich nicht viel mit anfangen kann. Es gibt da nicht diese typischen kleinsten gemeinsamen Nenner, so nach dem Motto: „Wir spielen modernen Metal, deswegen stehen wir alle auf Arch Enemy.“ Das ist natürlich eine coole Band, aber ich weiß nicht, ob die uns groß beeinflusst haben.«

Du hast mit Night In Gales die Metalszene seit Anfang der Neunziger aktiv miterlebt und bist auch als Coverzeichner (www.killustrations.com) tätig. Wie beurteilst du den momentan den Stand der Metalszene?

»Die Szene findet halt in Zyklen statt. Die Neunziger wurden ja gerne mal verdammt, gerade von Redakteuren aus deinem Umkreis kamen öfter Sprüche, dass die Neunziger ganz doof waren. Aber alle meine Lieblingsalben stammen aus den Neunzigern. Ich wurde ja auch Anfang der Neunziger mit Metal sozialisiert. Ich bin Jahrgang 1977 und höre dementsprechend noch nicht seit 1984 Metal sondern erst seit 1990.
Großartiger Scheiben wie „Rust In Peace“ oder Pantera-Klassiker kamen fast alle in den Neunzigern raus. Natürlich gab es da auch viel Schrott und es wir sicherlich kein Nu-Metal-Revival geben. In den letzten Jahren kam ein Old-School-Thrash- und ein Death-Metal-Revival sowie eine neue Black-Metal-Welle. So wird das immer weiter in Zyklen stattfinden, wobei die Zyklen immer kürzer werden und mittlerweile auch mehrere Trends gleichzeitig hochschwappen und wieder verschwinden, siehe Okkult-Rock.

Das ist aber insgesamt ein Zeichen dafür, dass die Szene gesund ist. Sei es Nu Metal oder Black Metal: Es gibt überall geile Bands. Ich bin nicht so ein Typ, der mit Scheuklappen durch die Welt läuft und sagt: „Ich höre nur Bands, die Spandex-Hosen tragen.“ Oder: „Die müssen auf jeden Fall eine stinkige Kutte und einen abgewetzten Patronengurt tragen, sonst sind die mir nicht authentisch oder antikosmisch genug.“ Das halte ich für ziemlichen Quatsch. Ich beurteile Musik nur danach, ob sie mir gefällt.

Um nochmal auf deine Frage zurückzukommen: Die Szene an sich ist sehr gesund. Man kann über Strukturen dahinter – wie das Clubsterben oder windige Booker – streiten, aber die Kernszene produziert in Deutschland eine Menge geilen Scheiß. Seien es Bands, die schon lange dabei sind, aber immer noch im Underground sind, so wie Undertow, einer meiner Lieblingsbands, oder Newcomer, wie im Melodic-Death-Metal-Bereich Harasai, oder Gloryful, die neue Power-Metal-Band des alten Night-In-Gales-Klampfers Jens. Die Kreativität ist ungebrochen. Die Leute im Ruhrpott haben eh einen relativ großen Dickkopf und machen das, worauf sie Bock haben. Trendreiter kenne ich persönlich nicht. Klar, solche Bands gibt es auch, aber als Fan, der mit Leidenschaft dabei ist, merkt man so was doch sehr schnell.«

 

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