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STRATOVARIUS, U.D.O., IN EXTREMO, HAMMERFALL, TURISAS

Rockharz Open Air 2011

18 Jahre hat das Rockharz Open Air schon auf dem vom Moshen gebeugten Buckel. Merkt man ihm an, denn von Anfang an begeistern der routinierte Ablauf und die Atmosphäre, die sich immer dann zu den Feiernden gesellt, wenn niemand was zu meckern hat. Und auch das Wetter spielt am ersten Tag noch mit.

Die Sonne brennt auf das Festivalgelände. Der Harz ist kollegial am Schwitzen, doch die Tore bleiben geschlossen. Als die ersten Töne von der Bühne den Platz beschallen, macht sich leichte Panik breit.

Zwei Minuten vor dem Auftritt der Schweizer DREAMSHADE dürfen die Hitzeresistenten das Festivalgelände betreten und werden von melodischem Death Metal mit Keyboardgedudel empfangen. Vor der Bühne sammelt sich eine ordentliche Menschenmenge, die ersten Reihen lassen die Haarrotoren heiß laufen und ein kleiner Circle Pit entsteht.

CRIPPER um Frontröhre Britta Görtz beweisen, dass sie feiern können, und der Funke springt über: Der erste große Moshpit des Festivals entsteht, Haare fliegen, Fäuste gehen in die Luft. Die Fans werden mit zwei neuen Songs belohnt. Das obligatorische 'Faqu' (sprich: "Fuck You") mit reichlich Mittelfingern beendet einen starken Auftritt.

STRATOVARIUS sind mit Album zwei nach Alleinherrscher Timo Tolkki unterwegs, aber die Fans wollen überwiegend die alten Hits hören. Also entfesselt die Band das 'Eagleheart' und den 'Phoenix'. Doch auch 'Darkest Hours' vom aktuellen Longplayer "Elysium" kommt bestens an. Das Quintett um Ausnahmesänger Timo Kotipelto ist gut drauf und heizt die beträchtliche Menge vor der Bühne an, die eifrig mitsingt und die Band anfeuert.

Etwas schlechter hat es die Landsmänner von HYPOCRISY erwischt: Die Frei.Wild-Fans versammeln sich schon früh vor der Bühne nebenan und verlangen mit lauten Sprechchören nach ihren Helden. Peter Tägtgren und seine Mannen sind darüber wenig begeistert und bestreiten ihren Gig leicht angepisst. Den Fans ist das egal – vor der Bühne wird gefeiert.

Die FREI.WILDerer entern die Bretter zu strömendem Regen - und weil bei ihnen immer heftig getanzt wird, verwandelt sich der Platz in eine große Schlammpfütze, aus der ein Gewirr aus Armen, Beinen und Köpfen herausragt. Die Südtiroler schmeißen die Party mit ihren Evergreens 'Land der Vollidioten', 'Halt deine Schnauze', der Bandhymne 'Frei.Wild' und 'Südtirol'. Vom aktuellen Charterfolg "Gegengift" spielen sie unter anderem 'Weil du mich nur verarscht hast' und 'Allein nach vorne'. Mit jedem neuen Song wird die Feier wilder. Sänger und Gitarrist Philipp "Fips" Burger zieht das Publikum mit Anekdoten und anspornenden Ansagen auf seine Seite. Nach den letzten Tönen der FREI.WILDer macht sich ein großer Teil der Zuschauer auf den Weg zum Zelt. So müssen AMORPHIS vor weitaus weniger Publikum ihr neues Album "The Beginning Of Times" präsentieren.

Nach einer angenehm kühlen Nacht brennt die Sonne am Freitag nicht ganz so fies auf die Zelte. Bei den Niederländern MAYAN ist erstaunlich wenig los. Die Band versucht das Publikum anzuheizen, doch die Lieder des Debüts "Quarterpast" sind wahrscheinlich zu sperrig für die frühen Mittagsstunden. Schade – musikalisch hat die Truppe einiges zu bieten und die Musiker strengen sich wirklich an. Immerhin, die vorderen Reihen wissen das zu schätzen.

Danach brettert mit The Sorrow, Hackneyed und We Butter The Bread With Butter eine aggressive Walze über das Gelände. Anschließend ist es an MANEGARM, die Verwundeten zu versorgen. Mit ihrer starken Performance gelingt ihnen das gut. Die weiß geschminkten Power-Metaller POWERWOLF fangen die gute Stimmung in ihren Priesterkutten auf, die Anhänger singen eifrig mit. CALIBAN müssen dafür schon zu Rammsteins 'Sonne' greifen.

