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POSSESSION, AURA NOIR, SOLSTICE, CAULDRON, DROWNED, NEKROMANTHEON, RANGER, BLACK MAGIC, (DOLCH), ALBEZ DUZ, MALICIOUS, BANG

LIVE EVIL BERLIN 2017

LIVE EVIL BERLIN

Where Live Evil Dwells

Die Geschichte des Live Evil Festivals beginnt 2010 in London mit einer Auswahl von Bands, die auf Radio Fenriz das Prädikat ‚Band of the Week‘ erhalten haben. Nachdem das Live Evil London den Kinderschuhen entwachsen war und sich zu einer festen Institution für Undergroundbands aller Spielarten gemausert hatte, suchte das Londoner Organisationsteam um Marek - seines Zeichens Gitarrist der Heavy Metal-Fraktion Amulet - nach Möglichkeiten das Festivalkonzept zu exportieren. Mit Ezio und Ricky der Berliner Konzertreihe Wolf City haben sie zwei Verbündete gefunden, die 2016 das erste Live Evil Berlin ausgerichtet haben. Am 26. und 27. Mai 2017 findet im ausverkauften Cassiopeia die zweite Ausgabe des jungen Indoor-Festivals statt.

Freitag, 26. Mai 2017

Nach einer Warm-up-Party am Donnerstag mit Division Speed, Saturnine und Barrow Wight eröffnen MAGGOT HEART am Freitag das Festival. MAGGOT HEART ist das neue Soloprojekt von Wahlberlinerin Linnéa Olsson (Ex-Grave-Pleasures, Ex-The-Oath, Ex-Sonic-Ritual), das auf der großen Bühne des Cassiopeias Live-Premiere feiert. Post Punk trifft auf Rock’n’Roll, eingängige Melodien bei 'Razorhead' oder beim Titelstück der neuen EP 'City Girls' auf straightes, treibendes Drumming, ein ausgestreckter Mittelfinger steht innerer Zerrissenheit und Verletzlichkeit gegenüber. MAGGOT HEART bestehen mit einer intensiven Performance ihre Live-Feuertaufe vor einem komplett gefüllten Saal - ganz zur Freude der Live-Evil-Organisatoren, die auf ihrem Label Teratology Sound & Vision das Erstlingswerk von MAGGOT HEART veröffentlichen.

Nach einer kurzen Verschnaufpause bolzen sich die Finnen MALICIOUS durch ein kurzweiliges, temporeiches Black-/Death-Metal-Set, das neben Stücken der aktuellen EP „Black Fumes“ auch zwei neue, noch namenlose Stücke enthält. Da darf nicht nur in den ersten Reihen gemosht werden, sondern es ertönt auch ein inbrünstiges „We believe in Death Metal!“ aus den Zuschauerreihen.

Setlist MALICIOUS:

Lethal Path
Obsessing Torment
New Song I
Black Fumes
New Song II
Din Of Odious Chaos



Das Live Evil ist nicht nur Plattform für internationale Underground-Künstler, sondern bringt auch Berliner Bands unterschiedlicher Couleur zusammen. Die 2006 gegründeten ALBEZ DUZ sind nicht nur fest in der Berliner Szene verankert, sondern haben sich mit drei Alben auch über die Stadt- und Landesgrenzen hinaus einen Namen erspielt. Auf der Bühne schafft die Band mühelos einen Spagat zwischen rockig kraftvollen, treibenden Passagen, düster melancholischen Momenten, schleppenden Doom-Riffs und der vollen Metal-Breitseite. Paradise Lost, Tiamat, Moonspell, aber auch Type O Negative lassen sich dabei unter anderem als Weggefährten ausmachen. Die musikalische Vielfalt spiegelt sich auch im facettenreichen Gesang wider, der zwischen cleanen Vocals, Schreien und Grunts variiert. ALBEZ DUZ gelingt es trotz früher Spielzeit um 19:15 Uhr den großen Saal in eine mystische Atmosphäre zu tauchen, in die man sich mit geschlossenen Augen fallen und treiben lassen möchte – wäre da nicht eine primär vom ausdrucksstarken Fronter Alfonso getragene Bühnenshow, die ALBEZ DUZ live nicht nur hörens-, sondern auch sehenswert macht.  

