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GHOST, IRON MAIDEN

SEEROCK FESTIVAL 2013

IRON MAIDEN

Und es ward Heulen und Zähneknirschen, als Iron Maiden im letzten Jahr mit dem klassischen „Maiden England“-Programm zwar in Nordamerika, nicht aber in Europa unterwegs waren. Eine Ironie der Geschichte, immerhin wurde die namensgebende Tournee zum „Seventh Son Of A Seventh Son“-Album 1988 in den USA bestenfalls reserviert aufgenommen.

IRON MAIDENDoch 2013 nimmt das große Flaggschiff des Heavy Metal noch einmal Kurs auf Europa, um in sieben deutschsprachigen Städten vor Anker zu gehen. Eine davon ist Graz, die beschauliche Hauptstadt der österreichischen Provinz Steiermark, unter anderem bekannt als unmittelbarer Heimatort von Arnold Schwarzenegger und für Alkoholverbot an öffentlichen Plätzen (das eine hat mit dem anderen übrigens nichts zu tun). Maiden zu Ehren findet dort an den Gestaden eines nahen Baggersees das zweitägige „Seerock“-Festival statt. Im Prinzip gar nicht so schlecht, bietet die Location mit eigenem See und Stadtnähe gegenüber anderen Pampa-Festivals etliche Vorteile. Organisatorisch gibt es jedoch durchaus noch Luft nach oben, und mit Bierpreisen von 5 Euro pro Becher will man angesichts des hohen Besuchs offensichtlich Weltstadt-Niveau demonstrieren.

Die heilige Messe wird stilecht von Papa Emeritus dem II. eingeläutet, der jedoch feststellen muss, dass die Hölle bei 36 Grad im Schatten so lustig gar nicht ist. In der gleißenden Sonne verpuffen selbst die größten Hits von GHOST B.C., und es ist ein Wunder, dass die namenlosen Ghouls unter ihren Kutten nicht verglühen. Bei NEWSTED ist das anschließend so ein bisschen wie bei Mario Gomez: Freut sich, dass er wieder mal ein bisschen mitspielen darf, applaudiert dem weitgehend desinteressierten Publikum und sagt Auf Wiedersehen. Bedauerlicherweise muss bei BEHEMOTH Drum-Propeller und Windmacher Inferno krankheitsbedingt aussetzen, so dass zur Abkühlung nur der rettende Sprung in den See bleibt. Einem Corey Taylor ist so was egal, der sagt „Fuck!“, und weil ihm das Wort so gut gefällt, hört man es in Folge öfter als in Rocco Siffredis gestammelten Werken. Ansonsten fallen STONE SOUR zumindest nicht unangenehm auf, und bei der Sabbath-Coverversion von 'Children Of The Grave' wippen gar die ersten Bierbäuche im Takt.

GHOST

Viel mehr als eine Aufwärmrunde bei brütender Hitze ist das jedoch alles nicht, denn was jetzt kommt, ist eine Lehrstunde, wie Musik im Allgemeinen und Heavy Metal im Speziellen idealtypischerweise aussehen sollte. „Seven deadly sins…“ erklingen die ersten Töne des Iron Maiden-Intros, ein paar Eisberge stürzen auf der Vidi-Wall ein, die Tränenkanäle füllen sich und los geht’s mit einer endlos geilen Version von 'Moonchild'. Steve Harris joggt in kurzer Hose über die Eiswüste (selten war eine Bühnenkulisse deplatzierter als an diesem Abend) und mäht die ersten Reihen umgehend mit einer gezielten Bass-Salve aus seinem Maschinengewehr nieder. IRON MAIDENDa und dort regt sich jedoch noch Widerstand, denn der Sound wirkt an einigen Stellen merkwürdig dünn und leise. Die Fans sind darüber eher suboptimal erfreut und wünschen dem Soundmann via Facebook und Twitter viel Glück und alles Gute („Ihr Drecks-g’schissenen Hurenkinder, richtet’s den Sound!!!!“). Es kommt jedoch wie so oft im Leben auf den Standpunkt an, und nach 'Can I Play With Madness' und 'The Prisoner' pflügen sich die Legenden auf der Bühne in Bestform durch die Setlist. Und das ist nicht irgendeine Setlist. Es ist DIE Setlist. Egal, ob 'Phantom Of The Opera', 'Wasted Years' oder der sentimentale Favorit 'Afraid To Shoot Strangers' – eine Perle reiht sich glänzend an die nächste, und im Gegensatz zu diversen vorangegangenen Tourneen wird hier und heute ausschließlich Gourmetkost serviert. Da freut sich nicht nur Eddie, der bei 'Seventh Son…' in einer Glaskugel den Kontostand checkt (30 Euro für das Shirt waren dem Gesichtsausdruck nach zu billig) und bei 'Run To The Hills' mit einem blutigen Säbel über die Bühne wackelt. Jannick Gers hat er dabei leider nicht geköpft, weswegen er ungestraft bis zum bitteren Ende weiterhampeln darf und sein Instrument abwechselnd mit Turnschuhen und Brusthaaren bearbeitet. Vermutlich wäre er besser aufgehoben, würde man ihm statt einer Gitarre einfach ein Reck auf die Bühne stellen. Der Rest der Band? Selbstredend göttlichst, das Zusammenspiel von Dave Murray und Adrian Smith ist nicht von dieser Welt und Drum-Methusalem Nicko McBrain scheint seine 61 Jahre – unterstützt von einem knuffigen Plüsch-Eisbären – mit jedem Schlag einfach wegzuhämmern. Zu guter Letzt ist auch noch Bandpilot und Nebenerwerbssänger Bruce Dickinson bei allerbester Stimme und ebensolcher Laune, nur seine Frisur war bei der letzten Tournee besser (da hatte er eine Haube auf). Nach 'Running Free' mischt sich unter die Sturzbäche an Freudentränen nur ein Wermutstropfen: Besser wird’s nicht mehr, und wer diesen Triumphzug verpasst hat, gehört mit einem Privatkonzert von Jannick Gers bestraft.

IRON MAIDEN

Oder mit dem zweiten „Seerock“-Festivaltag, da geht nämlich einiges in die Hose, und das nicht nur, weil LIMP BIZKIT (!) als Headliner (!!) spielen. Zunächst gibt es ausgerechnet bei  EISBRECHER ein Hagelgewitter, das sich gewaschen hat, und dann muss auch noch Lemmy Kilmister krankheitsbedingt absagen: „Aufgrund akuter Hämatome die große Schmerzen verursachen und deswegen ihm sein Arzt daraufhin Flugverbot erteilt hat“, so der Originalwortlaut auf der Veranstaltungs-Seite. Man weiß nicht, was mehr weh tut – die Absage von MOTÖRHEAD oder die Zusage des Ersatz-Acts ALKBOTTLE. Bei der Band, die sich SLAYER nennt, schummelt sich zuletzt auch noch der selbsternannte Volks-Rock'n'Roller und Schlagerstar Andreas Gabalier („I sing a Liad für Di“) auf ein Gruppenfoto. „Slayer und Iron Maiden waren der Grund, warum ich mit dem Gitarrespielen angefangen habe“, erklärt er in einem Interview. Wie konnte der Junge nur so auf die schiefe Bahn geraten…?

Pics: Liu Jun

AbfahrplanDie nächsten Konzerte

METALLICA // SLAYER // GHOST // MASTODON04.06.2014HamburgImtech Arena

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