Ex-Nightwish-Frontfrau TARJA sorgt mit dem arabischen Beginn von 'Dark Star' kurz für Verwirrung. Die Fans warten nicht nur auf Klassiker ihrer Ex-Band – es gab 'Stargazers' zu hören sowie das Gary-Moore-Cover 'Over The Hills And Far Away' –, sondern feiern TARJAs eigene Hits mit Applaus und Sprechchören: 'I Walk Alone' und 'Until My Last Breath' sind ein paar ihrer Trümpfe.

Die Schweden DARK TRANQUILLITY fahren mit einer Leinwand auf und projizieren Textpassagen, wirre Bilder und das Cover ihres aktuellen Albums "We Are The Void" auf die Mattscheibe. Von diesem gibt es 'The Fatalist' und 'Dream Oblivion' auf die Ohren, am meisten gefeiert werden 'Misery's Crown' und 'Lost To Apathy', bei dem Sänger Mikael Stanne die Metal-Gemeinde für ihre Eigenständigkeit lobt. Im gesamten Zuschauerraum fliegen Haare, zwischendurch entsteht ein kleiner Moshpit. Mikael Stanne schüttelt in der ersten Reihe eifrig Hände.

Danach ist wieder Zeit für Power Metal: HAMMERFALL kommen mit dem Opener 'Patient Zero' vom neuen Album „Infected“ auf die Bühne. Mit 'Renegade' wird gleich darauf ein Hit ausgepackt. Die Mannen flitzen über die Bühne wie junge Götter und auch im Publikum wird gepost, getanzt und natürlich mitgesungen. Mit 'B.Y.H.' (die Message ist klar), 'Let's Get It On' und 'One More Time' bringen HAMMERFALL drei weitere Lieder ihrer aktuellen Platte, die gut bei den Fans ankommen. Aber eigentlich wartet die Menge auf Klassiker wie 'Crimson Thunder', die Bandhymne 'HammerFall' und natürlich 'Hearts On Fire'. Sänger Joacim Cans bedankt sich artig bei seinen Anhängern, die den Auftritt ihrer Helden frenetisch bejubeln. Zum Schluss gibt es noch 'Let The Hammer Fall' – die Party ist gelungen.

Wer in bester Laune bleiben möchte, verlässt mit dem Rausschmeißer das Gelände. Der Tod aus Thüringen, EISREGEN, hat sich angeschickt, Hass zu verbreiten und das Publikum zu spalten. Vorne feiern ein paar Fans, für die restlichen Zuschauer hat der Auftritt etwas von einem Autounfall. Das Publikum kommt nicht nur in den vermeintlichen Genuss von 'Mein Beil', sondern kriegt auch das erklärte Lebensziel Roths, '1.000 tote Nutten', unter die Nase gerieben. Keyboarderin Dr. Franzenstein schafft es trotz der einfachen Noten häufiger, sich zu verspielen.

Anschließend beweisen FIDDLER'S GREEN dem Harz: 'Folk's Not Dead'. Kaum jemand wollte schon den Weg ins Zelt antreten, an allen Stellen des Geländes wird getanzt und gesungen. Im vorderen Bereich stehen die Fans so eng, dass sie kaum noch tanzen können – die Wall Of Folk entspannt die Lage etwas und als Sänger Ralf Albers zum Circle Pit um den Turm aufruft, wundert er sich anschließend, wo die ganzen Fans geblieben sind. Wahrscheinlich auf der 'Rocky Road To Dublin' oder doch tanzend im hinteren Bereich. Mit einem herzlichen 'Bugger Off' entlassen die FIDDLERs die Partymeute in die Nacht.

Für alle Frühaufsteher beginnt der Tag mit SILVERLANE. Wenige Tage vor diesem Auftritt verließ Sänger Ecki Singer die Band. Spontan ist Tommy Klossek eingesprungen und macht den Job wirklich gut. Trotz knallender Sonne haben sich etwa 100 Fans vor der Bühne versammelt und feiern den Power Metal der Deutschen.