Setlist ALBEZ DUZ:

Mictlan
Rites Of Hidden Souls

Firewings

Our Lord, The Flayed One

Omen Filled Season (Death-In-June-Cover)


Servants Of Light

Wandschrankbreite Riffs der ganz alten Schule gepaart mit einer düster beklemmenden Atmosphäre - passender könnte man das Kellergewölbe des Cassiopeia musikalisch nicht auskleiden. DROWNED bringen einen fiesen Death-Metal-Cocktail auf die Bühne, der sich nicht nur unerbittlich in die Gehörgänge fräst, sondern auch direkt unter die Haut geht. Neben dem Grotesque-Cover „Ripped From The Cross“ legen DROWNED den Schwerpunkt auf das 2015 erschienene Album „Idola Specus“ – übrigens das Debüt der 1992 gegründeten Berliner Band. Manchmal brauchen gute Dinge einfach Zeit.

Setlist DROWNED:

Cast Into Negative Form
Embrace The Beast

Black Projection

Abyssic Dead, They Sing For Me

Letzter teilbarer Strahl

Gnomon

Vacuous Sanctum
Ripped From The Cross (Grotesque-Cover)


Key To The Lunar Waters

Die Norweger BLACK MAGIC haben dem Black- und Speed-Metal-Geballer ihrer Anfangstage den Rücken gekehrt und sich seit der 2014er EP „Wizard’s Spell“ dem Heavy Metal verschrieben, der auf dem aktuellen Demo „Demon Lord“ immer stärker von 60s- und 70s-Rock-Elementen durchzogen wird. Das Publikum müssen sie von diesem musikalischen Wandel nicht mehr überzeugen. Der dicht an dicht gedrängte Festivalpulk stimmt nicht nur in die zahlreichen „Oh Oh Oh“-Chöre ein, sondern präsentiert sich auch in einer Reihe von Songs textsicher und lässt die Band nicht ohne Zugabe von der Bühne. BLACK MAGIC machen live Spaß, keine Frage, an die Intensität von Drowned zuvor oder die Leistung der nachfolgenden Bang oder Nekromantheon können BLACK MAGIC für mich aber leider nicht anknüpfen.

Setlist BLACK MAGIC:

Into The Depths
Savage Sword
Voodoo Curse

Demon Lord
Sacrifice

Death Militia


Thunder Of The Undead


--
Sacrifice

Der Bandname und ein Merchandise-Aufgebot, das geradewegs einem Comicheft entsprungen zu sein schien, machen mich nun neugierig auf BANG. Das Trio hat in der ersten Hälfte der 1970er Jahre mit drei Alben bei Capitol Records und beispielsweise durch Support-Shows für Black Sabbath auf sich aufmerksam gemacht und steht nach mehreren Dekaden Pause seit geraumer Zeit wieder auf der Bühne. Und dort haben sie nichts von ihrer Daseinsberechtigung verloren: 70s-Rock, progressive, teils psychedelisch anmutende Passagen, tolle Jams, Songs, die eine Sogwirkung entfalten und Musiker, die eine Entspannung, Gelassenheit und jede Menge Spielfreude ausstrahlen. Für mich eindeutig ein Festival-Highlight, das mit dem bekanntesten Stück der Band – 'Questions' – gekrönt wird. Ein Höhepunkt, den ich leider nur mit einer Reihe von Menschen teilen kann. Die gehen allerdings völlig in der Musik auf.

Setlist BANG:

Keep On
Redman
Slow Down
Lions...Christians
Future Shock
Come With Me
The Queen
Humble
Idealist...Realist
Questions

Zum Abschluss des ersten Festivaltages mobilisieren Band und Fans noch einmal alle Kräfte. NEKROMANTHEON katapultieren uns geradewegs in die Mitte der 80er zurück – Slayer, Mutilator, Possessed, Dark Angel. Schnelle, schneidende Riffs, ordentlich Feuer unter dem Drumhocker sowie zwei Sänger, die sich gut ergänzen und bei Gelegenheit im Proberaum sicherlich die ein oder andere Venom-Scheibe auflegen. Zur rohen Energie des Openers 'Blood Wisdom'  oder dem abschließenden „Rise, Vulcan Spectre“ gesellt sich ein Enthusiasmus, der sich direkt auf das dicht an dicht gedrängte Publikum überträgt: Ein reges Crowdsurfing-Treiben vorn, fliegende Mähnen bis in die letzten Reihen - NEKROMANTHEON werden ihrer Headliner-Position definitiv gerecht.

