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ANATHEMA, AVA

Melkweg, Amsterdam

Anathema

Jetzt ist es doch einmal passiert. Ich habe ANATHEMA mittlerweile 15 Mal gesehen, und zum ersten Mal verlasse ich eine Show mit dem unbestimmten Gefühl einer Enttäuschung. Und das, obwohl eigentlich alles angerichtet sein sollte für eine legendäre Nacht: Der „Melkweg“ in Amsterdam ist ein cooler Schuppen in einer wirklich sehenswerten Metropole, und eine „Ambient Acoustic“-Session sollte eigentlich hervorragend zum Artrock-Sound der Briten passen - was kann da schon schiefgehen?

Leider so einiges. Natürlich ist selbst ein „schwaches“ ANATHEMA-Konzert immer noch gut, und es gibt einige Songs, die im semi-akustischen Gewand noch an Tiefe gewinnen. Das sind vor allem die Nummern, bei denen Anna Phoebe auf die Bühne kommt, die Violonistin der empfehlenswerten Vorgruppe AVA. Die ist eine Meisterin ihres Fachs und wertet Nummern wie 'Anathema' oder 'A Natural Disaster' tatsächlich auf. Auch 'Springfield' und die beiden 'Untouchable'-Songs können von den neuen Arrangements durchaus profitieren.

Der Rest des Programms ist allerdings durchwachsen. Das liegt einerseits daran, dass ANATHEMA-Songs an sich schon auf das Wesentlichste reduziert sind. Wenn man sie weiter entkernt, bleibt dann irgendwann nichts mehr übrig – bis auf ein gepflegtes Gähnen. Dazu trägt andererseits auch die „Lightshow“ bei, die im Wesentlichen aus sechs blauen Lampen an der Bühnendecke besteht und die Band im Halbdunkel stehen lässt. Das wirkt in Kombination mit dem zähen Programm ziemlich einschläfernd. Dazu kommt, dass die Band überraschend unsicher wirkt, wovon etliche Patzer und Spielfehler zeugen. Zwei Songs gehen dann leider auch als Komplettausfall durch: Bei 'Thin Air' wird die tragende Gitarrenmelodie durch einen wabernden Synthesizer ersetzt. In Folge klingt die Nummer so, als wäre ihr von Crematory ein Leid angetan worden. Und dann covert die Band auch noch 'Teardrop' von Massive Attack. Schlechte Idee. Lee Douglas ist eine herausragende Sängerin, vielleicht sogar die beste im Artrock-Genre, aber das hier kann sie nicht. Diese vermeintlich so simple Jahrhundert-Nummer funktioniert im Original ja nur deshalb, weil hier produktionstechnisch alle Register gezogen werden und Elizabeth Fraser mit ihrer schneidend kalten Stimme wie ein Messer durch die Butter fährt. Lee Douglas hingegen singt mit ihrem warmen Timbre in einer komplett anderen Liga und wirkt bei diesem Song mit dem verloren herumklampfenden Danny Cavanagh so deplatziert wie ein Schulmädchen auf Klassenfahrt.

Dabei hätten ANATHEMA genügend eigene Klassiker im Portfolio, und die eine oder andere flotte Auflockerung hätte dem Programm gut getan. So bleibt zu hoffen, dass sich Liverpool’s Finest von dieser Tour nicht allzu sehr für das nächste Album inspirieren lassen - zu viel Fahrstuhlmusik tut dieser begnadeten Band nicht gut.

 

Pics: Lucy Liu Jun

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