Der Campingplatz ist überraschend sauber – lediglich ein großer Müllberg ist mitten auf dem Weg zu finden. Das Rock Harz dürfte damit zu den saubersten Festivals des Jahres 2011 zählen. Auch die Partys der vergangenen Nächte fanden bei angebrachter Lautstärke statt. Die Atmosphäre hinterlässt einen rundum positiven Eindruck.

Die Ungarn EKTOMORF feuern mit 'Gypsy', 'Redemption' und 'I Know Them' schon zu Beginn ihre stärksten Nummern ab und die Fans danken es mit einem Moshpit und exzessivem Headbangen. Sänger und Gitarrist Zoli stachelt die Menge immer wieder mit seinen Ansagen an. Mit dem neueren 'The One' beenden EKTOMORF ihren Auftritt trotz Danko Jones Fehlens stark.

Die Spaßmetaller J.B.O. färben den Harz rosa. Vito, Hannes & Co. versammeln eine ansehnliche Fanschar. Das Quartett verlässt sich hauptsächlich auf die alten Spaßgaranten 'Bolle', 'Ein guter Tag zum Sterben' und zum Abschluss 'Verteidiger des wahren Blödsinns'. Zur Slayer-Hommage 'It's Raining Blood' kommen Nonnen auf die Bühne, die ein bisschen verloren aussehen. Das Spaßgespann Vito und Hannes macht seine gewohnt lustigen Ansagen, verschont die Menge aber mit Liedern wie 'Burkaface'.

U.D.O. um Ex-Accept-Fronter Udo Dirkschneider bringen das Gelände zum Beben. Die Fans stehen dicht bis zum Soundturm, um Dirkschneiders heute nicht ganz so reibeiserner Stimme zu lauschen. Es ist die Stunde der Traditionalisten, die jüngere Generation kann mit Klassikern wie 'Princess Of The Dawn' und 'Metal Heart' seiner Ex-Band nicht so viel anfangen. U.D.O. bringen von ihrer aktuellen Platte "Rev-Raptor" lediglich den Titeltrack und 'Leatherhand', ansonsten setzen sie auf Klassiker wie 'Animal House' und den obligatorischen Rausschmeißer 'Balls To The Wall'. Immerhin Letzteres ist auch den Jungspunden bekannt und der Harz feiert kollegial.

Zu IN EXTREMO wird es noch kuscheliger im Zuschauerraum. Das Septett bewirbt das aktuelle Album "Sterneneisen" und startet mit dem Titeltrack in seinen Auftritt. 'Viva La Vida', 'Siehst du das Licht', 'Stalker', 'Zigeunerskat' und 'Unsichtbar' machen einen Großteil des Sets aus, die Klassiker 'Poc Vecem' und 'Herr Mannelig' dürfen jedoch nicht fehlen. Ständig knallt es von der Bühnendecke, Flammen schießen in die Luft. Bis zur Mitte des Zuschauerraumes ist viel Bewegung, weiter hinten wird getanzt. IN EXTREMO genießen den Auftritt und lassen sich feiern. Sänger Michael "Das Letzte Einhorn" Rhein erzählt zu jedem Lied eine kleine Geschichte. Mit 'Mein rasend Herz' zelebriert die Band das Finale, auf den 'Spielmannsfluch' warten die Fans heute vergeblich.

Das Rock Harz 2011 klingt entspannt aus. Zunächst steht die Big Band HAGGARD auf der Bühne, um nach einem längeren Soundcheck die letzten Verbliebenen zu beeindrucken. Es ist wirklich imposant, was dieses kleine Orchester musikalisch auf die Beine stellt und mal mittelalterlich, mal in bester Metal-Manier alles aus den Instrumenten herausholt. Leider wird der Auftritt durch nachträgliche Soundchecks unterbrochen.

Danach leert sich das Festival-Gelände. Die Fans sind müde und abgefeiert. Wer jedoch geblieben ist, sieht eine eindrucksvolle Vorstellung der Instrumentalisten LONG DISTANCE CALLING, deren Musik in Verbindung mit der Licht- und Nebelshow für sich spricht. Noch knapp 100 Fans feiern, weitere Zuschauer sitzen auf dem Boden.

Der Campingplatz ist inzwischen ziemlich leer – Viele sind bereits auf dem Heimweg. Alle anderen treten am Sonntag eine recht gut organisierte und entspannte Abreise an.

 

Fotos: Philipp Heil

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