Setlist NEKROMANTHEON:

Blood Wisdom
The Coffin Awaits / Metal Vendetta

Devolutionary Storms
Scorched Death
Twelve Depths Of Hades
Divinity Of Death
The Visions Of Trismegistus
Coven Of The Minotaur
Gringo Death Rise, Vulcan Spectre
--
Pay To Die (Death-Strike-Cover)



Samstag, 27. Mai 2017

Mehr oder minder erholt geht es um 16:45 Uhr in den zweiten Festivaltag. Während am Samstagnachmittag bei 27 Grad und ohne eine Wolke am Himmel reges Treiben im Biergarten herrscht und direkt daneben fleißig gebouldert wird, haben (DOLCH) den großen Saal des Cassiopeias in tiefes Rot getaucht. Nicht nur Spiegelbild der wohlig warmen Raumtemperatur, sondern auch visueller Ausdruck der melancholischen und gleichzeitig hypnotisch meditativen Klänge, die aus den Boxen wabern. (DOLCH) vereinen auf ihrem Debüt „I & II“ Wave- und Industrial-Einflüsse mit Drone, Ambient und Noise zu einem äußerst interessanten Ganzen. Leider sind bei der Live-Evil-Performance nicht alle Elemente des experimentellen Sounds präsent – während der weibliche Gesang im Fokus steht, fehlt es auf instrumentaler Ebene leider etwas an Druck und Gitarrenpräsenz.

Setlist (DOLCH):



Burn


Licht


Das Auge (The Darkness In You)
Bahrelied


Sirenade


An Den Mond


Nach der schweren Melancholie, mit der der Samstag begonnen hat, wartet im kleinen Konzertsaal nun ein Rundum-sorglos-Paket der guten Laune. Die aus Toronto stammenden CAULDRON bringen seit mehr als zehn Jahren klassischen Heavy Metal auf die Bühne und können live so aus einem breiten Songfundus schöpfen - angefangen von 'Conjure The Mass' vom Debütalbum „Chained to the Nite“ über das eingängige 'End Of Time' vom 2012er Album „Tomorrow’s Lost“ bis hin zum aktuellen Track 'No Return/In Ruin'. CAULDRON sind gute Songwriter, versierte Musiker und haben mit Jason Decay einen charismatischen Fronter in ihren Reihen, der die Festivalbesucher gut auf Betriebstemperatur gebracht hat. Ein kurzweiliger, aber nicht überragender Auftritt.

Setlist CAULDRON:

Frozen in Fire
Empress
End Of Time

Summoned To Succumb
Conjure the Mass


Hold Your Fire


No Return/In Ruin
Miss You To Death
Nitebreaker


All Or Nothing

Wenn Nekromantheon schon spielen, liegt es nahe, sich auch gleich noch OBLITERATION ins Boot zu holen. Immerhin spielt die Hälfte der Nekromantheon-Jungs ebenfalls beim norwegischen Death-Metal-Kommando. OBLITERATION sind zudem waschechte Live-Evil-Veteranen, die bereits bei der ersten Auflage des Festivals 2010 in London auf der Bühne standen. Damals wie heute verpasst die Band dem Sound von Autopsy, Dismember oder auch Celitc Frost ihren eigenen, eigenwilligen Anstrich. Im Cassiopeia legen OBLITERATION ein geiles Brett vor, das vor allem durch seine Abwechslung besticht: Aggressive, ungestüme Passagen wechseln sich mit langsamen, schweren Riffs ab, die den Songs eine herrlich düstere, intensive Atmosphäre verleiht. Über allem thront ein keifender, eindringlicher Gesang.

Setlist OBLITERATION:

Goat Skull Crown
Exterminate
Transient Passage
New Song
Nekropsalms
Sepulchral Rites
The Worm that Gnaws In the Night

RANGER steigen mit dem Titelstück ihres aktuellen Albums „Speed & Violence“ in ihr Set ein. Der Songtitel gibt die Marschrichtung des nun folgenden Speed-Metal-Infernos vor. Mit mächtig viel Energie, heulenden Soli, Gitarrenduellen und hohen, sich überschlagenden Vocals zaubern RANGER nicht nur der zum Bersten gefüllten Small Stage, sondern auch Exciter, Razor und Whiplash ein Lächeln auf die Lippen. Mittendrin dabei der Pornobalken tragende Frontmann Dimi Pontiac, der das Publikum unermüdlich animiert. RANGER werden das Rad nicht neu erfinden und euch auch demnächst nicht mit experimentellen, vertrackten Songs unter die Kopfhörer locken. Sie haben es auch gar nicht vor. Die vier Finnen leben und atmen die Achtziger mit einer solchen Hingabe und Energie, dass sie für mich ganz klar zu den besten, unterhaltsamsten und erfrischendsten Live-Bands zählen. Dankbar verlassen sie nach 45 Minuten und unter anhaltenden „Ranger! Ranger! Ranger!“-Chören die Bühne.

