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ANTHRAX, THE RAVEN AGE, NULL POSITIV

Osnabrück, Hyde Park

ANTHRAX

Nach der abgeschlossenen „Among The Kings“-Tour machen ANTHRAX im beschaulichen Osnabrücker Hyde Park halt und melden sich mit einer Best-of-Setlist zurück, die eine schöne Brücke zwischen alten Klassikern und modernen Knallern schlägt. Der mittelgroße Club am Rand der Stadt verspricht eine unter der Old-School-Flagge stehende, familiäre Mosh-Party, abseits der großen Bühnen und Kommerz-Veranstaltungen, auch wenn die T-Shirt-Preise in Höhe von 30 Euro hart an der Schmerzgrenze entlang schrammen.

 Bis der Pit eröffnet wird und ANTHRAX endlich die Bühne stürmen, muss man sich als vorfreudiger Fan jedoch durch eine zweistündige Durststrecke mit zwei Supportbands quälen, die den Abend zunächst so gar nicht in Fahrt bringen wollen. Doch alles der Reihe nach:

Den Anfang machen die Berliner von NULL POSITIV und werden ihrem möglicherweise etwas unglücklich gewählten Bandnamen mehr als gerecht. Die Nu-Metal-Truppe um Frontfrau Elli agiert sowohl äußerlich als auch musikalisch auf einem plumpen Grad irgendwo zwischen Tokio Hotel, Arch Enemy und jeder beliebigen anderen Nu-Metal-Band und unterlegt diese unsägliche Mixtur mit unzähligen fetten aber stumpf vor sich hin donnernden Metalcore-Breakdowns, während sich die Dame am Mikro konstant die Seele aus dem Leib growlt/grunzt/brüllt und dann wieder urplötzlich zu poppigem Klargesang wechselt, bevor der nächste Breakdown einschlägt. Die peinlichen deutschen Texte sind dabei auch nur noch die Spitze des Eisbergs. Da fragt man sich wirklich, was eine solche Band im Vorprogramm einer altehrwürdigen Thrash-Legende wie ANTHRAX zu suchen hat. Das vergessen wir lieber schnell wieder...

Im Anschluss entert mit THE RAVEN AGE eine junge Metaller-Gruppe um George Harris die Bretter, seines Zeichens Gitarrist und Sohn des großen Maiden-Bassers Steve Harris. Was auch erklären dürfte, warum die Jungspunde ihren modernen Metal auf dieser Tour zum Besten geben können, ansonsten fehlen nämlich auch hier größtenteils jegliche Parallelen zum Hauptact des Abends. THE RAVEN AGE machen keinen schlechten Job, klingen jedoch auf Dauer zu beliebig, zu austauschbar, um ernstzunehmende Akzente setzen zu können. Hinzu kommt, dass Sänger Michael Murrough schlichtweg wenig Feuer in der Stimme hat, und kaum Stimmung unter das Zirkuszelt bringen kann. So schließt sich die klaffende Lücke in der Mitte der Halle auch nach dem fünften Aufruf der Band nicht und lässt die meisten musikalischen Animationsversuche von der Bühne ins Leere laufen. Schade eigentlich, doch ein lustloses Publikum ist wohl ein Problem, vor dem sich wohl jede Newcomerband irgendwann einmal behaupten muss. An einer klaren Kritik an das Billing des Abends kommt man heute jedoch definitiv nicht vorbei. Besonders wenn man bedenkt, dass Testament im November gemeinsam mit Annihilator und Death Angel in den Tourbus steigen werden...

Glücklicherweise erinnern ANTHRAX danach jeden Anwesenden wieder daran, warum er heute Abend ursprünglich den Osnabrücker Hyde Park aufgesucht hat. Sobald die Herren nach dem Blues Brothers-Intro 'I Can't Turn You Loose' die Abrissbirne schwingen, sind die Fans auf den Beinen und starten über eine kompakten Zeitraum von eineinhalb Stunden eine Thrash-typische musikalische Zerstörungsorgie. Mit den ersten Klängen vom eröffnenden 'Among The Living' sind die Fans da, empfangen Scott Ian, Joey Belladonna und Co. herzlich und bringen einen ordentlichen Pit in Gang, der die heftigen Songs in ihrer Intensität unterstreicht. Unsterbliche Klassiker wie 'Caught In A Mosh', 'Be All End All' und 'Indians' werden in bester Milzbrand-Manier von der Bühne gehackt, lassen die Schweißtropfen fliegen und die Old-School-Herzen höher schlagen. Von den neueren Platten fügen sich 'Fight 'Em 'Til You Can't' mit seinen brachialen Gangshouts, das hochmelodische 'Breathing Lightning' und das neu in die Setlist genommene 'All Of Them Thieves' (absoluter Live-Killer!!!) nahtlos an die Achtziger-Granaten an, während die John-Bush-Ära wie gewohnt komplett außen vor gelassen wird. Lediglich bei langsameren Stücken wie 'Medusa' oder 'Antisocial' zeichnet sich stellenweise ein leichter Spannungsabfall ab. Macht alles nichts, ANTHRAX finden immer wieder schnell auf den Pfad der nackenbrechenden Mörderhits zurück und machen der Bezeichnung „Best Of“ alle Ehre.

 Alle, die Joey Belladonnas Rückkehr vor einigen Jahren mit einem kritischen Auge betrachtet haben, dürften spätestens mit der Veröffentlichung der starken „For All Kings“-Scheibe 2016 eines besseren belehrt worden sein, was der sympathische Frontmann heute ein weiteres Mal unterstreicht. Auch wenn die „Among The Living“-Sirene nicht mehr die selben Höhen wie vor dreißig Jahren erreicht (wodurch seine Sänger-Qualitäten über die Jahre sogar noch gestiegen sind), legt der Mann einen beeindruckenden Auftritt an den Tag und verkörpert die Energie von ANTHRAX wie kein Zweiter. Die Rhythmusfraktion um den wie immer verbissen-furios schreddernden Scott Ian, Dauerheadbanger Frank Bello am Bass und den für Charlie Benante am Schlagzeug einspringenden Jon Dette, läuft wie eine gut geölte Maschine und zimmert ein mächtiges Fundament unter die Vocals. Auch Bandküken Jonathan Donais an der Leadgitarre sticht mit einigen wieselflink-melodischen Soli heraus und hat sich gut ins Gesamtbild eingefügt. Nach 'Indians' (Gott sei Dank mittlerweile ohne Belladonnas dämlichen Federkopfschmuck) ist Schluss, ohne Zugabe verabschieden sich ANTHRAX nach einem kurzweiligen Auftritt aus Osnabrück und beschließen ihren letzten Deutschlandtermin 2017. Bis nächstes Jahr, die Herren!


Setlist Anthrax:

Intro: I Can't Turn You Loose (Blues Brothers-Cover)
Among The Living
Caught In A Mosh
Got The Time
Fight 'Em 'Til You Can't
Madhouse
Breathing Lightning
Intro To Reality / Belly Of The Beast
All Of Them Thieves
Medusa
Be All End All
Antisocial
Indians

 

Pics: Stefan Hackländer

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