Setlist RANGER:

Speed & Violence

Lethal Force
Supreme Evil

Black Circle
Satanic Panic

Guitar Duel


Touch Of Death
Knights Of Darkness


Ranger


Shock Skull

Die 1990 in Dewsbury, England gegründeten SOLSTICE sind eine Institution im Epic-Doom-Metal-Bereich -  vielleicht schon so institutionalisiert, dass es sich die meisten Underground-Jünger im Biergarten gemütlich gemacht haben, statt die Herren von der Insel live auf der Bühne zu verfolgen. Selbst schuld. Denn gelohnt hat es sich allemal, dem Sommer draußen zu trotzen. Denn neben 'The Sleeping Tyrant' und 'Cimmerian Codex' vom Zweitwerk „New Dark Age“ bieten SOLSTICE mit 'White Horse Hill' und 'To Sol A Thane' auch Einblicke in die nächste Langrille. Paul Kearns präsentiert sich dabei als großartiger Sänger und sympathischer Frontmann, der sein Mikrofon auch schon einmal einem textsicheren Fan in der ersten Reihe teilt.

Setlist SOLSTICE:


White Horse Hill
Death's Crown Is Victory

The Sleeping Tyrant
To Sol A Thane
Cimmerian Codex



Die Belgier POSSESSION schaffen eine gute Balance zwischen rohem, dreckigem Black/Death-Metal-Gebolze und einer kühlen Stimmung, die direkt in die Glieder fährt. Damit sind sie die perfekten Anheizer für die Samstags-Headliner Aura Noir. Bei POSSESSION macht sich an diesem Wochenende zum ersten und einzigen Mal bemerkbar, dass das Festival im Cassiopeia an seine Kapazitätsgrenzen gerät. Nicht alle, die POSSESSION sehen wollen, kommen auch in den kleinen Konzertraum hinein und lauschen entweder vom Gang aus oder verzichten unfreiwillig darauf, die Band zu sehen.

Setlist POSSESSION:

Sacerdotium
Beast Of Prey
In Vain
Ablaze
Anneliese
His Best Deceit
Preacher's Death

Und noch ein erstes Mal auf diesem Festival: AURA NOIR sind die erste und einzige Band, die mit einer halben Stunde Verspätung auf die Bühne kommt. Und zwar nicht, weil da jemand im Zeitplan geschludert hat, sondern weil sie es können – immerhin sind sie die auf ihrer Social-Media-Präsenz selbst erkorenen Black-Thrash-Kings. Entschuldigt meinen Sarkasmus – ich werde mich erklären. Zweifellos sind AURA NOIR eine tolle Live-Band. Bereits beim ersten Song ertappe ich mich dabei, wie das rotzige Black/Thrash-Gebräu, das sowohl nach Venom als auch Motörhead schmeckt, direkt in die Nackenwirbel übergeht. Sowohl die walzenden Midtempo-Parts als auch aggressive Hochgeschwindigkeitsattacken lassen Mähnen bis in die hinteren Reihen Kreisen. AURA NOIR verzetteln sich nicht in technischen Details. Sie sind eine rohe, äußerst effektive Live-Gewalt. Dennoch präsentiert sich die Band – im Vergleich zu vielen großartigen Künstlern an diesem Wochenende – eine Ecke zu elitär, ganz egal, ob einzelne AURA NOIR-Mitglieder bei Immortal aktiv sind oder beispielsweise auf eine Zeit bei Mayhem zurückblicken. Ein ansonsten durchaus empfehlenswertes Live-Erlebnis bekommt so einen faden Beigeschmack.



Zwei Tage, 14 Bands, ein Fazit

Das Live Evil Berlin wird nicht jeden Metalhead gleichermaßen glücklich machen, aber für Underground-Enthusiasten, Demosammler, Kuttennäher und Tape-Bewahrer breitet sich am letzten Maiwochenende im Stadtteil Friedrichshain ein kleines Eldorado aus. Das Festival überzeugt durch eine spannende Bandauswahl, eine gut durchdachte Running Order und eine reibungslose Organisation. Mit sieben Bands pro Tag, die abwechselnd auf zwei Bühnen spielen, werden Hirn und Gehörgänge nicht überfrachtet und es bleibt genug Zeit, sich es auf dem großzügigen Outdoor-Areal neben dem Cassiopeia gemütlich zu machen. Ein nettes Team und ein entspanntes Miteinander ohne Gedränge, aber vielen internationalen Festivalbesuchern komplettieren den positiven Gesamteindruck. Ich komme gern wieder. Wenn ihr mitkommen wollt, sichert euch am Besten zeitig Karten.

 

Ein Interview mit Festival-Veranstalter Ezio Sabbotigh findet ihr an dieser Stelle.

 

Pics: Robert Hanna

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